Sprung zur Navigation. Sprung zum Inhalt.

Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 90 vom 18. März 2011: Karlsruhe - Gasstadt der Frühzeit

Das erste Karlsruher Gaswerk von 1846 an der heutigen Kaiserallee. Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oXIVa 1713

Das erste Karlsruher Gaswerk von 1846 an der heutigen Kaiserallee. Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oXIVa 1713



Johann Nepomuk Spreng. Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS III 1505

Johann Nepomuk Spreng. Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS III 1505



Heinrich Raupp. Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS III 1176

Heinrich Raupp. Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS III 1176


 

Pioniere der Gasver­sor­gung in Süddeutsch­land

von Manfred Koch

Viele Bezeich­nun­gen, schmückende oder abwertende, hat die Stadt Karlsruhe im Laufe ihrer Geschichte erhalten. Residenz­stadt, Beamten­stadt, Musenstadt, Schulstadt, Gauhaupt­stadt, Residenz des Rechts, Wirtschafts­zen­trum am Oberrhein fallen dem historisch Inter­es­sier­ten dazu ein. Aber auf Gasstadt werden wohl nur wenige Einge­weih­te am Engler-Bunte-Institut des KIT kommen. Es war einer der dort forschen­den und lehrenden Profes­so­ren, der Karlsruhe diese Bezeich­nung gab. Johannes Körting (1889-1984) war nach jahrzehn­te­lan­ger indus­tri­el­ler Tätigkeit - er gilt u.a. als Erfinder der Gasherd-Zündsi­che­rung - 1938 als Professor für Techni­sche Gasver­wen­dung und Indus­trie­ofen­bau an die Univer­si­tät Karlsruhe berufen worden. Nach 1945 war er maßgeblich an der Schaffung des Engler-Bunte-Instituts beteiligt. Im Ruhestand seit 1955 betätigte er sich als Technik­his­to­ri­ker und veröf­fent­lichte u.a. 1963 eine Geschichte der Gasin­dus­trie. 1969 folgte ein schmales Bändchen über die Errichtung des ersten Karls­ru­her Gaswerks 1846 und die von Karlsruher Kaufleuten und Handwer­kern ausge­hen­den Initia­ti­ven, die zum Bau und Betrieb zahlrei­cher Gaswerke im deutschen Südwesten führten. Es trägt den Titel "Karlsruhe als Gasstadt der Frühzeit" und darauf stützen sich aus Anlass der Ausstel­lung "Karlsruhe gibt Gas - vom Stadtgas zum Erdgas" im Stadt­mu­seum die folgenden Ausfüh­run­gen.

Das erste Karlsruher Gaswerk von 1846

Als in London die Straßen bereits mit Gaslicht beleuch­tet waren, machte in Karlsruhe der Gymna­si­al­pro­fes­sor Karl W. Böckmann 1816 erste Versuche mit Leuchtgas, jedoch ohne praktische Folgen. Noch sorgten nachts Öllampen für spärliches Licht. Ihre Zahl wuchs bis in die 1840er Jahre für die etwa 23.000 Einwohner auf 107 im Schloss­be­zirk, 672 in der Stadt und 20 in Klein-Karlsruhe. 1838 schlugen die Stadträte Karl J. Mallebrein und Max Goll erstmals die Einführung von Gasbe­leuch­tung in der Stadt vor. Die konser­va­ti­ven Kreise der Karlsruher Bürger­schaft verhielten sich jedoch skeptisch bis ablehnend, wie Friedrich v. Weech in seiner Stadt­ge­schichte berichtet: "Die Freunde des Alten, die sich zuweilen der Maske extremster Fortschritt­ler bedienen, verwiesen darauf, dass man in Paris schon Versuche mit elektri­schem Licht gemacht habe, welches sicher in Bälde das Gaslicht verdrängen werde, dessen Annahme daher nicht übereilt werden dürfe."

