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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 80 vom 19. September 2008

Zeithis­to­ri­scher Schatz in der BLB

Reinhold Schneider: Bekenntnis zum Widerstand gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus

In der Badischen Landes­bi­blio­thek Karlsruhe wird nicht nur einer der umfang­reichs­ten Nachlässe eines Schrift­stel­lers aufbewahrt, der Mitte der fünfziger zu den bekann­tes­ten Deutschen gehörte. Man hatte ihm 1956 den Friedens­preis des Deutschen Buchhan­dels verliehen, um ihn als einen entschie­de­nen Pazifisten zu ehren und gegen politi­sche Anwürfe in Schutz zu nehmen. In der Tat zeigte sich in seinem Leben und Handeln, dass Michail Bakunin Recht hatte, als er schrieb, die "Empörung des Indivi­du­ums gegen die Gesell­schaft ist eine weit schwie­ri­gere Sache als die gegen den Staat". Reinhold Schneider hat während seines ganzen Lebens Distanz gegenüber Staat und Gesell­schaft wahren wollen und müssen. Deshalb wurde er nach 1933 in wenigen Jahren zum wichtigs­ten deutschen Dichter des Wider­stands, wie Friedrich Heer rückbli­ckend schrieb. Nach 1945 galt Schneider als eine moralische Autorität, dies um so mehr, weil er sich bei den neuen Macht­ha­bern nicht andiente, keine Ansprüche aus seiner Haltung im Dritten Reich ableitete, vielmehr niemals vergaß, wie dünn das Eis war, das Zivili­sa­ti­ons­brü­che überdeckte und jederzeit neu brechen konnte. Die Badische Landes­bi­blio­thek bewahrt mehrere zehntau­send Briefe, Manuskripte, aber auch die Bibliothek Schneiders und ergänzt in gewisser Weise eine kleine litera­ri­sche Gedenk­stätte zur Erinnerung an Schneider, die die Stadt­bi­blio­thek Baden-Baden einge­rich­tet hat. Unter den Briefen befindet sich ein merkwür­di­ges Konvolut von Schreiben, denen eines gemeinsam ist: Die Absender tragen die Namen jener bedeu­ten­den Wider­stands­kämp­fer, die nach dem 20. Juli 1944 von den Natio­nal­so­zia­lis­ten hinge­rich­tet worden sind. Alle Brief­schrei­ber bedanken sich bei Reinhold Schneider für ein kleines Heftchen, das den unschein­ba­ren Titel trägt "Gedenk­wort 20. Juli". Erstmals 1947 in der ameri­ka­ni­schen und in der franzö­si­schen Besat­zungs­zo­ne gedruckt, legt Schneider hier ein entschie­de­nes, geradezu aktuell anmutendes Bekenntnis zum Widerstand im Umkreis des 20. Juli ab. Er traf einen Nerv der Hinter­blie­be­nen, der Trauernden, die im Sommer 1944 geächtet worden waren als Sippschaft von "Verrä­ter­ge­schlech­tern", und nach 1945 im Schatten der alliierten Bemühungen standen, den Gedanken an den Widerstand in Deutsch­land nicht zu unter­stüt­zen. Sie mussten sich weiterhin gegen Vorurteile ihrer Zeitge­nos­sen behaupten, die ihre Gefolg­schaft gegenüber den Natio­nal­so­zia­lis­ten sogar als eine Art morali­scher Haltung vertei­dig­ten, als Ausdruck einer "Eidtreue", die doch nur Ausdruck ihrer Ergeben­heit gegenüber Hitler war. Hier setzte Schneider an durch ein klares Bekenntnis.

Die in Karlsruhe aufbe­wahr­ten Briefe von Angehö­ri­gen der Wider­stands­kämp­fer vom 20. Juli 1944 sind ein beein­dru­cken­des Beispiel für die tröstende Wirkung, die unmit­tel­bar nach dem Kriege die Anerken­nung des Wider­stands durch einen der angese­hens­ten Schrift­stel­ler der vierziger und auch der fünfziger Jahre für die überle­ben­den Angehö­ri­gen haben konnte. Schneider war eingeladen worden, zum 20. Juli 1946 zu sprechen, war dann aber doch gehindert worden, seinen Vortrag zu halten. Er entschied sich, seinen Vortrag zu veröf­fent­li­chen - so, wie er es auch vor 1945 immer wieder, den Bedräng­nis­sen der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Zeit trotzend, gehalten hatte, Seine kleine Broschüre wurde von Hand zu Hand gereicht und erregte großes Aufsehen.

