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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 77 vom 21. Dezember 2007: Verlauf und Hintergründe des "Haber-Skandals"


"Stra­ßen­tu­mult in Karlsruhe"

Liberales Baden? Da blickt man in erster Linie auf die Zeit Großherzog Friedrichs I. (1852-1907) zurück, als der Libera­lis­mus regierende Partei wurde. Histo­ri­kern schien freilich schon die Zeit vor der Revolution 1848, der Vorrnärz, in Baden anders akzen­tu­iert zu sein als anderswo, durch bekannte Profes­so­ren und Journa­lis­ten, durch Abgeord­nete der II. Kammer, durch eine quali­fi­zier­te Beamten­schaft, den "Geheim­rats­li­be­ra­lis­mus" geprägt, ein "Testfeld für Fortschritt­lich­keit" trotz des bundes­deut­schen Metternich Systems, eine "Schule des vorrn­ärz­li­chen Libera­lis­mus" trotz Obrig­keits­staat, so Franz Schnabel. Aber neben dem Ringen um mehr politische Freiheit im Landtag und in der Presse gab es in Baden Proteste aus vielen Gründen, ökono­mi­sche und rechtliche, "Brot­cra­wal­le" und "Hunge­run­ru­hen", Handwerker gegen Studenten, Bürger gegen Militär und Polizei, lokale Rivali­tä­ten und Gasthaus­strei­te­reien. 58 davon hat man vor der Märzre­vo­lu­tion 1848 gezählt, und einer von ihnen ist in vieler Hinsicht nicht nur in den damaligen deutschen Ländern bekannt und umstritten gewesen, sondern auch später, ja heute noch mit seinen Hinter­grün­den aufschluss­reich, der Karlsruher "Haber Skandal" 1843.

Ausgangs­ba­sis

Gegen Ende des 18. Jahrhun­derts zog der jüdische Händler Salomon Haber aus Breslau nach Karlsruhe und wurde bald wohlhabend, denn nach Napoleons imperia­lis­ti­schen Kriegs­zei­ten fehlte überall das Geld für die Besei­ti­gung der Zerrüt­tun­gen. Öffent­li­che Subskrip­tio­nen waren bei der allge­mei­nen Verarmung kaum möglich, also mussten die Fürsten und ihre Regie­run­gen sich an die "Geld­händ­ler" halten, und die erste Hälfte dieses Jahrhun­derts war eine klassische Ära der Privat­ban­kiers. Haber stieg bald zum "Hofban­kier" auf. 1829 wurde ihm von Großherzog Ludwig der erbliche Adel verliehen, und seine Dienste wurden "durch ein Denkmal der Ehre, das über die Schätzung gewöhn­li­cher Glücks­gü­ter sich erhebt", ausge­zeich­net. In kurzer Zeit war das Bankhaus Haber mit entschei­den­der Betei­li­gung an den Aktien­ge­sell­schaf­ten Spinnerei Ettlingen, Zucker­fa­brik Waghäusel und Maschi­nen­fa­brik Karlsruhe zum wichtigs­ten Förderer der Indus­tria­li­sie­rung Badens aufge­stie­gen.

Auch die Söhne Habers arbeiteten im Bankhaus, und der älteste Sohn Moritz, seit 1823 im Ausland tätig, kehrte 1838 mit einem bei manchen umstrit­te­nen Ruf nach Karlsruhe zurück, weil er in England und Spanien die finan­zi­el­len Belange der vertrie­be­nen Bourbonen und Carlisten mit welchen Methoden auch immer betrieben hatte. Ausge­zeich­net mit entspre­chen­den Orden erstrebte er nichts mehr als in der Oberschicht, zu denen die Habers gehörten, durch den engen Kontakt zum großher­zog­li­chen Hof eine besondere Rolle zu spielen. Großher­zo­gin Sophie, Tochter des vertrie­be­nen schwe­di­schen Königs Gustav IV., betraute Moritz v. Haber mit einer diplor­na­ti­schen Mission, um in Schweden für die dortige Thronfolge ihres Bruders Prinz von Wasa zu werben, freilich ohne Erfolg. Aus vielen Treffen ergab sich ein "unan­ge­mel­de­ter Zugang" zu ihr, mit dem sich Haber brüstete, wobei ihm unter­stellt wurde, er hätte ein sexuelles Verhältnis mit der Großher­zo­gin. "Dieses Gerücht drange nicht allein bis zu den Ohren des Großher­zogs, was zu unlieb­sa­men Famili­ens­ze­nen Veran­las­sung gab, sondern auch in weitere Kreise und riefe, da Großherzog Leopold wegen seiner Freund­lich­keit und Herzens­güte allgemein beliebt war, eine ungeheure Erbit­te­rung gegen Haber hervor."

