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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 89 vom 23. Dezember 2010

Bücher­blick


Geschichte und Erinne­rungs­kul­tur. 22. Oktober 1940 - Die Depor­ta­tion der badischen und saarpfäl­zi­schen Juden in das Lager Gurs

Orte natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Verbrechen sind im Land der Täter überall in der Topogra­phie präsent. Daher wird in der Bundes­re­pu­blik heute eine dezen­tra­le Erinne­rungs­kul­tur gepflegt, mit der weit mehr Menschen erreicht werden können als mit einer einzigen zentralen Gedenk­stätte. Nicht nur ehemalige Konzen­tra­ti­ons­la­ger sind Gedenk­stät­ten geworden, auch die meisten Kommunen begreifen es als eine bedeu­ten­de politische und kulturelle Aufgabe, vor Ort an die Verbrechen der Natio­nal­so­zia­lis­ten und an ihre Opfer zu erinnern. Das belegt der hier vorzu­stel­lende Band eindring­lich, der sich an ein breites Publikum wendet.

Erstellt wurde der Band im Auftrag der Arbeits­ge­mein­schaft zur Unter­hal­tung und Pflege des Depor­tier­ten­fried­hofs in Gurs aus Anlass der 70. Wiederkehr der Depor­ta­tion der badischen und saarpfäl­zi­schen Juden. Dement­spre­chend bilden die in den Mitglied­städ­ten erarbei­te­ten kurzen Darstel­lun­gen der jeweiligen Erinne­rungs­ar­beit das Zentrum der Publi­ka­tion. Sie werden ergänzt durch einen etwas ausführ­li­che­ren Überblick zur Erinne­rungs­ar­beit in der Pfalz und im Saarland.

Einleitend wird in zwei unter­schied­lich angeleg­ten Beiträgen in gebotener Kürze über die Depor­ta­tion der etwa 6.500 Juden berichtet. Der Artikel über Baden skizziert auch die Vorge­schichte seit 1933, der über die Pfalz rückt die Vorgänge um die Depor­ta­tion mit Zeitzeu­gen­aus­sa­gen in den Mittel­punkt. Den Berichten aus den Mitglied­städ­ten ist ein Beitrag über die Entstehung der Arbeits­ge­mein­schaft Gurs voran­ge­stellt. Es war der Karlsruher OB Günther Klotz, der nach Hinweisen des Journa­lis­ten Peter Canisius die Initiative ergriff und dem es gelang, bis 1963 zusammen mit dem Oberrat der Israeliten Badens und unter Mithilfe des Auswär­ti­gen Amtes den verfal­len­den Friedhof in Gurs zur Gedenk­stätte zu gestalten. Finan­zi­el­le Unter­stüt­zung erhielt er dabei von 34 badischen Städten und Landkrei­sen. Diese haben damit, so der Autor, einen Beitrag zur Erinne­rungs­kul­tur geleistet, "als dies anderswo noch gar nicht im öffent­li­chen Bewusst­sein war." Für die Zusam­men­ar­beit zur dauer­haf­ten Pflege konnte Klotz zunächst neben Karlsruhe die Städte Freiburg, Heidelberg, Mannheim und Pforzheim gewinnen. Bis 2010 traten der Arbeit­ge­mein­schaft Konstanz (1994), Weinheim (1996), Emmen­din­gen (2000), Lörrach und Offenburg (2002) sowie Bruchsal (2008) bei. Ohne formelle Zugehö­rig­keit beteiligt sich Baden-Baden seit 2002 an der Finan­zie­rung der Fried­hof­pflege.

Abschlie­ßend folgt ein Beitrag über das Gedenken und Erinnern in Baden-Württem­berg einschließ­lich kurzer Porträts von 18 badischen Gedenk­stät­ten, zumeist ehemalige Synagogen wie auch der Salmen in Offenburg, aber auch das noch nicht abgeschlos­sene Jugend­pro­jekt eines Mahnmals für die depor­tier­ten Jüdinnen und Juden Badens in Neckar­zim­mern. Ein zweiter informiert über weitere in Frankreich verstreute Grabstät­ten von Depor­tier­ten, für deren dauerhafte Erhaltung noch Sorge getragen werden müsse.

