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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 83 vom 19. Juni 2009

Carlsruher Blick­punkte

Ein gebautes Manifest: das Ostendorf-Haus in der Weber­stra­ße

von Gerhard Kabierske

Heute dient der Bau für Tagungen und Empfänge des Forschungs­zen­trums Karlsruhe, und mit seiner reprä­sen­ta­ti­ven Gestalt ist er einer solchen Nutzung durchaus angemessen. Doch ursprüng­lich wurde das Gebäude als Einfa­mi­li­en­haus errichtet - allerdings als ein Haus mit beson­de­rem Anspruch.

1911 erwarb der gerade 40-jährige Architekt Friedrich Ostendorf den letzten freien Bauplatz in der Weber­stra­ße nahe dem Haydnplatz, in jenem Neubau­quar­tier, das die Karlsruher damals "Millio­nen­vier­tel" nannten. Seit der Jahrhun­dert­wende hatten sich dort vermögende Bürger von bekannten Karlsruher Archi­tek­ten wie Hermann Billing, Curjel & Moser und Friedrich Ratzel opulente Häuser bauen lassen. Etliche der effekt­vol­len Neubauten wurden in führenden Bauzeit­schrif­ten als Beispiele für die um 1900 äußerst rege moderne Bauszene in Karlsruhe veröf­fent­licht.

Hier, in diesem archi­tek­to­nisch ambitio­nier­ten Umfeld, wollte Ostendorf, erst 1907 als junger Professor aus Danzig an die Karlsruher TH berufen, für sich ein Haus errichten. Demons­tra­tiv sollte es sein eigenes Credo vom künftigen Bauen vor Augen führen und sich bewusst von der Umgebung absetzen. Als Ostendorf Ende 1912 mit Frau, fünf kleinen Kindern und Büro den Neubau bezog, war ihm die angestreb­te Aufmerk­sam­keit sicher: Der Kontrast zwischen dem schlicht verputzten, strengen Haus und seinen malerisch-gruppier­ten Nachbarn, die sich noch im Sinne des Jugend­stils als indivi­dua­lis­ti­sche, in Material und Formen­spra­che vielfäl­tige Werke präsen­tie­ren, konnte größer nicht sein. Bei Ostendorf hat alles seine Ordnung: Der geschlos­se­ne Baukörper mit zwei Etagen und dem bekrö­nen­den Mansard­dach ist zur Straße streng symme­trisch gegliedert. Das mittig liegende Portal wird besonders betont durch zwei monumen­tale, in eine Nische einge­stell­ten und bis zur Traufe reichenden ionischen Säulen, die im Oberge­schoss einen Balkon rahmen, der sich aber hinter die Fassa­den­flucht zurück­nimmt, um ja nicht zuviel Aufhebens zu machen.

Es ist der Neoklas­si­zis­mus mit seinem Ruf nach Ordnung und Maß sowie der Rückkehr zu einer Formen­spra­che der Zeit "um 1800", der sich hier manifes­tiert. Als Leitbild für die Archi­tek­tur der Jahre um den Ersten Weltkrieg war diese Stilrich­tung auch in Karlsruhe von großem Einfluss, man denke nur an die regel­mä­ßige Bebauung des Bahnhof­plat­zes oder an die Säulen­fron­ten von Konzert­haus und Stadthalle am Festplatz. Friedrich Ostendorf zählt über Südwest­deutsch­land hinaus zu den wichtigs­ten Propa­gan­dis­ten dieser Richtung, vor allem durch sein publi­zis­ti­sches Werk, den ab 1913 erschie­ne­nen, viel gelesenen "Sechs Büchern vom Bauen". Seine darin aufge­stell­ten Forde­run­gen nach einem Entwerfen in einfachen Formen, nach archi­tek­to­nisch klar definier­ten Räumen und einer Orien­tie­rung an spätba­ro­cker und klassi­zis­ti­scher Baukunst fielen damals im gesamten deutsch­spra­chi­gen Bereich auf frucht­ba­ren Boden, da man den schnellen Wechsel der Moden in den Jahren zuvor satt hatte. Das eigene Haus sollte die Theorie des Archi­tek­ten in die Praxis umsetzen, und es verwundert deshalb nicht, dass das Äußere, die ebenso stringent gestal­te­ten Innenräume und auch der ursprüng­lich geome­trisch angelegte Garten in den Osten­dorf­schen Schriften mit vielen eindrück­li­chen Zeich­nun­gen vorge­stellt werden.

Friedrich Ostendorf war sein Anwesen nicht lange vergönnt. Als Kriegs­frei­wil­li­ger fiel er bereits im Frühjahr 1915 in Nordfrank­reich. Trotz seines frühen Todes sollte nicht nur in Baden sein Einfluss noch bis in die zweite Hälfte der Zwanziger Jahre spürbar bleiben. Seine Schriften, aber auch sein program­ma­tisch verstan­de­nes Haus bildeten dafür eine wichtige Voraus­set­zung.

Dr. Gerhard Kabierske, Südwest­deut­sches Archiv für Archi­tek­tur und Ingenieur­bau an der Univer­si­tät Karlsruhe
 

Zeichnung Friedrich Ostendorf. Foto: saai

Zeichnung Friedrich Ostendorf. Foto: saai