Duelle

Der Skandal begann 1843 mit einer Liste zur Einladung für einen Ball in BadenBaden, auf der sich Moritz v. Haber eintrug. Das veran­lasste den Oberleut­nant Julius Göler von Ravensburg aus Protest an dem Ball nicht teilzu­neh­men, hatte er doch Jahre zuvor Haber eine Schurken genannt, weil dieser sich abfällig über ein Mitglied der Offiziers­ge­sell­schaft äußerte. Da Haber damals vor einer standes­ge­mä­ßen Forderung zum Duell zurück­schreckte, sei er auch in dieser Gesell­schaft nicht satis­fak­ti­ons­fä­hig, was er dem Ballko­mi­tee mitteilte. Dieses verfügte zunächst die Streichung Habers von der Teilnah­me­liste, zog aber diese Entschei­dung zurück, als der Vorgang in der halbof­fi­zi­el­len "Karls­ru­her Zeitung" veröf­fent­licht worden war. Das ließ den russischen Garde­küras­sier­leut­nant Verefkin eine Intrige gegen Moritz v. Haber vermuten, und er forderte Göler zum Pisto­len­du­ell. Am 2. September konnte er auf dem Gottesau­er Schieß­stand des Artil­le­rie­re­gi­ments Göler schwer verwunden, der aber noch im Stande war, ihn, Verefkin, mit seinen Schüssen zu töten. Göler erlag wenig später seinen Verlet­zun­gen.
Sturm auf das Haus Haber

Gölers Sarg wurde am 5. September in einem pompösen Leichenzug unter großer Betei­li­gung der Bevöl­ke­rung durch die Lange­straße (heute Kaiser­stra­ße) vorbei am Haus Haber (heute Kaufhaus Karstadt) getragen. Haber war nach Karlsruhe zurück­ge­kehrt und das Gerücht besagte, dass er vom Fenster aus, andere behaup­te­ten vom Balkon, das Trauer­ge­fol­ge beobach­tete, gerade er, der doch der Urheber des tödlichen Duells gewesen sei. Karlsruhe sah sich in allen Ständen in größter Aufregung, so heißt es, und am Abend dieses 5. September kam es deshalb vor dem Haberschen Haus zu einem Auflauf. "Die nach und nach bis auf ungefähr 150 Personen angewach­sene Menge verhielt sich anfangs ruhig, bald aber ... begann, während die Zahl der vor dem Haus Verwei­len­den sich mehrte, lautes Schreien (Hepp, Hepp und Juden raus) und Pfeifen." Die Karlsruher Polizei­be­hörde unter Direktor Picot sah sich trotz Vorwarnung überfor­dert. Die wenigen Soldaten der Rathaus­wa­che konnten nicht Herr über die erregte Menge werden, und bald eskalierte die Demons­tra­tion. Im Tagebuch des Zeitzeugen Koelle liest man: "Ich begab mich [nach dem Theater­be­such] rasch an Ort und Stelle und sah eine Szene unbeschreib­li­cher Verwirrung. Verklei­dete 0ffiziers­bur­schen, unter­stützt von Pöbel­hau­fen ... schlugen mit Äxten die Türen und Fenster­lä­den ein, bewarfen das Haus mit Pflas­ter­stei­nen und drangen endlich ein, schlugen alles kurz und klein , zerstörten Möbel und alles, was sie erreichen konnten, warfen Kleider, Weißzeug, Silber und derglei­chen auf die Straße, wovon vieles geraubt wurde. Keine Polizei, keine Gendar­me­rie ließ sich sehen." Endlich, nachdem das Zerstö­rungs­werk ziemlich vollendet war, kam Kavallerie von der Drago­ner­ka­serne heran­ge­rit­ten, um die Straße frei zu machen. "Es war aber nicht Ernst damit. Die Offiziere riefen den Tumul­tuan­ten zu: Fürchtet euch nicht! Es geschieht euch nichts, und ließen Raum, dass der Pöbel immer wieder durchgehen konnte." Moritz v. Haber wurde in Schutz­haft genommen und durch eine Seitentür in Sicherheit gebracht. Vom Rathau­sturrn soll er der Zerstörung des Hauses zugesehen haben.

