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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 73 vom 22. Dezember 2006: Bürgerschaftliches Engagement in der lokalen Geschichtsschreibung


Zum Verhältnis von Hobby- und Fachhis­to­ri­kern

"Man weiß mit welchem Nutzen die Nationen ihre Geschich­te aufzeich­nen. Den gleichen Nutzen hat auch der einzelne Mensch von der Aufzeich­nung seiner Geschichte. Me-ti sagte: "Jeder möge sein eigener Geschichts­schrei­ber sein, dann wird er sorgfäl­ti­ger und anspruchs­vol­ler leben." Mit dieser Sentenz aus dem "Buch der Wendungen" verweist Bertolt Brecht auf die Bedeutung, die ein ausge­präg­tes Geschichts­be­wusst­sein auch und gerade für das Indivi­du­um haben kann. Dabei kommt es nicht darauf an, dass man sich mit der nationalen Geschichte ausein­an­der­setzt, denn so der Philosoph Arthur Schopen­hauer: "Die Geschichte eines Ortes, und sei er noch so klein, ist wichtig und inter­essant, kann man an ihr doch die Geschichte der Menschen studieren."

Hohe Erwar­tun­gen in der Theorie

Bürger­schaft­li­ches Engagement in der Geschichts­schrei­bung im Sinne Brechts und Schopen­hau­ers hat auf der lokalen Ebene eine lange Tradition. Dort, wo es Heimat­ver­eine gab oder gibt, vermitteln deren Mitglieder ihr in langer Praxis erworbenes histo­ri­sches Fachwissen zumeist in Koope­ra­tion, seltener im Gegenüber zum Archiv ihre Kenntnisse durch Vorträge, Führungen oder kleinere Veröf­fent­li­chun­gen in Zeitungen und Heimat­zeit­schrif­ten an ihre Mitbürger. Dieses Engagement hat heute jedoch eine neue Qualität, denn es ist mit hohen Erwar­tun­gen besetzt.

Bereits 1982 hat der Deutsche Städtetag betont und begründet, dass die geschicht­li­che Kultu­r­ar­beit der Städte in einer besonderen Verant­wor­tung stehe. Sie ermögliche dem und der Einzelnen die Identi­fi­zie­rung mit der histo­risch gewach­se­nen Umwelt und führe, indem sie stadt­ge­schicht­li­che Bezüge erlebbar mache, zur Teilhabe und Teilnahme am geschicht­li­chen Kultur­be­wusst­sein. Wie der Städtetag verwies auch die Konrad-Adenauer-Stiftung auf einen wesent­li­chen Unter­schied des überkom­me­nen bürger­schaft­li­chen Geschichts­in­ter­es­ses zu dem neu erwachten Geschichts­hun­ger seit den 1970er Jahren: Früher habe sich das Geschichts­in­ter­esse relativ kleiner Bevöl­ke­rungs­kreise auf die großen und allge­mei­nen Zusam­men­hänge histo­ri­scher und kultur­ge­schicht­li­cher Entwick­lun­gen konzen­triert. Das neue Geschichts­be­wusst­sein orientiere sich dagegen in zuneh­men­dem Maße an der engeren Heimat und der persön­li­chen Umwelt, in der sich eben auch die große Geschichte spiegele.

1992 konsta­tierte der Städtetag Verän­de­run­gen in Angebot und Nachfrage nach histo­ri­schen Produkten. Ausgehend von der skandi­na­vi­schen Bewegung der "Barfuß­his­to­ri­ker", die nach dem Motto "Grabe, wo du stehst" lokale Alltags- und Sozial­ge­schichte zu ihrem Thema machten, hatten sich auch in Deutsch­land vielerorts Geschicht­si­ni­tia­ti­ven und -werkstät­ten gebildet. Ihr Ziel war es, die im Schatten der nationalen Geschichts­schrei­bung unbeach­tete jeweilige lokale Geschichte zu überlie­fern. Sie füllten damit vor allem dort eine Lücke, wo die Kommunen ihrer eigenen Geschichte wenig Aufmerk­sam­keit schenkten. Diese neuen Ansätze, Bewegun­gen und Initia­ti­ven führten, so die Autoren der Studie, die geschicht­li­che Kultu­r­ar­beit über den passiven Kultur­kon­sum hinaus. Die Geschichts­schrei­bung sei aus dem geschütz­ten Bereich des Staates heraus­ge­tre­ten, Teil der Massen­ge­sell­schaft geworden und in den wachsen­den öffent­li­chen Kultur­markt einbezogen. Solche durch keinerlei Kautelen einge­schränk­ten Feststel­lun­gen wecken Bedenken. Der Markt - auch wenn er zum Kultur­markt veredelt wird - braucht den Konsum, der durch ständig neue Angebote und wechseln­de Moden angeheizt wird. Dauerhafte Sinnstif­tung und Identi­täts­fin­dung - die unbestrit­te­nen Aufgaben der geschicht­li­chen Kultu­r­ar­beit - sind dem aber entge­gen­ge­setzt.

