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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 77 vom 21. Dezember 2007: Bücherblick

Günther Philipp: Vom Dorf zum Stadtteil. Die Einge­mein­dung Rüppurrs nach Karlsruhe 1907

Die verdienst­volle Geschichte Rüppurrs, 2003 heraus­ge­ge­ben, reicht nur bis 1907. G. Philipp, Motor der dortigen Geschichts­werk­statt, hat nun im Band 4 der Rüppurrer Hefte die Einge­mein­dung zwischen dem Dorf und der Residenz­stadt darge­stellt, die zwar im Zuge der Zeit wie bei Beiert­heim und Rintheim lag, bei der sich aber Rüppurr teuer verkaufen wollte. Die Verhand­lun­gen waren schwierig, und die Stadt drohte sogar mit Zwangsent­eig­nung, denn Karlsruhe brauchte für den steigenden Wasser­be­darf das Wasserwerk im Rüppurrer Wald. Anderer­seits hatte sich das Dorf langsam zur Wohnge­meinde entwickelt, die sich bald mit Kanali­sa­tion, Wasser-, Gas und Strom­ver­sor­gung überfor­dert sah.

Über die Frage, "was ist Rüppurr wert", stritten sich profi­lierte Kommu­nal­po­li­ti­ker auf beiden Seiten, und es gab genug Störfeuer, die den Gang der Dinge verlang­sam­ten. Als man schließ­lich das Ziel erreicht hatte, verstumm­ten die Klagen aus Rüppurr nicht, im Stadtrat nur mit zwei Stimmen vertreten, wonach die Moder­ni­sie­rung der Versorgung allzu schleppend sich vollziehe.

Der Autor hat, beraten und begleitet vom Stadt­his­to­ri­ker Manfred Koch, reich­li­ches Quellen­ma­te­rial ausge­wer­tet und anschau­lich geschil­dert, was diesen Stadtteil bis heute zur Verkehrs­pro­ble­ma­tik umtreibt. Deutlich wird dabei, dass Inter­es­sen­ver­tre­tung nun mal kein störendes, sondern ein notwen­di­ges Element einer lebendigen Stadt ist. Eine lohnende Lektüre.

Dr. Leonhard Müller, Historiker



Ernst Otto Bräun­che/Vol­ker Steck (Hg.): Vom Spital zum Klinikum. Städtische Gesund­heits­vor­sorge in Karlsruhe

Dem Thema "Geschichte des Gesund­heits­we­sens in der Stadt Karlsruhe und Durlach" widmet das Stadt­ar­chiv Karlsruhe den aktuellen Band seiner Veröf­fent­li­chun­gen pünktlich zum 100jäh­ri­gen Bestehen des Städti­schen Klinikums. Auf rund 540 Seiten, inklusive Anhang und Register, wird in 12 Kapiteln ein detail­lier­ter Überblick von den beschei­de­nen Anfängen mittel­al­ter­li­cher Armen- und Kranken­pflege in Durlach bis hin zum heutigen modernen und hoch komplexen Kranken­h­aus­we­sen in Karlsruhe wieder gegeben.

Die Geschichte eines oder mehrerer Kranken­häu­ser zu beschrei­ben, ohne diese Einrich­tun­gen in einen größeren Kontext zu stellen, ist nicht möglich, wie auch die vorlie­gende Publi­ka­tion beweist. So fällt die Begrün­dung eines Spitals in Durlach im ausge­hen­den 15. Jahrhun­dert in eine Zeit, in der auch in Ettlingen oder Bruchsal erstmals Spitäler, Leprosen- oder Seelhäuser genannt wurden, die Armen und Kranken zumeist als letzte Zuflucht­stätte dienten. Neben den wenigen damals ausge­bil­de­ten Ärzten nahmen sich auch Bader und Barbiere der Patienten an.

In dem Beitrag über die medizi­ni­sche Versorgung von der Gründung Karlsruhes bis zum Ende des Alten Reiches wird der endgültige Einzug der Wissen­schaft in die Medizin im Zeitalter der Aufklärung deutlich. Karlsruhe erhält in den 1780er Jahren statt einfachs­ter Spitäler vor den Toren der Stadt ein erstes 150 Betten umfas­sen­des Bürger­hos­pi­tal am heutigen Lidell­platz. Auch jenes vom Karlsruher Baumeis­ter Wilhelm Jeremias Müller entworfene Gebäude war Ausdruck einer mündigen Bürger­schaft und einer Obrigkeit, die sich ihrer Untertanen annahm, wie dies auch in anderen deutschen Residenz­städ­ten wie Würzburg, Bamberg oder Bruchsal geschah.

