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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 75 vom 16. Juni 2007: Zum Tod des Großherzogs Friedrich I. von Baden 1907

Der letzte Paladin

Als Paladine, als Quasipfalz­gra­fen hatte man Moltke (+1891) und Bismarck (+1898) empfunden, als die Getreuen das alten Kaisers, so tönte es in den Zeitungen anläss­lich jener Prokla­ma­ti­ons­szene im Versailler Schloss im Januar 1871, deren Bild in jedem Schulbuch an die Gründung des Deutschen Reiches erinnerte. Und nun war auch der letzte "Führer des heroischen Zeital­ter­s" dahin­ge­gan­gen: Großherzog Friedrich brachte 1871 das erste Hoch auf Kaiser Wilhelm aus, einem Titel, den er als Moderator im Streit zwischen seinem Schwie­ger­va­ter und Bismarck als Konflikt­lö­sung nutzte, denn der Kanzler hielt Begriffe wie "Deutscher Kaiser" oder "Kaiser von Deutsch­land" für konflikt­träch­tig.

Großherzog Friedrich war nicht nur durch die Heirat mit Luise, der Prinzessin von Preußen, borussisch gesonnen. Für ihn war ein Preußen Deutsch­land die einzige Lösung, um an Stelle des lockeren Deutschen Bundes ein modernes strafferes Deutsches Reich zu schaffen. Daran erinnerte man sich jetzt, 1907, in kaum zählbaren Leitar­ti­keln.

Presse­stim­men

Die liberalen Blätter feierten Friedrich schlecht­hin als "Genius der Libera­li­tät", die konser­va­ti­ven suchten nach etwas kleinerer Münze. So hieß es in der "Natio­nal­zeit­ting" etwas herab­las­send: "Wenn das Wort Muster­länd­le' gelegent­lich mit einem spötti­schen Unterton gesprochen wurde, so hat doch Friedrich von Baden bis in die letzten Jahre seines Lebens bewiesen, eine wie ernste Sache ihm, dem Fürsten, die verfas­sungs­mä­ßige Sicherung des Staats­le­bens war." Der SPD-Frakti­ons­vor­sit­zen­de und 2. Vizeprä­si­dent der Badischen 2.Kammer, hatte sich zwar "aus verfas­sungs­mä­ßi­gen Gründen" nicht an der Kondo­lenz­de­pe­sche beteiligt, die immerhin einem Monarchen galt aber die SPD-Abgeord­ne­ten Frank und Kolb nahmen an dem Trauerzug teil, sehr zum Ärger der Berliner Partei­zen­trale.

Und so nahm denn auch das Volk als erstes am Bodensee vorn dem Einun­dacht­zig­jäh­ri­gen Abschied und die Presse war voll von Anekdoten über den "getreuen Eckart", der nicht wie anderswo immer in Uniforrn herumlief, so dass mancher ihn in Zivil nicht gleich erkannte. Es werden immer die gleichen Vorkomm­nisse wiederholt, so z.B. die Begegnung des Fürsten­paa­res mit einem alten Bauern im Umfeld von St. Blasien. "Der Alte schaute die Großher­zo­gin scharf an und sagte zum Großherzog: 'No, mit dere werre Ihr au Euri liewe Not ha!"

Der Weg zur Residenz

Auf der Mainau war Friedrich am 28. September 1907 im Kreis seiner Familie sanft und friedlich entschlum­mert, und der Sonderzug nahm am 30. September von Konstanz aus langsame Fahrt nach Karlsruhe. Die Stationen wurden angezeigt, und da strömte alles herbei, die Bauern und Handwerker, die Kaufleute und Beamte, die Feuer­weh­ren und Gendar­me­rien und Vereine noch und noch. Mit Tannengrün und Trauer­schlei­fen waren die Fahnen­maste in Karlsruhe geschmückt, die Straßen­la­ter­nen gelöscht, aus Pylonen flackerte Feuer, mächtige Kandelaber waren auf dem Marktplatz errichtet. Am Abend vorher hatte in der Festhalle eine große Trauer­feier statt­ge­fun­den. Nun läuteten alle Glocken, Kanonen­don­ner scholl vom Lauterberg. Die Gendar­me­rie hatte Mühe, den Ansturm der Bevöl­ke­rung beim Leichenzug vom Bahnhof zum Schloss zu kanali­sie­ren. Vom 3. bis 5. Oktober konnte man in der Schloss­kir­che zwischen 10 und 17 Uhr im dunklen Anzug Abschied vom Einbal­sa­mier­ten nehmen. Ca. 20 000 Besucher zählte man, die im langsamen Gang am Prunksarg vorbei defilier­ten.

