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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 89 vom 23. Dezember 2010

360.000 Bücher ein Raub der Flammen

Die Zerstörung der Badischen Landes­bi­blio­thek im Zweiten Weltkrieg

von Ludger Syré


Seit 1875 residierte die Badische Landes­bi­blio­thek, die vor 1918 den Namen Großher­zog­li­che Hof- und Landes­bi­blio­thek trug, in ihrem ersten eigenen, speziell zu Biblio­theks­zwe­cken errich­te­ten Gebäude. Das im Zentrum der Stadt gelegene Haus hatte Großher­zog Friedrich I. von Baden bauen lassen, um seine verschie­de­nen Sammlungen unter­zu­brin­gen und der Öffent­lich­keit zugänglich zu machen. Neben der Bibliothek beher­bergte das von Karl Joseph Berck­mül­ler entworfene Großher­zog­li­che Sammlungs­ge­bäude auch das Münzka­bi­nett, das Natura­li­en­ka­bi­nett, die Völker­kun­des­amm­lung und die Alter­tü­mer­samm­lung.

Die Bibliothek lag im Oberge­schoss, das über ein reprä­sen­ta­ti­ves Treppen­haus in Form eines Oktogons zu erreichen war. Hier empfingen den Besucher die drei Mainzer Erfinder des Buchdrucks Johann Gutenberg, Johann Fust und Peter Schöffer in einem gemein­sa­men Denkmal. Im Hoftrakt lag der Lesesaal, ein Raum mit siebensei­ti­ger Apsis, an den die Arbeits­räume der Biblio­the­kare und die Münzsamm­lung grenzten. Im Mittelteil des Gebäudes, über dem zur Erbprin­zen­straße gelegenen Hauptein­gang, sowie im Westflügel entlang der Ritter­straße befanden sich die Bücher­ma­ga­zine.

Der Bestand 1942 und die Ausla­ge­rung der Handschrif­ten

Der bei Einzug rund 120.000 Bände zählende Biblio­theks­be­stand vermehrte sich in den folgenden Jahrzehn­ten rasch und wies im Jahre 1942 die beacht­li­che Zahl von 373.800 Drucken (einschließ­lich Karten, Musikalien und Zeitungen) auf; dazu kamen 1.326 Inkunabeln und 5.339 Handschrif­ten. Einzig­ar­tig stand die Sammlung badischer Literatur da, die seit dem Biblio­theks­sta­tut von 1874 vollstän­dig erworben wurde, mittler­weile einen Umfang von fast 70.000 Bänden erreicht hatte und das am stärksten benutzte Fachge­biet darstellte.

Der Bezug des zeitge­mä­ßen Gebäudes wurde von einer tiefgrei­fen­den Moder­ni­sie­rung der Biblio­theks­ver­wal­tung begleitet, die mit dem Namen Wilhelm Brambach (1841-1932) verbunden bleibt, der 1872 die Leitung des Hauses übernommen hatte. Nach seiner Pensio­nie­rung 1904 führte zunächst Alfred Holder (1840-1916), nach ihm Theodor Längin (1867-1947) die Bibliothek, bevor 1932 Ferdinand Rieser (1874-1944) als Direktor berufen wurde. Seiner Amtszeit setzte wenig später das NS-Regime ein Ende: Rieser war Jude und wurde 1933 aus dem Dienst entfernt. Als Nachfolger amtierte vorüber­ge­hend der Paläograph Karl Preisen­danz (1883-1968), auf den aber schon 1936 der Historiker und Landes­bi­blio­graph Friedrich Lauten­schla­ger (1890-1955) folgte. Zu seinen wenigen nicht zur Wehrmacht einge­zo­ge­nen männlichen Mitar­bei­tern gehörte in den Kriegs­jah­ren der Biblio­theks­rat Richard Valentin Knab (1883-1968).