Eine treibende Kraft für die Gasbe­leuch­tung war sicher der Kaufmann Johann Nepomuk Spreng (1802-1861), dem die "Lichtnot" der Gewer­be­trei­ben­den bewusst war. Der in Rottweil am Neckar als Sohn eines Kaufmanns Geborene kam 1822 nach Karlsruhe und entfaltete hier neben mannig­fa­chen kaufmän­ni­schen Geschäften vielfäl­ti­ge öffent­li­che Aktivi­tä­ten vor allem im Gewer­be­ver­ein und auch als Stadtrat. So gilt er als der Organi­sa­tor mehrerer Gewer­be­aus­stel­lun­gen zwischen 1835 und 1861. Er war es auch, der 1843 als Vorsit­zen­der des Gewer­be­ver­eins die Ankunft des ersten Eisen­bahn­zu­ges in Karlsruhe begrüßte. Dabei dürfte ihm auch bewusst gewesen sein, dass nunmehr der Transport der für die Gaser­zeu­gung notwen­di­gen Steinkohle erheblich leichter sein würde. Anfang der 1840er Jahre führte ihn eine Reise nach Belgien und England, wo er auch Gaswerke besich­tigte. Spreng verkör­perte jenen Typus des fortschritt­li­chen Kaufmanns und Unter­neh­mers, der den Prozess der Indus­tria­li­sie­rung früh erkannte und aktiv förderte.

1844 hatten sich im Stadtrat die fortschritt­li­chen Kräfte durch­ge­setzt, es wurden Verhand­lun­gen mit der englischen Gesell­schaft Barlow & Manby zur Errich­tung eines Gaswerks in Karlsruhe aufge­nom­men. Im Jahr darauf erfolgte der Vertrags­ab­schluss und am 30. November 1846 brannten erstmals zwischen Mühlburger Tor, Marktplatz und Schloss­platz die Gasla­ter­nen. Karlsruhe war damit die zehnte deutsche Stadt, in der die Gasbe­leuch­tung instal­liert wurde. Dies ist durchaus bemer­kens­wert, waren doch die voran­ge­gan­ge­nen Städte große Haupt- und Handels­städte. Noch galt Gaslicht als Zeichen des Luxus und der Reprä­sen­ta­tion. Aber schon nach der Jahrhun­dert­mitte begann in der Durch­bruch­s­phase der Indus­tria­li­sie­rung bis zur Gründung des Deutschen Reiches 1871 ein wahrer Boom mit hunderten von Gaswerks­bau­ten.

Wechselnde Besitz­ver­hält­nisse am Karls­ru­her Gaswerk

Das Wagnis in einer kleinen Residenz­stadt ein Gaswerk zu errichten, zahlte sich zunächst allerdings nicht aus. Zum einen verhin­derte der verhee­rende Theater­brand vom 28. Februar 1847 mit seinen 65 Todesop­fern, dessen Ursache nicht in der Gasbe­leuch­tung an sich, aber im falschen Umgang mit ihr lag, eine stärkere Nachfrage nach Gasan­schlüs­sen. Zum anderen machten sich die Auswir­kun­gen der Missernten und der Wirtschafts­kri­se 1846/47 bemerkbar, so dass das Gaswerk 1847 Konkurs anmelden musste. Ein Vorschlag des damaligen Oberbür­ger­meis­ters August Klose, das Gaswerk, das eine wichtige kommunale Leistung erbringe, durch die Stadt kaufen und betreiben zu lassen, fand keine Zustimmung im Stadtrat. In dieser schwie­ri­gen Situation übernahm nun J. N. Spreng die Leitung des Werkes, das er 1847 pachtete und auf dessen Gelände am Standort des heutigen Sandkorn­thea­ters er seit 1848 auch wohnte. Unter seiner Regie überstand das Werk die schwie­ri­gen Jahre der revolu­tio­nären Unruhen 1848/49 und Spreng sammelte Erfah­run­gen mit der Gaswerk­tech­nik.