Konse­quen­zen

Der Vorgang in dem sonst so bieder­mei­er­li­chen, geset­ze­streuen Karlsruhe fand eine weite Verbrei­tung. "Hörte man die Erzäh­lun­gen einiger rheini­scher und sächsi­scher Blätter, so wäre an einem von vorne herein angelegten Plane Moriz v.Haber aus dem Lande zu vertreiben, kaurn zu zweifeln", heißt es in der Broschüre "Exzesse". Damit bekam dieses Ereignis einen politi­schen Akzent, und das Minis­te­rium des Innern tat zunächst nun alles, um den Skandal mit "unglück­li­chen Umständen" und "Zufäl­len" herun­ter­zu­spie­len. Das Militär ließ sich zum einen gar kein Versagen zuweisen noch konnte das Offiziers­korps beschul­digt werden, den "Pöbel­hau­fen" begünstigt zu haben Als Bauernop­fer diente lediglich die Zurru­he­set­zung des Polizei­di­rek­tors Picot, der obwohl tätig, "bei der Ausübung seines Amtes die nötige Vor und Umsicht nicht angewandt und in den dringenden Momenten die rechte Zeit zum Handeln verfehlt und die nötige Entschie­den­heit in derselben ermangelt hat", freilich "ohne üble Absicht". Die Strafen für 36 Tumul­tuan­ten bezogen sich auf knappe Gefäng­nis­zei­ten, 17 Angeklagte wurden freige­spro­chen. Das Innen­mi­nis­te­ri­um versuchte jedoch den weiteren Verstößen auf den Grund zu gehen, während die lokalen Behörden den Tumult um den Ruf der Residenz­stadt willen bagatel­li­sier­ten. Aber der Landtag disku­tierte die Vorgänge und beklagte die Ausschrei­tung. In einer Resolution wurde Aufklärung gewünscht, "wie es ohne weiteres Verschul­den der Behörden möglich gewesen sei, dass die gegen das Eigentum eines Bürgers verübten Gewalt­tä­tig­kei­ten stunden­lang fortge­setzt werden konnten." Im Obrig­keits­staat hatte Ordnung zu herrschen, und in der Presse der anderen Länder des Deutschen Bundes sollte man wissen, dass Baden ein Rechts­staat sei. So waren auch die Duelle verboten, und der Sekundant von Göler, der spanische Adlige Georg von Sarachaga Uria, badischer Oberleut­nant a la suite, wurde zwar vom Kriegs­ge­richt wegen Mitwirkung zu zehn Monaten Festungs­ar­rest verurteilt, was aber dann "wegen mildernder Rücksich­ten im Wege der Gnade" vom Großherzog auf "vier­wö­chi­gen einfachen Hausarrest herab­ge­setzt" wurde. Koelle notiert dazu in seinem Tagebuch: "Die Herren v. Uria und Haber sorgten dafür, dass der Skandal nicht sofort aufhörte. Sie bedienten sich gegen­sei­tig mit Zeitungs­ar­ti­keln und Broschüren, welche von dem skandal­süch­ti­gen Publikum mit großer Begierde gelesen wurden. In diesem geistigen Kampfe war aber der Sieg auf Seiten Habers, denn Uria stand ihm an Intel­li­genz weit nach." Auf den Vorwurf des Spaniers, Haber sei ein Feigling, antwortete diesmal dieser mit einer Forderung. Am 14. Dezember starb Sarachaga Uria auf hessischem Boden, eine Familie mit Sohn und Tochter hinter­las­send, im Pisto­len­du­ell. In einem Schreiben für den Fall seines Tode hatte er gewünscht, dass er "dieser Sache ein Ende machen wollte, "weil ich Baden, das mir eine zweite Heimat geworden, das Land, welches ich nach Spanien am meisten liebe, von einem Menschen befreien wollte, der ihm zur Geißel geworden ist."

