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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 86 vom 19. März 2010

Die erste Einge­mein­dung nach Karlsruhe

Zur Geschichte des Karls­ru­her "Dörfle"

von Manfred Koch

Seit 2007 jährten sich zum 100. Mal fünf Einge­mein­dun­gen in die Stadt Karlsruhe. Ein Datum, das vor Ort in den Stadt­tei­len jeweils mit eigenen Festschrif­ten und Veran­stal­tun­gen gefeiert wurde bzw. wird und dem auch die Stadt­ver­wal­tung mit Stadt­teilaus­stel­lun­gen im Stadt­mu­se­um ihre Aufmerk­sam­keit widmete. Die ehemals selbstän­di­gen Gemeinden im Umland der vormaligen Residenz­stadt blickten dabei mit Stolz zurück auf eine zumeist weit ältere Geschichte als diejenige der jungen Großstadt, in der sie aufge­gan­gen sind. Beide Vertrags­par­teien verspra­chen sich in allen Fällen Gewinn von der Einge­mein­dung: Die Dörfer wollten teilhaben an den Annehm­lich­kei­ten der modernen städti­schen Infra­struk­tur und die Stadt, bei der Gründung mit einer viel zu kleinen Gemar­kungs­flä­che ausge­stat­tet, benötigte dringend Raum für das explosive Wachstum seit dem Beginn der Hochin­dus­tria­li­sie­rung der 1870er Jahre. Aus dieser Konstel­la­tion rührt denn auch das bis heute - die späteren Einge­mein­dun­gen einge­schlos­sen - bewahrte Wir-Gefühl in diesen Stadt­tei­len, das gleichwohl überwölbt wird durch das Bewusst­sein des Einge­bun­den­seins in eine gesamt­städ­ti­sche Identität. Das gilt letztlich auch für Durlach, selbst wenn dort die Spätwir­kun­gen des geschei­ter­ten eigenen Einge­mein­dungs­wun­sches und der nachfol­gen­den Zwangs­ein­ge­mein­dung in den 1930er Jahren gelegent­lich noch auffla­ckern.

Klein-Karlsruhe im 18. Jahrhun­dert

Über diesen 100-Jahr-Feiern wird in der Regel wenig beachtet, dass dieses Jahr an die 200. Wiederkehr der ersten Einge­mein­dung nach Karlsruhe zu erinnern ist. Einge­mein­det wurde durch ein Edikt am 17. September 1810, das aber erst im Oktober 1812 verkündet wurde, die Einver­lei­bung von "Klein-Karlsruhe" in die Residenz­stadt. Dieses "Klein Karlsruhe" unter­schied sich wesentlich von den 100 Jahre später einge­mein­de­ten Dörfern.

Angezogen von den Verdienst­mög­lich­kei­ten der entste­hen­den Residenz des Markgrafen ließen sich zahlreiche Arbeiter in der Nähe der Baustelle nieder. Die Behörden wiesen ihnen und ihren Familien ein Wiesen­ge­län­de südöstlich der zu bauenden Stadt zu. Dort konnten sie unbeschwert von irgend­wel­chen fürst­li­chen Vorgaben für modell­mä­ßi­ges Bauen oder vorge­zeich­nete Straßen­fluch­ten im krassen Gegensatz zur barocken Anmut des Palast­be­zirks ihre Wohnungen errichten. Hier nahe dem Landgraben entstanden inein­an­der­ge­schach­telt und anein­an­der­ge­lehnt primitive Unter­künfte: Stein­ba­ra­cken, Bretter­hüt­ten, zeltar­ti­ge Notun­ter­künfte, sogar Erdhöhlen. Das Kreuz und Quer unregel­mä­ßi­ger Gassen entwi­ckelte sich um die späteren Markgra­fen­straße, Schwa­nen­straße, Kronen­straße und Fasanen­straße südlich der Zwerch- oder Querallee, der heutigen Zährin­ger­straße. Kalabrich nannte der Volksmund die Ansiedlung noch in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Anlehnung an die Herkunft zahlrei­cher italie­ni­scher Baufach­ar­bei­ter aus der Region Kalabrien. Den Taglöhnern folgten bald die schlecht besoldeten niederen Hofdiener, Soldaten, jüdische Trödler, Handwerker und Wirte.1775 lebten in Klein-Karlsruhe 1.720 Menschen, in der Schule erhielten 1772 genau 257 Kinder Unterricht. Statis­tisch betrachtet waren 1790 60 Prozent der Einwohner Taglöhner und Soldaten, 20 Prozent Hofbe­diens­tete, 17 Prozent Handwerker und Trödel­händ­ler sowie 3 Prozent Wirte. 1793 erhielt die Siedlung eine Pfarr­stelle, eine eigene Kirche wurde hier aber nie gebaut.