Die nach Ausbruch des Krieges vom badischen Kultus­mi­nis­te­rium erteilte Anweisung, auf die Schließung der Univer­si­täts­bi­blio­the­ken zu verzichten, galt prinzi­pi­ell auch für die Badische Landes­bi­blio­thek. Doch gelang es den Biblio­theks­mit­ar­bei­tern, die wertvolls­ten Bestände zu schützen, insbe­son­dere die Handschrif­ten aus ehemals markgräf­li­chem und klöster­li­chem Besitz. Die kostbaren Bücher wurden in zwei Trans­por­ten am 27. August und 25. September 1939 an auswär­ti­gen Orten in Sicher­heit gebracht. 37 Kisten mit Handschrif­ten, Inkunabeln und wertvollen Unika konnten in Pfullen­dorf, 13 Kisten mit Frühdru­cken in Schloss Langen­stein bei Stockach unter­ge­stellt werden. Weitere Evaku­ie­rungs­maß­nah­men wurden von den Behörden jedoch untersagt, da der Dienst­be­trieb aufrecht erhalten werden musste. Auch der Nutzung der Keller­räume waren enge Grenzen gesetzt, da in ihnen ein öffent­li­cher Luftschutz­kel­ler und eine Rettungs­stelle des Roten Kreuzes einge­rich­tet worden waren.

Der Brand vom 2./3. September 1942

1942 begann die britische Luftwaffe mit dem Flächen­bom­bar­de­ment deutscher Städte; auf der Liste der 50 vorran­gi­gen Ziele nahm Karlsruhe Platz Nr. 18 ein, wohl wegen seiner Funktion als Verkehrs­kno­ten­punkt. Einen der schwersten Angriffe mit rund 200 Maschinen flog die Royal Air Force in der Nacht vom 2. auf 3. September 1942. dabei sollen 254 Luftminen und Spreng­bom­ben mit einem Gesamt­ge­wicht von über 200 Tonnen sowie 162 Kautschuk-Benzol-Brand­bom­ben, 240 Phosphor- und 67.700 Stabbrand­bom­ben mit einem Gesamt­ge­wicht von 195 Tonnen auf die Stadt gefallen sein. Weite Teile der Innenstadt wurden zerstört; das Tiefbauamt regis­trierte 461 Total­schä­den sowie 281 schwer, 199 mittel, 506 leicht beschä­digte Gebäude. Unter diesen waren naturgemäß viele öffent­li­che Einrich­tun­gen wie das Schloss, das Landes­ge­wer­be­amt, die Musik­hoch­schule, das Konzert­haus, die Techni­sche Hochschule und das Sammlungs­ge­bäude.

Vermutlich wegen seiner Nähe zur gegenüber liegenden Reichs­bahn­di­rek­tion geriet das Gebäude am Fried­richs­platz so schwer unter Beschuss, dass es nahezu vollstän­dig ausbrannte. Erschüt­tert mussten die an den Unglück­sort geeilten Biblio­the­kare den Untergang ihrer Bücher­samm­lung mit ansehen: "Was in den Holzge­stel­len der Bücher­ma­ga­zine z.T. schon Jahrhun­derte überdau­ert hatte, war in einer knappen Stunde ein grauer glimmen­der Schutt­hau­fen oder von der ungeheuren Glut gen Himmel getragen und in alle Winde zerstreut. Noch nach Tagen brachten uns entsetzte Entleiher aus Schloß­gar­ten und Hardtwald Fetzen von Büchern und angesengte Einbände", notierte später Richard Valentin Knab.

