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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 84 vom 18. September 2009

Vereine und Tradi­ti­ons­pflege

Die Daxlander "Schlam­pen­ka­pel­le"

von Manfred Fellhauer

"Karls­ru­hes närrische Moden­schau", so lautete das Motto des Karlsruher Fastnacht­sum­zugs im Jahr 1955. In den BNN vom 23. Februar 1955 ist zu lesen: " Den guten Abschluss bildete eine der tradi­ti­ons­reichs­ten Karls­ru­her Fastnacht­sein­rich­tun­gen, die Daxlander Schlam­pen­ka­pelle. Sie beschloss in ihrer zerlumpten Tracht die närrische Moden­schau".

Was ist nun eine Schlampe? Die Schlampe ist unver­kenn­bar weiblichen Geschlechts. Von Schlampe ist schon im 17. Jahrhun­dert die Rede und keines­falls rühmlich, denn sie kennzeich­net ein nachlässig geklei­de­tes Frauen­zim­mer, ausgehend von "schlaff herab­hän­gen", nämlich dem unordent­lich herab­hän­gen­den Frauenrock. Und wenn eine schon schlampig daherkam - eine weibliche Todsünde an sich - so durfte man wohl auch sonst auf Schlam­pe­rei schließen. Das "schlam­per­te" Verhalten deutet darauf hin. Auch das "Schlam­per­mäpp­chen" ist hinläng­lich bekannt.

Das "Schlam­pen" oder "Schläm­ple" gehört mit zur Daxlander Fastnacht­stra­di­tion. Dabei erscheinen die als Schlampen verklei­de­ten und maskierten Frauen in den Wirts­häu­sern und sagen denen, die sie dort treffen, mit verstell­ter Stimme ihre Meinung. Natürlich ist es das gute Recht einer Schlampe, auf Kosten des auf's Korn Genommenen zu trinken. Der Daxlander Heimat­dich­ter Ludwig Egler war lange Jahre Mitglied des Musik­ver­eins. Er beschreibt die Schlampen so: "Die Fastnachts-Schlampe schwärme aus die kecke, / weh Sünder, wenn sie dich entdecke! / Sie gilfe dir was Schön's ins Öhrle, / schlotze dei Vertele mit em Röhrle."

Auch in anderen Orten der Rheinebene wurde das "Schlam­pen" oder auch "Schnur­ren" als Fastnachts­brauch­tum prakti­ziert. Während die Männer gemütlich beim Abend­schop­pen saßen, kamen die als Schlampen verklei­de­ten Frauen und "schnurr­ten" ihnen mit verstell­ter Stimme ihre offenen und heimlichen "Sünden" zu. In ähnlicher Weise holten sie sie vom Kegeln, aus der Singstunde oder Musikprobe ab, und mancher hat erst zu Hause gemerkt, dass er von einer anderen Frau abgeholt wurde. Dann wurde rasch nach der richtigen gesucht. Heute schreiben viele Wirtschaf­ten "Schnur­ren" aus, doch wird darunter nur der übliche Fastnachts­rum­mel verstanden.

Zurück zur Schlampe. Viel Geld für großartige Kostüme hatten die Daxlander Altvor­de­ren nicht. Und so taten es die alten, abgetra­ge­nen Kleider aus Großmut­ters Kleider­truhe. Wenn wir uns die Bilder von Schlampen aus der Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg näher ansehen, so ist für das "Outfit" einer urigen Daxlander Schlampe eines kennzeich­nend: das große bunte Kopftuch und der oft weiße und mit Spitzen umnähte Küchen­schurz. Erst später wurden dann die Schlam­pen­ko­stüme etwas aufwän­di­ger. Auch der Hut in jeglicher Form hielt Einzug.

Diese Tradition des Fastnachts­brauch­tums griff der Musik­ver­ein nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf. Julius Kirch­hof­fer, Vereins­vor­sit­zen­der des Jahres 1955 und Willi Speck erzählen: "Fastnacht 1948, noch vor der Währungs­re­form, fand der erste Schlam­pen­ball im Vereins­heim des Fußball­ver­ein Daxlanden statt, damals noch ohne jeglichen Alkohol. Und trotzdem waren wir eine lustige und ausge­las­sene Gesell­schaft. Begeistert aufge­nom­men wurden auch die Schlam­pe­num­züge durch Daxlanden, zu denen viele Karlsruher extra nach Daxlanden kamen." In den darauf folgenden Jahren (1949 bis 1952) führte der Musik­ver­ein jedes Jahr am Rosen­mon­tag, dem ehemaligen Haupttag der Daxlander Fastnacht, einen Schlam­pen­ball durch. Diese Schlam­pen­bälle begannen mit einem Umzug durch Daxlanden - ausgehend vom Kirchplatz, Turner­straße, Römerstaße, Pfalz­straße, Insel­straße, Alter Kirchplatz, Pfarr­straße, Hammweg, Feder­bach­straße - und endeten im Gasthaus "Zum Lamm" (heute Casa Rustica), wo dann der Schlam­pen­ball mit Prämi­ie­rung der origi­nells­ten Kostüme stattfand. Aber auch im "Schwarzen Adler" und in der "Krone" wurden Schlam­pen­bälle durch­ge­führt".