Der Weg zur Einge­mein­dung


Politisch war das Klein Karlsruhe im 18. Jahrhun­dert eine Siedlung ohne eigenen Rechts­sta­tus, ohne eigene Verwaltung. Die Einwohner waren keine Bürger, sie waren Hinter­sas­sen unter dem Schutz des Markgrafen. Dafür waren sie fronpflich­tig, d.h. sie mussten Wacht-, Boten-, Treiber- und Baudienste leisten, die 1752 in Geldleis­tun­gen umgewan­delt wurden. Ansätze einer ortsei­ge­nen Verwaltung entstanden erst in den 1780er Jahren, als die Bevöl­ke­rungs­zu­nahme die Finan­zier­bar­keit der ausschließ­lich vom Markgra­fen abhängigen Siedlung gefährdete. Nun wurde eine Gemein­de­kasse einge­rich­tet und Abgaben sowie Gebühren erhoben. Ein Gemein­de­rech­ner, seit 1789 ein Bürger­meis­ter und danach noch ein Gerichts­mann waren die ersten Gemein­de­be­am­ten.

Noch aber verfügten die Einwohner nicht über die Rechte einer Dorfge­meinde, d. h. die gewerblich orien­tier­ten Hinter­sas­sen konnten keinen der Versor­gungs­be­rufe wie Metzger, Bäcker oder Schuh­ma­cher ausüben. Um dem abzuhelfen durften die Klein-Karlsruher nach anhal­ten­den Bitten und Petitionen ab 1790 gegen die Befürch­tun­gen der Karlsruher Handwerker vor der Konkurrenz das Karls­ru­her Bürger­recht erwerben. Im Gegenzug aber produ­zier­ten nun Karlsruher Handwerker unter Beibe­hal­tung ihres Karlsruher Bürger­rechts vor Ort für ihre Klein-Karls­ru­her Kundschaft. Unter dem Eindruck der politi­schen Entwick­lun­gen in der Folge der franzö­si­schen Revolu­tion erhielt Klein-Karlsruhe dann 1795 das Gemein­de­pri­vi­leg. Jeder Einwohner, der als Selbstän­di­ger in Handel und Gewerbe, im Gartenbau oder als Fuhrun­ter­neh­mer über 200 Gulden Vermögen verfügte, konnte nun Bürger werden.

Für die Entwick­lung einer wirklich selbstän­di­gen Gemeinde im Schlag­schat­ten der Residenz waren die Voraus­set­zun­gen jedoch schon nicht mehr gegeben. Zu weit fortge­schrit­ten war bereits die bauliche Verflech­tung in der verlän­ger­ten Kronen- und Waldhorn­straße, der Rüppurrer und der Gottesacker Straße, und durch die Bebauung der Querallee (heute Zährin­ger­stra­ße). Die Siedlungs­gren­zen waren bereits verwischt. Zudem lagen bis 1802 alle einträg­li­chen Handwerke in den Händen von Karlsruher Stadt­bür­gern, sie bildeten die gewerb­li­che Oberschicht. Die Folge waren fortge­setzte Reibereien um die Beiträge zur Gemein­de­kasse durch die Karlsruher Handwerker und deren Befürch­tun­gen vor billiger Konkurrenz in Klein-Karlsruhe.

Die Einge­mein­dung

1802 setzte die Regierung schließ­lich, der zahlrei­chen Ausein­an­der­set­zun­gen Leid, ein Kommission ein, die die Verei­ni­gung der beiden Gemeinden vorbe­rei­ten sollte. Zu Stellung­nah­men aufge­for­dert äußerten die Karlsruher starke Bedenken gegen die Verei­ni­gung. Als Haupt­ar­gu­ment führten sie an, die durch Kriegs­kos­ten defizitäre Stadtkasse könne die hohen Armen­las­ten von Klein-Karlsruhe nicht tragen. Außerdem empfanden sie die Aufnahme der Klein-Karlsruher Handwerker in ihre Zünfte als schwer erträglich. Die Klein-Karlsruher forderten die Übernahme aller ihrer Bürger in das Stadt­bür­ger­recht, bei Vorliegen der Voraus­set­zun­gen die Aufnahme ihrer Handwerker in die Karlsruher Zünfte und die Beibe­hal­tung der Selbstän­dig­keit ihrer gemeind­ei­ge­nen Insti­tu­tio­nen, insbe­son­dere der Kasse. Angesichts dieser unter­schied­li­chen Positionen dauerte es noch acht akten­fül­lende Jahre, bis 1810 das Einge­mein­dungs­re­skript erstellt werden konnte. Dem voraus­ge­gan­gen war 1809 das bedin­gungs­lose Ersuchen von Klein-Karlsruhe um die Einge­mein­dung, da die Gemeinde die steigenden Kriegs- und Staats­kos­ten nicht mehr erbringen könne. Eine amtlich verfügte Umfrage unter den Gemein­de­bür­gern ergab neben wenigen Enthal­tun­gen nur eine Gegen­stimme zur Verei­ni­gung.

