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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 92 vom 23. September 2011

Carlsruher Blick­punkte

Erinne­run­gen an Ägypten

von Susanne Stephan-Kabierske

Wer sich auf den Weg macht, um von der Ritter­straße über die Garten­straße zum Goeth­egym­na­sium zu gelangen, der wird beim Blick nach oben unwill­kür­lich mit einem leuchtend ultra­ma­rin­blauen Farbstrei­fen konfron­tiert, der sich, von Halbsäulen, Fenstern und Wandflä­chen unter­bro­chen, unterhalb der Dachkante eines imposan­ten Wohnblocks entlang zieht. Hat man sich da bei der jüngsten Renovie­rung an den blau-monochro­men Bildern von Yves Klein orien­tiert? Und der Wandputz in dunklem Grün - ist das tatsäch­lich die originale Farbig­keit? Beim Weiter­ge­hen erschließt sich die vollstän­dige Dimension der vierge­schos­si­gen Anlage, die sich von der Garten­straße über die Renck­straße zur August-Dürr-Straße erstreckt, eine dreiflüg­lige Block­rand­be­bau­ung, die einen geschlos­se­nen Innenhof umrahmt.

Nicht nur die Farben fallen auf, sondern auch die drei unter­schied­li­chen Straßen­fron­ten, die von der blauen Attikazone wie mit einem Band zusam­men­ge­hal­ten werden: eine diffe­ren­zierte Fassa­den­ge­stal­tung mit Natur­stein­ver­klei­dung und Putz, mit vor- und zurück­sprin­gen­den Bauteilen, teils symme­trisch, teils asymme­trisch angeordnet. Auffällig sind auch die mehr oder weniger stark betonten Eingänge zu den sieben Treppen­häu­sern. Es sind eindrucks­volle, in die Tiefe führende steinerne Portale mit Pilastern, einge­stell­ten Säulen und horizon­ta­lem Gebälk, die an ägyptische Grab- und Tempel­an­la­gen erinnern. Beispiels­weise lässt das hervor­ge­ho­bene mittlere Portal an der August-Dürr-Straße mit seinem horizon­ta­len Abschluss und den flankie­ren­den Pilastern an eine ägypti­sche Tempel­schran­ken­wand denken. Darauf verweist auch die Bekrönung der Pilaster mit einem sehr frei stili­sier­ten Uräenfries, der in Ägypten oft als apotro­päi­sches Schutz­sym­bol über Grab- und Tempe­lein­gänge wacht: eine Reihe von sich aufbäu­men­den Kobrasch­lan­gen, Sinnbild für die Uräus­schlange, die mit ihrem Feueratem das Böse vertreiben soll.

Der monumen­talste Eingang befindet sich an der Renck­straße, die Mitte der dreiflüg­li­gen Wohnanlage wie einen Haupt­zu­gang akzen­tu­ie­rend. Vor einem zurück­sprin­gen­den, mit einem Giebel bekrönten Mittel­ri­sa­lit, der wiederum seitlich von horizon­ta­len Wandflä­chen überschnit­ten wird, erhebt sich eine trapez­för­mige steinerne Wandfläche, die an ägypti­sche Pylone erinnert, wie beispiels­weise am Amuntempel in Karnak. Darin einge­schnit­ten sind Fenster und die Eingangs­tür, die seitlich von zwei Dreivier­tel­säu­len gerahmt wird, ägypti­schen Palmblatt­säu­len nachemp­fun­den.

Der Architekt dieses ungewöhn­li­chen Ensembles ist Hans Zippelius, geboren 1873 in Franken, zeitweise ein Mitar­bei­ter von Hermann Billing in Karlsruhe. Nach einer Tätigkeit als freier Architekt, als Lehrer an der Kunst­ge­wer­be­schule Karlsruhe und Bau-amtmann am Städti­schen Wohnungs­amt wurde er 1923 Geschäfts­füh­rer der städti­schen Wohnungs­bau­ge­sell­schaft "Wohnungs­bau für Industrie und Handel GmbH", seit 1928 unter dem Namen "Volks­woh­nung" bekannt. 1926 reichte Zippelius den Bauauftrag für die 56 Vierzim­mer­woh­nun­gen ein, im Sommer 1927 waren die ersten vier Häuser an der August-Dürr- und Renck­straße fertig­ge­stellt, 1928, nach einem Planwech­sel, die restlichen Häuser an der Garten­straße. Deren Fassade und Grundriss sollten ursprüng­lich wie an der parallelen August-Dürr-Straße gestaltet werden, mit den Wohnräumen zur Straße und den Küchen und Sanitär­räu­men zur backstein­sich­ti­gen Innen­hof­seite. Vermutlich aufgrund der damals aktuellen Forderung nach mehr Licht, Luft und Sonne für den Wohnungs­bau verlegte Zippelius die Wohnräume der nach Norden ausge­rich­te­ten Garten­stra­ßen­front zum Hof hin auf die Südseite - eine moderne Grund­riss­dis­po­si­tion, die sich mehr an Himmels­rich­tun­gen denn an tradier­ten Grund­riss­sche­mata orientiert.

Aber wie kommt es, dass Zippelius ausge­rech­net ägypti­sie­rende Formen für die Fassa­den­ge­stal­tung verwendet? Man könnte meinen, er habe sich von der damaligen Ägypten­mode, die gerade einmal wieder nach der Entdeckung des Tutan­cha­mun-Grabes 1922 durch Howard Carter en vogue war, anstecken lassen. Doch Zippe­li­us' Zugang zu Ägypten war direkter, unver­mit­tel­ter, beruhte auf eigener Anschauung und intensivem Erleben. Zwischen 1905 und 1910 hatte er als Stipendiat weite Teile des Mittel­meer­raums bereist und an deutschen Ausgra­bun­gen in Kleinasien als Archäologe teilge­nom­men. Im Februar 1907 schrieb er von einem Ägypten­be­such aus Luxor an seine spätere Frau, die Malerin Dora Horn: "Im Niltal blüht und grünt alles [...]. Heute abend gehe ich beim Mondschein zum großen Amuntempel in Karnak. [...) Ich schätze mich glücklich, daß es mir vergönnt war, dies Wunderland bereisen zu können, und ich bin sicher, dass die empfan­ge­nen Eindrücke auf mein späteres Schaffen einwirken werden."

Auch in der Farbwahl wirken hier ägypti­sche Reminis­zen­zen nach: ein intensives Blau und Grün gehören zum ägypti­schen Farben­ka­non, wobei das Blau den himmlisch-göttlichen Bereich symbo­li­siert, während das Grün für Erde und Frucht­bar­keit steht. Dank der Volks­woh­nung, die den denkmal­ge­schütz­ten Gebäu­de­kom­plex 2010 vorbild­lich sanierte und die ursprüng­li­che Farbigkeit rekon-struierte, erstrahlt nun wieder das blaue Band in luftiger Höhe.

Susanne Stephan-Kabierske, Karlsruhe

 

Foto: Volkswohnung Karlsruhe

Foto: Volkswohnung Karlsruhe