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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 89 vom 23. Dezember 2010

Carlsruher Blick­punkte

Das Tagebuch der Fächer­stadt - Ein Nachruf

von Manfred Koch


Unüber­seh­bar stehen sie im Lesesaal des Stadt­ar­chivs im Regal: 32 Bände, bzw. 50 Zenti­me­ter Buchrücken des Tagebuchs der Fächer­stadt. 1977 erstmals erschienen, wird sich mancher Benutzer auf der Suche nach Daten und Kommen­ta­ren zum Stadt­ge­sche­hen des Jahres 2009 fragen, wo der entspre­chende Band 33 abgeblie­ben ist. Die Suche wird auch für künftige historisch Inter­es­sierte ergeb­nis­los bleiben: Das Tagebuch der Fächer­stadt erscheint nicht mehr. Vergeb­lich warteten Leser und Sammler vor einem Jahr auf den neuen Jahrgang. Eine entspre­chende Ankün­di­gung gab es nicht. So endete ein für die Stadt­ge­schichte nicht unbedeu­ten­des Verlags­pro­jekt ohne jede öffent­li­che Anteil­nahme, obgleich es diese sehr wohl verdient hatte.
Reich bebildert - seit 2005 ausschließ­lich in Farbe -, war das Tagebuch von Beginn an, wobei auf die Qualität der Fotos großer Wert gelegt wurde. Das hat zur Veran­schau­li­chung der Ereignisse und Personen viel beige­tra­gen und ist gerade auch für den rückbli­cken­den Nutzer ein großer Gewinn. Anfangs betrug die Auflage 10.000, die lange gehalten werden konnte. Zuletzt war sie jedoch auf 2.000 gesunken, womit die Renta­bi­li­täts­grenze für dieses Verlags­pro­jekt erreicht war. Jährliche Publi­ka­tio­nen anderer Verlage wie der "Wegweiser durch Karlsruhe" (ursprüng­lich eine Beilage zum Karlsruher Adress­buch) und das "Stadt­buch Karlsruhe", die inhaltlich nichts Vergleich­ba­res zum Tagebuch der Fächer­stadt boten, traten zudem als Konkur­ren­ten um Anzei­gen­kun­den auf.

Als Klaus E. R. Lindemann, der 1970 den Badnerland Verlag übernommen und als Info Verlag weiter­ge­führt hatte, das Tagebuch der Fächer­stadt aus der Taufe hob, schwebte ihm bei aller anfäng­li­chen Ungewiss­heit doch ein langfris­ti­ges Verlags­pro­jekt vor. Er wollte im Verein mit Karlsruher Journa­lis­ten ein Nachschla­ge­werk und ein Lesebuch präsen­tie­ren. Dieses sollte für die Leser und Leserinnen das Stadt­ge­sche­hen nicht nur dokumen­tie­ren und kommen­tie­ren, sondern sie auch "anregen und aktivieren zu weiterem Engagement für unsere Stadt". Der Erfolg des Letzteren ist nicht messbar, klar ist jedoch im Rückblick auf 32 Ausgaben, dass die Dokumen­ta­tion des Stadt­ge­sche­hens mit der umfang­rei­chen Jahres­chro­nik und die aus der Nahsicht jeweils am Ende des Jahres vorge­nom­me­nen Kommentare und Analysen als sehr gelungen anzusehen sind. Wer sich die Zeit nimmt in den Ausgaben zu schmökern, der wird die Langle­big­keit mancher Themen der Stadt­ge­schichte in Politik, Wirtschaft, Kultur, Recht, Archi­tek­tur und Sport erkennen aber auch eine Entde­ckungs­tour zu inzwischen verges­se­nen Ereig­nis­sen unter­neh­men.

32 Jahre ist dem Info Verlag die organi­sa­to­ri­sche Leistung gelungen, jeweils zu Weihnach­ten eine neue Ausgabe des Tagebuchs der Fächer­stadt mit durch­schnitt­lich 270 Seiten auszu­lie­fern. Nur wenige Verän­de­run­gen hat das Tagebuch im Laufe der Jahre erfahren. Neben dem unver­än­der­ten Chronik- und Kommentar­teil wechselte die Form der Präsen­ta­tion von Nachrich­ten über Personen. Aus der Einband­farbe schwarz wurde 1986 weiß und seit 1996 zierte ein format­fül­len­des Foto den Titel.

Mehrfach hat der Heraus­ge­ber Lindemann in seinen Editorials mit dem Dank an die Leserinnen und Leser die Hoffnung auf viele weitere Ausgaben des Tagebuchs verbunden. Bei der 20. Ausgabe hatte er die 40. im Visier, bei der 25. blickte er auf das Stadt­ju­bi­läum 2015 voraus und 2008 erwartete er, dass seine noch kleinen Enkel­kin­der bald zu seinen Lesern und Leser­in­nen zählen würden. Vergebens, denn es scheint so, als ob das Erarbeiten und Drucken von Chroniken und kommen­tie­ren­den wie analy­sie­ren­den Jahres­rück­bli­cken nicht mehr zeitgemäß ist. Gleich­zei­tig haben die leicht konsu­mier­ba­ren und flüchtigen Jahres­rück­bli­cke der Fernseh­an­stal­ten Konjunktur. Mögli­cher­wei­se halten aber auch immer mehr Menschen in Zeiten der vermeint­li­chen Verfüg­bar­keit allen Wissens im Internet den Rückgriff auf Gedrucktes für überflüs­sig. Allerdings hält das Netz keinerlei adäquaten Ersatz bereit, denn es verlangt vertiefte histo­ri­sche Kenntnisse der Stadt und ihrer Geschichte, präzise Recherche und die nötige Ausdauer, um eine verläss­li­che Jahres­chro­nik und eine treffende Auswahl der zu kommen­tie­ren­den Ereignisse und Personen zu erstellen. So ist jetzt schon abzusehen, dass die Tagebuch-Sammlungen im Stadt­ar­chiv und in den privaten Biblio­the­ken eine bedeutende Rolle im Gedächtnis der Stadt einnehmen werden, die kommende Genera­tio­nen für die Zeit davor und danach schmerz­lich vermissen werden. Unmit­tel­bar neben den Karlsruher Jahres­chro­ni­ken der Jahre 1885 bis 1923 platziert, werden die Tagebücher der Fächer­stadt der Jahre 1977 bis 2008 im Lesesaal des Stadt­ar­chivs für historisch inter­es­sierte Archiv­be­nut­zer unver­zicht­bar bleiben.

Dr. Manfred Koch, Heraus­ge­ber/Re­dak­tion Blick in die Geschich­te

 

Bände des Tagebuchs der Fächerstadt

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