Ohne auf die im Zugriff auf das Thema und in der Präsen­ta­tion durchaus unter­schied­li­chen Beiträge aus den Mitglieds­städ­ten näher einzugehen, sei festge­hal­ten, dass sie durchaus die Ergebnisse der Forschun­gen zur deutschen Erinne­rungs­kul­tur wider­spie­geln. Von wenigen Ausnahmen abgesehen - darunter das Engagement für den im Südwesten Frank­reichs gelegenen Friedhof Gurs - blieb das Gedenken vor Ort bis weit in die 1970er Jahre sehr gering. Es überwog das Beschwei­gen der NS-Zeit, das Verdrängen, das Nicht-Wissen-Wollen oder auch Nicht-Ertragen-Können durch die Generation der NS-Zeitge­nos­sen. Trotz der großen NS-Prozesse in den 1960er Jahren änderte sich daran vorerst wenig. Erst mit der 40. Wiederkehr der "Reichs­kris­tall­nacht" 1978 und der Depor­ta­tion 1980 begann auch in den badischen Städten und Gemeinden eine deutliche Verstär­kung der Erinne­rungs­ar­beit. Aus der nationalen Perspek­tive betrachtet, hatte dazu die Fernseh­sen­dung über die Shoah von 1979 ebenso beige­tra­gen wie die Hinwendung der Forschung zur detail­lier­te­ren Darstel­lung der Verfolgung und Ermordung der Juden. Opfer und Täter bekamen nun wieder Namen, Gesichter und Geschich­ten. Gegen mancher­lei Wider­stände entwi­ckelte sich seitdem eine erstaun­lich vielfäl­tige Erinne­rungs- und Gedenk­kul­tur in den Städten und Gemeinden. Deren Formen sind u. a.: Setzung von Denk- und Mahnmalen, histo­ri­sche Hinweis­ta­feln, Forschun­gen und Publi­ka­tio­nen zu den Ereig­nis­sen vor Ort, Vorträge, Zeitzeu­gen­ge­sprä­che, Ausstel­lun­gen unter­schied­lichs­ter Art, Theater­auf­füh­run­gen und Gedenk­fei­ern zu den Jahres­ta­gen der Depor­ta­tion, des 9. November und des 27. Januar. Erfreulich ist die erkennbar zunehmende Heran­füh­rung und Betei­li­gung Jugend­li­cher an der Erinne­rungs­ar­beit. Die Kenntnis der "Schrecken vor der Haustür" soll, so heißt es in einem Beitrag, mahnend: "Seid wachsam, damit es nicht wieder geschieht, wehret den Anfängen!"

Dr. Manfred Koch, Heraus­ge­ber/Re­dak­tion Blick in die Geschich­te


Kleine Geschichte des Landes Baden-Württem­berg

Die verdienst­volle Reihe der terri­to­ri­al­his­to­ri­schen Darstel­lun­gen des deutschen Südwestens soll durch die "Kleine Geschichte des Landes Baden-Württem­berg" abgeschlos­sen werden, eine Reihe, in der kompetent für ein breites Publikum in anschau­li­cher Weise Vergan­gen­heit und Gegenwart beschrie­ben wird. Dieser offenbar letzte Band entspricht ganz dieser Maxime, ist freilich nicht der einzige dieser Art, denn im Zusam­men­hang mit Jubiläen sind schon mehrere Publi­ka­tio­nen über das Binde­strich­land erschienen.

