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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 89 vom 23. Dezember 2010

Briefe aus Karlsruhe 1792 - 1794

Lulu Schlosser an ihre Freundin

von Leonhard Müller


Wann und wo wir auch über die große politische Geschich­te informiert werden, Fakten und Inter­pre­ta­tio­nen uns wichtige Zusam­men­hänge erkennen lassen - es drängt uns, darüber hinaus von mensch­li­chen Schick­sa­len zu erfahren:Wie erlebte der Einzelne diese "großen Zeiten", damals wie erst gestern?

Persön­li­che Zeugnisse sind darum wichtig, und so liest man mit Anteil­nahme in einer Brief­samm­lung von Georg Richter unter dem Titel "Liebstes, bestes Clärchen", 1982 erschienen und wohl kaum noch greifbar, die Nieder­schrif­ten aus den Jahren 1792 bis 1794. Es war eine aufregende Zeit für die Stadt Karlsruhe, in der durch Badens Nachbar­schaft "ein Franzo­sen­lärm nach dem anderen" verursacht wurde, "so dass die Karlsruher viel flüch­te­ten". Denn 1792 hatten sich Österreich und Preußen gegen die Revolution in Frankreich verbündet, der erste Koali­ti­ons­krieg war ausge­bro­chen. Da es sich um einen "Reichs­krieg" handelte, nahm auch die Markgraf­schaft Baden daran teil. Nach der vergeb­li­chen "Kanonade von Valmy" und dem Rückzug der Koali­ti­ons­ar­meen griffen nun die Franzosen über den Rhein. Diese Kanonade wurde vom "Kriegs­be­richt­er­stat­ter" Johann Wolfgang Goethe, dem Onkel unserer Brief­schrei­be­rin, ausführ­lich beschrie­ben.

Lulu Schlossers Herkunft

Maria Anna Luise Schlosser, genannt Lulu, wurde 1774 in Emmen­din­gen als Tochter des Johann Georg Schlosser geboren. Der vielseitig gebildete Vater hatte eine steile Karriere gemacht und war damals Oberamt­mann der Markgraf­schaft Hochberg, eine Art "Filiale" der Karlsruher Residenz, und damit der höchst­be­zahl­te badische Beamte. 1774 hatte er Cornelia, die Schwester Goethes geheiratet, deren Herz eher an der brillan­ten Ausstrah­lung ihres Bruders hing als an dem trockenen Pflicht­men­schen Schlosser.

In Emmen­din­gen entbehrte die Frank­fur­te­rin ein gesell­schaft­li­ches und geistiges Leben. Depres­sio­nen quälten sie, und mit 27 Jahren, nachdem sie zwei Kinder geboren hatte, verstarb sie 1777, ein Schock für die Familie, vor allem für ihren Bruder, der sie auf seiner ersten Schweizer Reise besucht hatte. 1790 wurde Schlosser, inzwischen wieder verhei­ra­tet, Direktor des Hofge­richts und war deshalb nach Karlsruhe zurück­ge­kehrt, wo man im Zirkel eine hochherr­schaft­li­che Wohnung mit pracht­vol­lem Garten gefunden hatte.

1791 besuchte Friedrich Heinrich Jacobi, ein Philosoph und Dichter, mit Familie die Schlossers in der Residenz. Jacobis Landsitz in Pempelfort bei Düsseldorf war ein Mittel­punkt des damaligen Geistes­le­bens geworden. 1774 hatte er mit Goethe einen enthu­sias­ti­schen Freund­schafts­bund geschlos­sen, der zur Mitarbeit Goethes an Jacobis Zeitschrift "Iris" führte. Jacobis Töchter­chen Clärchen, verband seit dem Besuch in Karlsruhe eine enge Freund­schaft mit Lulu, aus der ein lebhafter Brief­wech­sel entstand, von dem Lulus Briefe erhalten sind. Sie spiegeln die Gemütslage eines Mädchens von achtzehn bis zwanzig Jahren wider, die ganz im Zeitalter der Empfind­sam­keit aufge­wach­sen war, aber doch einen klaren Blick für die Realitäten behalten hatte. Ihr Briefstil entsprach eher ihrer Großmutter Goethe als ihrer Mutter Cornelia.

Auszüge aus den Briefen
(in damaliger Recht­schrei­bung)

Karlsruhe, den 14ten Oktober 1792
… Seit einer Stunde bin ich u. Juliette [Lulus Schwes­ter] wieder hier. Rathe einmal wo wir waren - Denke bey der Freistedt! [Karoline von F., spätere Hofdame der Erbprin­zes­sin Amalie] … Wir thaten nichts, als spazieren gehen u. von ihrer aller Flucht reden. Denke, die Nanci saß ganz in aller Hö auf einem mit Betten u. Kissen betürmten Mistwagen, in ihrem Schoß ihre liebsten Sachen u. in der Hand ein offenes Parasöl­chen [Sonnen­schir­m] haltent; ganz unten, wo die Betten ein Loch gelassen hatten, saß Madame Bourdet, die Hände ringend u. weinend, u. in dieser Positur fuhren die 2 nach Pforzheim, wo der ganze Hof hinge­flüch­tet war ...