Der Einge­mein­dungs­ver­trag sah anders als in den Verträgen 100 Jahre später für die Klein-Karls­ru­her keinerlei Privi­le­gien und Inves­ti­tio­nen vor. Für den Eintritt in das Karlsruher Bürger­recht mussten sie wie jeder Neubürger die hohe Summe von 1.200 Gulden Vermögen nachweisen, was nur vier Klein-Karls­ru­hern möglich war. Die übrigen verloren ihr Bürger­recht, wurden zu Hinter­sas­sen und gehörten der Unter­schicht in der Stadt an. Aufgrund des 6. Konsti­tu­ti­ons­e­dikts in der Folge der Erhebung Badens zum Großher­zog­tum und der damit verbun­de­nen Gebiets­ver­grö­ße­rung konnten Handwer­ker unter ihnen ihren Beruf allerdings weiterhin ausüben. Einver­leibt wurden den 7.700 Karls­ru­hern etwa 3.000 Klein-Karlsruher, die Vergrö­ße­rung der Gemar­kungs­flä­che betrug allerdings nur 9 ha. Für die Karls­ru­her Insti­tu­tio­nen hatte die Einge­mein­dung zur Folge, dass im Stadtrat ein Anwalt der Klein-Karlsruher aufzu­neh­men war und dass mit der Aufga­ben­ver­meh­rung die Stelle eines zweiten Bürger­meis­ters erfor­der­lich wurde, was wiederum die Ernennung eines Oberbür­ger­meis­ters notwendig machte. Zweiter Bürger­meis­ter wurde 1812 Bernhard Dollmätsch, dem die Klein-Karlsruher zum Dank für seine Verdienste bei der Einge­mein­dung einen Ehren­po­kal verliehen.

Das "Dörfle": Armen- und Problem­vier­tel

Mit Klein-Karlsruhe erhielt die Residenz ein neues Stadt­vier­tel, das mehr als 150 Jahre ein sozialer Brennpunkt blieb. Im Verlaufe des 19. Jahrhun­derts war wie die Gesamt­stadt auch das "Dörfle", so wurde der Stadtteil nun überwie­gend genannt, enorm gewachsen. Um 1900 lebten hier über 18.000 Einwohner, die mit Abstand größte Bevöl­ke­rungs­dichte aller Stadtteile. Die früher noch reichlich vorhan­de­nen Hinterhöfe waren zugebaut aus vielen ehemals einstö­cki­gen Häuschen waren mehrge­schos­sige Miets­häu­ser mit Arbei­ter­woh­nun­gen geworden. Im Generalbe­bau­ungs­plan der Stadt von 1926 wurde eine Verbes­se­rung der Wohnver­hält­nisse und Durch­lüf­tung des Stadtteils als dringlich bezeichnet.

Einen schlechten Ruf hatte das "Dörfle" bereits bei der Einge­mein­dung. Das gründete zum einen in der Armut seiner Bewohner, hatte seine Ursachen aber z. T. auch im rigiden Verhalten der Obrigkeit. Die Gründe der unzäh­li­gen Klagen der Behörden über den Sitten­ver­fall, der vorwiegend den Frauen angelastet wurde, die die vielen Soldaten angeblich verführen, in wilder Ehe mit ihnen leben und sie zur Desertion überreden, lagen vielmehr in den behörd­li­chen Heirats­ver­bo­ten für die Soldaten. Zu welch tragischen Folgen die behörd­li­che Strenge führen konnte, zeigt das Schicksal der Katharina Würbs aus Klein-Karlsruhe. Sie hatte ihr Kind, dessen Vater ein Soldat ohne Heirat­s­er­laub­nis war, unmit­tel­bar nach der Geburt getötet. Im Januar 1772 wurde sie deswegen öffentlich mit dem Schwert hinge­rich­tet.

