Sprung zur Navigation. Sprung zum Inhalt.

Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 91 vom 24. Juni 2011: Vom Hospital zum Parkschlössle

Alten­pflege gestern und heute am Beispiel Durlachs

von Katja Förster

Im 14. und 15. Jahrhun­dert stieg die Bevöl­ke­rung in der Markgra­fen­stadt Durlach rasch an, wodurch auch die Existenz sozialer Randgrup­pen wie Waisen­kin­der, Geistes­ge­störte oder hilfe­be­dürf­tige Alte auffäl­li­ger wurde. Daher beschloss die Gemeinde 1484, für die Betreuung und Versorgung von kranken und bedürf­ti­gen Personen ein Hospital zu erbauen. 1499 konnte das an der Ecke Jägergasse und Spital­gäss­chen gelegene Gebäude bezogen werden. Bis 1511 lag die Verfü­gungs­ge­walt über das Spital in Händen von Markgraf Christoph von Baden. Dann ging die Verant­wor­tung für die Verwaltung der Einrich­tung mit sämtlichen Kapitalien und Wirtschafts­gü­tern schritt­weise bis 1550 auf den Durlacher Stadtrat über, der von da an für die Besetzung der Spital­meis­ter­stelle und die Zahl seiner Bediens­te­ten verant­wort­lich zeichnete. Außerdem ernannte der Rat aus den eigenen Reihen einen so genannten "Spital­pfle­ger", der zweimal wöchent­lich die Zustände im Spital kontrol­lierte und jeden Sonntagnach­mit­tag die Rechnungs­füh­rung des Spital­meis­ters in Anwesen­heit der "Spita­lis­ten" überprüfte.

Hausord­nun­gen und wechselnde Gebäude

Der Tages­ab­lauf der Bewohner folgte einem strengen Reglement. In den Sommer­mo­na­ten von April bis September mussten sie bereits um 5 Uhr in der Frühe aufstehen. Zwischen den Mahlzeiten - um 6 Uhr gab es eine Morgen­suppe, um 10 Uhr das Mittages­sen, nachmit­tags ein so genanntes "Unter­es­sen" aus Brot und Käse und um 18 Uhr das Abendessen - wurden die älteren Personen, sofern es ihre Gesundheit erlaubte, angehalten, einer Arbeit nachzu­ge­hen, um zur Vergrö­ße­rung des Spital­ver­mö­gens beizu­tra­gen. Die Frauen strickten, nähen und spannen und erwei­ter­ten so den Bestand an Weißzeug und Kleidung, die Männer verrich­te­ten einfache Tätig­kei­ten bei der Stadt wie z. B. das Reinigen des Rathauses.

Schon bald nach der Eröffnung des Spitals bot der Magistrat auch wohlha­ben­den Bürge­rin­nen und Bürgern gegen Überlas­sung ihres Vermögens die Möglich­keit, den Lebens­abend in der Einrich­tung zu verbringen. Mit diesen Personen wurde dann ein so genannter "Verpfrün­dungs Kontrackt" bzw. "Alimen­ta­ti­ons-Contract" geschlos­sen, der dem Spital das gesamte Vermögen des Pfründners zum Teil sofort, zum Teil nach seinem Tod zusicherte, diesem dafür lebenslang freie Kost, Logis, Holz und Licht garan­tierte.

Nach nur wenigen Jahrzehn­ten ihres Bestehens war die Fürsor­ge­ein­rich­tung zu einem lukrativen Unter­neh­men geworden. Diese Entwick­lung wurde seit dem ausge­hen­den 16. Jahrhun­dert noch gefördert, als sich das an der Landstraße nach Grötzingen gelegene Gutleut­haus infolge des Ausster­bens von Lepra zunehmend mehr in eine Einrich­tung mit vergleich­ba­ren Aufgaben wie das Spital verwan­delte. Im Gutleut­haus brachte die Stadt ausnahms­los finanziell schlecht gestellte Personen sowie aufge­grif­fene Obdachlose und Bettler unter, im Spital dagegen bevorzugt vermögende Bürger.