Die Beisetzung

Zur Beisetzung am 7.Oktober kam Kaiser Wilhelm II. mit seinen fünf Söhnen, von Großherzog Friedrich II. am Bahnhof herzlich begrüßt. "Dreimal küßten sie sich", heißt es in vielen Zeitungen. Das Verhältnis der Vettern - Friedrichs Mutter Luise war die Schwester des Vaters Wilhelms konnte man nicht immer als harmonisch bezeichnen. Und 1901 war es zum echten Konflikt gekommen, als der alte Großherzog sich für seinen Sohn, Komman­die­ren­der General in Koblenz, das General­kom­mando in Karlsruhe ausbat, um den Nachfolger in seiner Nähe zu haben. Des Kaisers Militär­ka­bi­nett lehnte das mit höchster Billigung ab, weil man einen General aus Preußen an einer möglichen Front gegen den "Erbfeind" im Grenzland wissen wollte. 1902 sagte Friedrich I. den üblichen Januar­be­such zum Geburtstag Wilhelms II. in Berlin ab, denn, so schrieb er, er mochte ihm "den Anblick eines alten betrübten Vaters ersparen." Doch schon 1902 meldete Eisen­de­cher, der preußische Gesandte in Baden: "Der Landesherr ist zwar offenbar noch etwas gereizt ... Derartige Stimmun­gen dürften aber mit der Zeit verschwin­den."
Und nun, fünf Jahre später, beschwor Wilhelm wieder die heraus­ra­gende Rolle seine Onkels bei der Reichs­grün­dung, diesmal in der Uniform, des Mannhei­mer Grena­dier­re­gi­ments, dessen Chef er war, mit badischen Farben im Generals­fe­der­busch und dem Marschall­stab in der verkrüp­pel­ten Rechten. Um 11 Uhr fuhr man in die Schloss­kir­che, wo sich 50 Fürsten in den Logen drängelten, der Kronprinz von Schweden, Schwie­ger­sohn des Toten, die Könige von Sachsen und Württem­berg, alle Großher­zöge und viele Fürsten mehr. 65 Staaten hatten Vertreter entsandt. Man begann mit Gesang. Der Präsident des Oberkir­chen­rats predigte. Nach dem Segen trugen zwölf Unter­of­fi­ziere den Sarg hinaus. Die Damen fuhren in ihren Kutschen zum Mausoleum, die Herren ordneten sich zum Leichenzug über den Zirkel zum Fasanen­gar­ten.

Der Leichenzug

Am Anfang Militär, am Ende Militär, schließ­lich war Friedrich 1. zuletzt General­oberst der Kavallerie mit dem Rang eines General­feld­mar­schalls auch mit unguten Erinne­run­gen, da er 1849 als Major in der Absicht, das rebel­lie­rende badische Leibgar­de­re­gi­ment wieder zur Raison zu bringen, plötzlich vor den randa­lie­ren­den Soldaten aus dem Kaser­nen­fens­ter springen mußte, um anschlie­ßend mit seiner Familie das Land zu verlassen.

Hinter dem Hoffurier schritten die Geist­li­chen beider Konfes­sio­nen; auch Erzbischof Nörter aus Freiburg war anwesend. Und der Bezirks­rab­bi­ner Pinkuss stand in der Trauer um seinen Großherzog nicht nach, dessen aufge­schlos­sene Haltung gegenüber den Israeliten preisend, wie es auch in den "Mittei­lun­gen des Vereins zur Abwehr des Antise­mi­tis­mus" hieß.

Nach den Flügel­ad­ju­tan­ten trugen Minister und Generale die Orden, das Szepter, das Schwert, der Präsident des Staats­mi­nis­te­ri­ums die Krone. Nun führte man das Leibpferd des Toten vorbei, dem der Leichen­wa­gen folgte. Vier Generale, die neben ergrauten Kammer­her­ren schritten, hielten die Zipfel des schwarzen bestickten Sargtuches. Dann kam die Fürsten­schar, der Kaiser, Großherzog Friedrich II. und Prinz Max, der die Nachfolge des kinder­lo­sen badischen Vetters übernehmen sollte. An die Schar flattern­der Helmbusche schlossen sich weitere Unifor­mierte an: die Oberhof­char­gen, Kammer­herrn, Diplomaten, behan­delnde Ärzte, Hofbeamte. Unter Nummer 16 der Gruppen­folge rangierte erst das Präsidium des Reichstags und der Reichs­kanz­ler Fürst Bülow, auch er in Husaren­uni­form bei dieser Reminis­zenz nationaler Politik. Dann folgten die Staats­be­am­ten der ersten vier Rangklas­sen im Leichenzug immerhin noch vor der Gruppen­num­mer 19, den Komman­die­ren­den Generalen denen noch viele folgten, darunter die Prorek­to­ren der Univer­si­tä­ten. Der Karlsruher Prorektor Rehbock hatte den Namens­ge­ber der Fride­ri­ciana als Mann des techni­schen Fortschritts gefeiert, der bei der Verbauung der Schwarz­wald­flüsse, der Rhein­re­gu­lie­rung Verständ­nis zeigte, dass mancher Ingenieur "mit rücksichts­lo­ser Hand in altge­wohnte liebge­won­ne­ne Verhält­nisse einzu­grei­fen gezwungen war," und der die Technische Hochschule oft unter Misstrauen der altein­ge­ses­se­nen Univer­si­tä­ten mit Promotions- und Habili­ta­ti­ons­recht aufge­wer­tet hatte.

