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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 70 vom 17. März 2006: Europäische Kulturtage

Ein Festival schreibt Geschich­te

"Die Gegenwart entzieht sich einer exakten Beschrei­bung, einer ­De­fi­ni­tion, die ja immer die Fixierung von etwas ist. Die Ge­gen­wart ist im Fluss, und wir die Zeitge­nos­sen, stecken mitten da­rin. Vergangene Zeiten und abgeschlos­sene Epochen erlauben den Blick aus der zeitlichen Distanz, den Blick des Nicht­be­tei­lig­ten. Konturen werden nachträg­lich sichtbar, die die da­ma­li­gen Zeitge­nos­sen nur undeutlich wahrnehmen konnten; was einst gegen­sätz­lich schien, können wir heute als die beiden ­Sei­ten einer Medaille begreifen. Die Gegenwart, deren Teil wir selbst sind, bietet eine Fülle von Phänomenen aus den Berei­chen ­Kunst, Kultur und Gesell­schaft, die zu deuten und zu werten uns nicht bzw. noch nicht möglich ist."

Dies habe ich 1988 im Vorwort des Programm­blat­tes der Eu­ro­päi­schen Kulturtage zum Thema "Gegen­wart" geschrie­ben. In der Rückschau, die ich ganz gewiss nicht aus dem Blickpunkt des Nicht­be­tei­lig­ten schreibe, werden in der Tat die Konturen der Eu­ro­päi­schen Kulturtage deutlicher, erscheinen die Themen und In­halte, die in den 23 Jahren gewachsen sind, mitein­an­der ­ver­netzt, ergeben die Europäi­schen Kulturtage in ihrer Summe ein um­fas­sen­des Bild europäi­scher Kultur und Geschichte. Auch das Thema "Gegen­wart", das damals durchaus nicht allen einleuch­tete, mutet im nachhinein fast schon prophe­tisch an, als Be­stands­auf­nahme eines Ist-Zustandes, der schon bald von der po­li­ti­schen Entwick­lung überholt wurde. Denn die politische und kul­tu­relle Gegenwart Europas sah keine zwei Jahre später schon ganz anders aus. Die Wende, der Zusam­men­bruch des Ostblocks, der Zer­fall der Sowje­tu­nion, hat die politische Landschaft Europas in unvor­stell­ba­rer Weise verändert.

Die Europäi­schen Kulturtage haben auch darauf reagiert, wenn man so will geradezu antizi­pa­to­risch mit einer kultu­rel­len EU-Oster­wei­te­rung. Das Festival zum Thema "Estland" war in den Grund­zü­gen schon konzipiert als Estland noch kein unabhän­gi­ger ­Staat, sondern noch Teil des zerfal­len­den sowje­ti­schen Imperi­ums war. Die Veran­stal­tungs­reihe des Jahres 1992 öffnete Augen und Ohren eines mittel­eu­ro­päi­schen Publikums für die kultu­rel­le Viel­falt eines kleinen Landes, das über Jahrzehnte hinweg, wenn ­über­haupt, nur als Rander­schei­nung der Sowje­tu­nion wahrge­nom­men wurde. In der Musik vor allem, aber auch in der Literatur und in der Bildenden Kunst haben die Balten ihre Identität bewahr­t un­ter dem Druck eines totali­tären Staats­we­sens, das alle tra­dier­ten Identi­tä­ten auszu­lö­schen versuchte. Mir ist kein an­de­res Festival in West- und Mittel­eu­ropa bekannt, das zu einem ­der­art frühen Zeitpunkt die Kultur eines aus dem Zerfall der So­wje­tu­nion hervor­ge­gan­ge­nen und wieder unabhängig gewor­de­nen ­Staats­we­sens präsen­tiert hat.

Kulturelle Mittler­funk­tion im Herzen Europas

Mit Estland betraten die Kulturtage Neuland. Zugleich war es aber auch so, als hätte sich mit den zehnten Europäi­schen Kultur­ta­gen ein Kreis geschlos­sen. Denn am Anfang stand mit Katalonien eine Region des Südens, die ihre kulturelle und sprach­li­che Identität im Spanien der Ära nach Franco behauptete. Katalonien und Estland, die Entfernung zwischen diesen beiden Regionen und Kulturen, die eine im Südwesten, die andere im Nordosten Europas angesie­delt, machen die räumliche Bandbreite der Europäi­schen Kulturtage ebenso augen­fäl­lig wie die kulturelle Mittler­funk­tion unserer Stadt in der Mitte Europas. Von Anfang an bot die von der Stadt in Zusam­men­ar­beit mit dem Badischen Staats­thea­ter konzi­pier­te und organi­sierte Veran­stal­tungs­reihe Erkun­dungs­rei­sen in Raum und Zeit, wobei die Themen auf der Zeitachse immer auch eine räumliche Dimension und die thema­ti­sier­ten Kultur­räu­me natürlich auch immer eine zeitliche Perspek­tive haben. Kunst entsteht nun mal nicht außerhalb von Raum und Zeit und nicht selten wider­spie­gelt sie beides, die Zeit und den Ort ihrer Entstehung. Gerade darin liegt ja auch die Recht­fer­ti­gung eines theme­n­ori­en­tier­ten Festivals, das sich eines Landes, einer Region, einer Ära oder einer histo­ri­schen Wende­mar­ke annimmt.