Doch die Arbeit des Mannheimer Histo­ri­kers Matz besticht nicht nur durch die solide Quellen­in­ter­pre­ta­tion, sondern auch durch einen wohltu­en­den Stil, mit dem selbst die verwin­kel­ten Wege der Staats­grün­dung 1952 erhellend beschrie­ben werden. Und diese Entwick­lung war ja lange heiß umstritten. Der Autor zeichnet sich durch abgewogene Beurtei­lun­gen aus, und es ist wichtig, dabei auch auf die Menta­li­tä­ten und die politische Kultur der verschie­de­nen Regionen hinzu­wei­sen, die nicht ohne Einfluss auf die Partei­en­ge­schichte sind.

Das politische Auf und Ab, das aber letztlich zum Erfolg dieses Landes führte, angefangen von den oft wider­sprüch­li­chen Strategien der beiden Besat­zungs­mächte bis zur wirtschaft­li­chen Blüte vergan­ge­ner Jahre, erlebt der Leser in kompakter Form. Mögen auch andere Wissen­schafts­fel­der heute eine stärkere Anzie­hungs­kraft ausüben als die Geschichte, so ist es doch das Verdienst profi­lier­ter Historiker, mit gelungenen Einzeldar­stel­lun­gen eine Basis für eine aktuelle Stand­ort­be­stim­mung zu schaffen. Zu rasch wird die Aufbau­leis­tung der Nachkriegs­ge­ne­ra­tion vergessen, die Integra­tion der Flücht­lings­wel­len, die Leistungen einzelner Politiker, die Matz farbig zu schildern versteht. Viele Köpfe, oft umstritten, werden treffend porträ­tiert. Nachdrück­lich wird betont, dass dieses Land seit langem zu den wenigen Geber-Ländern im Finanz­aus­gleich zählt, dass es hauszu­hal­ten versteht, wenn andere mit Zuschüssen großzügig operieren.

Im letzten Kapitel über das Kulturland empfindet man Genugtuung darüber, wie in Baden-Württem­berg die Breite des Angebots in allen Regionen, und nicht konzen­triert auf eine Metropole, den Bedürf­nis­sen der Bürger entspricht. Die Fakten­samm­lung führt bis in die jüngste Zeit, denn die Zeittafel reicht bis zu den Querelen um "Stuttgart 21" und zu dem Minis­ter­prä­si­den­ten­wech­sel von Oettinger zu Mappus. Es wäre zu hoffen, dass die erfolg­rei­chen Bände dieser Reihe zu gegebener Zeit in erwei­ter­ten Neuauf­la­gen weiterhin ein beredtes Beispiel für das Profil dieses Bundes­lan­des vermitteln können.

Dr. Leonhard Müller, Historiker, Karlsruhe


Beiertheim. Streifzüge durch die Ortsge­schichte

Die 900-Jahr-Feier der urkund­li­chen Erster­wäh­nung Beiert­heims bot den willkom­me­nen Anlass für die Herausgabe dieses vierten Streifzugs durch eine Stadt­teil­ge­schichte, der wiederum das Ergebnis einer Zusam­men­ar­beit des Stadt­ar­chivs mit dem Bürger­ver­ein ist. In einer Bestä­ti­gungs­ur­kunde König Heinrichs V. über den Güter­be­sitz des Klosters Gottesaue im Jahre 1110 erstmals erwähnt, zeichnen diesen Ort zwei Beson­der­hei­ten aus: Zum einen die Zugehö­rig­keit zur Markgraf­schaft Baden-Baden nach der Teilung 1535 bis zur Wieder­ver­ei­ni­gung 1771, obwohl sie nördlich der in dieser Gegend als Grenze bestimmten Alb lag; zum anderen der Verkauf des größten Teils seiner Gemarkung - schon vor der Einge­mein­dung - an die wachsende Stadt Karlsruhe im 19. Jahrhun­dert, was der Gemeinde einen gewissen Wohlstand bescherte.