Von all diesen Überle­gun­gen und theore­ti­schen Ansprü­chen ahnen aber die wenigsten Hobby-Historiker, die es in nahezu jeder Kommune gibt, etwas. Ihnen geht es haupt­säch­lich darum, ehren­amt­lich Wissens­wer­tes über ihre Gemeinde aufzu­schrei­ben, zu überlie­fern und so vor dem Vergessen zu bewahren.

Das Archiv als Mittler zum "know-how"

Städtetag und Adenauer-Stiftung unter­strei­chen die Vielfalt der an der geschicht­li­chen Kultu­r­ar­beit betei­lig­ten Insti­tu­tio­nen, heben aber besonders die Bedeutung von Amateuren, freien Gruppen und Geschichts­werk­stät­ten hervor. Begegneten dem Fachhis­to­ri­ker früher "vor Ort" als Hobby-Historiker zumeist Volks­schul­leh­rer und Pfarrer, so ist heute deren berufliche Quali­fi­ka­tion sehr viel breiter. Gerade deshalb gewinnt aber ihre Beratung und Unter­stüt­zung an Bedeutung. Ihre Unter­stüt­zung müsse gerade deshalb nach Meinung des Städtetags ein wichtiger Bestand­teil der Archiv­ar­beit sein, denn ohne den Einsatz nicht­pro­fes­sio­nel­ler Historiker würde es niemals das Mosaik einzelner histo­ri­scher Stadt­be­züge geben, das heute für die Stadt­for­schung so wichtig sei.

Auch in Karlsruhe erhielt das Stadt­ar­chiv in den 1980er Jahren vermehrt Manuskripte mit stadt­his­to­ri­schem Inhalt zur Beurtei­lung wegen der Zusage für Geleit­worte des Oberbür­ger­meis­ters und für Druck­kos­ten­zu­schüsse. Die nicht in allen Belangen hinrei­chende fachliche Qualität der Manuskripte und der erkennbare Trend zu weiteren Arbeiten von "Barfuß­his­to­ri­kern" veran­lasste das Stadt­ar­chiv 1989 zu einer Initiative für eine konti­nu­ier­li­chere Zusam­men­ar­beit mit den Hobby-Histo­ri­kern. Dabei wurde hervor­ge­ho­ben, dass auch für Hobby­his­to­ri­ker gilt: Ohne eigenes Quellen­stu­di­um kann kein seriöses Manuskript entstehen. Zur Glaub­wür­dig­keit eines Textes ist die Überprüf­bar­keit aller Tatsa­chen­be­haup­tun­gen durch die Kennt­lich­ma­chung der heran­ge­zo­ge­nen Quellen und Literatur in einem Anmer­kungs­ap­pa­rat unabding­bare Voraus­set­zung. Um im Einzelfall verständ­lich und nachvoll­zieh­bar einordnen zu können, wie weit örtliches Geschehen einen Spezi­al­fall bildet oder allge­mei­nen Entwick­lun­gen entspricht, muss Fachli­te­ra­tur zum jeweiligen Thema zur Kenntnis genommen werden. Auch der Hobby­his­to­ri­ker steht seinen Lesern gegenüber in der Pflicht, möglichst fehler­freie Infor­ma­tio­nen und Einschät­zun­gen zu präsen­tie­ren und keine Legenden zu verbreiten.

In der Lokal­presse fand die Initiative des Stadt­ar­chivs eine instruk­tive Bericht­er­stat­tung. Deren Tenor lautete, dass den Freizeit-Chronisten Engagement und Mühe nicht erspart blieben. Michael Nückel von den BNN formu­lierte einprägsam, dass sich durch die Beratung des Stadt­ar­chivs die "Heim­ar­beit an der Heimat" am Ende wirklich lohnen könne.

