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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 72 vom 15. September 2006: Hochzeit von Großherzog Friedrich I. mit Luise von Preußen 1856

"Die junge Braut sah sehr hübsch aus"

Baden um die Jahrhun­dert­mitte

Vor 150 Jahren -1856 -, war es wirklich eine gute alte Zeit? Sechs Jahre zuvor hatte die Revolution das Großher­zog­tum erschüt­tert, Soldaten hatten gemeutert, Großherzog Leopold war mit seiner Familie geflüchtet. Die Preußen musste er um Hilfe bitten, und Wilhelm, Prinz von Preußen, der Bruder des preußi­schen Königs, sorgte mit seinen Truppen als Zwingherr für die nachfoi­gende Reaktion. Mit mehr als einem Drittel des Staats­haus­halts von 20 Millionen Gulden berechnete man später die Revolu­ti­ons­schä­den, davon allein 1,5 Millionen Gulden für die preußische Besatzung.

Für den verbittert heimge­kehr­ten Leopold war das eine bleierne Zeit: Finanznot, Missernten, Flucht in die Auswan­de­rung, ja die Regierung unter­stützte dabei jene Badener, meist in der Landwirt­schaft oder im Klein­ge­wer­be tätig, die hier ihre großen Familien. nicht ernähren konnten, mit Zuschüssen zum Fortziehen, und 60-70 000 verließen das Großher­zog­tum, manche auch aus politi­schen Gründen in Furcht vor der restau­ra­ti­ven Justiz. Ende 1850 rückten die preußi­schen Truppen ab, aber nur langsam regene­rierte sich das Land am Oberrhein.

Fürsten­wech­sel

Mit dem Tod Leopolds im April 1852 sollte sich die Lage etwas entspannen, als sein zweiter Sohn , der fünfund­zwan­zig­jäh­rige Friedrich anstelle seines geistes­kran­ken Bruders die Funktion eines Prinz­re­gen­ten übernahm, ein kluger, umsich­ti­ger, bald volks­tüm­li­cher Fürst. Im September wurde nach drei Jahren der Kriegs­zu­stand aufgehoben, das Heer neu organi­siert. 1854 eröffnete Friedrich zum ersten Male wieder die Stände­ver­samm­lung, und auf umfang­rei­chen Besich­ti­gungs­fahr­ten im Ober-und Unterland sammelte der Prinz­re­gent Fakten von der ökono­mi­schen Lage, um neue Impulse für die Wirtschaft­s­ent­wick­lung zu suchen.

Doch nicht nur innen­po­li­tisch musste wieder Fuß gefasst werden, und das betraf auch die Verhält­nisse im Streit mit dem Freiburger Erzbischof. Die äußere Politik bereitete zudem Sorgen. Die HI. Allianz von 1815 zwischen Öster­reich und Preußen brach zusammen, als 1854 der Krimkrieg begann und Frankreich wie England den russischen Vorstoß in dessen Orient­po­li­tik blockieren wollten. Österreich neigte zu den Westmäch­ten, während Preußen, zögernd, schließ­lich im Bundestag nur für eine bewaffnete Neutra­li­tät votierte. Im Streit mit dem unent­schlos­se­nen König Friedrich Wilhelm IV. dispen­sierte sich dessen Bruder Wilhelm 1854 mit einem längeren Urlaub in Baden-Baden, wo ihn Prinz­re­gent Friedrich aufsuchte. Der Badener stimmte nicht nur mit der Überzeu­gung Wilhelms für eine größere Unabhän­gig­keit Preußens überein. Er gab auch seinem Interesse kund, das badische und preußische Haus familiär zu verbinden und warb um die Hand der fünfzehn­jäh­ri­gen Tochter Wilhelms.

Die Werbung

Luise, am 3. Dezember 1838 in Berlin geboren, war mit Mutter Augusta 1850 zum erstenmal nach Baden-Baden gekommen, einem Kurort, der zu den regel­mä­ßi­gen Aufent­hal­ten der Prinzessin von Preußen gehörte. Die Eltern überließen die Entschei­dung über die künftige Verbindung Luise, die erst 1855 konfir­miert werden sollte. Im ungedul­di­gen Drängen ihres Freiers konnte schließ­lich am 30. September 1855 in Koblenz, der Residenz des Prinzen von Preußen, die Verlobung statt­fin­den. Wilhelm schrieb an seine Schwester Charlotte: "Nach mensch­li­cher Berechnung geht das junge Paar einer glück­li­chen Zukunft entgegen, da beide Teile bisher in seltener Herzens- und sittlicher Reinheit dagestan­den haben und den Grund kennen, auf dem alles hienieden allein gebaut werden soll und kann." Und an den Vizeprä­si­den­ten der 2. badischen Kammer Geh. Rat Dr. Schaff: "Sie können sich leicht denken, wie glückliche die Wahl, des Regenten uns gemacht hat. Seit Jahren habe ich ihn so genau kennen lernen und schätzen und lieben gelernt, ohne zu ahnden, dass er einst uns so nahe treten würde. Für mich persönlich ist dies frohe Ereignis noch ein doppelt gewich­ti­ges, wie Sie auch andeuten, dass ich, der ich berufen ward, einst Ihrem Land den Frieden wieder zu bringen, nun berufen bin - so Gott will - durch mein Kind ihrem Land auf dem Thron und in der Häuslich­keit den Frieden zu bereiten." Anlässlich der Verlobung wurde in Baden eine umfassende Amnestie prokla­miert, z.B. auch für Vorkomm­nisse -in den Revolu­ti­ons­jah­ren.