Die große Armut im "Dörfle" zog, obwohl die Mehrheit der Bewohner recht­schaf­fene Leute waren, eine Minderheit trüber Existenzen an, und das prägte den Ruf des Stadtteils. Trotz in der Stadt­ge­schichte nachzu­le­sen­der zahlrei­cher Initia­ti­ven der sozialen Fürsorge für den Stadtteil konter­ka­rierte die Stadt­ver­wal­tung das Bemühen um dessen Aufwertung. In den 1820er Jahren begann man damit die Prosti­tu­tion nur noch in dem ohnehin nicht gut angese­he­nen "Dörfle" zu konzen­trie­ren. 1875 war die Prosti­tu­tion auf das Geviert der Querallee, Durla­chert­hor-, Brunnen-, Fasanen- und Kleine Spital­straße einge­grenzt. Wenig später überlegte man dann die Kleine Spital­straße, seit 1930 die Enten­gas­se (im Volksmund "rue de la quack-quack"), durch Tore abzusper­ren und die Prosti­tu­ier­ten praktisch zu kaser­nie­ren. Das "Dörfle" trug endgültig den Stempel des Dirnen­vier­tels. Und die Behörden bemerkten lakonisch, "der Stadtteil bleibe lediglich, was er schon vorher war, der Hauptsitz der Dirnen, aber auch derjenigen Elemente, welche nichts Ehren­rüh­ri­ges darin finden, durch das Vermieten ihrer Wohnungen an Dirnen sich einen Gewinn zu verschaf­fen."

Die Bewohner bemühten sich vor allem um die Wende zum 20. Jahrhun­dert erfolglos, durch Proteste und Petitionen Abhilfe zu schaffen. Sie schrieben: "Man sah sich belästigt durch ganze Gruppen von Männern, die nachts vor den Wohnungen der Dirnen herum­stan­den, durch randa­lie­rende Betrunkene, durch Strei­tig­kei­ten zwischen Kunden und Dirnen, durch Ehefrauen, die ihre Männer suchten." "Die sittliche Pest" sollte aus dem so dicht bevöl­ker­ten Stadtteil entfernt werden. Die Stadt­ver­wal­tung befürch­tete jedoch durch eine Aufhebung des Sperr­be­zirks eine Ausbrei­tung des Übels über das ganze Stadt­ge­biet.

So schien denn, als Werner Kornhas in den 1950er Jahren begann, das "Dörfle", sein Milieu und seine besondere Atmosphäre, mit dem Zeichen­stift für die Nachwelt festzu­hal­ten, der Stadtteil auf einer früheren Entwick­lungs­stufe stehen geblieben zu sein. Es stand dort nichts Schönes und die Karlsruher "Altstadt" kam deshalb auch zu Recht in keinem Verkehrs­ver­ein­spro­spekt vor. Aber hier entstanden auch Anekdoten wie die von einem älteren Ehepaar, das, um den Weg abzukürzen, am frühen Abend durch das Rotlicht­vier­tel ging, als die Damen gerade ihre abend­li­chen Positionen bezogen. Nach einem Seiten­blick des Mannes auf die lockenden Schönen wies ihm dessen bessere Hälfte den Weg der Tugend, indem sie ihm zurief: "Was glotsch denn, du hasch doch dei Mensch bei der!"

Erst mit dem Groß-Projekt der trotz mancher Kritik insgesamt gelungenen "Altstadt­sa­nie­rung", die sich seit dem Ende der 1950er Jahre über vier Jahrzehnte erstreckte, ist aus Klein-Karlsruhe ein moderner Stadtteil geworden, dessen besondere Geschichte in den unter­schied­li­chen Sanie­rungs­ge­bie­ten - Flächensa­nie­rung westlich bzw. Objekt­s­a­nie­rung östlich der Waldhorn­straße - noch erkennbar ist.

Dr. Manfred Koch, Heraus­ge­ber/Re­dak­tion Blick in die Geschichte
 

Klein-Karlsruhe auf dem Karlsruher Stadtplan von 1789/90. Alte Ansichten des "Dörfle" vor der Sanierung präsentiert der Bürgerverein Altstadt auf seiner Homepage. Fotos: Stadtarchiv

Klein-Karlsruhe auf dem Karlsruher Stadtplan von 1789/90. Alte Ansichten des "Dörfle" vor der Sanierung präsentiert der Bürgerverein Altstadt auf seiner Homepage. Fotos: Stadtarchiv


Fasanenstraße Ecke Brunnenstraße mit Blick zur Kronenstraße um 1920.

Fasanenstraße Ecke Brunnenstraße mit Blick zur Kronenstraße um 1920.


Im Zentrum des "Dörfle", die "Drei Lilien" zwischen Markgrafenstraße (links) und der Kleinen Spitalgasse, später Entengasse (rechts) um 1920.

Im Zentrum des "Dörfle", die "Drei Lilien" zwischen Markgrafenstraße (links) und der Kleinen Spitalgasse, später Entengasse (rechts) um 1920.