Freya von Moltke sprach in ihrem Dankes­brief von dem "Glück", das Schneiders Gedächt­nis­rede geschenkt hätte. Diese Art des Deutens bedeute eine Art "Befrei­ung"; sei "bese­li­gend und befreiend", weil erstmals auf eine dem "poli­ti­schen" Werten "entrück­ten Bereich" der Widerstand als Ausdruck eines "inneren Konflikts und der Notwen­dig­keit" gedeutet worden sei. So überzeu­gend werde dem Sterben "eine geistige Richtung" gewiesen, dass sich die Angehö­ri­gen von Moltkes engstem Freunde Peter Graf Yorck von Warten­burg gefragt hätten: "Woher weiß er das?" Freya zeigte ihre Dankbar­keit auf eine anrührende Art und Weise, denn sie schenkte Schneider die ersten Abschrif­ten der letzten Briefe ihres Mannes aus der Todeszelle. Reinhold Schneider hatte bereits während des Krieges erfahren, dass sich mit der äußeren Not auch die geistige und seelische steigern konnte - darauf hatte er schrei­bend reagiert und wurde deshalb als die wichtigste Stimme politi­scher Lyrik im Widerstand bezeichnet, von niemand anderem als dem Querdenker Friedrich Heer. Ebenso rasch reagierte er nach der Befreiung von der NS-Herrschaft auf die Not, die den morali­schen Zusam­men­bruch in der viel apostro­phier­ten "Stunde Null" begleitete. Deshalb rückte er nach 1945 rasch als geistiger Weg-Begleiter erneut in das Zentrum des allge­mei­ne­ren Interesses und fand wiederum schnell Anerken­nung, um so mehr, als er zu denen gehörte, die sich nicht wendeten, indem sie, ehemalige Mitläufer oder Kriegs­be­richt­er­stat­ter, ihre Rolle in der "inneren Emigra­tion" beschworen. Er hatte sich nicht auf den Natio­nal­so­zia­lis­mus einge­las­sen und sich keinerlei Illusionen über den verbre­che­ri­schen Charakter von Hitlers Herrschaft gestattet.

Deshalb brauchte Schneider auch gegenüber den Besat­zungs­mäch­ten keine Kompro­misse eingehen. So fand er die Aufmerk­sam­keit bei den Zeitge­nos­sen, die den Staat Hitlers immer verachtet hatten. Schneider diente der Verstän­di­gung unter­ein­an­der, denn wer ihn las, aus seinen Schriften zitierte oder bei einem Gespräch in wenigen Sätzen auf ihn verwies, machte deutlich, wes Geistes Kind er selbst war. Er konnte Vertrauen finden oder fassen. Die Jahre natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Herrschaft waren für Schneider eine Zeit entbeh­rungs­rei­cher Prüfung gewesen, die er deshalb nicht als sinnlos empfand. Deshalb musste er auch dem Widerstand einen Sinn geben.
Als Dichter hatte er niemals modische Bedürf­nisse aufnehmen wollen. Zwar schienen seine histo­ri­schen Beschrei­bun­gen dem Stil der Zeit zu entspre­chen - wer aber las, machte sehr rasch die Erfahrung, dass es in seinen Arbeiten um kulturelle und religiöse Verge­wis­se­rung ging. Es ging um Geschichte nicht als Vergan­gen­heit, sondern als eine Daseins­form, in der sich gegen­wär­tige Existenz entfaltete. Gerade dadurch war die Zeitkritik aber so explosiv. Das zeigte sich in seiner Novelle "Las Casas vor Karl V." Sie macht auch sichtbar, dass Schneiders Leben in den letzten Jahren natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Herrschaft durch die doppelte Front - zwischen Bomben und Gestapo - geprägt war.

Rassenhass war ihm, dem Christen, fremd. Zugleich bereitete die Unbestech­lich­keit seiner Argumen­ta­tion aber auch Probleme, denn Schneider lieferte keinen erbau­li­chen Text, der die deutsche Geschichte leichter machte - im Gegenteil. Er lenkte den Blick auf die Verant­wor­tung eines jeden für den Verlauf der politi­schen Entwick­lun­gen, sprach in der Bewährung der Regime­geg­ner zugleich das Versagen der meisten Mitmenschen an, nicht um anzuklagen, sondern um bei den Nachle­ben­den das Gespür für moralische Verant­wor­tung zu wecken. Er distan­zierte sich nicht von den Atten­tä­tern, indem er deren Handlungs­weise kriti­sierte, sondern fragte nach Anerken­nung und Unter­stüt­zung dieser Tat. Und er bezog sich selbst in die Kritik an dem Versagen der Zeitge­nos­sen, an fehlendem Mut, an Inkon­se­quenz ein.