Karlsruhe den 11ten Nov. 1792
… Die Juliette wird dir geschrie­ben haben, daß der gute Herr Erbprinz [Karl Ludwig, 1755-1801] auf den Todt krank an einer hitzigen Gallen­ent­zün­dung ist, noch immer ist er nicht außer Gefahr, obgleich er etwas besser ist. Der liebe Himmel erhalte ihn uns, denn wenn er stirbt, so folgt ihm der Hr. Markgraf [Karl Friedrich, 1728-1811] sicher bald ins Grab, neulich, wie man in einer Eile den Hr. Hofrath Schwei­ckert [Hofarzt] rufen ließ, kam ihm der arme Herr Markgraf ganz entstellt u. zerfallen weinend entgegen und sagte ihm: " Ach hätte der liebe Gott mich doch, da ich an Rheuma­tis­mus krank lag, von der Welt genommen, denn ich als alter Mannn kann doch der Welt nicht mehr Nuzen, und ließe er doch meinen Carl leben!" Als ichs hörte, musste ich weinen, Gott! Der alte Markgraf! Auch würde ein sehr großes Unglück fürs ganze Land draus entstehen, weil man da einen Adminis­tra­tor für den jungen Prinzen [Karl, 1786-1818] brauchte, und dieser ist natürlich der Onkel der Prinz Fridrich [1756-1829] du kannst glauben wie d e r seine Unter­ta­nen plagen würde, wenn er so übel mit seiner Gemahlin u. seinen Domes­ti­quen verfährt.

Samstag den 26ten Januar 1793
… Ach Gott! Was sagtest du als du den Tod des guten Königs hörtest? [Ludwig XIV.] So schändlich geköpft zu werden! So ganz ohne alle Ursache! Und das abscheu­li­che Volk, soll ganz Haufenweis zusam­men­ge­lauf­fen sein, und keiner hat nur einen Mux gethan! … Die Mama wurde ganz blaß, und ich sah wie innerlich der Papa bewegt war, als sie zum ersten mahle mitein­an­der davon sprachen. Stellst du dir den König nicht auch ganz vor? Ach! Ich hab ihn neulich beschrei­ben hören, wie einfach er gekleidet ist u. wie gelassen und Ehrwürdig er aussieht, u. so sehe ich ihn immer vor mir. Weißt du auch wie sie den Dauphin [Thron­fol­ger] behandeln wollen, die schänd­li­chen Teufel? Vermuth­lich! Da brauch ich dir's also nicht zu sagen … und was werden die nicht mit den armen Prinze­ßin­nen machen? Die älteste ist schon 14 Jahre alt. Und die arme Königin! Findest du nicht auch daß es ganz schändlich wäre, wenn man nicht für den König trauerte? ich begreiffs gar nicht wie der hisige Hof u. Adel so gleich­gül­tig bei dem allem sein können, denn vorges­tern war ball bei den Edelheims und bis Montag wird der Hof einen im Kaffe Hauß geben.

Karlsruhe, den 18ten Mai 93
… Heute morgen wurden wir durch ein Dacapo [Wieder­ho­lung]vom Ersten Oktober [1792] aus den Betten gejagt; … denn es hieß (und ist auch wahr), die Franzosen wären 2 Stunden von hier. [Rhein­über­que­rung bei Au, von badischen Truppen zurück­ge­schla­gen] Nu! Das Rumor in Carlsruh wirst dur dir denken können:
der General­marsch wurde gleich geschlage, a l l e s versam­melte sich wie der Bliz, die Fahnen … wurden geholt, der Markgraf, der Erbprinz, - alles war bei der Hand; und endlich nach manchem Abschieds­kuß, Abschieds-Trauer u. H a u d e g e n - G e d a n k e n gieng der Marsch an, und vor unserem Hauß vorbei, wo ich preislich, ganz alleine, an einem Fenster im Cabinet den enormen Zug vorbei gehen sah. Der Markgraf, Erbprinz und Gailing ritten voran, und dann kamen die Muntren Soldaten, und die Fürch­te­pu­zel­cher von Offizie­ren hinter­drein. Die Nacht haben viele Leute schießen hören, (ich nicht wie du leicht denken kannst), und es soll auch tüchtig zugegangen sein; aber unsre w a c k e r e n Durlacher [Füsi­lier­ba­tal­lion Erbprinz] (denkst du noch an den Jungen Krieg?) haben sich ganz herrlich gehalten; … die Bürger stehen alle wieder Schild­wa­che; ich seh's so gern! Die Stadt ist g e w i ß besser geschützt, als wie mit den Soldaten, die selbst Soldaten f ü r s i c h brauchten.