Das Bankhaus Haber & Söhne geriet unabhängig von den Ereig­nis­sen 1843 vier Jahre später in eine Liqui­da­ti­ons­krise, mögli­cher­weise durch immer größere Wechsel­rei­te­rei. In der Heidel­ber­ger "Deutschen Zeitung" meldete der Börsen­kor­re­spon­dent am 31. Dezember 1847: "Heute haben die Bankhäuser L. H. Flersheim, J. F. Gontard & Söhne und S. v. Haber & Söhne ihre Zahlungen einge­stellt. Es lässt sich denken, welche Bestürzung dieses Ereignis an der Börse brachte." Der Name Moritz v. Haber tauchte noch einmal 1847 bei der Gründung einer Darrn­städ­ter Bank, die Namen seiner Brüder Max und Louis 1855 in der Schweiz und Österreich auf, dann verliert sich die Spur.

Hinter­gründe

Versucht man die Gründe für diesen Skandal zu finden, so ergeben sich verschie­dene Akzente. Koelle beschreibt Moritz v. Haber als "unver­kenn­bar mosaischen Typs". Offenbar erschien er für viele der badischen Oberschicht und nicht nur dieser als Fremder, Sohn eines einge­wan­der­ten schle­si­schen Ostjuden, nicht zugehörig trotz des badischen Adels­ti­tels. Seit Beginn des 19. Jahrhun­derts war zwar die Emanzi­pa­tion der Juden fortge­schrit­ten, doch waren sie von Handwerks­be­ru­fen ausge­schlos­sen. Sie sollten allein auf "Handel mit Vieh , Trödel und Krämer­wa­ren, Gold, Silber, Geld, Wein, Früchte etc. und solchen Hantie­run­gen, welche von keinem Handwerker im Lande betrieben werden", beschränkt bleiben. Nach der Verfassung von 1818 durften nur christ­li­che Staats­bür­ger Zivil und Militär­stel­len besetzen. Die Überzahl der jüdischen Bevöl­ke­rung blieben Grenz­gän­ger, gesell­schaft­lich nicht anerkannt, und das galt bei den einfachen Ständen wohl auch für die wenigen jüdischen Vertreter der Oberschicht.

Jedenfalls fiel diese durch die Schnel­lig­keit im Erwerb des Reichtums auf. In der bisherigen ständi­schen Gesell­schaft vollzog sich das Wohlstands­wachs­tum langsam. Nun waren aber andere Zeiten angebro­chen, die Aufhebung der Leibei­gen­schaft und damit Verän­de­run­gen im ländlichen Besitz, die neue Gewer­be­frei­heit, der Beitritt Badens zum Zollverein 1836 und dadurch die Verstär­kung des Wettbe­werbs. Wenn etwa ein Viertel der sozialen Proteste im badischen Vormärz Ausschrei­tun­gen gegen Juden waren, so gründeten sie in ökono­mi­schen und recht­li­chen Mängeln, z.B. beim Heidel­ber­ger "Juden­stur­m"" 1818, vorwiegend durch Handwerks­bur­schen ausgelöst, ebenso wie im gleichen Jahr in Karlsruhe. Schon damals hatte man sich an der engen finan­zi­el­len Beziehung des Bankhauses Haber mit dem Hof gerieben, aber hier griff Militär und Polizei entschie­de­ner zu.

Die Indus­tria­li­sie­rung brachte Chancen und Bedrohung zugleich. Viele Schneider waren nun Arbeiter in einer "Kleider­fer­ti­gungs­fa­brik", Tischler in einer "Möbel­hand­lung", die auch von agilen jüdischen Unter­neh­mern geleitet wurden und wie andere nur knappe Löhne zahlten. Man fühlte sich dequa­li­fi­ziert, weil der wachsende Status der anderen den eigenen bisherigen Status beschränkte.

Neben diesen antiju­dais­ti­schen Tumulten gab es freilich auch das, was man seit 1879 (Wilhelm Marr) als "anti­se­mi­tisch" bezeich­nete, also eine Diskri­mi­nie­rung aus rassischen Gründen. An der Univer­si­tät Heidelberg verfasste schon Anfangs des Jahrhun­derts der Religi­ons­phi­lo­soph Jakob Friedrich Fries die Schrift "Über die Gefährdung des Wohlstands und des Charakters der Deutschen durch die Juden" (bald konfis­ziert), und sein Kollege, der evange­li­sche Theologe Heinrich Eberhard Paulus stand diesen Tendenzen ebenfalls nahe. Und unter "der Bürger­schaft von Karlsruhe", schrieb 1898 der Stadt­his­to­ri­ker Friedrich von Weech über den "Haber Skandal", "herrschte unzwei­fel­haft noch die gleiche Stimmung wie im September 1830, als sich am jüdischen Neujahrs­tag allerlei Volk vor der Synagoge versam­melte und die von ihrem Gottes­dienst kommenden Israeliten belästigt und geneckt hatten."

