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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 77 vom 21. Dezember 2007: Der Karlsruher Fächergrundriss

Verborgene Geometrie

Warum steht der Karlsruher Schlos­sturm genau an dieser Stelle und nicht ganz woanders? Wieso haben Forstleute den Karlsruher Fächer gerade hier in den Wald geschnit­ten? Diese und ähnliche Fragen hört oder liest man allent­hal­ben, überzeu­gende Antworten darauf nicht. Nun gibt es Äußerun­gen des Schrift­stel­lers Joachim Heinrich Campe, der im ausge­hen­den 18. Jahrhun­dert Karlsruhe besucht und hierbei nähere Einzel­hei­ten über die Anfänge der Stadt erfahren hat. In seinen "Reise­be­schrei­bun­gen für die Jugend" von 1787 schreibt Campe, Karlsruhe sei "nach einem vorher entwor­fe­nen regel­mä­ßi­gen Plane entstanden. Der Grundriss dieser Stadt gleicht einem Fächer." Vorher regelmäßig entworfen - will sagen, dass ein eigener, nach geome­tri­schen Regeln konstru­ier­ter Plan vorhanden war, bevor mit dem Bauen begonnen wurde. Wer vielleicht in den Archiven nach diesem Plan sucht, wird enttäuscht, denn weder geben die histo­ri­schen Schrift­stücke darüber Auskunft, noch ist eine derartige Zeichnung unter den erhaltenen Plänen der Stadt aufzu­spü­ren.

Der Wegestern für die Jagd Die Forscher indessen waren sich bereits Mitte des vorigen Jahrhun­derts darin einig, dass der Fächer­grund­riss von Karlsruhe nicht auf eine städte­bau­li­che Idee zurückgehe, sondern auf ein Wegenetz im Hardtwald, das man für die Jagd angelegt habe. Machen wir uns also einschlä­gige Literatur zunutze und nehmen ein im Barock weit verbrei­te­tes Buch zur Hand: "Neuer­öff­nete Jäger-Practica, Oder der wohlgeübte und erfahrne Jäger" von Heinrich Wilhelm Döbel, ein Text- und Tafelband, der, wie wir wissen, auch zur Durlacher Hofbi­blio­thek gehört hat. Darin erscheint vor allem das Kapitel über "die Verfer­ti­gung der Alleen, besonders zu einer achteckich­ten Stern-Allee" beach­tens­wert. Die Stern-Allee, nachfol­gend meist Wegestern genannt, strahlt von einer zentral gelegenen Freifläche aus und dient der Einteilung von Wildparks und Tiergärten für die Jagd; Herrschaft und Jäger konnten so auf kürzestem Wege zum Ausgangs­punkt zurück­fin­den. Dort stand gewöhnlich ein Jagdhaus oder ein kleines Schloss, eine Favorite ? in Karlsruhe wird es ein Jagdturm sein.

Immerhin lässt Döbel den Leser mit seiner ausführ­li­chen Beschrei­bung nicht allein. Er legt eine Zeichnung bei, die veran­schau­licht, wie ein Jagdrevier einge­rich­tet werden soll ? und tatsäch­lich sind auf diesem Blatt sämtliche geome­tri­schen Grund­ele­mente für den Karls­ru­her Fächer­grund­riss zu erkennen. Zentrum des von einem kreis­för­mi­gen Weg umgrenzten Reviers ist die Kreuzung von zwei Hauptwegen in ostwest­li­cher und nordsüd­li­cher Richtung, die nach Döbel "recht­win­ke­licht über einander lauffen." Der Kreuzungs­punkt dominiert als Mitte einen acht-strah­li­gen Wegestern, wobei Döbel zusätzlich die Richtungen für 16 Strahlen anzeigt. Diese Figur ergäbe, noch einmal verdoppelt, den aus 32 Strahlen beste­hen­den Karls­ru­her Wegestern! Daneben empfiehlt Döbel als Radius für den Kreisweg die Länge von "600, 700 oder 800 Schritten (wie es von dem Herrn befohlen wird)" - und der Radius des Zirkels in Karlsruhe beträgt sehr genau 600 Schritte!

Ein Raster als Maßgabe

Selbst­ver­ständ­lich vergaß Döbel nicht, dass der Wegestern genau vermessen und ausgeführt werden muss, und ergänzte daher sein geome­tri­sches Schaubild durch ein Gitter aus quadra­ti­schen Einheiten gleicher Größe, anders gesagt, durch einen recht­wink­li­gen Raster. Wollen wir diesen Raster auf den Karlsruher Fächer­grund­riss übertragen, so bietet sich deutlich der südöst­li­che Sektor in Döbels Zeichnung an. In den beiden Ost-West und Nord-Süd verlau­fen­den Hauptwegen der kreis­för­mi­gen Anlage, die im Norden und Westen diesen Ausschnitt begrenzen, erblicken wir die heutige Richard-Willstät­ter-Allee - der Zugang von Rintheim her in das Jagdgebiet - und die vom Schlos­sturm ausge­hen­de "Schlossach­se" in der Linie der späteren Karl-Friedrich-Straße. Der Kreuzungs­punkt der beiden Achsen wäre der Standort des Schlos­sturms. Weiter beziehen wir die Landstraße von Durlach über Gottesaue nach Mühlburg als südliche Begrenzung in den Raster mit ein, die spätere Lange Straße und heutige Kaiser­straße. Jetzt geht es darum, zu prüfen, ob dieser Raster wirklich zu den örtlichen Gegeben­hei­ten passt.