Auch der frühere Mitar­bei­ter der Landes­samm­lun­gen Hans Heckel, der nach dem Krieg dreiein­halb Jahrzehnte Fotograf des Museums war, verfasste einen Bericht über die Brandnacht. "Durch die im Hause unter­ge­brachte Landes­bi­blio­thek", schrieb er, "fand das Feuer in den Tausenden von Büchern, die im ersten Oberge­schoß in ihren Regalen standen, reichlich Nahrung. ... Ich erinnere mich noch gut daran, daß der Brand mehrere Tage andauerte und in der Innenstadt verkohlte Bücher­sei­ten herum­wir­bel­ten, die durch Hitze und Flammen hochge­ris­sen und fortgeweht wurden. ... Aus Akten­no­ti­zen geht hervor, daß sehr schnell Feuer­weh­ren zur Stelle waren, die aber bei dem damaligen Durch­ein­an­der nicht zu löschen wagten, da sie noch keinen amtlichen Befehl dazu hatten. Als dann schließ­lich der Einsatz­be­fehl kam, hatte sich das Feuer in dem Gebäude schon so ausge­brei­tet, daß es nicht mehr unter Kontrolle zu bringen war. In der Zwischen­zeit versuch­ten das herbei­ge­eilte verblie­bene Personal und andere Helfer zu retten, was es noch zu retten gab. Unter den Helfern waren auch 50 Lehrer hiesiger Schulen." Die aus den 1870er Jahren stammenden ausge­trock­ne­ten Tannen­holz­re­gale in den Bücher­ma­ga­zi­nen begüns­tig­ten die Ausbrei­tung des Feuers. Die von den Baumeis­tern als stabil bezeich­ne­ten Decken­ge­wöl­be über den Bücher­ma­ga­zi­nen boten ebenso wenig Schutz gegen Bomben wie die Kuppeln über den Bücher­sä­len und die Unter­kon­struk­tion des großen Glasdachs über dem zentralen Treppen­haus. Dennoch gelang es Knab, mit Gasmaske und im wasser­ge­tränk­ten Anzug, mehrmals in die noch nicht in Flammen stehenden Verwal­tungs­räu­me vorzu­drin­gen und drei Schreib­ma­schi­nen zu bergen: "als für uns wichtigste, weil z. Zt. nur schwer zu ersetzende Arbeits­in­stru­mente."

Am 4. September berichtete der "Führer", die Zeitung der badischen NSDAP, auf mehreren Seiten über den "briti­schen Terror­an­griff auf Karlsruhe". Nur nebenbei erwähnte er die Zerstörung von Kranken­häu­sern, Kirchen, Schulen und öffent­li­chen Gebäuden, darunter die "Ober­rhei­ni­sche (!) Landes­bi­blio­thek"; umso überschwäng­li­cher fiel das Lob auf den Einsatz der Partei und die Tapferkeit der Bevöl­ke­rung aus. Der Luftan­griff war so schwer, dass er im Wehrmachts­be­richt erwähnt wurde. Insgesamt wurden über 70 Menschen getötet und mehr als 700 verletzt. Bei der Trauer­feier für die Opfer setzte der badische Gauleiter Robert Wagner den Tenor der Zeitungs­re­ak­tio­nen auf die Luftan­griffe fort.

Die Odysee durch Notun­ter­künfte


Von eben jenem Gauleiter und Chef der Zivil­ver­wal­tung im Elsaß ging nach der Zerstörung der Bibliothek eine weitere, allerdings sehr anders geartete Gefahr aus, stellte er doch die Existenz der Bibliothek am Standort Karlsruhe überhaupt in Frage. Da er Straßburg zur neuen Hauptstadt des Oberrhein­gaues machen wollte, kam ihm der Brand der BLB nicht ganz ungelegen. Die Verla­ge­rung der Landes­bi­blio­thek nach Straßburg stieß jedoch in Karlsruhe auf einhellige Ablehnung, nicht nur bei den Biblio­the­ka­ren und in der Bevöl­ke­rung, sondern auch im zustän­di­gen Minis­te­rium.

Für die Mitar­bei­ter der BLB begann nach der Brand­ka­ta­stro­phe eine Odyssee durch verschie­de­ne Notun­ter­künfte, bis auch diese, wie das ehemalige Ständehaus, in dem die Bibliothek die Erdge­schoss­räu­me zugewiesen bekommen hatte, von Bomben getroffen wurden. "Auch hier versuchte ich stunden­lang mit dem Hydranten von meinem Arbeits­zim­mer aus gegen die in den ansto­ßen­den Räumen lodernden Flammen anzukämp­fen, bis ich vor dem über mir bedrohlich prasseln­den Feuer das Feld räumen mußte. Immerhin waren hier große Teile der Möbel und des biblio­the­ka­ri­schen Arbeits­ap­pa­ra­tes auf die Straße gerettet worden", berichtet Knab.

Die inzwischen mit Sonder­mit­teln neu oder antiqua­risch beschaff­ten Bücher und die der Bibliothek zum Wieder­auf­bau zugewie­se­nen Bestände anderer Biblio­the­ken wurden vorsichts­hal­ber im März 1944 ausge­la­gert. 12.000 Bände, in 58 Kisten verpackt, konnten 120 Meter unter der Erde in der Saline Kochen­dorf einge­la­gert werden. Weitere 58 Kisten nahm das Salzberg­werk Heilbronn auf. Die nach dem Brand geret­te­ten Bücher waren schon am 26. September und 1. Oktober 1942 in drei Trans­por­ten nach Schloss Eberstein im Murgtal in Sicherheit gebracht worden.