Die einzelnen Streifzüge durch die Ortsge­schichte schrieben Sigrid Eder und Arthur Bauer vom Bürger­ver­ein sowie Peter Pretsch und Meinrad Welker von Stadt­ar­chiv & Histo­ri­sche Museen. Pretsch beginnt mit einem gedrängten Überblick zur Ortsge­schichte von der Erster­wäh­nung über die Kriegs­er­eig­nisse des 17./18. Jahrhun­derts, die Fachwerk­bau­ten des 18. Jahrhun­derts und die Einge­mein­dung bis zu den städte­bau­li­chen Entwick­lun­gen des 20. Jahrhun­derts mit der Bebauung des Beiert­hei­mer Feldes und der Südtan­gente. In den folgenden Kapiteln werden einzelne Aspekte aus dem Überblicks­ka­pi­tel etwas ausführ­li­cher behandelt.

Arthur Bauer knüpft an die Bemerkung an, dass schon in den 1720er Jahren die Beiert­hei­mer Gemar­kungs­grenze vom Stadt­grün­der Karl Wilhelm leicht nach Süden verschoben wurde, um den Karls­ru­hern Platz für Gärten und Felder zu schaffen. Er ergänzt, dass Karlsruhe auf der Beiertheim zur Nutzung zuste­hen­den Viehweide im Hardtwald gebaut wurde, wofür die Beiert­hei­mer Ersatz­ge­lände erhielten. Anschlie­ßend werden die insgesamt neun Gelän­deab­tre­tun­gen im Verlaufe des 19. Jahrhun­derts behandelt, angefan­gen mit dem Gelände zur Anlage der Kriegs­straße, dem Sallen­wäld­chen und dann schritt­weise dem Gelände für den Bau der Südwest­stadt und des neuen Haupt­bahn­hofs. Die ersten vier Gelän­deab­tre­tun­gen wurden noch durch die Zuweisung von Ersatz­ge­lände an die Gemarkung Beiertheim kompen­siert. Seit 1881 jedoch erhielten die Gemeinde und viele der Bürger fast 700.000 Mark. Mit der verblei­ben­den Gemar­kungs­flä­che von 160 ha von ursprüng­lich 435 ha war die Gemeinde trotz des so entstan­de­nen Wohlstan­des nicht überle­bens­fä­hig und konnte sich der 1907 vollzo­ge­nen Einge­mein­dung nicht entziehen. Heute bildet Beiertheim mit Bulach gemeinsam einen Stadtteil.

In mehreren Kapiteln über die Bevöl­ke­rung und die Gemein­de­ver­wal­tung, Kirchen und Schulen, Gasthäuser im Dorf und Stadtteil sowie die Vereine entfaltet Sigrid Eder facet­ten­rei­che Einblicke in das Leben der Einwohner Beiert­heims. Auffallend ist bei der Kirchen­ge­schichte, dass Beiertheim als "Filiale" von Bulach zwar seit 1523 über eine kleine Kapelle verfügte, aber bis zum Bau einer Notkirche 1915 und deren Ersatz durch die Michaels­kir­che 1963 keinen eigene Kirchenbau hatte. Die evange­li­sche Gemeinde entstand erst Ende des 19. Jahrhun­derts und hielt im Weinbren­ner­bau für das Stepha­ni­en­bad erstmals 1899 einen Gottes­dienst ab. Dieses Gebäude wurde dann 1926 auch zum Gemein­de­zen­trum und Gotteshaus. Peter Pretsch schildert zusätzlich die Geschichte des ältesten Altarwerks in Karlsruhe, das ab wohl ab 1527 in der kleinen Kapelle stand und heute seinen Platz in der Michaels­kir­che einnimmt.

