Sprung zur Navigation. Sprung zum Inhalt.

Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 84 vom 18. September 2009

Vertrei­bung und Integra­tion nach 1945

Die "Gablon­zer" und ihre Industrie in Karlsruhe

von Manfred Heerdegen

Der nordböh­mi­sche Kreis Gablonz an der Neiße gehörte bis 1918 zu Österreich-Ungarn, danach zur Tsche­cho­slo­wa­kei. Im Herbst 1938 wurde der wirtschaft­lich hoch entwi­ckelte Kreis als Teil der deutsch­spra­chi­gen Sudeten­ge­biete dem Deutschen Reich angeglie­dert. Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs zählte der Kreis Gablonz knapp 100.000 Einwohner. Die Gablonzer Schmuck­wa­ren­in­dus­trie besaß Weltgel­tung. Das Netzwerk dieser Industrie umfasste etwa 4.600 meist kleine bis mittel­große Betriebe, die rund 35.000 Arbeiter und Angestellte beschäf­tig­ten. Insgesamt lebten im Kreis Gablonz und darüber hinaus bis zu 90.000 Menschen von der Gablonzer Industrie.

Die Vertrei­bung und Zerstreu­ung der Gablonzer

Unmit­tel­bar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann die Vertrei­bung von etwa drei Millionen Sudeten­deut­schen durch den tsche­cho­slo­wa­ki­schen Staat. Auch die meisten deutsch­spra­chi­gen Einwohner des Kreises Gablonz mussten bis Ende 1946 ihre Heimat verlassen und wurden über ganz Deutsch­land zerstreut. Ungeachtet dieser schwie­ri­gen Ausgangs­lage fanden Vertrie­bene aus dem Kreis Gablonz in verschie­de­nen Regionen der Westzonen bzw. der Bundes­re­pu­blik Deutsch­land wieder zusammen, um ihre tradi­ti­ons­rei­che Industrie neu aufzubauen. Bis zu 20.000 Gablonzer ließen sich im bayeri­schen Allgäu nieder, wo sie den Kaufbe­u­rer Stadtteil Neugablonz gründeten.

Etwa 1.000 Gablonzer kamen nach dem Zweiten Weltkrieg in die badische Metropole Karlsruhe, die trotz vieler zerstör­ter Wohnungen bis Ende 1948 insgesamt rund 20.000 Vertrie­be­ne aufnehmen musste. Damit stellten die Vertrie­be­nen seiner­zeit etwa 10% der Stadt­be­völ­ke­rung. Bis 1950 stieg dieser Anteil auf rund 14%. Die ehemalige Artil­le­rie­ka­serne an der Moltke­straße diente in den Jahren 1946/47 als Durch­gangs­la­ger für die Heimat­lo­sen, bevor sie durch die Flücht­lings­ver­wal­tung in Privat­woh­nun­gen einge­wie­sen wurden. Die Einquar­tie­rung von Vertrie­be­nen stellte einen massiven Eingriff in die Lebens- und Besitz­ver­hält­nisse der Einhei­mi­schen dar. Spannungen und Konflikte zwischen den beiden Bevöl­ke­rungs­grup­pen blieben nicht aus.
Neubeginn der Gablonzer Industrie in Karlsruhe

Die ersten Gespräche mit staat­li­chen und städti­schen Dienst­stel­len über die Ansiedlung von Gablonzern in Karlsruhe führte im Herbst 1946 Arthur Schick (1900-1954), ehemaliger Geschäfts­füh­rer der Fachgrup­pe Schmuck­wa­ren­in­dus­trie in Gablonz an der Neiße. Die Stadt­spitze um Oberbür­ger­meis­ter Friedrich Töpper und den Ersten Bürger­meis­ter Fridolin Heurich sah in der gezielten Aufnahme von Vertrie­be­nen aus einer indus­tri­ell geprägten Region einen großen Vorteil für Karlsruhe. Nach langen Vorbe­rei­tun­gen bezogen die ersten Gablonzer Betriebe, die Firmen Max Gewis, R. Kreisel sowie Richard Simm & Söhne, im Herbst 1947 ein teilweise zerstörtes Gebäude der ehemaligen Artil­le­rie­ka­serne an der Moltke­straße.