Bilanz der Verluste und Wieder­be­ginn

Bei Ende des Krieges ergab sich folgende Bilanz: Von dem zu Beginn des Jahres 1942 regis­trier­ten Druck­schrif­ten­be­stand in Höhe von 373.000 Bänden verlor die Badische Landes­bi­blio­thek durch den Brand vom 2./3. September 1942 rund 360.000 Bände. Demnach sind etwa 13.000 Bände gerettet worden. Dazu gehören auch die während des Brandes verlie­he­nen, später zurück­ge­ge­be­nen 2.500 Bücher. Erhalten blieben der gesamte Handschrif­ten­be­stand, die Inkunabeln und Frühdrucke und, wie Knab formu­lierte, "eine bedachte Auslese allge­mei­ner und badischer Druckwerke von besonderem Wert, einmaliger Bedeutung oder beson­de­rer Beziehung zu Baden."

Erhalten blieben auch die wichtigs­ten Kataloge der Bibliothek: der Alpha­be­ti­sche Haupt­ka­ta­log (nunmehr nur noch Nachweis des einstigen Besitzes), der Schlag­wort­ka­ta­log, die Kataloge verschie­de­ner Sonder­bi­blio­the­ken und die Verzeich­nisse des badischen, nach geogra­phi­schen und biogra­phi­schen Gesichts­punk­ten geordneten Schrift­tums. Den Brand überlebte laut Knab auch "das im Eigentum des Direktors stehende Manuskript des noch ungedruck­ten Teils seiner Biblio­gra­phie der badischen Geschichte."

1947 konnte die BLB in das Gebäude des Generallan­des­ar­chivs in der Karlsruher Weststadt ziehen, das weitgehend unbeschä­digt geblieben war. Der nordwest­li­che, an der Maximi­lian­straße gelegene Magaz­in­flü­gel wurde zur "dauer­haf­ten Notun­ter­kunft". Zugleich begann die Rückfüh­rung der Bestände, zunächst aus der franzö­si­schen, dann auch aus der ameri­ka­ni­schen Besat­zungs­zone. Der Rücktrans­port der in Heilbronn und Kochendorf einge­la­ger­ten Kisten erfolgte im Februar 1947 gemeinsam mit den Kisten der Bibliothek der Techni­schen Hochschule.

Nach Umbau­maß­nah­men konnte die Bibliothek am 14. Januar 1950 wieder für die Benutzung geöffnet werden. Damit war die Epoche des Zweiten Weltkrie­ges in gewisser Hinsicht zu Ende. Wirklich beendet war sie jedoch erst im Dezember 1964, als die Badische Landes­bi­blio­thek wieder ein eigenes Gebäude beziehen konnte, einen Glaspa­vil­lon im Park des Nymphen­gar­tens, unmit­tel­bar hinter dem früheren Sammlungs­ge­bäude. Dessen 1942 ausge­brann­ter Westflügel ist nach dem Krieg als Bücher­ma­ga­zin wieder aufgebaut worden und bis auf den heutigen Tag im Gebrauch der Bibliothek geblieben, trotz eines 1987 und 1991 in zwei Phasen bezogenen weiteren Biblio­theks­neu­baus.

Dr. Ludger Syré, Historiker und Biblio­the­kar, Badische Landes­bi­blio­thek Karlsruhe

 

Das ehemalige großherzogliche Sammlungsgebäude am Friedrichsplatz 1939. StadtAK 8/PBS oXIVa 976

Das ehemalige großherzogliche Sammlungsgebäude am Friedrichsplatz 1939. StadtAK 8/PBS oXIVa 976


Noch tagelang nach dem Luftangriff qualmte die ausgebrannte Ruine des Sammlungsgebäudes. StadtAK 8/Alben 6, 17a

Noch tagelang nach dem Luftangriff qualmte die ausgebrannte Ruine des Sammlungsgebäudes. StadtAK 8/Alben 6, 17a