Ein inter­essan­tes Kapitel steuert Meinrad Welker über Landwirt­schaft und Industrie bei. Dabei wird nach der Beschrei­bung der landwirt­schaft­li­chen Verhält­nisse vom Mittel­al­ter bis zu den neuzeit­li­chen Agrar­re­for­men heraus­ge­ar­bei­tet, dass Beiertheim auch für die Entwick­lung der Karls­ru­her Industrie - die Maschi­nen­fa­brik Kessler &Martiensen, eine Waggon­fa­brik und die späteren Deutschen Waffen- und Muniti­ons­fa­bri­ken - das nötige Gelände auf seiner Gemar­kungs­flä­che vor den Toren der Stadt zur Verfügung stellte. So konnten aus Landwirten am Ende des 19. Jahrhun­derts auch zunehmend Fabrik­ar­bei­ter werden, die auf dem Weg zur Arbeit die eigene Gemarkung nicht verlassen mussten. Abschlie­ßende Bemer­kun­gen gelten den typischen Wasch­an­stal­ten und anderen Betrieben im Ort selbst.

Eine kurze Chronik zur Geschichte des Dorfes und des Stadtteils beschließt die auch Dank der gelungenen Auswahl von zum Teil bisher nicht veröf­fent­lich­ten Bildern infor­ma­ti­ven und anschau­li­chen Streifzüge durch 900 Jahre Beiertheim.

Dr. Manfred Koch, Heraus­ge­ber/Re­dak­tion Blick in die Geschichte


Beim Griechen. Wie mein Vater in unserer Taverne Geschichte schrieb

Vor dem Hinter­grund der aufge­reg­ten aktuellen Integra­ti­ons­de­bat­ten in allen Medien und an den Stamm­ti­schen wirkt diese Geschichte einer griechi­schen Familie in Deutsch­land schon allein deswegen erfri­schend, weil das Wort Integra­tion fast nicht vorkommt. Zugleich hat diese Erzählung den großen Vorteil, dass sie zum einen ausgehend vom Einzelfall dieser Familie den Blick auf einen Zeitraum von fast 50 Jahren richtet und dass sie zum anderen eine Außen­per­spek­tive auf die Aufnah­me­ge­sell­schaft bietet, die aus deren Mitte erfolgt. Der Autor versteht es darüber hinaus als erfolg­rei­cher Journalist, der u. a. Politik­wis­sen­schaft studiert hat, die sich verän­dern­den zeithis­to­ri­schen Ereignisse und Rahmen­be­din­gun­gen in seine Erzählung einfließen zu lassen.

Alexandros Stefanidis ist der dritte und jüngste Sohn von Maria und Christo­fe­ros, die nachein­an­der 1963 und 1964 mit anderen Verwandten nach Stuttgart kamen und 1970 nach Karlsruhe übersie­del­ten, wo sie ein griechi­sches Restaurant eröffneten. Dieses "El Greco" lag zunächst an der Ettlinger Straße im ehemaligen Café am Zoo, wanderte 1978 als "Alexis Zorbas" in die Augar­ten­straße, um von 1982 bis 2009 als "Der Grieche" am Berliner Platz in unmit­tel­ba­rer Nachbar­schaft zur Univer­si­tät und nahe beim Bundes­ver­fas­sungs­ge­richt zu residieren. In flüssigem Plauderton angerei­chert mit zahlrei­chen komischen wie traurigen Anekdoten schildert der Autor den erfolg­rei­chen Weg des Restau­rants, das in Karlsruhe zur Insti­tu­tion wurde, bis es nach 40 Jahren 2009 auch wegen der in unmit­tel­ba­rer Umgebung wachsenden Zahl anderer Restau­rants und Dönerbuden schließen musste. Im "Wohn­zim­mer" der Familie Stefanidis waren Studenten, Profes­so­ren, Bundes­rich­ter und -anwälte wie auch Politiker zu Gast. Hier feierten Karlsruher Familien Hochzeiten sowie Geburts­tage und sie begingen Trauer­fei­ern; die Grünen begossen im "Alexis Zorbas" 1980 die Gründung ihrer Partei in Karlsruhe.