Unbeirrt von den Problemen der ersten Jahre war Spreng vom Siegeszug des Gases als Energie der Zukunft für eine wachsende Wirtschaft und zuneh­men­den Wohlstand überzeugt. Diese Überzeu­gung teilte er mit Friedrich August Sonntag (1790-1870). Der stammte aus einer Pforz­hei­mer Kaufmanns­fa­mi­lie und war wie Spreng 1822 nach Karlsruhe gekommen. Hier hatte er promi­nen­te Verwandt­schaft, denn die Mutter des "Oberst" Klose war eine geborene Sonntag. Zu seinen unter­schied­li­chen kaufmän­ni­schen Aktivi­tä­ten zählte eine Betei­li­gung an der Rüppurrer chemischen Fabrik des Otto Pauli, in der ab 1836 auch mit der Herstel­lung und Anwendung von Leuchtgas experi­men­tiert wurde, und eine Seifen- und Kerzen­fa­brik in Grünwinkel. Seit Mitte der 1840er Jahre hatte Sonntag Kontakt zu Spreng und scheint diesen zur Pacht des Karlsruher Gaswerks gedrängt und ihn dabei auch unter­stützt zu haben. Daraus erwuchs 1851 mit der Gründung der "Badischen Gesell­schaft für Gasbe­leuch­tung, Spreng und Sonntag" eine unter­neh­me­ri­sche Partner­schaft, die Karlsruhe zu einem Zentrum bei der Entwick­lung der Gasin­dus­trie des 19. Jahrhun­derts werden ließ.

In Karlsruhe bestand zu dieser Zeit immer noch größeres Misstrauen in der Bürger­schaft gegen das Gas. 1852 hatte Spreng neben der städti­schen Straßen­be­leuch­tung nur 261 private Abnehmer. Erst als in diesem Jahr der 1853 vollendete Theater­neu­bau entstand, der mit einer Gasbe­leuch­tung ausge­stat­tet wurde, und auch das Schloss mit Gasan­schluss erhielt, erfuhr das Gasge­schäft in der Stadt einen Aufschwung. So konnten Spreng und Sonntag 1853, ohne großes Risiko einzugehen, das Karlsruher Gaswerk für ihre Gesell­schaft kaufen. Zuvor hatte die Stadt Karlsruhe wie schon 1847 den Kauf des Gaswerks abgelehnt. Erst 1869 als die Vertrags­lauf­zeit von 25 Jahren zwischen Stadt und Gaswerks­be­trei­ber auslief und sich zudem Klagen über zu hohe Gaspreise mehrten, kaufte die Stadt das Gaswerk. Damit hatte sich der schon von OB Klose 1847 vertretene Stand­punkt durch­ge­setzt, dass die Versorgung der Bevöl­ke­rung mit preis­wer­ter Energie wesent­li­cher Bestand­teil kommunaler Daseins­vor­sorge ist. 1870 senkte die Stadt den Gaspreis von 30 auf 17,5 Pfennig pro Kubikmeter.

Die Badische Gesell­schaft für Gasbe­leuch­tung

Diese Handels­ge­sell­schaft diente dem Zweck "der Erbauung und Pachtung von Gaswerken, der Errichtung einer Gasuh­ren­fa­brik und der Reali­sie­rung aller derje­ni­gen Fabri­ka­tio­nen, welche mit der Gasbe­rei­tung in Verbindung stehen." Sie war mit ihrer die gesamte damalige Gaswirt­schaft umfas­sen­den Zielset­zung etwas völlig Neues und die erste ihrer Art im Gebiet des späteren deutschen Kaiser­reichs. Die Deutsche Conti­nen­tale und die Thürin­gi­sche Gasge­sell­schaft folgten erst 1855 bzw. 1867. In dieser Firma arbei­te­ten auch die beiden Söhne Sprengs. Carl Ludwig Emil (1824-1864) war am Karlsruher Polytech­ni­kum ausge­bil­de­ter Ingenieur und schon beim Bau des Karlsruher Gaswerks beschäf­tigt. Er baute nach dem Tod des Vaters 1861 das Werk weiter aus.

Mit einer nur schwer durch­schau­ba­ren Unter­neh­mens­struk­tur und unter­schied­li­chen Partnern betrieben Spreng & Sonntag als Eigentümer oder in Pacht bis zu 19 Gaswerke. Sie bauten zumeist im Auftrag der Städte Gaswerke u. a. in Mainz, Freiburg, Kehl, Rastatt, Bruchsal, aber auch in Fulda, Jena, Emden und sogar im ungari­schen Pest (seit 1873 Budapest). Das dortige Werk wurde die Keimzelle der seit 1856 in Triest behei­ma­te­ten Öster­rei­chi­schen Gasge­sell­schaft. In Mainz übernahm Sonntag die Leitung des dortigen Werkes und war Teilhaber einer Gasap­pa­rate- und Gusswa­ren­fa­brik. Zusammen mit dem Mannheimer Gaswerk­part­ner Friedrich Engelhorn gründete er 1861 eine Gesell­schaft, aus der 1863 die BASF entstand. Auch der Sohn Sprengs gründete in Nürnberg eine Fabrik, die sich mit der Verar­bei­tung von Teer befasste, einem Abfall­pro­dukt der Gasher­stel­lung aus Steinkohle.

