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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 77 vom 21. Dezember 2007

Carls­ru­her Blick­punkte

Vereins­heim wanderte einst auf die Untere Hub

Es wirkt auf den ersten Blick etwas verschla­fen und unschein­bar, auf den zweiten wie ein Überbleib­sel aus längst verges­se­nen Tagen, das alte Clubhaus der Turner­schaft Durlach auf der Unteren Hub. Doch das zweige­schos­sige, von einem Hausgärt­lein umgebene Gebäude, das sich am östlichen Rand des Sport­plat­zes der Turner­schaft erhebt, ist ein bauliches Zeugnis eines Stücks Durlacher Sport- und Sozial­ge­schichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Und es hat dabei selbst ein etwas kurios anmutendes Kapitel dazuge­schrie­ben. Denn es besteht eigentlich aus den kunstvoll zusam­men­ge­füg­ten Überbleib­seln zweier Vorgänger.

Das gemauerte Erdge­schoss ist aus den Trümmer­stei­nen des vormaligen Clubhauses des Turnver­eins Durlach gebaut, das seinen Platz an gleicher Stelle hatte und im Zweiten Weltkrieg von Brand­bom­ben zerstört wurde. Das vollstän­dig aus Holz errichtete obere Stockwerk des Hauses, in dem bis Anfang der 1980er Jahre Versamm­lun­gen und gesellige Abend der Turner­schaft die Szenerie beherrsch­ten, blickt hingegen auf eine gänzlich andere Herkunft zurück. Es hat eine Art Durlacher Binnen­mi­gra­tion hinter sich, zog einst von der Grötzinger Straße auf die Untere Hub.

Ausgangs­punkt der Wander­schaft war ein handfes­ter Krach innerhalb des ASV Durlach, der mit einem Zerwürf­nis und im Jahre 1946 mit der Wieder­grün­dung der Turner­schaft Durlach 1846 endete. Und die hat eine weitere Vorge­schichte: Die Turner­schaft hatte es zuvor als solche nur wenige Jahre gegeben, sie war 1934 im Rahmen des Gleich­schal­tungs­po­li­tik der Natio­nal­so­zia­lis­ten aus der Fusion von Turnverein und Turnerbund Durlach entstanden. Die Turner­schaft verfügte somit bis 1945 über zwei Plätze und Vereins­heime. Das eine Standbein hatte sie auf dem Gelände des früheren Turnver­eins auf der Unteren Hub, das andere auf dem Areal des Turner­bunds an der Grötzinger Straße (B3).

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung vom Regime der Natio­nal­so­zia­lis­ten entstand nach dem Willen der Alliierten mit dem Allge­mei­nen Sport­ver­ein (ASV) Durlach zunächst nur ein einziger großer Verein, der sämtliche zuvor in der ehemaligen Markgra­fen­stadt aktiven Vereine aufnehmen sollten. Zu den Gründungs­mit­glie­dern des ASV Durlach am 8.September 1945 gehörten die Fußball­ver­eine FC Germania 1902 und VfR Durlach, die Turner­schaft oder der Schwimm­ver­ein wie auch Vertreter der 1934 von den Natio­nal­so­zia­lis­ten verbotenen Arbei­ter­be­we­gung wie die Turnge­meinde von 1895 oder der Arbei­ter­sport­ver­ein. Als Gelände bekam der ASV zum einen die Fläche an der Grötzin­ger Straße (heute Hartplatz des ASV Durlach) zugewiesen, auf der bis 1934 der Turnerbund, danach die Turner­schaft Handball spielte oder turne­ri­sche Vorfüh­run­gen zeigte. Darüber hinaus ging das benach­barte frühere Areal des VfR Durlach hin zur Alten Weingar­te­ner Straße (heute Turmberg­sta­dion) an den ASV.

Die Dominanz der Fußballer im neuen Verein stieß jedoch bei den Verfech­tern anderer Sportarten auf wenig Gegenliebe. Zunächst verließen die Schwimmer den Verein, danach zeigten Mitglieder der früheren Turner­schaft nach einem tiefen Disput dem ASV die rote Karte und gründeten im Februar 1946 ihren alten Verein wieder. Dadurch mussten sie zwar per Gerichts­ent­scheid auf den jetzt dem ASV gehörenden alten Platz des Turner­bunds an der Grötzinger Straße verzichten, konnten sich aber an ihrem weiteren früheren Sitz auf der Unteren Hub wieder neu einrichten. Der war stark zerbombt und es kostete einige Mühe, das Sportfeld und die Anlage wieder herzu­rich­ten. Mit dem zerstörten Clubhaus war allerdings nichts mehr zu machen. Doch die Turner­schaft­ler zeigten Kreati­vi­tät und Tatendrang. Mit dem Trümmer­schutt füllten sie Bomben­t­rich­ter auf dem Gelände, aus den verblie­be­nen Steinen des früheren Clubhauses mauerten sie den Grundstock eines neuen und einen Tanzboden wenige Meter daneben. Dem Vereins­heim fehlte damit allerdings immer noch die obere Hälfte. Doch auch da wussten die Neugrün­der Rat. "In einer konzer­tier­ten Aktion", erinnert sich Hartmut Wackers­hau­ser, der langjäh­rige Handball-Abtei­lungs­lei­ter der Turner­schaft, "zogen alte und junge Mitglieder an einem Samstag im Frühsommer 1948 auf das Gelände des ASV Durlach und montierten die Balken und Planken des früheren, aus Holz gebauten Heims des Turner­bunds ab". Auf dies hatten sie - im Gegensatz zum Gelände - per Gerichts­ent­scheid Anspruch. Den setzten sie in die Tat um, verfrach­te­ten die Einzel­teile auf die Untere Hub und zimmerten daraus kurzerhand das Oberge­schoss des neuen Vereins­heims der Turner­schaft. Und in dieser Zweitei­lung steht das aus zwei Clubhäu­sern entstan­den Gebäude dort noch heute.

Mathias Tröndle, Historiker und Journalist
 

Foto: Patricia Stutz

Foto: Patricia Stutz