Die Anfänge der Gablonzer Betriebe in der Mangel­wirt­schaft der unmit­tel­ba­ren Nachkriegs­zeit waren keineswegs einfach. Dennoch fanden vor allem Gablonzer, die zunächst in die sowje­ti­sche Besat­zungs­zone vertrieben worden waren, den Weg nach Karlsruhe. Zum Zeitpunkt der Währungs­re­form im Juni 1948 belegten Firmen der Gablonzer Industrie bereits fünf Gebäude der ehemaligen Artil­le­rie­ka­serne. Als Dachver­band der Betriebe fungierte die Ende 1947 gegrün­de­te Genos­sen­schaft "Arbeits­ge­mein­schaft der Gablonzer Industrie in Karlsruhe" unter der Leitung von Arthur Schick. Die Geschäfts­stelle der "Arbeits­ge­mein­schaft" befand sich im Kaser­nen­ge­bäude Moltke­straße 20/Ecke Hertz­straße.

Durch die Währungs­re­form geriet die Gablonzer Industrie in Karlsruhe in eine schwierige Lage. Bis Juni 1948 war der Inlands­markt wegen des infla­tio­nären Geldüber­hangs ungemein aufnah­me­fä­hig für Gablonzer Schmuck­wa­ren gewesen. Nach der Einführung der neuen Deutschen Mark konnten viele Betriebe ihre Erzeug­nisse zunächst nicht mehr absetzen. Dank einer gezielten Förderung mit staats­ver­bürg­ten Krediten, staat­li­chen Zuschüssen und Geldmit­teln aus dem "European Recovery Program" (ERP, nach dem Initiator, dem ameri­ka­ni­schen Außen­mi­nis­ter George C. Marshall, auch als "Marshall-Plan" bekannt) erholte sich die Gablonzer Industrie in Karlsruhe so weit, dass sie im Jahre 1950 erstmals Waren in das Ausland expor­tie­ren konnte. Die Gablonzer Betriebe erhielten aus öffent­li­chen Mitteln insgesamt 3,9 Millionen DM an Krediten, die im Jahre 1970 alle zurück­ge­zahlt waren.
Wandel der Produkt­pa­lette und ein eigenes Indus­trie­vier­tel

Der Schwer­punkt der Gablonzer Industrie in Karlsruhe lag von Beginn an im metall- und kunst­stoff­ver­ar­bei­ten­den Sektor. Es gab nur wenige glasver­ar­bei­tende Betriebe und keine Glashütte. Viele Firmen erwei­ter­ten nach der Währungs­re­form ihre Produktion um technische Artikel, weil sie dadurch Umsatz­schwan­kun­gen im krisen­an­fäl­li­gen Schmuck­be­reich besser ausglei­chen konnten. Zu Beginn der fünfziger Jahre produ­zier­ten Gablonzer Betriebe bereits Signal­lich­ter, Rückstrah­ler, Verpa­ckun­gen aller Art sowie verschie­de­ne Zulie­fer­teile für die Elektro- und Phono­in­dus­trie. Etliche Unter­neh­men, wie etwa die Firmen Bergmann & Hille­brand sowie Schier & Wagner, wandten sich schließ­lich vollstän­dig von der tradi­tio­nel­len Schmuck­wa­ren­her­stel­lung ab.

Im Jahre 1952 zählte man in Karlsruhe 35 Unter­neh­men der Gablonzer Industrie mit über 1.100 Beschäf­tig­ten, darunter auch vielen Einhei­mi­schen. Allein 32 Firmen arbeiteten in der drang­vol­len räumlichen Enge der ehema­li­gen Artil­le­rie­ka­serne an der Moltke­straße. Nachdem die Stadt Karlsruhe der Gablonzer Industrie eine Reihe von Grund­stücken westlich der Neureuter Straße zur Verfügung gestellt hatte, errich­te­ten 19 Betriebe dort bis Anfang der sechziger Jahre neue Fabrik- und Wohnge­bäude. Dadurch entstand zwischen den Stadt­tei­len Mühlburg und Knielingen im Bereich Gablonzer Straße/Daim­ler­stra­ße/­Bosch­straße eine kleine Gablonzer Indus­trie­sied­lung. Andere Firmen entschie­den sich für das Umland der Stadt. In den Kaser­nen­ge­bäu­den an der Moltke­straße verblieben vor allem Klein- und Kleinst­be­triebe mit weniger als zehn Beschäf­tig­ten.

