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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 84 vom 18. September 2009

Bücher­blick

Grünwinkel. Gutshof - Gemeinde - Stadtteil

Nach der umfang­rei­chen Ortsge­schichte von Daxlanden nun die etwas schmalere Beschrei­bung Grünwin­kels, die wie dort durch engagierte Bürger initiiert und erarbei­tet wurde unter Betreuung eines versier­ten Stadt­his­to­ri­kers wie Manfred Koch. Auch für diesen Stadtteil ist zunächst die histo­ri­sche Entwick­lung bedeutsam, von Funden aus der Frühge­schichte und Römerzeit - sehr anschau­lich von P. Knötzele aufbe­rei­tet - über den Gutshof, die Station der "Taxischen Kaiser­li­chen Reichspost", zum Weg vom Bauerndorf zur Arbei­ter­ge­meinde mit vielen Quellen­nach­wei­sen. Das Einbe­zie­hen der großen Politik der beiden Markgraf­schaf­ten, von den Erbfol­ge­krie­gen bis zur Badischen Revolution 1848/49, ist wichtig, will man die Ortsge­schichte nicht isoliert, sondern im Zusam­men­hang mit den bedeu­ten­den Gescheh­nis­sen verstehen. So ist auch das Schloss Schei­ben­hardt einbezogen, einer der Sitze der markgräf­li­chen Familie.

Für spezielle Themen wurden als Autoren ehemals Aktive der Stadt­ver­wal­tung gewonnen wie Oberbür­ger­meis­ter Prof. Gerhard Seiler (Verwal­tung und Selbst­ver­wal­tung dieser Gemeinde), Stadt­di­rek­tor Eduard Jüngert (Die Verei­ni­gung mit Karlsruhe, die katho­li­sche Gemeinde), Garten­bau­di­rek­tor Prof. Robert Mürb (Die Alb und das Albgrün), wobei die übrigen Autoren nicht weniger sachkundig berichten. Gerade das Kapitel "Die Alb" vermittelt Atmosphäre mit zahlrei­chen älteren Fotos und vor allem mit den zahlrei­chen Gemäl­de­re­pro­duk­tio­nen zum Abschnitt von Peter Pretsch über "Grün­win­kel und die Kunst".

Zum Stadtteil von Karlsruhe findet man zahlreiche Beiträge des derzei­ti­gen Stadt­pla­nungs­amts­lei­ter Harald Ringler zu Siedlungs­raum, Straßen­netz, Albufer­be­bau­ung und Gewer­be­ge­bie­ten. Noch viele Namen wären zu nennen wie der des erfahrenen Heimat­for­schers M. Fellhauer oder von G. Strack, dem derzei­ti­gen Leiter des OB-Büros. Das Bindeglied ist der Bürger­ver­ein, der zum 100-jährigen Jubiläum der Einge­mein­dung in den Stadt­be­zirk Karlsruhe, die - wenn auch von manchem bedauert - doch notwenig war, ein so reich­hal­ti­ges Werk vorlegt. Es enthält nicht nur Höhepunkte, wie durch die reiche Brauerei Sinner um die Jahrhun­dert­wende. Die Auswan-derer­zah­len um die Mitte des 19. Jahrhun­derts weisen auf Not und Enge hin, nicht weniger bedrückend das Kapitel "Natio­nal­so­zia­lis­mus, Zweiter Weltkrieg und Kriegs­en­de" von Richard Gäckle, Hannelore Kling und Manfred Koch.

Der Band schließt mit all dem, was Alltags­ge­schich­te bedeutet, die Gasthäuser, Denkmäler und Brunnen, Schulen und Vereine und einem ausführ­li­cher Anhang vieler Namen und Daten. Die nun schon vor elf Jahren erschie­ne­ne Stadt­ge­schichte Karlsruhes wird auch durch diese Stadt­teil­his­to­rie wesentlich bereichert und aktua­li­siert dank des Engage­ments von aktiven Bürgern, unter­stützt durch zahlreiche Sponsoren. In summa: ein Gewinn.