Zum Spannungs­feld zwischen Hobby- und Fachhis­to­ri­ker

Am Anfang der Koope­ra­tion zwischen dem Stadt­ar­chiv und den Hobby-Histo­ri­kern war bei diesen durchaus Misstrau­en spürbar. Das ist inzwischen allerdings der Erkennt­nis gewichen, dass die Zusam­men­ar­beit viele Vorteile bringt. Die anfäng­li­che Zurück­hal­tung resul­tierte wohl aus der Furcht vor der fachlichen Konkurrenz. Das gilt vor allem für die "Platz­hir­sche" der Heimat­ge­schichte, die sich schon lange mit der Ortsge­schichte befassen. Sie verfügen über große so sonst nirgends verfügbare Detail­kennt­nisse. Hier muss der Fachhis­to­ri­ker mit viel Finger­spit­zen­ge­fühl durch konti­nu­ier­li­che, persön­li­che Kontakte vor Ort eine Vertrau­ens­ba­sis schaffen. Dabei gilt es auch zu vermeiden, bei eventu­el­len Rivali­tä­ten im Stadtteil einer "feind­li­chen Fraktion" zugerech­net zu werden. Die so geschaf­fe­ne Vertrau­ens­ba­sis ist der Ausgangs­punkt erfolg­rei­cher Zusam­men­ar­beit, die für beide Seiten gewinn­brin­gend ist. Für das Archiv lassen sich so oftmals verborgene "Schätze" wie alte Fotogra­fien oder schrift­li­che Nachlässe sichern.

Bei aller Koope­ra­tion zwischen Fach- und Hobby­his­to­ri­ker bereitet das bürger­schaft­li­che Engagement beim Erfor­schen von Ortsge­schich­ten oder Ortsteil­ge­schich­ten nicht nur eitel Freude, sondern mitunter auch Probleme. Der Fachmann begegnet der Selbst­über­schät­zung bei der Abfassung von Texten, die einen längeren histo­ri­schen Zeitraum umfassen. Hier mangelt es häufig an der Auswertung von Fachli­te­ra­tur und der Einbindung des Themas in größere, Verständ­nis schaffende Zusam­men­hänge. Häufig verlieren sich die Autoren dabei in weitschwei­fi­gen redun­dan­ten Detaildar­stel­lun­gen. Redak­tio­nelle Vorschläge zur Straffung des Textes und zu genera­li­sie­ren­den Aussagen sind dann manchmal nur schwer zu vermitteln. Gelegent­lich ist es auch notwendig, den vermeint­lich besser wissenden Hobby­his­to­ri­ker in seinem Spezi­al­ge­biet auf der Grundlage von Quellen zu korri­gie­ren. Dies gilt vor allem dann, wenn der sich auf eigene Zeitzeu­gen­schaft beruft. Auch dem Anmer­kungs­ap­pa­rat wird leider oft nicht die notwendige Aufmerk­sam­keit gewidmet. So bleiben die heran­ge­zo­ge­nen Quellen im Dunkel und es kommt schon vor, dass der Stadt­his­to­ri­ker Textstel­len findet, die bei ihm oder Kollegen ohne Quellen­an­gabe abgeschrie­ben wurden. Auffallend ist auch die geringe Neigung der Hobby­his­to­ri­ker, die NS-Zeit in angemes­se­ner Weise zu thema­ti­sie­ren. Dies scheint zum einen eine Genera­tio­nen­fra­ge zu sein und zum anderen der fehlenden Kennt­nis­nah­me einschlä­gi­ger Quellen geschuldet.

In Bedrängnis gerät der Fachhis­to­ri­ker nach den Erfah­run­gen sehr vieler Stadt­ar­chive auch in seiner Beziehung zum Hobby­his­to­ri­ker durch den Umstand, dass Kommu­nal­po­li­ti­ker von dem oft langjäh­ri­gen ehren­amt­li­chen Einsatz dieser Männer beein­druckt sind und deren Förderung anmahnen. Ebenso proble­ma­tisch ist es, dass die publi­zier­ten Arbeits­er­geb­nisse solcher Autoren in der lokalen Presse überall meist eine unkri­ti­sche Aufmerk­sam­keit finden. Wo der Fachmann aber mit seiner Kompetenz für die Qualität und fachlichen Standards der Texte sorgen muss, wird dies erkauft mit der Blockie­rung der Kapazi­tä­ten seiner eigenen stadt­his­to­ri­sche Forschungs- und Bildungs­ar­beit.

Erträge der Stadt­ge­schichts­schrei­bung aus bürger­schaft­li­chem Engagement

Die Karlsruher Stadt­ge­schichts­schrei­bung wird aus mehreren Quellen gespeist. Neben den Archiven und Museen sowie den Hochschu­len (mit den eher selten gedruck­ten Abschluss­ar­bei­ten der Studenten) zählt dazu trotz der kritischen Anmer­kun­gen auch das bürger­schaft­li­che Engage­ment der Hobby­his­to­ri­ker.