Ebenso liebe- wie hochach­tungs­voll und dennoch ungeschönt schildert Stefanidis die Geschichte seiner Familie - deren "Kern, Seele und Rückhalt" die Mutter ist, die den Schwächen des Vaters standhielt. Dieser hatte mit Wörterbuch, Bildzei­tung und "Spiegel" nach seiner Ankunft in Stuttgart Deutsch gelernt und nach der Übersied­lung nach Karlsruhe die "BNN" abonniert und war Mitglied beim KSC geworden. Während die meisten Verwandten nach wenigen Jahren in ihre Heimat zurück­kehr­ten, holte das Ehepaar Stefanidis die beiden älteren Söhne, die in Griechen­land zur Schule gingen, 1980 nach Karlsruhe. Damit schloss es für sich - trotz der teilweise ernied­ri­gen­den Behandlung in den 1960er Jahren - wie viele andere Gastar­bei­ter in den 1970er Jahren die Rückkehr­op­tion in die alte Heimat aus. Die Mitglieder der Familie Stefanidis waren nun "zu Einwan­de­rern geworden. Zwar immer noch Griechen, aber eben in Deutsch­land." Die damalige Stimmung im Land skizziert der Autor mit zwei Bemer­kun­gen von Gästen des Restau­rants: "Der Unter­schied zwischen Ausländer- und Umwelt­po­li­tik war von Anfang an, dass Politiker sich um das Waldster­ben mehr kümmerten als um das Zusam­men­le­ben mit Menschen anderer Natio­na­li­tät. Warum? Das Waldster­ben kann die bürger­li­chen Parteien Wähler­stim­men kosten. Ausländer kosten sie keine", sagte ein Deutscher und ein Türke stellte fest: "Deutsch­land nix Interesse für mich, also ich nix Interesse auch nicht für Deutsch­land."

Stefanidis legt mit der Geschichte seiner griechi­schen Familie in Karlsruhe einen sehr lesens­wer­ten und gleich­zei­tig unter­halt­sa­men Beitrag zur lokalen Geschichte vor. Er reiht sich damit ein unter die Töchter und Söhne der zweiten Generation der Gastar­bei­ter, die in Romanen und biogra­fi­schen Texten von ihren Erfah­run­gen und ihrem Leben zwischen zwei Kulturen erzählen und damit auch darauf verweisen, dass Einwan­de­rung nicht nur die Einwan­de­rer verändert, sondern auch die aufneh­mende Gesell­schaft. Marica Bodrozic sagt in ihrem Roman "Das Gedächtnis der Libellen" dazu: "Das einzige, was wir aber wirklich tun können, ist über unser Leben zu erzählen. Ohne diese Inventur unseres Inneren bleiben wir lebens­blind. Um uns zu sehen, brauchen wir den anderen."

Dr. Manfred Koch, Heraus­ge­ber/Re­dak­tion Blick in die Geschich­te

 

Bespro­chene Bücher

Ernst Otto Bräunche / Volker Steck (Hg.): Geschichte und Erinne­rungs­kul­tur. 22. Oktober 1940 - Die Depor­ta­tion der badischen und saarpfäl­zi­schen Juden in das Lager Gurs, Info Verlag Karlsruhe 2010, 240 S., 93 Abb., 16,80 €

Klaus-Jürgen Matz: Kleine Geschichte des Landes Baden-Württem­berg, DRW Verlag Leinfelden-Echter­din­gen 2010, 216 S., 30 Abb., 19,90 €

Peter Pretsch (Hg.): Beiertheim. Streifzüge durch die Ortsge­schichte, 900 Jahre Beiertheim, Info Verlag Karlsruhe 2010, 112 S., 95 s/w- und f-Abb., 15,80 €

Alexandros Stefanidis: Beim Griechen. Wie mein Vater in unserer Taverne Geschichte schrieb, Frankfurt a.M. 2010, 256 S., 8,95 €