Vorab allerdings müssen wir klären, wie viele Raster­li­ni­en es sind und wie groß die quadra­ti­sche Einheit des Rasters ist. Um weiter­zu­kom­men, schauen wir uns am besten die Schlossachse in dem hier gezeigten Plan von 1718 etwas genauer an. Zwischen mehreren markanten Stellen fällt jeweils eine Strecke vermutlich gleicher Länge auf: zwischen Schlos­sturm, südlicher Grenze des Ehrenhofs vor dem Schloss, Bassin mit Brunnen, Straße am Schloss­platz und Kaiser­straße. Nehmen wir diese vier Strecken mit dem Durlacher Fuß (0,288 m) als Maß unter die Lupe, so wird unsere Ahnung zur Gewissheit: Die Schlossachse ist in vier gleiche Abschnit­te geteilt; wir können in Ost-West-Richtung ? die Richard-Willstät­ter-Allee und die Kaiser­straße als nördliche und südliche Grenz­li­nien verstanden ? fünf Raster­li­nien in vier gleichen Abständen verzeich­nen, und der Abstand der Linien ist zugleich das gesuchte Maß der quadra­ti­schen Einheit des Rasters. Ein solcher Raster wird übrigens schon seit jeher eingesetzt, ist als Hilfe willkommen, um Grundrisse und Fassaden von Gebäuden zu ordnen, nicht weniger bei der Planung von Stadt- und Kloster­an­la­gen, ja sogar beim Anfertigen von Bildwerken - schon der Erstkläss­ler will auf sein kariertes Schulheft nicht verzichten.
Zur Planung und Ausführung

Wie wir sehen, reichen aber die in Döbels Blatt einge­tra­ge­nen Ost-West gerich­te­ten Raster­li­nien über den Kreisweg hinaus. Mit der Verlän­ge­rung nach Osten und der vertikalen Umgrenzung kann die Figur eines lagernden Rechtecks entstehen, und die Stadtpläne aus den ersten Jahren von Karlsruhe erlauben eine solche Verlän­ge­rung ausnahms­los. In all diesen Plänen sehen wir zusätzlich die Gegend östlich des Zirkels abgebildet, und zwar bis einschließ­lich der Abknickung der Landstraße nach Mühlburg. Eine Erklärung hierfür liegt nahe: Markgraf Carl Wilhelm und sein für den Städtebau verant­wort­li­cher Planer Johann Friedrich von Bazendorff hatten sich darauf verstän­digt, die vorhandene Landstraße als Basislinie in den Fächer­grund­riss einzubauen. Zu diesem Zweck war natürlich nur der gerade Straßen­ab­schnitt westlich der besagten Abknickung geeignet. Misst man wiederum von dort ab die Länge der Landstraße bis zum Schnitt­punkt mit der Schlossachse, so ergibt die Strecke genau sieben Einheiten. Die Stelle, wo die Landstra­ße abknickt, und das Maß von sieben Einheiten haben demnach die östliche und die westliche vertikale Grenzlinie des Rasters bestimmt und damit dessen Größe; der nordwest­li­che Eckpunkt des Rasters freilich bezeichnet den Mittel­punkt der Gesamt­an­lage, ist später der Standort des Turms. Namentlich haben wir jetzt die zwei zu Beginn aufge­wor­fe­nen Haupt­fra­gen, die nach der Lage des Turms und des Wegesterns, bündig beant­wor­tet.
Vollstän­dig stellt die recht­e­ckige Form des Rasters also ein Seiten­ver­hält­nis von 4 : 7 Raste­r­ein­hei­ten dar, was sich auch anhand späterer histo­ri­scher Karlsruher Stadt­plä­ne beweisen lässt, selbst am derzei­ti­gen Plan der Stadt. Und wie wenn es noch einer Nachhilfe bedurft hätte: Die Entfernung in der Richard-Willstät­ter-Allee zwischen Schlos­sturm und Mitte­lachse der Jagdhaus­an­lage, dem späteren Fasanen­sch­löss­chen, beträgt fünf ganze Einheiten. Dies könnte ein Fingerzeig darauf sein, dass der Raster und mögli­cher­weise auch der Entwurf für Karlsruhe selbst 1714 zustande gekommen sind, denn das Jagdhaus war zu dieser Zeit schon im Bau.

