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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 84 vom 18. September 2009

Carlsruher Blick­punkte

Arbei­ter­häu­ser an der Bannwaldal­lee

von Manfred Koch

Sie wirken etwas verloren und deplaziert, die drei Wohnhäuser, zwischen der lärmenden Südtan­gente und dem Gewer­be­ge­biet am alten Westbahn­hof. Wohl kaum jemand, der hier beschäf­tigt ist oder auf der Bannwaldal­lee zum nahen Großein­kaufs­markt unterwegs ist, schenkt ihnen Beachtung. Es handelt sich gleichwohl um bedeu­ten­de Zeugnisse aus der Zeit, als Staat und Kommunen angesichts des rasanten Bevöl­ke­rungs­wachs­tums und der Entwick­lung der sozialen Verhält­nisse erkannten, dass der privaten Profi­t­in­ter­es­sen überlas­sene Wohnungs­markt für die elemen­ta­ren Bedürf­nisse von Gering­ver­die­nern nicht genügend zu sorgen vermochte. Sowohl die "hygie­ni­sche Bedeutung der Wohnungs­ver­hält­nis­se" als auch deren "Auswir­kun­gen für das gesamte soziale Leben" veran­lass­ten Diskus­sio­nen über behörd­li­ches Eingreifen.

Erste Spuren der seit den 1870er Jahren geführten Debatten um die Errichtung von preis­wer­ten und gesunden Klein­woh­nun­gen finden sich in den Karlsruher Akten im Jahr 1882. Damals wurden Veröf­fent­li­chun­gen über den Bau von Arbei­ter­häu­sern erworben. Diese waren das Ergebnis des vom Mainzer Verein "Concor­dia" zur Förderung des Wohls der Arbeiter ausge­schrie­be­nen Preises für entspre­chende Entwürfe. Es dauerte aber noch lange, ehe die Stadt­ver­wal­tung sich anschickte, gegen die in einer Publi­ka­tion von 1911 rückschau­end als "teuer und schlecht" charak­te­ri­sier­ten "Übel­stände im Wohnungs­we­sen" Karlsruhes vorzugehen.

Zunächst wurde 1891-1894 eine Unter­su­chung der Wohnungs­ver­hält­nisse vorge­nom­men. Diese konzen­trier­te sich bewusst auf sieben Straßen­züge im Osten der Stadt, wo verstärkt Gering­ver­die­ner lebten. Zwar kam die Kommission zu dem Ergebnis, dass es in Karlsruhe kein "Wohnungs­elend" gebe, aber eine Reihe von - nicht nur aus heutiger Sicht unerträg­li­chen - Missstän­den traten dennoch zu Tage. So verfügten von den 1666 unter­such­ten Wohnungen, in denen 7540 Menschen lebten, 986 über ein oder zwei Zimmer; 147 hatten keine Küche, nur 644 hatten einen eigenen "Abort" - die anderen 1022 benutzten 417 Gemein­schafts-WC -, 503 "Aborte" waren hygie­nisch ungenügend, 209 Wohnungen waren feucht und vernach­läs­sigt. Bemängelt wurde auch eine zu dichte und zu hohe Bebauung, was den Licht- und Luftein­fall behinderte. Dazu kam in vielen Fällen eine Überbe­le­gung gerade in den kleinsten Wohnungen, die zudem noch die teuersten waren. Die Kommission empfahl neben Maßnahmen zu Bauvor­schrif­ten und deren strenger Kontrolle auch den Bau von Arbei­ter­wohn­häu­sern.

Bevor die Stadt dieser Empfehlung folgen wollte, veran­lasste sie eine Erhebung der Wohnver­hält­nisse von 253 verhei­ra­te­ten städti­schen Arbeitern. Dabei stellte sich heraus, dass immerhin 22% in gering­wer­ti­gen bis ungesunden Wohnungen leben mussten und dass drei Viertel der Wohnungen sich in Hinter­häu­sern oder Dachge­schos­sen befanden. Zudem mussten die Bezieher der gerings­ten Jahres­ein­kom­men bis 800 Mark 25% davon für die Miete aufbringen, im Gegensatz zu 11% bei den Beziehern der höchsten Einkommen. Festge­stellt wurde auch, dass "nicht wenige Arbeiter in überfüll­ten Miets­ka­ser­nen wohnen müssen."

1896/97 endlich wurde die Stadt­ver­wal­tung aktiv und beantragte im Bürge­raus­schuss den Bau von Arbei­ter­wohn­häu­sern, um "dem bleibenden Stamme der städti­schen Arbeiter gesunde, behagliche und gesicherte … Heimstät­ten zu beschaffen." Zu diesem Zeitpunkt verfügte die Stadt bereits über 63 Dienst­woh­nun­gen für Beamte. Nachdem 1896/97 bereits 16 Klein­woh­nun­gen am Gaswerk II, in der Sofien­straße 75 und im Stadt­gar­ten entstan­den waren, reali­sierte man 1898 das größte Projekt mit 20 Wohnungen an der Bannwaldal­lee 26-30.

Die von Stadt­bau­meis­ter Wilhelm Strieder abgezeich­ne­ten Pläne zeigen drei in Größe und Grund­riss­ge­stal­tung unter­schied­li­che Häuser, deren Ensem­ble­wir­kung durch die Ausführung mit Backstein­mau­er­werk hervor­ge­ho­ben ist. Das größte und auch höhere Haus, das sich durch zwei giebel­ge­krön­te Risalite und Dachgauben von den beiden niedri­ge­ren Nachbar­häu­sern abhebt, enthält sechs Zweizimmer- und sechs Einzim­mer­woh­nun­gen. Sie sind durch zwei Treppen­häu­ser zugänglich. Die beiden anderen Häuser verfügen über je vier zweige­schos­sige Dreizim­mer­woh­nun­gen mit eigenem Zugang. Zu jeder Wohnung gehörten Küche, WC, Keller- und Speicher­räume. Bäder gab es nicht. Zudem war jeder Wohnung ein kleiner Garten zugeteilt. Auch wenn sich das Umfeld der nun 111 Jahre alten Häuser stark gewandelt hat, sind sie in ihrem Äußeren und in ihren Grund­ris­sen bis heute nahezu unver­än­dert geblieben. Lediglich am mittleren Bau ist die linke Seite durch eine Brandbombe im Zweiten Weltkrieg beschädigt und 1956 wieder herge­rich­tet worden. Dabei wurde allerdings an Stelle des kleinen Krüppel­walm­dachs ein gerader Giebel aufgeführt und auch der Risalit, der rechts vorhanden ist, wurde nicht rekon­stru­iert.

Heute sind die drei Häuser im Besitz der stadt­ei­ge­nen Volks­woh­nung GmbH und sie dienen nach wie vor ihrem ursprüng­li­chen Zweck: Die fürsor­gende Kommune kann mit ihnen Menschen, die auf dem "freien Wohnungs­markt" ganz schlechte Chancen hätten, "gesi­cherte Heimstät­ten" bieten.

Dr. Manfred Koch, Redak­tion/Her­aus­ge­ber Blick in die Geschich­te

 

Foto: Stadtarchiv Karlsruhe

Foto: Stadtarchiv Karlsruhe