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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 87 vom 18. Juni 2010

Carlsruher Blick­punkte

Die ersten Plakat­säu­len in Karlsruhe

von Ernst Otto Bräunche

Bis heute finden sich im Karlsruher Stadtbild Plakat­säu­len mit einer Jugend­stil­haube, die unter Kunst­his­to­ri­kern als eine der besten Lösungen ihrer Zeit gilt. Europaweit ist die Karlsruher Säule auch die Einzige, die echte Jugend­stil­for­men aufge­grif­fen hat. Der Entwurf für die signi­fi­kante Haube stammt von dem in Durlach geborenen Archi­tek­ten Friedrich Ratzel (1869-1907), der in seiner kurzen Schaf­fens­zeit in Karlsruhe so bedeutende Bauten wie den Badischen Kunst­ver­ein, die Behör­den­bau­ten an der Nördli­chen Hilda­pro­me­nade - Generallan­des­ar­chiv, Oberrech­nungs­kam­mer und Verwal­tungs­ge­richts­hof - oder das Wahrzei­chen der Weststadt, den Kraut­kopf­brun­nen, schuf.

Erste Plakat­säu­len waren schon 1855 in Berlin aufge­stellt worden. Die nach ihrem Erfinder Litfaß­säu­len benannten Straßen­mö­bel sollten der verbrei­te­ten Unsitte Einhalt gebieten, Bekannt­ma­chun­gen und Anschläge aller Art nach Belieben an Straßen­e­cken, Wänden oder Bäumen anzubrin­gen. Der Drucke­rei­be­sit­zer und Verleger Ernst Theodor Amadeus Litfaß hatte mit dem Berliner Polizei­prä­si­den­ten Karl Ludwig von Hinkeldey einen Vertrag geschlos­sen, der ihm erlaubte, auf öffent­li­chen Straßen und Plätzen Anschlag­säu­len zur unent­gelt­li­chen "Aufnahme der Plakate öffent­li­cher Behörden und gewerbs­mä­ßi­ger Veröf­fent­li­chun­gen von Privat­an­zei­gen" aufzu­stel­len. Dem Polizei­prä­si­den­ten ging es in erster Linie um die Bekämpfung der Verbrei­tung "regie­rungs­feind­li­cher" Äußerungen, dem Drucke­rei­be­sit­zer um das Geschäft - ein Geschäft, das sich lohnen sollte. Bis zu seinem Tode 1874 behielt er das Plakat­säu­len­mo­no­pol in Berlin und hinterließ ein respek­ta­bles Vermögen und einen florie­ren­den Betrieb. So war es kein Wunder, dass Litfaß Nachahmer in anderen deutschen Städten fand.

In Karlsruhe dauerte es bis Anfang 1870, bis sich in den städti­schen Akten ein Schreiben findet, in dem ein Bewerber um die Erlaubnis bat, Plakat­stän­der aufzu­stel­len, und darauf hinwies, dass "nach dem Vorbilde … anderer größerer Städte" das "allge­mei­ne Bedürfnis" nach der "Herstel­lung einer Einrich­tung" bestehe, "durch welche der öffent­li­che Anschlag von Kundma­chun­gen und Privat­an­zei­gen nicht mehr in den die Häuser verun­stal­ten­den und dem Zwecke der öffent­li­chen Reinlich­keit versto­ßen­der Weise wie bisher vorge­nom­men wird." Dem Antrag beigefügt war die Zeichnung eines Plakat­stän­ders.

Es sollte aber noch neun Jahre dauern, bis sich die Stadt entschloss, das Problem der "in ungeord­ne­ten Weise durch jedermann vorge­nom­me­ner Mauer­an­schlä­ge" zu lösen, allerdings noch nicht durch die Aufstel­lung von Plakat­säu­len. Vielmehr erhielt Friedrich Gutsch, Lokal­dich­ter und Besitzer der Zeitung "Karls­ru­her Nachrich­ten", die Erlaubnis, Plakatta­feln an öffent­li­chen und privaten Häusern anzubrin­gen. Gutsch gründete das "Karls­ru­her Plakat-Institut", das in den ersten Jahren nach Angaben des Besitzers noch keinen Gewinn erzielte. Erst mit dem weiteren Anwachsen der Stadt besserte sich die Lage, so dass Gutsch 1887 darum bat, zusätzlich einige Plakat­säu­len aufstellen zu dürfen. Die Anfrage blieb aber zunächst ebenso unbeant­wor­tet wie die Anfragen anderer Anbieter.