Nach dem Tod Arthur Schicks im Jahre 1954 übernahm Dr. Max Siebe­neich­ler (1910-1994) die Geschäfts­füh­rung der "Arbeits­ge­mein­schaft der Gablonzer Industrie in Karlsruhe". Einige statis­ti­sche Angaben aus den Jahren 1956/57 verdeut­li­chen den Stellen­wert der Gablonzer Betriebe im Karlsruher Wirtschafts­ge­füge. Die Stadt hatte damals rund 220.000 Einwohner, von denen etwa 35.000 in verschie­de­nen Indus­trie­zwei­gen arbeiteten. Rund 2.300 Beschäf­tig­te entfielen dabei auf die Gablonzer Industrie. Etwa 6,5 % der Erwerbs­tä­ti­gen des indus­tri­el­len Sektors arbeiteten somit in Gablonzer Unter­neh­men. Die "Arbeits­ge­mein­schaft" zählte seinerzeit 43 Mitglieds­be­triebe. Vier weitere Firmen gehörten der Genos­sen­schaft nicht an. Ein Viertel der Gablonzer Unter­neh­men, wie beispiels­weise die Firma Otto Seidel, beschäf­tigte zwischen 100 und 300 Mitar­bei­ter. Die Gablonzer Industrie in Karlsruhe erzielte von 1948 bis 1970 einen Gesam­tum­satz von rund 500 Millionen DM.

Integra­tion in der neuen Heimat


Histo­ri­sche Forschun­gen zur Geschichte Karlsruhes nach dem Zweiten Weltkrieg kommen zu dem Ergebnis, dass die in der Stadt lebenden Vertrie­be­nen gegen Ende der fünfziger Jahre wirtschaft­lich einge­glie­dert waren. Zahlreiche Zeitzeu­gen aus den Reihen der Gablonzer "Erleb­nis­ge­ne­ra­tion", die der Autor dieses Beitrags mündlich oder schrift­lich befragen konnte, bestätigen diesen Befund weitgehend. Auf die Frage: "Wann fühlten Sie sich in Karlsruhe beruflich und mensch­lich integrier­t?", gaben die meisten Zeitzeugen an, dies sei ab den fünfziger oder sechziger Jahren der Fall gewesen. Nahezu alle Befragten erklärten, dass sie heute sowohl mit Lands­leu­ten als auch mit Einhei­mi­schen persön­li­che Kontakte pflegen. In den Jahren unmit­tel­bar nach der Vertrei­bung waren jedoch gesellige Treffen mit Freunden und Schick­sals­ge­fähr­ten besonders wichtig, weil sie vielen Gablonzern ein Stück weit die verlorene Heimat ersetzten. Im Sommer 1954 fand in Karlsruhe sogar ein Bundes­tref­fen der vertrie­be­nen Gablonzer statt.

Niedergang der Gablonzer Industrie in Karlsruhe

Unter wirtschaft­li­chen Gesichts­punk­ten war Karlsruhe nicht unbedingt ein idealer Standort für Gablonzer Betriebe, da sie wegen ihrer arbeits­in­ten­si­ven Produk­ti­ons­weise viele Fachkräfte bei möglichst geringen Lohnkosten benötigten. In der alten Heimat hatte die Gablonzer Industrie als bedeu­tends­ter Wirtschafts­zweig den regionalen Arbeits­markt nach Belieben beherrscht. In einer Großstadt wie Karlsruhe war dies jedoch nicht möglich. Dort konkur­rierte die Gablonzer Industrie während der Hochkon­junk­tur der fünfziger Jahre auf dem Arbeits­markt mit rund 250 Gewer­be­be­trie­ben anderer Branchen. Daher mussten die Gablonzer Unter­neh­men in Karlsruhe ihren Fachkräf­ten, aber auch den Hilfs- und Heimar­bei­tern vergleichs­weise hohe Löhne zahlen. Die Abwan­de­rung von Arbeits­kräf­ten aus der Gablonzer Industrie in andere, besser bezahlte Tätig­kei­ten ließ sich trotzdem nicht verhindern.

Zudem waren jahrelang kaum noch Lehrlinge ausge­bil­det worden. Die Schulung von Nachwuchs­kräf­ten kam erst in Gang, als auf Betreiben der "Arbeits­ge­mein­schaft der Gablonzer Industrie" 1955 ein Berufsbild für den in Deutsch­land bislang unbekann­ten Tätig­keits­be­reich des Schmuck­gürt­lers erarbeitet wurde. Der Mangel an quali­fi­zier­ten Mitar­bei­tern in den Gablonzer Unter­neh­men blieb jedoch bestehen, da Werkzeug­ma­cher, Stahl­gra­veure und Schmuck­gürt­ler jüngeren Alters in die Großin­dus­trie wechselten. Ende 1966 beschäf­tig­ten die Gablonzer Betriebe in Karlsruhe 1.500 überwie­gend weibliche Arbeits­kräfte. Die Hälfte davon waren Einhei­mi­sche. Die Gablonzer stellten seinerzeit nur noch ein Viertel der Gesamt­be­leg­schaft. Seit 1962 kamen in der Gablonzer Industrie auch auslän­di­sche "Gast­ar­bei­ter" zum Einsatz.

