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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 70 vom 17. März 2006

Carlsruher Blick­punkte

Die Lina-Sommer-Anlage

Lina Sommer begegnet man in der Pfalz allent­hal­ben: Nach ihr sind Straßen, Plätze und eine Schule benannt, es gibt einen Gedenk­stein, einen Dicht­er­hain mit ihrem Porträt, ein Lina-Sommer-Zimmer im Rathaus zu Jockgrim und eine Erinne­rungs­ta­fel am Geburts­haus. All diese Ehrungen gelten der "gewich­tigs­ten Autorin der Pfälzer Mundart", deren Mundart-Prosa "zum Besten gehört, was in diesem Genre geschrie­ben wurde." Zehn Mundart­bü­cher mit zum Teil mehreren Auflagen begrün­de­ten ihren weit über die Pfalz ausstrah­len­den Ruhm und die Verehrung durch ihre Zeitge­nos­sen. Warum aber eine nach ihr benannte Anlage mit einer Porträt­büste in der badischen Haupt­stadt?

Im Jahre 1862 geboren, verbrachte Lina Sommer eine glückliche Kindheit mit ihren vier jüngeren Geschwis­tern im gutbür­ger­li­chen Elternhaus in Speyer. Mit dem Selbstmord der Mutter 1875 und der Wieder­hei­rat des Vaters wurden die Famili­en­ver­hält­nisse schwierig und ihre eigene, 1987 mit Adolph Sommer geschlos­sene Ehe war alles andere als glücklich. Ihr Mann entpuppte sich als erfolg­lo­ser Geschäfts­mann, der seine Frau und die drei Kinder - drei weitere waren kurz nach der Geburt gestorben - ohne Zuver­dienst seiner Frau nicht ernähren konnte. Um die Not zu lindern, begann sie um 1900 Gedichte und Geschich­ten für Zeitungen zu verfassen, darunter die hochge­schätz­ten "Flie­gen­den Blätter". Ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes 1904 erschien ihr erstes Mundart­buch und seit 1910 konnte sie von dem Einkommen als Autorin leben. Sie veröf­fent­lich­te auch in Hochdeutsch und einige Kinder­bü­cher und wurde nun die weithin beliebte und geschätzte "Sommer­frau". Ihren schwie­ri­gen und teils leidvollen Lebensweg hat Wiltrud Ziegler in einer inter­essan­ten und bewegenden Biografie 2004 nachge­zeich­net.

Bezie­hun­gen zu Karlsruhe bekam Lina Sommer erst als Erfolgs­schrift­stel­le­rin. Zum einen erschienen zwei ihrer Publi­ka­tio­nen in Verlagen der Fächer­stadt, deren Gedichte ihre Zeitungen natürlich auch veröf­fent­lich­ten, und sie war für das Warenhaus Knopf als Werbe­tex­te­rin tätig. Zum anderen besuchte einer ihrer Söhne hier das Lehrer­se­mi­nar. Sie selbst weilte 1920 für 17 Wochen im Karls­ru­her Diako­nis­sen­kran­ken­haus, um eine schwere Augener­kran­kung auszu­ku­rie­ren. Hier lernte sie auch den Kaufmann Fritz Römhildt kennen, der als Romeo badische Mundart­ge­dich­te veröf­fent­lichte. Der nahm ihre mütter­li­che Sorge um den unver­hei­ra­te­ten Sohn zum Anlass, den Vermittler zu spielen. Er arran­gierte erfolg­reich ein Treffen des als Leiter einer Ziegelei mit der Mutter in Jockgrim lebenden Sohnes mit Lilli Printz, der Tochter des Besitzers einer Karls­ru­her Brauerei. Im Frühjahr 1923 verlegte die "Sommer­frau" dann ihren Wohnsitz auch aus gesund­heit­li­chen Gründen nach Karlsruhe in das Damenstift der Diako­nis­sen in der Sofienstr. 42. Hier wirkte sie mit bei den Veran­stal­tun­gen der badischen und später südwest­deut­schen Heimattage.

Zur Ehrung der promi­nen­ten Einwoh­ne­rin der Stadt hatte der Verkehrs­ver­ein vorge­schla­gen, die 1930 neu geschaf­fe­ne Grünanlage mit Kinder­spiel­platz an der Hilda­pro­me­na­de "Lina-Sommer-Anlage" zu nennen. Es blieb jedoch vorerst bei dem Namen Rosen­an­lage, den die üppige Bepflan­zung mit Rosen nahe legte. Die dort aufge­stell­ten vier Plastiken Sport treibender Kinder des Bildhauers Wilhelm Kollmar wurden 1945 leider mutwillig zerstört. Erst nach dem Tod Lina Sommers 1932 in Karlsruhe erhielt die Anlage 1933 den Namen der in Jockgrim bestat­te­ten Autorin. Dank einer Stiftung ihres Sohnes und einer Betei­li­gung der Stadt konnte hier 1935 eine von Wilhelm Kollmar geschaf­fene Porträt­büste auf einer hohen Stele feierlich enthüllt werden.

Dr. Manfred Koch, Historiker, Institut für Stadt­ge­schichte, Stadt­ar­chiv Karlsruhe

 

Foto: Stadtarchiv Karlsruhe

Foto: Stadtarchiv Karlsruhe