Offizier­sehre


Auslöser des Haber Skandals waren letztlich Offiziere. Das badische Heer umfasste um diese Zeit ca. 10.000 Mann. Das Offiziers­korps stammte um 1806 noch zu 56 % aus dem Adel, doch der Freiburger liberale Professor Rotteck hatte schon 1817 in einer Schrift "Nationale Miliz und stehendes Heer" ein demokra­ti­sches "Bürger­heer" gefordert. Der adlige Offizier sah sich durch zunehmende Bewerber aus dem Bürger­stand auch in seiner Dominanz begrenzt, und einen Ehrenkodex zu zelebrie­ren war für von Göler, "ein Duellant von Profes­sion", ein Status­sym­bol, denn, so schreibt Koelle, unter den Gerüchten litt ja auch das Ansehen der großher­zog­li­chen Familie, des Großher­zogs, dessen Rock man trug. Koelle, der später noch der Großher­zo­gin Sophie begegnete, streitet entschie­den ab, dass sie mit Moritz v. Haber ein Verhältnis gehabt habe, kritisiert aber: "Eine Frau sollte nicht allein tugendhaft sein, sie muß auch tugendhaft scheinen." Sie hätte also den direkten Zugang Habers zu ihren Räumen nicht zulassen dürfen, und so entstand wohl unter der Diener­schaft jenes Gerücht, das durch Habers Wichtig­tue­rei noch bestätigt wurde.

Unter die Tumul­tuan­ten mischten sich - wie zitiert - Offiziers­bur­schen, so dass bald ein neuer Rumor die Runde machte: der Offizier­s­stand versuche planmäßig Moritz v. Haber zu verjagen, und letztlich stehe der Bruder des Großher­zogs, Markgraf Wilhelm, dahinter, der seine Familie durch einen Juden "besudelt" sah. Man habe also den "Pöbel" instru­men­ta­li­siert, zumal das Militär viel zu spät bei dem Tumult eingriff. Solche Meinungen veran­lass­ten also das Innen­mi­nis­te­rium, entschie­den durch­zu­grei­fen, um auf jeden Fall das Militär von jeglicher Schuld freizu­spre­chen.

"Nichts Neues"

Ein Bündel von Problem­strän­gen eröffnen sich bei diesem Skandal, die den heutigen Leser der Quellen nachdenk­lich machen. Das Gespenst des neuen indus­tri­el­len Wettbe­werbs und einen ersten Schritt im Prozess einer letztlich umfas­sen­den Globa­li­sie­rung, der Aufstieg der Kapita­lis­ten, Fabriken kaufend und verlassend, die Börsen­kurse im Hinter­grund, die Angst vor dem Paupe­ris­mus, vor dem Abstieg ins "Preka­riat", also vom Handwerks­meis­ter zum Tagelöhner, das Gerech­tig­keits­ver­lan­gen bei zuneh­men­dem Ausein­an­der­klaf­fen von Arm und Reich, das Suchen nach einem Sündenbock und schließ­lich vielleicht eine Affäre mit sicher drei Toten. Wie konnten all diese Nachrich­ten in einer von der Zensur kontrol­lier­ten Presse gedruckt werden? Wer stand hinter dem Zensor? Und wie begierig las man all diese Querelen! Was für ein Material für den aufstre­ben­den Zeitungs­markt und damit für die öffent­li­che Meinung. Trug das zur politi­schen Unruhe der kommenden Jahre bei, oder war das nur Karls­ru­her Lokal­klatsch? Wie heißt es im Buch Koholet 1,9: "Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was man getan hat, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne."

Dr. Leonhard Müller, Historiker

 

Oberleutnant Julius Göler von Ravensburg.<br />Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oIII 212

Oberleutnant Julius Göler von Ravensburg.
Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oIII 212


Das Palais Haber in der Kaiserstraße. <br />Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS XIVe 130

Das Palais Haber in der Kaiserstraße.
Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS XIVe 130