Für von Bazendorff aber war es nun ein Leichtes, den beschrie­be­nen Raster auf das ganze geplante Revier auszu­wei­ten und darin den Wegestern samt Zirkel lückenlos einzu­zeich­nen. Wie die Wissen­schaft nachge­wie­sen hat, war jedoch das Seiten­ver­hält­nis 4 : 7 gemeinhin schon in der Frühzeit und über das Mittel­al­ter hinweg bis in das Barock die bevorzugte Proportion für ein Rechteck, denn ein solches Rechteck lässt sich ganz einfach aus einem gleich­sei­ti­gen Dreieck konstru­ie­ren und im Gelände vermessen.

Nachzu­tra­gen ist noch, dass der Geometrie, die Vermes­sung einge­schlos­sen, seit der Antike und noch in der Anfangs­zeit von Karlsruhe hohe Bedeutung zukam, vonseiten der Künste wie der Bau- und Stadt­bau­kunst und vonseiten der Theologie und Philo­so­phie ? noch ein Lehrbuch über die Messkunst von 1706 beruft sich auf keinen Geringeren als Platon. Doch bekannt­lich war das Barock gleicher­ma­ßen die Zeit geheimer Lehren. So dürfen die Zahlen 4 und 7 überdies symbo­lisch gesehen werden. Nicht von ungefähr verwahrte die Durlacher Hofbi­blio­thek einschlä­gige Traktate zur Kabbala, Geomantie, Freimau­re­rei wie zur Alchemie, der nachweis­lich das ausge­machte Interesse des Markgrafen gegolten hat.

Schluss­be­mer­kun­gen

Fassen wir das Ergebnis unserer Nachfor­schun­gen zusammen. Dem Karlsruher Fächer­grund­riss ging eine Jagdanlage in Form eines 32-strahligen Wegesterns voraus. Schon 1714 hatte von Bazendorff diese Figur gezeichnet über einem aus der Topografie entwi­ckel­ten geome­tri­schen Raster, der aller­dings im fertigen Stadtplan nicht zu sehen ist. Mittel­punkt des Wegesterns war der nordwest­li­che Eckpunkt des Rasters, der spätere Platz des Jagdturms. Erst ab Mitte 1715 kam es dann zum Ausbau der Anlage mit Turm, Schloss und Wohnbe­bau­ung als fürst­li­chem Sommersitz und schließ­lich 1718 als Residenz.

Zuletzt können noch einige Detail­be­ob­ach­tun­gen bestätigen, dass unsere Annahmen für den Raster zutreffen. Verwun­dert mag der Betrachter beim ersten Blick auf den Stadtplan von Bazen­dorffs bemerken, dass die zahlrei­chen kleinen Einbauten in der Richard-Willstät­ter-Allee sich nicht genau in den vorge­ge­be­nen Raster einordnen lassen. Die rekon­stru­ier­te Geometrie hingegen zeigt, dass ihre Standorte durch Schnitt­li­nien bestimmt sind, die von Kreuzungen im Raster selbst ausgehen und durchweg in der Mitte des nördli­chen Zirkels am Jägerhaus münden, und weitere Schnitt­li­nien geben präzise die Knoten für das Wegenetz im Schloss­gar­ten an ? die der Karlsruher Geometrie unterlegte esote­ri­sche Bedeutung anderer­seits, von der wir kurz gesprochen haben, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben.

Dr. Gottfried Leiber, Stadt­o­ber­bau­di­rek­tor a.D.
 

Erschließung des Waldes durch einen Wegestern mit acht Alleen. H. W. Döbel, Neueröffnete Jäger-Practica, T. II, Taf. p. 10.

Erschließung des Waldes durch einen Wegestern mit acht Alleen. H. W. Döbel, Neueröffnete Jäger-Practica, T. II, Taf. p. 10.


Grundriss von Karlsruhe, J. F. von Bazendorff 1718, Ausschnitt, Kunsthalle Karlsruhe, Kupferstichkabinett 154 (Ergänzungen Raster und Schnittlinien v. Verf.).

Grundriss von Karlsruhe, J. F. von Bazendorff 1718, Ausschnitt, Kunsthalle Karlsruhe, Kupferstichkabinett 154 (Ergänzungen Raster und Schnittlinien v. Verf.).


Stadtplan karlsruhe mit dem Entwurfsraster für den Grundriss der ersten Karlsruher Gesamtanlage. Planvorlage: Stadt Karlsruhe, Vermessung. Liegenschaften, Wohnen 2005.

Stadtplan karlsruhe mit dem Entwurfsraster für den Grundriss der ersten Karlsruher Gesamtanlage. Planvorlage: Stadt Karlsruhe, Vermessung. Liegenschaften, Wohnen 2005.