Das Thema des Wider­stands ließ ihn seitdem nicht mehr los - er sammelte seitdem Zeugnisse und legte so, ähnlich wie Ricarda Huch, die Grundlage zu Weisen­borns frühem Bekennt­nis "Der lautlose Aufstand". Hier liegt der Beginn seiner beein­dru­cken­den Sammlung von Zeugnissen des Wider­stands, die er gemeinsam mit Helmut Gollwitzer und Käthe Kuhn, der Frau des Philo­so­phen Helmut Kuhn unter dem Titel "Du hast mich heimge­sucht bei Nacht" herausgab. Diese Brief­samm­lung entfaltete im Jahr, in dem auch Theodor Heuss sich zum Widerstand bahnwei­send noch einmal grund­le­gend geäußert hatte, eine Wirkung, die man nur mit Inge Scholls Erinne­rungs­buch an die "Weiße Rose" oder mit der von Annedore Leber, Richard Löwenthal und Willy Brandt heraus­ge­ge­be­nen Sammlung von Lebens­bil­dern verglei­chen kann, die in der Mitte der fünfziger Jahr unter "Das Gewissen steht auf" und "Das Gewissen entschei­det" das allge­mei­ne Bild vom Widerstand verän­der­ten und Widerstand als moralisch gerecht­fer­tigte Auflehnung gegen Menschen­ver­ach­tung und Unrecht recht­fer­tig­ten, ja zur Grundlage eines neuen Selbst­ver­ständ­nis­ses der Bundes­re­pu­blik machten, das schließ­lich zum Bekenntnis des Rechts auf Widerstand im Grund­ge­setz (Art 20, Abs.4 GG) führte.

Schneiders frühes Gedenkwort war ein glühendes Bekennt­nis für das Recht auf Widerstand in konkreter histo­ri­scher Situation. Zugleich ist es ein frühes und zugleich fast abschlie­ßen­des Wort zu den immer wieder aufbre­chen­den Debatten über die Bewertung des Wider­stands. Es macht deutlich, dass sich Schneider nicht nur als christ­li­cher Schrift­stel­ler, sondern als weitsich­ti­ger Künder und auch als politi­scher Mahner verstand. Er wollte den einzelnen Menschen erreichen und so die entste­hende politische Kultur prägen, indem er deutlich machte, was für ihn Tradi­ti­ons­grund­lage bleiben musste. Nicht auf den von jüngeren Literaten prokla­mier­ten Kahlschlag zielte er, sondern auf eine neue Fundierung von Moral und Ethik.

Nach Stil und Denkhal­tung blieb Reinhold Schneider gewiss ganz ein Mensch des 19. Jahrhun­derts, im alttes­ta­men­ta­ri­schen Sinne Hiobs gleichsam "ein Mensch von gestern". Und wenn er später schrieb, dass mancher "Mensch seiner Zeit ähnlicher sei als seinem Vater", so galt das nicht für ihn. Denn seiner Zeit passte er sich nicht, jeder Mode folgend, an. Gerade Schneiders Blick auf den Wider­stand macht deutlich, dass in diesem Rückbezug auf ebenso bewährte wie überkom­mene und deshalb manchen als gestrig erschei­nen­de Denkvor­stel­lun­gen die Voraus­set­zun­gen für eine auch in die Zukunft tragende indivi­du­elle Selbst­be­haup­tung zu sehen ist. Sie ließ Schneider in sich ruhen, ja mit sich selbst identisch bleiben. Gerade deshalb aber konnte er wie sein enger Freun­des­kreis Kritik an den Erschei­nun­gen eines durch und durch politi­sier­ten "Massen­zeit­al­ters" üben, dessen Ausdruck der Natio­nal­so­zia­lis­mus war, eine Ära, die er aber keineswegs als überwunden oder gar als beendet ansah. Er war sogar überzeugt, dass sie nicht zuletzt durch die Massen­me­dien an Intensität und Bedrängnis zunehmen musste.