Der Mangel an Fachkräf­ten, die Konkurrenz durch billige Schmuck­wa­ren aus tsche­cho­slo­wa­ki­scher und asiati­scher Produktion sowie die fehlende Bereit­schaft zur Weiter­füh­rung ererbter Famili­en­be­triebe führten zur Schließung zahlrei­cher Gablonzer Firmen. Zwischen 1960 und 1970 halbierte sich die Zahl der Unter­neh­men von 38 auf 19. Mitte der siebziger Jahre stellten die letzten der in den Kaser­nen­ge­bäu­den an der Moltke­straße verblie­be­nen Firmen den Betrieb ein. Die Produktion der Gablonzer Industrie in Karlsruhe bestand seinerzeit nur noch zu einem knappen Drittel aus Schmuck­wa­ren. Technische und sonstige Artikel besaßen längst ein deutliches Überge­wicht. Die "Arbeits­ge­mein­schaft der Gablonzer Industrie in Karlsruhe", die zuletzt nur noch von zwölf Mitglieds­be­trie­ben getragen wurde, beschloss Ende 1979 ihre Auflösung.

Seit den achtziger Jahren kam es besonders bei den metall­ver­ar­bei­ten­den und elektro­tech­ni­schen Unter­neh­men in Karlsruhe zu einem teilweise erheb­li­chen Arbeits­platz­ab­bau bis hin zu Firmenschlie­ßun­gen. Auch die Zahl der Gablonzer Betriebe nahm in dieser Zeit weiter ab. Im Nordwesten der Stadt sowie im Umland gibt es allerdings noch einige Unter­neh­men der techni­schen Metall- und Kunst­stoff­ver­ar­bei­tung mit Gablonzer Ursprüngen, wie etwa die Firmen Bergmann & Hillebrand, Kreisel, Seidel sowie Schier & Wagner. Die Firma Zenkner hat sich auf den Bereich der Sanitär­tech­nik spezia­li­siert. Die Firmen Beranek sowie Dressler & Zimmer­hackl sind noch im Schmuck­be­reich tätig.

Was bleibt von den Gablonzern in Karlsruhe?

Die meisten Angehö­ri­gen der "Erleb­nis­ge­ne­ra­tion" fühlen sich seit den fünfziger oder sechziger Jahren sozial und wirtschaft­lich einge­glie­dert. Ihre bereits in Karlsruhe geborenen und aufge­wach­se­nen Nachkommen sind so weitge­hend in die Gesamt­be­völ­ke­rung der Stadt integriert, dass sie keine eigene Gruppe mehr bilden. Zwar stellt die Aufnahme und Ansiedlung von Vertrie­be­nen aus dem Kreis Gablonz nach 1945 lediglich ein kleines Kapitel in der nahezu dreihun­dert­jäh­ri­gen Geschichte der Stadt dar. Dennoch haben auch die Gablonzer und ihre Industrie den Wandel Karls­ru­hes von der Beamten­stadt zum heutigen Industrie- und Dienst­leis­tungs­zen­trum mitge­stal­tet.

Mehr zum Thema: Manfred Heerde­gen/Wal­ter Holey: Iserge­birg­ler und ihre Glas- und Schmuck­in­dus­trie in Holstein, Baden und Taunus, Schwäbisch Gmünd 2007.

Manfred Heerdegen M.A., Historiker, Kempten
 

Ansicht der Firma A. Knobloch, Gablonzer Straße 21 (1955). Die seit 1947 in Karlsruhe ansässige Firma musste 1980 schließen. Foto: Stadtarchiv

Ansicht der Firma A. Knobloch, Gablonzer Straße 21 (1955). Die seit 1947 in Karlsruhe ansässige Firma musste 1980 schließen. Foto: Stadtarchiv


Der Blick in eine Produktionsstätte zeigt die stark manuell geprägte Arbeitsweise. Diese wurde zumindest in den 50er-Jahren nicht nur von Frauen ausgeführt. Foto: Schlesiger/Stadtarchiv

Der Blick in eine Produktionsstätte zeigt die stark manuell geprägte Arbeitsweise. Diese wurde zumindest in den 50er-Jahren nicht nur von Frauen ausgeführt. Foto: Schlesiger/Stadtarchiv