Der Durlacher Stadtbrand im Sommer 1689 zerstörte das Spital­ge­bäude vollstän­dig, so dass das wegen seiner auswär­ti­gen Lage unversehrt gebliebene Gutleut­haus in den folgenden Jahrzehn­ten dessen Aufgaben übernahm. Die äußerst schlechte Bausub­stanz, die ungüns­ti­ge Raumauf­tei­lung und die Lage außerhalb der Stadt bewogen den Magistrat 1769, einen großzügig angeord­ne­ten Gebäu­de­kom­plex im Zehnt­scheu­er­gäss­chen (später Spital­straße 19) zu kaufen, der nach einigen baulichen Verän­de­run­gen und Erwei­te­run­gen als Spital eröffnet wurde. Jetzt konnten auch wieder "Pfründ­ner" gegen Überlas­sung ihres Vermögens in die Einrich­tung aufge­nom­men werden. Die erhaltenen Schrift­stücke aus dem 18. Jahrhun­dert dokumen­tie­ren, dass diesen bezüglich Unterkunft und Essen eine Sonder­be­hand­lung zukam. Sie durften ihr eigenes Mobiliar mitbringen, während den "Spita­lis­ten" nur das aller­nö­tigste Bettzeug in sehr schlechter Qualität zur Verfügung gestellt wurde, und sie genossen eine größere Portion Fleisch, mit mehr Schmälze verfei­ner­tes Gemüse und täglich einen ganzen Schoppen Wein, während den mittel­lo­sen Bewohnern lediglich an zwei Werktagen sowie sonn- und feiertags ein Drittel Schoppen Wein gereicht wurde. Der Speiseplan fiel seit 1769 generell beschei­de­ner aus. Nur noch dreimal in der Woche enthielt er Fleisch, frischer oder getrock­ne­ter Fisch fehlte ganz.

Trotz der bevor­zug­ten Behandlung lebte am Ende des 18. Jahrhun­derts kaum noch eine Handvoll vermögende Alte in dem Spital. Da die Einrich­tung in der Regel einen jährlichen Fehlbetrag von etwa 700 Gulden verzeich­nete, zögerte der Magistrat nicht, den Gebäu­de­kom­plex 1803 dem Kurfürst­li­chen Militär als Kaserne zur Verfügung zu stellen und den Spital­be­trieb in ein kleines zweistö­cki­ges Haus in der Jägergasse zu verlegen. Als 1833 das Militär die ehemalige Spital­an­lage räumte, kehrten die betagten Personen in ihr altes Domizil zurück, das sich aufgrund der Einführung der sozialen Gesetz­ge­bung im letzten Viertel des 19. Jahrhun­derts gegen dessen Ende zunächst in eine Kranken­an­stalt für beitrags­pflich­ti­ge Gewerbs­ge­hil­fen und Dienst­bo­ten und dann in ein städti­sches Kranken­haus verwan­delte. Mittel­lo­se alters­schwa­che Personen durften nur noch in krank­heits­be­ding­ten Notfällen aufge­nom­men werden.

Mit dem Umbau der 1913 fertig­ge­stell­ten Markgra­fen­ka­serne in ein Kranken­haus im Jahr 1919 konnte der Gebäu­de­kom­plex in der Spital­straße 19 wieder ausschließ­lich als 'Alters­heim' genutzt werden. Die Anlage befand sich allerdings seit den 1880er Jahren in einem sehr maroden Bauzustand. Dennoch waren es erst die Zerstö­run­gen durch den Zweiten Weltkrieg, welche die Verlegung des Heimbe­triebs in ein ebenfalls sehr abgewirt­schaf­te­tes Gebäude in der Spital­straße 16 veran­lass­ten. Bis November 1968 mussten die 40 Bewohner die unzumut­ba­ren sanitären und hygie­ni­schen Bedin­gun­gen hinnehmen. Dann konnten sie das nach modernsten Kriterien konzi­pierte städtische Alters- und Pflege­heims im umgebauten ehemaligen Parksch­lössle an der Badener Straße 33 beziehen.