Hochzeit in Berlin

Die Hochzeit fand am 21. September 1856 im König­li­chen Schloss in Berlin statt, als Friedrich kurz zuvor nach dem Tod seines Bruders den Titel eines Großher­zogs angenom­men hatte. Hochzeiten waren im monar­chi­schen Zeitalter mehr als nur ein familiäres oder bündnis­po­li­ti­sches oder erbschafts­be­ding­tes Ereignis. Man feierte sich selbst als gottge­wollte staatliche Insti­tu­tion, und das Staats­volk bejahte diese Rituale, Reminis­zen­zen, die bis in die Berichte unserer heutigen bunten Illus­trier­ten reichen.

Unter den unver­öf­fent­lich­ten Quellen im Generallan­des­ar­chiv ist folgendes Programm zu finden, nämlich die "Hofan­sa­ge" des Oberhof- und Hausmar­schall Graf v. Keller und des Oberze­re­mo­ni­en­meis­ters Frhr. v. Still­fried an das Diplo­ma­ti­sche Corps und alle hoffähigen Damen und Herren: "7 Uhr abends, Souper, Sonnabend 20. September. Die Offizier-Corps der Garnisonen Berlin, Potsdam, Spandau und Charlot­ten­burg nehmen ihren Aufgang nach dem Weißen Saale, von wo aus sie, soweit es der Raum gestattet, in die neue Kapelle eintreten. Die Damen erscheinen im Hofkleide (robe de cour), die Herren in Gala mit Ordensband, die Militärs wie bei großen Hofcouren, die Ritter des Hohen Ordens vorn Schwarzen Adler mit Kette desselben und eventuell zugleich mit dem betref­fen­den Badischen Orden über der Uniform, die Ritter des Roten Adler­or­dens erster Klasse mit dem Bande desselben über und eventuell zugleich mit dem Bande des betref­fen­den Badischen Ordens unter der Uniform." So genau setzt sich der Ablauf der Zeremonien fort, war doch das Protokoll. am preußi­schen Hof besonders streng, und mancher litt unter dieser Bürde.

Am Sonntag war der Kirchgang, abends 19 Uhr Cour der Neuver­mähl­ten mit der langen Reihe von Gratu­lan­ten. Montag­abend Galadiner. "Sobald die Suppen­schüs­seln von der Tafel gehoben sind, bringen S. M. die Gesundheit des Hohen Braut­paa­res aus. Tusch des Garde­mu­sik­corps." Nach dem Essen fand der altehr­wür­dige Fackeltanz statt. König und Königin nehmen mit dem Brautpaar unter dem Thron­him­mel Platz. Unter der Leitung des Oberst- Hofmar­schall mit dem großen Oberst-Marschall­stab reihen sich 12 Staats­mi­nis­ter paarweise mit je einer weißen Wachs­fa­ckel ein, und zwar nach Alter ihres Patents, so dass die "Jüngsten" vorangehen. Nach dem feier­li­chen Umgang im Saale "treten die Minister bis zum Eingang in das Königinnen-Gemach, woselbst die Fackeln von 12 Pagen abgenommen werden." Es waren für die Braut, die freilich in höfischer Disziplin erzogen wurde, anstren­gen­de Tage, denen noch manche andere folgen sollten.

Heimfahrt nach Baden

Am 24. September fuhr das Brautpaar nach Köln, auf allen Bahnhöfen von feier­li­chen Empfängen begleitet. Dort bestieg man das Dampfboot "Hohen­zol­ler" und gelangte nach. Koblenz. Unter dem Donner der Geschütze fuhr das Boot, von andern festlich geschmück­ten Dampfern begleitet, den Rhein hinauf und erreichte am 26. September Mannheim "unter dem Jubel einer unermess­li­chen Menschen­menge." Am 27. September "3 Uhr 40 Minuten verkündete Kanonen­don­ner und Glocken­ge­läute die Einfahrt in den prächtig geschmück­ten Bahnhof Karlsruhe". Die Stadt hatte tagelang alles aufgeboten, was möglich war. Unter der Delegation beim Bahnhofs­emp­fang waren nach den Staats­mi­nis­tern, Militärs und Hofchargen erst an sechster Stelle der Oberbür­ger­meis­ter, an siebter eine Deputation der Stadt­ver­ord­ne­ten laut Protokoll zu finden. Auch hier sprechen die Chronisten von "unüber­seh­ba­ren Menschen­men­gen", die Luise sehen wollten. "Die jugend­schöne und liebliche Erschei­nung der Großher­zo­gin nahm alle Herzen gefangen, und die überaus freund­li­chen Worte, mit denen sie die Begrüßung erwiderte, zeigten - um mit dem Dichter zu sprechen - "in der schönen Form die schöne Seele". Huldi­gungs­ge­dich­te fanden sich in den verschie­dens­ten Publi­ka­tio­nen, übrigens auch in franzö­si­scher Sprache.

