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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 72 vom 15. September 2006: Biographie Lotte Paepcke

Die "radikale Verletzung, die den Fluss des Lebens zwang, eine andere Richtung zu nehmen", die Verletzung, die ihr, die den verfolgten und ermordeten Juden Europas angetan worden war, diese Verletzung durchzieht das Werk der Dichterin Lotte Paepcke. Aufge­wach­sen war die am 28. Juni 1910 als Tochter des Händlers Max Mayer und seiner Frau Olga geb. Nördlinger geborene Lotte Paepcke in der Freibur­ger Schus­ter­gasse "im Schatten der Gotik", den Geruch der väter­li­chen Leder­hand­lung in der Nase, die melan­cho­li­sche Heiterkeit des Vaters im Ohr. "Ich fand es schlimm, dass der Vater seine Heiterkeit dem Handel zugute kommen lassen musste", schrieb sie in "Ein kleiner Händler, der mein Vater war". Aber der Vater war eben auch Künstler, war autodi­dak­ti­scher Pianist, Musik­kri­ti­ker, dazu engagier­ter SPD-Stadtrat. Litera­ri­sche Begabung zeigte früh auch die Tochter, die nach dem Abitur am Freiburger Goeth­egym­na­si­um Philo­so­phie hatte studieren wollen. Das Jurastu­dium war eine pragma­ti­sche Entschei­dung. Ihr Referen­dar­ex­amen fiel in die Zeit der "NS-Machter­grei­fung", die juris­ti­sche Laufbahn war ihr als Jüdin nun verwehrt. Die Mitglied­schaft in einer kommu­nis­ti­schen Studen­ten­gruppe brachte ihr zudem eine mehrwö­chige Inhaf­tie­rung ein. Mit dem um ein Jahr jüngeren Bruder Hans ging sie darauf nach Italien, kehrte jedoch zurück, um im Februar 1934 den Philologen Dr. Ernst Paepcke zu heiraten, bevor NS-Gesetze diese Ehe mit einem Nicht­ju­den verboten. 1935 wurde beider Sohn Peter geboren, die jüngeren Kinder Michael, Max und Andreas kamen erst nach Ende der NS-Diktatur zur Welt.

Lotte Paepcke litt unter ihrer "geborgtem Recht" abgetrotz­ten Lebens­si­tua­tion, der jederzeit wider­ruf­li­chen "Privi­le­gie­rung" ihrer sogenann­ten "Mischehe". Nicht einmal die Sonne schien noch ihr zu scheinen, sie lebte, so ihr Selbst­emp­fin­den, Fremd unter einem Fremden Stern. Die folgenden Lebens­sta­tio­nen waren Bielefeld, Köln und Leipzig, wo Lotte Paepcke zuletzt Zwangs­ar­beit in einer Pelzfirma leisten musste, nach deren kriegs­be­ding­ter Zerstörung beim Schutträu­men. Eine Ärztin verhalf der davon krank Gewor­de­nen zur Rückkehr ins heimat­li­che Freiburg, wo Paepcke unange­mel­det in wechseln­den Quartieren bis kurz vor Kriegsende lebte. Nach dem schweren Bomben­an­griff im November 1944 gab ihr Pater Heinrich Middendorf im nahen Kloster Stegen Unterkunft. Hier erlebten Lotte Paepcke und der kleine Sohn Peter den Einmarsch der Franzosen. Aber die Rückkehr in die Welt der andern, die nun wieder die gemeinsame werden sollte, und in der sich Lotte Paepcke etwa in der Karlsruher Ehebe­ra­tung sozial engagieren sollte, war keine Befreiung. Das eigene Erleben, die Ermordung der Großmutter und der Kusine Lilli Jahn, thema­ti­sierte Lotte Paepcke in ihrem litera­ri­schen Werk in einer expres­si­ven, fast herme­ti­schen Sprache von spröder Schönheit. 1989 erschien eine auch die Lyrikerin bedenkende dreibän­di­ge Werkaus­gabe, illus­triert von dem befreun­de­ten Maler Erich Heckel. In Würdigung dieses Werks erhielt Lotte Paepcke 1998 den renom­mier­ten Johann-Peter-Hebel-Preis des Landes Baden-Württem­berg. Sie starb 90-jährig im August 2000 in Karlsruhe.

Dr. Angela Borgstedt, Univer­si­tät Karlsruhe - Institut für Geschichte

 

Lotte Paepcke 1910-2000 Foto: Schlesiger/Stadtarchiv

Lotte Paepcke 1910-2000 Foto: Schlesiger/Stadtarchiv