Im Zuge eines erheb­li­chen Bevöl­ke­rungs­zu­wach­ses in Karlsruhe zu Beginn des 19. Jahrhun­derts und der Schaffung neuer Garnisonen kommt es einerseits zur Abtrennung eines eigen­stän­di­gen Militär­hos­pi­tals im Jahre 1846 und anderer­seits zum Übergang des Großher­zog­lich Badischen Hospitals zum Städti­schen Kranken­haus. Die Begrün­dung weiterer Kranken­an­stal­ten im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhun­derts aber vor allem die ständige Ausweitung der Patien­ten­ver­sor­gung im Zuge des medizi­ni­schen Fortschritts zieht sich durch die Publi­ka­tion wie ein roter Faden. Und gerade die Schil­de­rung des Lebens im Kranken­haus, die soziale Zusam­men­set­zung der Patienten, die Entwick­lung der Ärzte­schaft und des Pflege­be­ru­fes sowie die in Karlsruhe vor allem im 19. Jahrhun­dert immer wieder grassie­ren­den Krank­hei­ten und deren Behand­lungs­me­tho­den werden eindrucks­voll geschil­dert. Unter­stützt durch Graphiken, Statis­ti­ken und zahlreiche Abbil­dun­gen erhält man ein anschau­li­ches Bild über die Patien­ten­ver­sor­gung in der Residenz­stadt Karlsruhe.

Auch der Bau des neuen Städti­schen Kranken­hau­ses an der Moltke­straße vor 100 Jahren, dessen Entwick­lung im Mittel­punkt des Buches steht, fällt in eine Zeit, in der man in Deutsch­land endgültig Abschied nahm von großen Kranken­sä­len, in denen zumeist nur wenig begüterte Menschen behandelt wurden, während die Wohlha­ben­den zu Hause ärztlich versorgt wurden. In mehreren Beiträgen wird die Entwick­lung des Städti­schen Klinikums während der vergan­ge­nen 100 Jahre übersicht­lich und einge­bet­tet in den allge­mei­nen geschicht­li­chen und medizi­ni­schen Kontext geschil­dert. Dabei findet auch die Begründung des Kinder­kran­ken­hau­ses an der Karl-Wilhelm-Straße und dessen Übernahme durch die Stadt im Jahre 1939 ebenso Berück­sich­ti­gung, wie die Rolle des Kranken­hau­ses in der NS-Zeit, als im Zuge des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuch­ses auch dort Zwangs­ste­ri­li­sa­tio­nen durch­ge­führt wurden. Besonders reizvoll ist die verglei­chende Lektüre der Beiträge zu den Anfangs­jah­ren des Kranken­hau­ses an der Moltke­straße und zu den heutigen Leistungen des Städti­schen Klinikums. Man staunt, mit welch beschei­de­ner Ausstat­tung - aus heutiger Sicht - der damalige medizi­ni­sche Fortschritt gefeiert werden konnte und wie sich die medizi­ni­schen Leistun­gen inzwischen diffe­ren­ziert haben. Ergänzt wird die Medizin­ge­schichte durch ein Kapitel zur baulichen Planung und Entwick­lung auf dem Kranken­hausa­real bis 1945 und einer Chrono­lo­gie der enormen Bautä­tig­keit der letzten 50 Jahre.

Die neue Publi­ka­tion des Karlsruher Stadt­ar­chivs besticht neben einer ausführ­li­chen und stets inter­essan­ten Darstel­lung des Gesund­heits­we­sens in Karlsruhe durch eine Auswahl vorzüg­li­cher Abbil­dun­gen und Graphiken. Dass sich bei insgesamt 14 Autoren und Autorinnen zeitliche Überschnei­dun­gen ergeben, ist bei diesem vielschich­ti­gen Thema keineswegs von Nachteil, sondern erleich­tert dem Leser den Übergang von Beitrag zu Beitrag. Eine Übersicht über die einzelnen Leitungen des Klinikums seit 1946 sowie ein abschlie­ßen­des Sach-, Orts- und Perso­nen­re­gis­ter runden das gewichtige Buch würdig ab. Die Publi­ka­tion "Vom Spital zum Klinikum" schließt eine Lücke in der Stadt­ge­schich­te Karlsruhes. Sie wird noch bis zum 27. Januar 2008 durch zwei sehens­werte Ausstel­lun­gen im Pfinz­gau­museum sowie im Stadt­mu­seum flankiert.

Dr. Bernd Breitkopf, Kreisar­chi­var

 

Bespro­chene Bücher

Günther Philipp: Vom Dorf zum Stadtteil. Die Einge­mein­dung Rüppurrs nach Karlsruhe 1907, Info Verlag Karlsruhe 2007, 95 S., € 8,50

Ernst Otto Bräun­che/Vol­ker Steck (Hg.): Vom Spital zum Klinikum. Städtische Gesund­heits­vor­sorge in Karlsruhe (Veröf­fent­li­chun­gen des Karlsruher Stadt­ar­chivs, Band 29), Info Verlag Karlsruhe 2007, 543 S., € 25,-