Karlsruhe; den 7ten Dec. 1793
… Meine Antipa­thien [Fran­zo­sen] haben wieder 20000 Mann Verstär­kung bekommen, u. die Preußen haben sich zurück­ge­zo­gen u. pour le Combe [zu allem Übel] f l ü c h t e t e n die Ö s t e r r e i c h e r. Nicht wahr dies sind Meschante Nouvellen? Auch ist es jetzt entsetz­lich jämmerlich kalt u. scheint der Mond so süperb, daß die Franzosen sehr leicht die Nacht einmal einen Überfall hierher wagen können, - kurz - ich dank dem Himmel daß wir fort können [Flucht nach Pforzheim erst am 8. Januar 1794.]

Pforzheim, den24ten Jener 1794
Wenn du d i e s e n Brief bekömst sind wir vermuth­lich wieder in Carlsruhe; alle Tage wird von unsrer Rückkehr gesprochen, denn Jedermann sagt, den besten Zeitpunkt zum herüber­kom­men hätten die Franzosen verfehlt, u. es schien auch, daß sie keine Lust dazu hätten. Geb der Himmel daß es so ist. Heute wurde aber schon wieder anders gesprochen; man sagte wir sollten lieber noch bleiben bis, ich weiß nicht wie viele Preusen u. Öster­rei­cher Verstär­kung an den Rhein käme, denn wenn sie herüber w o l l t e n, so könnten sie ungehin­dert, weil unsre Gegend ganz blos wäre …
Bei Hof ist alles guter Dinge, u. a l l e Montag B a l l . Wenn ich daran denke, schauderts mich ordentlich.
… Gestern u. heute früh wurden eine ganz unzählige Menge Canonen vorbei gefahren g e w i ß über 100. Auch ist arg immer wieder ein bestän­di­ges Gefahre von Wagen zur Armeé - Als Fort-Louis [badischer Besitz auf einer Rhein­in­sel] gesprängt worden ist, hätte ich nicht mögen in Carlsruh sein; des Nachts zwischen 11 u. 12 geschah es, da sprangen im Schloß die Portal­t­hü­ren auf, alles zitterte u. es geschah wie ein Erdbeben. Die Prinze­ßi­nen sprangen aus den Better beim 2ten Schlag, u. kein Mensch konnte sie mehr ins Bett bekomen. Fenster zerbrachen auch, kurz es soll schreklich gewesen sein; in Rastadt aber noch viel ärger, da sah man das helle Feuer auf der Gasse. Man sagt, es wäre dem Markgraf zu Lieb gesprängt worden, damit die Franzosen diesen Trieb zum Herüber komen nicht mehr hätten.

Lulu Schlossers weiterer Lebensweg

Die Revolution in Frankreich, die bald einset­zen­de Schre­ckens­herr­schaft und der 1. Koali­ti­ons­krieg musste auf ein behütetes Mädchen wie Lulu Schlosser erschre­ckend wirken. Mit der Furcht vor dem Feind, der aus der Vertei­di­gung zum Angriff überging, griff in der Bevöl­ke­rung die alte Erbfeind­schaft wieder Platz, die später unter der Ägide Napoleons im rhein­bün­di­schen Großher­zog­tum Baden erneut auflebte. Die beiden jungen Frauen schwatzten sich über die misslichen Umstände hinweg, über die Flucht nach Pforzheim, die Angst vor einem Rhein­über­gang der franzö­si­schen Truppen, die in Karlsruhe wie in Paris mit der Guillotine hausen könnten, sahen aber letztlich realis­tisch dem großen politi­schen Theater zu.

Und Lulu fand in diesen Wirren den Mann fürs Leben, Georg Nicolovius, von dem sie bald "einen lieben, herrli­chen Brief empfing: ich zitterte und hatte Thränen in den Augen … Mein einziges Bestreben ist … besser zu werden, um den Nicolovius recht aus Herzens­grund glücklich zu machen." Rasch wird geheiratet und dies dem "Onkel Göthe" mitgeteilt, freilich ohne Reaktion des distan­zier­ten Verwandten. Erst nach einem Kondo­lenz­brief zum Tod seiner Mutter, der Frau Rat, antwortete er schuld­be­wusst am 27. Januar 1809: "Ich bin überhaupt kein fleißiger Corre­spon­dent", versi­cherte aber, "wenn wir zusam­men­trä­fen, würden Sie finden, daß mit dem Oheim ganz leidlich auszu­kom­men ist."

Nicolovius machte im preußi­schen Staats­dienst, zuletzt als Geheimer Oberre­gie­rungs­rat, Karriere. Doch seine Frau Lulu starb 1811 mit 37 Jahren. Sie hatte sechs Kinder geboren. Goethe antwortete auf die Todes­an­zeige am 29. August 1811: " Meine liebe Nichte habe ich niemals gesehen, aber doch immer an derselben, so wie Ihnen und den lieben Ihrigen aufrich­ti­gen Anteil genommen. Möge es Ihnen gelingen in der Erziehung und Bildung der Zurück­ge­las­se­nen einen tätigen Trost zu finden, und sich an den Ebenbil­dern der Mutter zu ergötzen."

Dr. Leonhard Müller, Historiker, Karlsruhe

 

Luli Schlosser, etwa 1795. Foto: Goethe-Museum, Frankfurt a.M

Luli Schlosser, etwa 1795. Foto: Goethe-Museum, Frankfurt a.M