Das Themen­spek­trum der von Hobby­his­to­ri­kern in den vergan­ge­nen etwa 20 Jahren vorge­leg­ten Arbeiten reicht von der badischen Landes­ge­schichte über die Stadt­ge­schichte, Ortsteil­ge­schichte, Vereins-, Verbands-, und Organi­sa­ti­ons­ge­schichte bis zur Geschichte eines einzelnen Straßen­zu­ges und Ortssip­pen­bü­chern. Nicht vergessen sei in diesem Zusam­men­hang das Engagement bei der Erarbei­tung des Gedenk­bu­ches für die während der NS-Zeit ermor­de­ten Karlsruher Juden.

Breit ist auch die Spanne zwischen dem Scheitern und dem Gelingen der "Heim­ar­beit an der Heimat". Es gibt Publi­ka­tio­nen, in denen die Zahl der Fehler hoch ist und die nur aus der Wiedergabe von angele­se­nem Wissen bestehen, ohne dass durch Quellen­stu­dium Erkennt­nis­fort­schritte erzielt oder durch struk­tu­rie­rende Zusam­men­fas­sung von Erkennt­nis­sen anderer Autoren infor­ma­tive Überblicke geboten werden. Es gibt Publi­ka­tio­nen, die nach gründ­li­cher Überar­bei­tung in den Reihen des Stadt­ar­chivs erschienen sind. Und es gibt die seltenen Glücks­fälle, in denen bisher unbear­bei­tete Kapitel der Stadt­ge­schichte auf breiter Quellen­ba­sis Darstel­lung finden.

Unter­schied­lich sind auch die Ergebnisse von Geschichts­werk­stät­ten, die die Erarbei­tung von Ortsteil­ge­schich­ten zum Ziel haben. Dort, wo sich die Hobby­his­to­ri­ker um einen oder mehrere Fachleute scharen und für deren Vorgaben und Hinweise offen sind und unter fachkun­di­ger Leitung gutes Teamwork prakti­ziert wird, bleibt auch der Erfolg nicht aus. Hier entsteht fundier­tes fachliches Wissen zur Geschichte des Ortsteils.
Bezieht man die Jubilä­ums­schrif­ten von Vereinen, Firmen, Verbänden etc. in die Betrach­tung ein, so ist in der Tat in den vergan­ge­nen 20 Jahren die Geschichte der Stadt um zahlreiche Facetten bereichert worden.

Kurzfris­ti­ges Interesse oder anhal­ten­des Engagement

Mit den gelungenen Ergeb­nis­sen ihrer Arbeit haben die Hobby-Historiker zu dieser Berei­che­rung beige­tra­gen. Die Hinweise auf die Probleme des bürger­schaft­li­chen Engage­ments in der lokalen Geschichts­schrei­bung sollen das Verständ­nis dafür schärfen, dass diese ehren­amt­li­che zugleich eine verant­wor­tungs­volle Betätigung ist. Die veröf­fent­lich­ten Arbeits­er­geb­nisse müssen fachlicher Überprü­fung stand­hal­ten. Erst dann können aus der "Heim­ar­beit an der Heimat" Sinn und öffent­li­che Anerken­nung für die geleistete Arbeit und das Engagement resul­tie­ren. Im Hinblick auf die Erfahrung in Karlsruhe bei der Betreuung von Hobby-Histo­ri­kern durch das Archiv in den vergan­ge­nen 20 Jahren bleibt aber auch festzu­hal­ten, dass gute Resultate des bürger­schaft­li­chen Engage­ments in der lokalen Geschichts­schrei­bung zumeist nicht zum Nulltarif zu haben sind.

Tatsäch­lich hat das Stadt­ar­chiv seit Mitte der 1980er Jahre etwa 60 Hobby­his­to­ri­ker intensiv betreut. Rechnet man die Bearbeiter des Gedenk­buchs für die ermordeten Karls­ru­her Juden dazu, so addiert sich die Zahl auf annähernd 200. Die Mehrzahl der "Barfuß­his­to­ri­ker" bleibt ihrem Hobby verbunden, auch wenn sie oft nur einmal als Autoren hervor­tre­ten. Für ihre konti­nu­ier­li­che Einbindung in das stadt­his­to­ri­sche Geschehen, für die postu­lierte anhal­ten­de Teilhabe an geschicht­li­cher Kultu­r­ar­beit und am geschicht­li­chen Kultur­be­wusst­sein gibt es allerdings noch keine, das gesamte Stadt­ge­biet erfas­sen­de Organi­sa­tion.

Dr. Manfred Koch, Stadt­his­to­ri­ker, Institut für Stadt­ge­schichte, Stadt­ar­chiv Karlsruhe