Die größten Erfolge mit seiner Schlam­pen­ka­pelle feierte der Musik­ver­ein bei den Fastnacht­sum­zü­gen in Karlsruhe. In den 1950er Jahren war die Schlam­pen­ka­pelle aus Daxlanden bei einem Karlsruher Fastnacht­sum­zug nicht wegzu­den­ken. So legte der Verkehrs­ver­ein der Stadt Karlsruhe größten Wert auf eine Teilnahme der Daxlander Musiker. "Als wir einmal nicht mitmachen wollten, stellte uns der Verkehrs­ver­ein Stoffe zum Nähen von Schlam­pen­ko­stü­men zur Verfügung" erzählt Willi Speck. "Wir trafen uns immer alle im Gasthaus ‚Zur Sonne' und fuhren von dort gemeinsam mit der Straßen­bahn zu unserem Aufstel­lungs­platz in der Ludwig-Wilhelm-Straße. Der Umzug war für uns alle, obwohl sehr anstren­gend, immer ein großar­ti­ges Erlebnis."

In den letzten Jahren beteiligt sich der Musik­ver­ein als Schlam­pen­ka­pelle an dem seit 1974 von der Freiwil­li­gen Feuerwehr initi­ier­ten und vom Festaus­schuss Daxlander Fastnacht durch­ge­führ­ten Daxlander Fastnacht­sum­zug.

Manfred Fellhauer, Dipl.-Finanzwirt (FH)
 

Die Schlampenkapelle beim Fastnachtsumzug 1955. Auffallend sind der "Affe" im Vordergrund und das Schild "Schlampen vom Ausland". Die Affenmaske hing zu dieser Zeit als Dekorationsstück im Gasthaus "Daxlander Hof", dem Vereinslokal. Zur Schlampenkapelle zwar nicht ganz passend wurde sie als Referenz an den Gastwirt beim Umzug dennoch mitgeführt. Zur Erläuterung des Begriffs "Ausland" seien zwei von mehreren Versionen genannt. Eine geht auf die französische Besetzung des Rheinhafens im Jahr 1923 zurück. Um von Daxlanden zum Rheinhafen oder zurück zu kommen, brauchte man einen "Laissez-passer", musste also wie bei einer Auslandsreise beim Grenzübertritt einen Pass vorweisen. Weiter zurück in die Zeit der beiden Markgrafschaften Baden-Durlach und Baden-Baden führt der Hinweis, dass damals Daxlanden von Karlsruhe aus gesehen jenseits der Landesgrenze, also im Ausland lag. Foto: Archiv Musikverein Daxlanden

Die Schlampenkapelle beim Fastnachtsumzug 1955. Auffallend sind der "Affe" im Vordergrund und das Schild "Schlampen vom Ausland". Die Affenmaske hing zu dieser Zeit als Dekorationsstück im Gasthaus "Daxlander Hof", dem Vereinslokal. Zur Schlampenkapelle zwar nicht ganz passend wurde sie als Referenz an den Gastwirt beim Umzug dennoch mitgeführt. Zur Erläuterung des Begriffs "Ausland" seien zwei von mehreren Versionen genannt. Eine geht auf die französische Besetzung des Rheinhafens im Jahr 1923 zurück. Um von Daxlanden zum Rheinhafen oder zurück zu kommen, brauchte man einen "Laissez-passer", musste also wie bei einer Auslandsreise beim Grenzübertritt einen Pass vorweisen. Weiter zurück in die Zeit der beiden Markgrafschaften Baden-Durlach und Baden-Baden führt der Hinweis, dass damals Daxlanden von Karlsruhe aus gesehen jenseits der Landesgrenze, also im Ausland lag. Foto: Archiv Musikverein Daxlanden