Es ging dabei keineswegs nur um Kultur- und allge­mei­ne Zeitkritik, sondern um Gewis­sens­bil­dung durch Gerech­tig­keit des histo­ri­schen Urteils. Schneider hatte erkannt, dass der Natio­nal­so­zia­lis­mus mit der Prokla­ma­tion eines neuen Menschen und einer neuen Gesell­schaft eine umstür­zende Kraft entfaltet hatte, die vor allem auf das Wertgefüge zielte, und auf diese Weise gerade mit der histo­ri­schen Konti­nui­tät brach, die Geschichte prägte. Gerade diese Konti­nui­tät verkör­perte sich für Schneider in den Wertvor­stel­lun­gen und Wertbe­zü­gen, die im Widerstand sichtbar wurden und schon ein Jahr nach dem Untergang des "Dritten Reiches" existenz­be­stim­mend und lebens­er­hel­lend geworden waren. Wie in anderen seiner Texte, wurde auch in seinem Gedenkwort zum Widerstand eine mutige, offene und deshalb bewun­derns­wer­te Rigoro­si­tät sichtbar, die sich nicht gefällig auf Zeitläuf­te und Zeitum­stände einließ und die wohl gerade deshalb von den Angehö­ri­gen verstanden wurden. Clarita von Trott schrieb, Schneider Worte hätten zu viel in ihr ausgelöst. Sie war zutiefst erschüt­tert von seiner Art, etwas "Gültiges über unsere Männer auszu­sa­gen" und bekannte: "Und darum haben mich ihre Worte so erschüt­tert, darum muss ich weinen, sooft ich sie lese - weil Sie darin die Wurzeln unseres eigensten Erlebens aufdecken."

Schneider machte deutlich, dass die Wider­stands­kämp­fer auf der richtigen, auf der gebotenen Seite gestanden hatten, verklärte sich aber nicht zu einem ihrer Gefolgs­leute, denn erst sie hätten ihn durch ihre Tat von der Notwen­dig­keit des Tyran­nen­mor­des überzeugt. Selbst er bekannte sich verant­wor­tungs­voll zu seiner Schuld, eine Folge seines Versagens im Abseits. Dies macht deutlich: Ihm ging es dabei niemals nur um die jüngste Vergan­gen­heit, sondern er wollte den Ort des Menschen in der Geschichte, in der Ordnung, im Spannungs­ver­hält­nis zur Heils­ge­schichte bestimmen.

Immer hatte er nach einer Position gesucht, die über die geschicht­li­che Zeit hinauswies. 1945 konnte er frei über jene sprechen, die im Gegensatz zum Natio­nal­so­zia­lis­mus ihr Leben zugleich verwirkt und erfüllt hatten. Er sprach auf eine neue, unerbitt­li­che und geradezu unbedingte Weise - er wollte bewegen, aber nicht gefallen, in dem er gefällig die Erwar­tun­gen der Zuhörer bediente. Musste vor 1945 die Antwort auf die drängenden Fragen der Zeit verklau­su­liert werden, so ging es nun um aufrichtig und mutig vertre­te­ne Wahrheit - nicht mehr um die Tarnung der Wahrhaf­tig­keit, sondern um Zivil­cou­rage des Redners, der lieber auf Zustimmung verzich­tete als dass er sich selbst verleug­nete. Es ging um Wahrhaf­tig­keit, die den Angehö­ri­gen der Freunde im Widerstand wohl tat. Und zugleich ging es um das rheto­ri­sche Beispiel einer Überwin­dung von verklä­ren­den Schwe­be­la­gen des Urteils, um Klärung der Zwiespäl­tig­keit, um Verdeut­li­chung der ganzen Bedeutung einer "Tarnung der Gerech­tig­keit," wie Dietrich Bonhoeffer an ganz anderer Stelle einmal geschrie­ben hatte.

Schneider machte deutlich: Ganz anders hatte sich der aufrich­tige und selbst­kri­ti­sche Zeitge­nosse nach 1945 seiner Aufgabe zu stellen. Nach der Befreiung vom Natio­nal­so­zia­lis­mus musste die Haltung zum Natio­nal­so­zia­lis­mus im Bekenntnis zum Widerstand deutlich gemacht werden. Dies bedeutete, sich in den Gegensatz zu den Vorstel­lun­gen mancher Zeitge­nos­sen zu stellen. Nun galt es, denen entge­gen­zu­tre­ten, die die Vergan­gen­heit verklärten, weil sie sich entlasten wollten. Und zugleich mussten man denen wider­spre­chen, die aus politi­schen Gründen die Deutschen für belastet, für nicht besse­rungs­fä­hig, für hoffnungs­los verloren hielten.