In Trauer­klei­dung folgten die Stadt­ober­häup­ter, unter ihnen Karlsruhes Oberbür­ger­meis­ter Siegrist, der mit dem Stadtrat den Bau eines Denkmals für Friedrich I. beschlie­ßen wird, nicht zuletzt als Dank der Stadt dafür, dass der Großher­zog niemals "in die Leitung ihrer Geschäfte oder ihrer Unter­neh­mun­gen einge­grif­fen" habe. "Das verbot ihm der gewis­sen­hafte Respekt vor den gesetz­li­chen Rechten der Bürger."

Und Künstler folgten wohl auch dem Förderer von Kunst und Wissen­schaft, vielleicht auch Albert Geiger, Vorsit­zen­der des Vereins heimat­li­cher Kunst­pflege, dem auch Hans Thoma angehörte. In Wester­m­nanns Monats­hef­ten veröf­fent­lich­te Geiger eines
jener damaligen Legionen von Gedichten über "Friedrich den Guten" in Zeitungen, Vereins­blät­tern, Gedenk­fei­er­pro­to­kol­len, die aus allen Kreisen verfasst worden waren.

Bei Geiger heißt es: "Der Arbeit Hammer und der Wissen­schaft/ Niemüde Feder stritten edlen Wettstreit/ Die Speicher dehnten sich von Kaufmanns Fleiß/ Des Dampfes rasche Diene­rin­nen erschloß/ Entleg'ne Täler fröhlich dem Verkehr". Das lange Versepos war mit Befrie­di­gung auf der Trauer­feier des Vereins, der eine kulturelle Speer­spit­ze darstellen wollte, aufge­nom­men worden. Später schrieb Geiger einen miserablen Schlüs­sel­ro­man "Die versunkene Stadt", in dem er sich über das großher­zog­li­che "Dings­da­hau­sen", sprich Karlsruhe, lustig zu machen versuchte.

Kurz vor den Hofbe­diens­te­ten rangierten an 23. Stelle die Bürger­meis­ter und die Deputation der Stadt Karlsruhe. Das Volk stand Spalier. Man zählte etwa 9000 Vertreter von Verbänden, vom Radfahrer bis zum Steno­gra­phen­ver­ein, den Studen­ten­ver­bin­dun­gen, Schulen und was alles mit 112 Fahnen platziert war. Das Gedränge war außer­or­dent­lich. Sanitäter kümmerten sich um Ohnmäch­tige. Ein junger Mann stürzte vom Baum und brach einem Schie­fer­decker­meis­ter das Genick. Ein Dragoner wurde von einem Hufschlag verletzt.

Abreise

Um halbdrei Uhr kehrte nach der Feier im Mausoleum die Trauer­be­glei­tung bei Niesel­re­gen ins Schloss zurück. An den Tischen mit 70 Gedecken saßen die Aller­höchs­ten Herrschaf­ten rund um den Kaiser, an der Marschall­ta­fel die Höchsten Herrschaf­ten an 270 Gedecken. Es dauerte nicht lang, denn um 16.00 Uhr wollte der Kaiser im Sonderzug wieder abfahren. Für den Heimweg wurden Zigarren gereicht, denn im Schloss des Großher­zogs herrschte striktes Rauch­ver­bot, wie der "Badische Beobach­ter" zu berichten wusste. Der preußi­sche Gesandte Eisen­de­cher nahm an der Verab­schie­dung der Majestät am Bahnhof teil und berichtete am 8. Oktober an den Kanzler Bülow über den neuen Großherzog: "Ich glaube namentlich, dass der regierende Herr selbst und Höchst­des­sen schwer­ge­prüfte Frau Mutter die ehrende Aufmerk­sam­keit des obersten Kriegs­herrn gerade an diesem Tage mit wärmsten Dankgefühl anerkennen.

Die Hotels, vorweg die "Germania" freuten sich an den vielen fremden Gästen, die sich in dieser Residenz­stadt zu einem selten farbigen Bild nationaler Demons­tra­tion des Kaiser­reichs versammelt hatten. Die General­di­rek­tion der Staats­ei­sen­hahn empfing vom neuen Regenten "Höchst seinen Dank und Höchst seine Anerken­nung, waren doch außer 135 planmä­ßi­gen Zügen noch 23 Sonderzüge in Karlsruhe einge­trof­fen. Gleicher Dank galt der Karls­ru­her Stadt­ver­wal­tung. Dem Fahrper­so­nal der Straßen­bah­nen wurde eine besondere Vergütung bewilligt.

Dr. Leonhard Müller, Historiker
 

Überführung des Leihnams Großherzogs Friedrich I. vom Karlsruher Hauptbahnhof an der Kriegsstraße zur Schlosskirche. Foto: Stadtarchiv

Überführung des Leihnams Großherzogs Friedrich I. vom Karlsruher Hauptbahnhof an der Kriegsstraße zur Schlosskirche. Foto: Stadtarchiv