Entwick­lung der Alten­pflege nach 1945

Im Januar 1951 hatte die Karlsruher Stadt­ver­wal­tung das parkähn­li­che Anwesen mit dem herrschaft­li­chen Villen­ge­bäude an der Badener Straße gekauft, um darauf ein Flücht­lings­al­ters­heim für 200 bis 220 Personen zu errichten. Dies wurde erfor­der­lich, da nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis 1950 rund 24.000 Flücht­linge und Vertrie­bene nach Karlsruhe gekommen waren. darunter viele Männer und Frauen im Alter von über 65 Jahren. Nach einer ersten Notun­ter­kunft in der alten Hardt­schule in Mühlburg waren rund 300 Personen Anfang September 1946 in die Hinden­burg­schule in Durlach (seit 1947 Pestalozzi-Schule) verlegt worden. Jeweils 16 Personen schliefen auf Luftschutz­bet­ten mit Stroh­sä­cken in einem Klassen­zim­mer. Die große Bewohner­zahl verlangte wiederum nach einer strengen Hausord­nung. Nur zwischen 7 und 12 Uhr und 14 und 20:30 Uhr durften die Frauen und Männer das Gebäude verlassen und lediglich zwischen 14 und 17 Uhr Besuch empfangen. Während der kalten Jahres­zeit beheizte man nur die gemein­sa­men Aufent­halts­be­rei­che. Ferner durfte das Bad nur nach Zuweisung durch die Heimlei­tung benutzt werden. Das Licht musste spätestens um 21 Uhr gelöscht sein.

1950 gab die Stadt dem Drängen von städti­schem Schulamt und Durlacher Eltern­schaft nach, die angesichts dramatisch steigender Schüler­zah­len unver­ant­wort­ba­ren Unter­richts­ver­hält­nisse in der Schloss-Schule durch die Räumung der Pestalozzi-Schule zu Schul­zwe­cken zu beenden. Mit dem Kauf des 8.821 qm großen Anwesens an der Badener Straße und der zügigen Errichtung eines Erwei­te­rungs­baus sollten die durch­schnitt­lich 74-jährigen Bewohner eine neue Heimstätte erhalten. Fehlende Haushalts­mit­tel verzö­ger­ten jedoch die Reali­sie­rung des Bauvor­ha­bens bis in die 1960 Jahre hinein. Aus diesem Grund wurde die zwischen 1889 und 1893 erbaute Villa notdürftig für die Aufnahme von 39 Personen instand­ge­setzt und die restlichen Bewohner der Pestalozzi-Schule im Juni 1952 nach dem Gebäude Wilhelms­höhe in Ettlingen verlegt, das die Stadt zu diesem Zweck gepachtet und als städti­sches Alters­heim herge­rich­tet hatte.

Der Neubau des Parksch­lössle: Vom Altersheim zum Senio­ren­zen­trum

Der wachsende Wohlstand in den 1950er und 1960er Jahren brachte eine deutliche Verbes­se­rung der Lebens­ver­hält­nisse und der medizi­ni­schen Versorgung, womit auch eine durch­schnitt­lich höhere Lebens­er­war­tung einherging. Der Bevöl­ke­rungs­an­teil an alten und pflege­be­dürf­ti­gen Personen nahm konti­nu­ier­lich zu, was zu einer ersten Spezia­li­sie­rung auf dem Gebiet der Alten­pflege führte. Alters­heime wurden räumlich und organi­sa­to­risch in eine Altersheim- und eine Pflege­heim­ab­tei­lung umstruk­tu­riert, wobei der letzteren Abteilung die wichtigere Rolle zufiel.

Dieses Prinzip der struk­tu­rel­len Zweitei­lung bestimmte auch die Plankon­zep­tion des von 1964 bis 1968 errich­te­ten Neubaus des städti­schen Alters- und Pflege­heims Parksch­lössle. Dem Raumpro­gramm, das bis zu 180 Personen aufnehmen konnte, lagen ausschließ­lich funktio­nale Kriterien zugrunde: kleine Zimme­rein­hei­ten für ein und zwei Betten, großzügige Verkehrs­flä­chen, Stati­ons­bä­der und WC-Anlagen auf jeder Etage.

Die Erkenntnis, dass Alters- und Pflege­heime nicht nur Orte effizi­en­ter Pflege sein sollen, sondern gerade für den älteren Menschen vor allem auch Wohnstätte und Lebensraum darstellen, begann sich erst gegen Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre durch­zu­set­zen und das standard­mä­ßige Raum- und Ausstat­tungs­pro­gramm in der Folgezeit anzuheben. Der gefor­der­te Einzel­zim­meran­teil betrug nun 80 %, sämtliche Pflege­zim­mer erhielten zukünftig eine eigene Nasszelle mit Dusche, WC und Wasch­be­cken und die Aufent­halts­be­rei­che wurden wohnlich einge­rich­tet.