Die Resonanz dieser Rede war überwäl­ti­gend. Angehö­ri­ge berich­te­ten ihm von sich, teilten ihm ihren Schmerz, aber auch ihren Trost mit. Sie hatten die Verhal­tens­weise ihrer hinge­mor­de­ten Angehö­ri­gen akzeptiert, ihre Betei­li­gung am Umsturz als richtige Entschei­dung empfunden, zu der sie sich in einer gleich­gül­ti­gen und oftmals feind­li­chen Umwelt bekannten. Schneider selbst war von dieser Wirkung seines Gedenk­worts überwäl­tigt, um so mehr, als er, der die so sorgfältig vorbe­rei­tete Rede nicht halten konnte, aus den Briefen erfuhr, dass sie eine unerwar­tete Resonanz entfaltet hatte, nun gleichsam in der Welt war.

Wer Schneider nach 1933 und vor 1945 gelesen hatte, bekam gerade in der Ausein­an­der­set­zung mit dem Wider­stand weiterhin einen "poli­ti­schen" Maßstab vermittelt, der sich aus christ­li­cher Grund­ori­en­tie­rung speiste. Dies spürten die Angehö­ri­gen, die Schneiders Text "ungemein tröstlich" (Karl August Graf von Drechsel) fand und sich von den Worten geradezu "ergrif­fen" (Charlotte Cramer) fühlten. Die Briefe machten deutlich, in welchem Maße Schneiders Schriften im Widerstand gegen­wär­tig waren. Elisabeth Strünck berichtete, man habe ihr in der Haft heimlich Schriften Schnei­ders zugesteckt, Eva von Rabenau erwähnte, dass eine kleine Erzählung Schneiders die letzte Weihnachts­lek­türe war. Um so überra­schen­der ist es, dass Schneider niemals frömmelnd, erbaulich, besänf­ti­gend daherkam, sondern dass er die abseits­ste­hen­den Mitläufer und Willigen heraus­for­derte, dass er sie auf ihre Verant­wor­tung und Schuld hinwies, dass er sich selbst anklagte und gerade so auf eine Entschei­dung für das Bekenntnis zum Widerstand zielte.

Der Mensch, das war seine Überzeu­gung, stand immer vor der Heraus­for­de­rung, Eindeu­tig­keit zu leben, mochten Entschei­dun­gen auch keine endgültige Lösung bringen, sondern immer neue Verstri­ckun­gen nach sich ziehen, in denen sich der Mensch stets neu zu behaupten und zu bewähren hatten. Dies war ein Grundzug mensch­li­cher Existenz im Zeitver­lauf des 20. Jahrhun­derts. Dass in Karlsruhe der Nachlass diese Dichters aufbewahrt wird, sollte weiterhin Anlass sein, über Selbst­be­haup­tung und Widerstand im Jahrhun­dert der Diktaturen nachzu­den­ken: Beispiele der Selbst­be­haup­tung weist gerade die Karlsruher Geschichte auf mit Ludwig Marum, Reinhold Frank, auch Reinhold Schneider.

Tradi­tio­nen werden öffentlich gern beschworen. Aller­dings fallen Tradi­tio­nen nicht von selbst in den Schoß der Nachle­ben­den. Sie müssen erarbeitet werden. Was das bedeutet, macht das neue Buch über Reinhold Schneider deutlich, dass gemeinsam von der ehemaligen Karlsruher und nun in Mannheim angesie­del­ten Forschungs­stelle Widerstand, von der Badischen Landes­bi­blio­thek und der Gedenk­stät­te Deutscher Widerstand zu Berlin von Babette Stadie heraus­ge­ge­ben wurde.

Professor Dr. Peter Steinbach, Univer­si­tät Mannheim
 

Collage mit Bildern der Hinterbliebenen hingerichteten Widerstandskämpfer an Reinhold Schneider. Foto: Susanne Werner

Collage mit Bildern der Hinterbliebenen hingerichteten Widerstandskämpfer an Reinhold Schneider. Foto: Susanne Werner


Reinhold Schneider

Reinhold Schneider


Deckblatt und erste Seite des Typoskripts "Gedenkwort 20. Juli". Fotos: Badische Landesbibliothek

Deckblatt und erste Seite des Typoskripts "Gedenkwort 20. Juli". Fotos: Badische Landesbibliothek