Dr. Leonhard Müller, Historiker


Detlev Fischer: Eduard Dietz (1866-1940), Vater der badischen Landes­ver­fas­sung von 1919

Recht­zei­tig zur 90. Wiederkehr der Entstehung der ersten demokra­ti­schen Verfassung Badens, die dem Land in unruhiger Zeit eine vergleichs­weise stabile politi­sche Entwick­lung ermög­lichte, erschien diese Schrift. Sie ist dem Mann gewidmet, der als ihr maßgeb­li­cher Autor entschie­den gegen die Volkswahl des Präsi­den­ten votierte. In der Volkswahl sowohl des Parlaments als auch des Staats­prä­si­den­ten, sah er die Gefahr "eines bonapar­tis­ti­schen oder zäsaris­ti­schen Staats­s­treichs des Präsi­dent­nen gegenüber dem Parlament", also einer Präsi­di­al­dik­ta­tur, wie die Entwick­lung der Weimarer Republik zeigte, zutref­fend voraus.

In zwölf der Chrono­lo­gie folgenden Kapiteln beschreibt der Autor - Bundes­rich­ter, neben­amt­li­cher Leiter des Rechts­his­to­ri­schen Museums und ausge­wie­se­ner Kenner der badischen Justi­z­ge­schichte - den facet­ten­rei­chen Lebensweg von Eduard Dietz. Gestützt auf eine breite Quellen­ba­sis - darunter auch eine neue rechts­his­to­ri­sche Heidel­ber­ger Disser­ta­tion über Dietz - entwickelt Fischer das Bild eines Juristen, dessen Karriere nicht ohne Brüche verlief.

Aufge­wach­sen in einer Karlsruher Pflege­fa­mi­lie als unehe­li­cher Sohn eines adligen Legati­ons­se­kre­tärs der russischen Gesandt­schaft und einer Kammerzofe studierte er Jura in Heidelberg. Nachdem er 1899 Landge­richts­rat geworden war, entschied er sich statt einer glänzen­den weiteren Laufbahn für den Beruf als Rechts­an­walt in Karlsruhe. Auch als Anwalt machte er bald von sich Reden. In dem "Sensa­ti­ons­pro­zess" gegen Karl Hau 1907 trat er als Vertei­di­ger auf.

Ein weiterer Bruch folgte 1920. Nach der Verfas­sungs-gebung, die mit Dokumen­ten­an­hän­gen breiten Raum einnimmt, hätte er eine Spitzen­po­si­tion in der Landes­po­li­tik einnehmen können. Er verließ jedoch 1920 den Landtag und die SPD, der er seit 1911 im Bürge­raus­schuss und als Karlsruher Stadtrat diente, im Streit über den künftigen Kurs der Partei. Er wandte sich neben seiner Tätigkeit als Anwalt und in der Anwalts­kam­mer nun in Veröf­fent­li­chun­gen und Vorträgen der Idee des Religiösen Sozia­lis­mus zu.

Fischer gelingt es Dietz' Leben anschau­lich zu schildern, indem er neben der Wiedergabe vieler Bilddo­ku­mente auch auf dessen Bezie­hun­gen zu Freunden und Wegbe­glei­tern wie u.a. Renée Schickele, Annette Kolb, Ludwig Marum oder Franz Schnabel eingeht.

Dr. Manfred Koch, Heraus­ge­ber/Re­dak­tion Blick in die Geschich­te

 

Bespro­chene Bücher

Grünwinkel. Gutshof - Gemeinde - Stadtteil, hrsg. vom Bürger­ver­ein Grünwin­kel durch Manfred Fellhauer, Manfred Koch, Gerhard Strack, Info Verlag Karlsruhe 2009, 512 S., zahlreiche Abb., € 24,80

Detlev Fischer: Eduard Dietz (1866-1940), Vater der badischen Landes­ver­fas­sung von 1919, Gesell­schaft für kultur­his­to­ri­sche Dokumen­ta­tion, Karlsruhe 2008, 136 S., zahlreiche Abb., €13,50<