Im "Karls­ru­her Tagblatt" wie in der "Badi­schen Landes­zei­tung" gab es nur Jubel­be­richte, wenn auch in letzterer der Freiburger Korre­spon­dent feststellte, mit welchem Interesse man hier die Artikel über die Karls­ru­her Festlich­kei­ten lese, und hoffe, "dass Eintracht und Vertrauen immer mehr erstarken" möge. "Möchten sich auch in der Ferne jenen Verirrten", so fährt er fort, "die, im blinden Wahne auf eine einstige Ernte hoffend, noch gerne den Samen der Zwietracht aussäen, den Beweis liefern, dass ihre Zeit vorüber, ihre Rolle ausge­spielt und für die nur Heil in der tief gefühl­tes­ten, ernstesten Reue zu finden ist." Eine letzte Erinnerung an die Revolution vor sieben Jahren und den Strom der Ausge­wan­der­ten? Zeitungen und Broschüren verraten nicht, bei wie vielen die Erinne­run­gen an den "Kartät­schen­pri­ri­zen" Wilhelm noch wach blieben, dessen Tochter nun die neue Großher­zo­gin war. Man gab wohl der neuen Fürsten­ge­ne­ra­tion eine Chance, weil man selbst Ruhe und Fortschritt erstrebte. Und so feierte man nicht nur König Friedrich Wilhelm IV., der am 1. Oktober Baden besuchte, sondern natürlich auch seinen Bruder Wilhelm, den Prinzen von Preußen.

Rückblicke

Wenn auch jetzt das junge Paar Friedrich und Luise noch nicht jene Identi­fi­ka­tion für das noch immer zusam­men­wach­sende Großher­zog­tum darstellen konnte, so gelang ihnen dies doch 50 Jahre später. Was 1906 zu dieser Goldenen Hochzeit publiziert wurde, entsprang meist einem echten Gefühl der Dankbar­keit aus vielerlei Gründen. Trotz mancher innen­po­li­ti­scher Querelen - man denke an den Kultur­kampf, oft mit Hass und Missgunst verbunden - war man angesichts dieses Fürsten­paars monar­chisch gesonnen. Und selbst die permanent wachsende Sozial­de­mo­kra­tie - von Rosa Luxemburg verächt­lich als "groß­her­zog­li­che" apostro­phiert, begegnete Friedrich und Luise, die Vorbild­li­ches in patria­cha­li­scher Art für die soziale Frage in ihrer Zeit geleistet hatten, mit Respekt.

Für ein halbes Jahrhun­dert hatte das Großher­zog­tum Glück gehabt, dass die badisch­preu­ßi­sche Ehe zum Wohlstand beige­tra­gen hatte. Erst unter Wilhelm II. ächzte das Fürsten­haus unter der preußi­schen Dominanz, aber da drohte auch schon der Erste Weltkrieg. Mag die achtzig­jäh­rige Luise an jene Glanztage gedacht haben, als sie im November 1918 mit Sohn, Tochter und Schwie­ger­toch­ter durch ein Schloss­fens­ter steigen musste, um vor einer schieß­freu­di­gen Gruppe von Revolu­tio­nären mit einem Kraftwagen in eine sichere Bleibe zu fahren? Einschnitte, die nicht nur die breite Masse, sondern auch die damaligen Spitzen betrafen, Einschnitte, die alle histo­ri­schen Rückblicke begleiten.

Dr. Leonhard Müller, Historiker

 

"Ihre Königliche Hoheiten Friedrich und Luise, Großherzog und Großherzogin von Baden". Offizielle Darstellung nach der Hochzeit. Foto: Stadtarchiv

"Ihre Königliche Hoheiten Friedrich und Luise, Großherzog und Großherzogin von Baden". Offizielle Darstellung nach der Hochzeit. Foto: Stadtarchiv


Bei den Feiern zur Goldenen Hochzeit des Großherzogspaares im Jahre 1906 huldigte die Karlsruher Bevölkerung dem beliebten Paar. Viele Plätze der Stadt waren besonders geschmückt. Die Abbildung zeigt den Empfang des Paares am Durlacher Tor durch Schüler der nahegelegenen Schulen. Foto: Stadtarchiv

Bei den Feiern zur Goldenen Hochzeit des Großherzogspaares im Jahre 1906 huldigte die Karlsruher Bevölkerung dem beliebten Paar. Viele Plätze der Stadt waren besonders geschmückt. Die Abbildung zeigt den Empfang des Paares am Durlacher Tor durch Schüler der nahegelegenen Schulen. Foto: Stadtarchiv