Mit der Befrie­di­gung des räumlichen Komforts ging aber die Einsicht, dass der Bewohner in dem ihm bei der Aufnahme zugewie­se­nen Wohnmilieu auch bis zu seinem Lebensende verweilen möchte, noch nicht gleich einher. Dieser für eine humane Pflege­ein­rich­tung unerläss­li­che Aspekt wird erst seit jüngerer Zeit prakti­ziert und macht die struk­tu­relle Unter­schei­dung in eine Altersheim- und Pflege­heim­ab­tei­lung hinfällig.

Die 1980er Jahre brachten noch andere maßge­ben­de Verän­de­run­gen und Neuerungen in der Alten­pflege. Für demen­zer­krankte Personen entstanden die ersten "Beschüt­zen­den Stationen", die mit ihrem milieu­ge­rech­ten Wohn- und Raumpro­gramm auf die speziellen Bedürf­nisse dieser Menschen reagieren. Für rüstige ältere Personen bildete sich die Form des "Betreuten Wohnens" heraus, das die eigen­stän­di­ge Versorgung anerkennt, im Bedarfs­fall aber pflege­ri­sche Unter­stüt­zung leistet. Und auch der ambulante Pflege­dienst, der hilfe­be­dürf­ti­gen Menschen die Möglich­keit bietet, in der eigenen Wohnung zu leben, wurde in diesem Jahrzehnt eingeführt.

Für den 1968 eröffneten Neubau des Parksch­lössle mussten daher in den vergan­ge­nen zwei Jahrzehn­ten umfas­sen­de Erwei­te­rungs-, Sanierungs- und Moder­ni­sie­rungs­maß­nah­men vorge­nom­men werden, um dieser Entwick­lung stand­hal­ten zu können. 1993/94 wurde das sechs Geschosse hohe Haus um ein weiteres Stockwerk mit acht alten­ge­rech­ten Appar­te­ments im Penthou­se­stil für "Betreutes Wohnen" aufge­stockt. Im Sommer 1995 nahm eine geron­to­psych­ia­tri­sche Pflege­ab­tei­lung für 21 alters­ver­wirrte und demen­zer­krankte Personen im Erdge­schoss ihren Betrieb auf. Nach 2000 erfolgte die General­sa­nie­rung und Moder­ni­sie­rung des Altbe­stands, was zu einer Reduzie­rung der Heimplätze von ehemals 174 auf 117 Plätze führte. Der Hauptbau wurde um einen vierge­schos­si­gen Würfel- und einen zweige­schos­si­gen Terras­sen­bau erweitert, um jene große Varia­bi­li­tät und Diffe­ren­ziert­heit auf dem Gebiet der Alten­pflege zu gewähr­leis­ten, die angesichts der demogra­fi­schen Entwick­lung unerläss­lich ist.

Ausführ­lich zum Thema des Beitrags: Katja Förster: Das Parksch­lössle. Zur Geschichte der städti­schen Alten­pfle­ge in Durlach (Häuser- und Bauge­schichte. Schrif­ten­rei­he des Stadt­ar­chivs Karlsruhe, Band 10), Infover­lag Karlsruhe 2009.

Dr. Katja Förster, Kunst­his­to­ri­ke­rin, Karlsruhe

 

Ansicht der 1893 fertig gestellten Villa Seufert, die seit der Eröffnung als Café-Restaurant 1925 "Parkschlössle" hieß. 1964 erfolgte der Abriss für den Neubau des Altenheims. Foto: Stadtarchiv Karlsruhe, 8/BA Schlesiger

Ansicht der 1893 fertig gestellten Villa Seufert, die seit der Eröffnung als Café-Restaurant 1925 "Parkschlössle" hieß. 1964 erfolgte der Abriss für den Neubau des Altenheims. Foto: Stadtarchiv Karlsruhe, 8/BA Schlesiger


Blick auf das seit 1919 als Altersheim genutzte Gebäude Spitalstraße 19. Foto: Pfinzgaumuseum

Blick auf das seit 1919 als Altersheim genutzte Gebäude Spitalstraße 19. Foto: Pfinzgaumuseum


Das Parkschlössle von der Badener Straße nach den umfangreichen Sanierungs- und Erweiterungsbauten der vergangenen zehn Jahre.

Das Parkschlössle von der Badener Straße nach den umfangreichen Sanierungs- und Erweiterungsbauten der vergangenen zehn Jahre.