Die Firma Raupp & Doelling

Wenn auch mit gleichen Zielen gegründet, hatte diese Firma einen ganz anderen, für die Frühzeit der Gaswirt­schaft jedoch nicht untypi­schen Entste­hungs­zu­sam­men­hang. Heinrich Raupp (1805-1898) lernte ganz tradi­tio­nell das Gürtler­hand­werk seines Vaters und ging dann als Geselle auf Wander­schaft mit einem längeren Aufenthalt in Paris. Da der väterliche Betrieb immer weniger Verdienst abwarf, verlegte er sich mit seinem Vater auf Messing- und Bronzeguss. Als in Karlsruhe das Gaswerk gebaut wurde, hatten sie die erfor­der­li­chen Kenntnisse und Fertig­kei­ten für die erfolg­rei­che Bewerbung um Aufträge für Gaslampen und andere Instal­la­ti­ons­ar­bei­ten. Raupp, der ab 1850 auch dem Stadtrat angehörte und mit F. A. Sonntag befreundet war, stattete dann auch das neue Theater, das Schloss und den Karlsruher Bahnhof mit Gasbe­leuch­tung und wurde Lieferant der Firma Spreng & Sonntag.

1856 wagte sich Raupp selbst an den Bau von ganzen Gaswerken. Deshalb überließ er seine Gaslam­pen­pro­duk­tion und Metall­gie­ße­rei seinem Vetter Karl Ludwig Doelling (1806-1874) und dessen Firma Doelling und Sohn. Auch der hatte das Gürtler­hand­werk seines Vaters erlernt, der als Zugewan­der­ter in Karlsruhe 1809 eine Tante von Heinrich Raupp ehelichte. Zusammen mit seinen Söhnen, die am Polytech­ni­kum ausge­bil­det wurden, baute Raupp ab 1857 das Gaswerk in Saarbrücken/St. Johann. Für den Bau und Betrieb der Werke in Lahr, Schaff­hau­sen, Konstanz, Durlach, Ravensburg, Saarge­münd und Neunkir­chen von 1859-1864 zeichnete dann die Firma Raupp & Doelling mit Sitz in Karlsruhe verant­wort­lich, in der auch die Söhne von Doelling mitar­bei­te­ten.

Waren Spreng und Sonntag Kaufleute, die sich dem Geschäft der Gasver­sor­gung weitgehend ohne technische Kennt­nis­se zuwandten, so entstamm­ten Raupp und Doelling einem Handwerks­be­ruf, den sie neuen Anfor­de­run­gen anzupassen verstanden. Und mit dem so erworbenen know how stiegen sie zu Bauun­ter­neh­mern und Betreibern von Gaswerken auf. Charak­te­ris­tisch für die Nachfah­ren sowohl der Kaufleute wie der Handwerker ist die berufliche Quali­fi­zie­rung für die Gaswirt­schaft an der Polytech­ni­schen Schule in Karlsruhe, dem Sitz der Firmen.

Vater und Sohn Spreng starben kurz hinter­ein­an­der 1861 und 1864. Raupp sen. zog sich 1865 aus der Firma zurück und auch Sonntag, dessen Aktivi­tä­ten sich seit Ende der 1850er Jahre nach Mainz verlagert hatten, starb 1870. Vater und Sohn Doelling starben 1874 und 1878. Die Firmen bestanden zwar weiter, gleichwohl endete in der Mitte der 1860er Jahre, wie Körting konsta­tiert, eine unter­neh­me­risch großartige Zeit im Karlsruher Gaswesen.

Dr. Manfred Koch, Heraus­ge­ber/Re­dak­tion "Blick in die Geschich­te"