Zwei Jahre später berichtete die "Badische Landes­zei­tung", dass der Stadtrat sich endlich mit der Aufstel­lung von Plakat­säu­len befasst habe. Angesichts des Mangels an Anschlag­flä­chen begrüßte man diese Entschei­dung und kriti­sierte Friedrich Gutsch wegen seiner hohen Preise und des von ihm indirekt ausge­üb­ten Zwangs, Plakate bei ihm drucken zu lassen - bei nicht in dessen Druckerei herge­stell­ten Plakate erhöhte sich der Preis nämlich um 20 Prozent.

Die 1855 in Dänemark und Deutsch­land gegründete Firma Haasen­stein & Vogler warb in ihrem Briefkopf mit dem Zusatz "Aelteste Annoncen-Expedi­tion". Sie gehörte zu den größten europäi­schen Annon­ce­ex­pe­di­tio­nen und gründete 1879 eine Filiale in Karlsruhe in der Kaiser­pas­sage. Im Adressbuch dieses Jahres warb sie damit, die "Haupt-Agentur für das Gross­her­zogt­hum Baden" zu sein. 1917 kaufte Alfred Hugenberg die Anteils­mehr­hei­ten der Firmen "Haasen­stein & Vogler" und "Daube und Co.", aus der die "Ala, Verei­nig­te Anzei­gen­ge­sell­schaft Haasen­stein und Vogler, Daube und Co." entstand, die als Bestand­teil des Hugen­berg­schen Medien­im­pe­ri­ums zur größten Anzeigen-Expedition in Deutsch­land wurde.

Haasen­stein & Vogler verpflich­te­ten sich 1894 gegenüber der Stadt, binnen kurzer Zeit 30 Plakat­säu­len an den "frequen­tes­ten Stellen der Stadt", darunter allein vier auf dem Markplatz und sieben weitere auf der Kaiser­straße, aufzu­stel­len. Den Auftrag zur Produktion der Säulen erhielt die Karlsruher Firma Dyckerhoff & Widmann, die die ersten Säulen bis Anfang Dezember 1894 fertig gestellt hatte. Die Hauben waren allerdings noch nicht mit einem Zierschmuck, sondern mit einer Schup­pen­de­ckung versehen. Das Datum, wann die Säulen im Jahr 1895 letztlich aufge­stellt waren, lässt sich nicht ermitteln.

Den Zuschlag hatte die Firma Haasen­stein & Vogler bekommen, weil sie den günstigs­ten Tarif für Anschläge angeboten hatte. Das veran­lasste den unter­le­ge­nen Gutsch, sich an alle Stadträte zu wenden. Er beschwerte sich, dass der Ausschrei­bung nicht zu entnehmen gewesen wäre, dass dies der ausschlag­ge­bende Teil des Angebots sei. Gleichwohl hätte er sich mit seiner Niederlage abfinden können, wenn ihm die Stadt nicht gleich­zei­tig die Berech­ti­gung entzogen hätte, seine alten Plakatta­feln weiter zu betreiben. Trotz seiner Inter­ven­tion blieb es aber bei der Entschei­dung, so dass die Firma Haasen­stein & Vogler in den nächsten Jahren das Monopol der Plakat­wer­bung in Karlsruhe hatte. Wann die ersten Säulen mit der von Friedrich Ratzel entwor­fe­nen Jugend­stil­haube versehen wurden, ist unbekannt, vermut­lich wird dies aber nach der Jahrhun­dert­wende geschehen sein.

Die Karlsruher Litfaß­säu­len verbargen bis weit in Nachkriegs­zeit auch zu einem großen Teil Trans­for­ma­to­ren­sta­tio­nen des 1901 begrün­de­ten städti­schen Elektri­zi­täts­wer­kes und folgten damit dem Berliner Vorbild Litfaß, dessen Säulen auch als Brunne­num­hül­lung oder als versteckte Pissoirs dienten. Heute stehen noch sieben Plakat­säu­len mit der Karlsruher Haube im Stadt­ge­biet (Abb. auf dem Fasanen­platz), eine weitere bei den Stadt­wer­ken an der Daxlander Straße mit einem Trans­for­ma­tor im Inneren, der aber nicht mehr in betrieb ist.

Dr. Ernst Otto Bräunche, Leiter Stadt­ar­chiv & Histo­ri­sche Museen, Stadt Karlsruhe
 

Foto: Stadtarchiv Karlsruhe

Foto: Stadtarchiv Karlsruhe