Auf die "Kata­la­ni­schen Wochen" von 1983 folgte 1984 ein Querschnitt durch Geschichte und Kultur des "Bieder­meier und Vormärz". 1985 standen "Klas­si­ker" in ihrer Beispiel­haf­tig­keit und ihrer Fragwür­dig­keit auf dem Programm. 1986 wurden die "Fünfziger Jahre" - mittler­wei­le mehrmals als Retrokult in Mode gekommen - als histo­ri­sche Epoche beleuchtet. Im Jahr darauf ging der Blick zurück zum Jahr 1900, zur Jahrhun­dert­wende, die auch eine Zeiten­wen­de war. Auf "Gegen­wart" im Jahre 1988 folgte, 200 Jahre nach dem Revolu­ti­ons­jahr 1789, eine umfassende Aufar­bei­tung der Franzö­si­schen Revolution und ihrer Folgen. 1990, im Jubilä­ums­jahr von Karlsruhe, das seinen 275. Geburts­tag feierte, wurde die barocke Gründung der Fächer­stadt in Beziehung gesetzt zu den Gründungs­täd­ten Nancy, Turin und Leningrad. Ein Jahr nach der deutschen Wieder­ver­ei­ni­gung stand "Deutsch­land" auf dem Programm, ein weiterer Beweis dafür, wie sehr die Veran­stal­ter bestrebt sind, dem Puls der Zeit nachzu­spü­ren, ohne dabei einem diffusen Zeitgeist zu huldigen. Nach "Estland" wurde 1993 die Kultur­land­schaft Donau vorge­stellt unter besonderer Berück­sich­ti­gung der Slowakei, die gerade die Auflösung der Tsche­cho­slo­wa­kei betrieben hatte und dabei war, aus dem Schatten des tsche­chi­schen Bruder­staa­tes zu treten. Zu Karlsruhe als Patenstadt der Karpa­ten­deut­schen ergaben sich besondere Anknüp­fungs­punkte. Im Jahre 1994 nahmen die Europäi­schen Kulturtage den 50sten Jahrestag des Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 zum Anlass unter dem Motto "Wider­stand" das vielschich­tige Spektrum sowohl des deutschen Wider­stan­des gegen Hitler als auch des Wider­stan­des in den vom "Dritten Reich" okkupier­ten Ländern zu thema­ti­sie­ren und zu dokumen­tie­ren sowie dessen Bedeutung und Wirkung für die heutige Zeit bewusst werden zu lassen.

Danach erzwang die Finanzlage der Stadt einen zweijäh­ri­gen Turnus des Festivals, der als positiven Neben­ef­fekt den Vorteil der längeren Vorbe­rei­tungs­phase mit sich brachte. 1996 wurde St. Petersburg, das fünf Jahre zuvor noch Leningrad geheißen hatte, als Tor Russlands zur Welt vorge­stellt. Zwei Jahre später wurden europäi­sche Aspekte der Badischen Revolution von 1848 beleuchtet.

Zur Jahrtau­send­wende im Jahr 2000 hieß es in absichts­vol­ler ­Mehr­deu­tig­keit "Kunst­Stück Zukunft" . Dabei wurde stärker noch als beim Thema "Gegen­wart" das Wagnis unter­nom­men den festen ­Bo­den abgeschlos­se­ner Epochen und fest umrissener Kultur­krei­se zu verlassen, Zukunfts­per­spek­ti­ven aufzu­zei­gen und Zu­kunft­s­ängste aufzu­grei­fen. "Mythos Europa" war der umfas­sen­de ­Streif­zug durch Kunst und Geschichte des Abend­lan­des­ ­über­schrie­ben, der bei den Europäi­schen Kulturtage des Jahres­ 2002 unter­nom­men wurde. Im Jahr 2004, auf dem Höhepunkt der Dis­kus­sion um einen EU-Beitritt der Türkei, war die türki­sche ­Me­tro­pole Gast und zugleich Thema bei den Europäi­schen ­Kul­tur­ta­gen als kulturelle Brücke zwischen Okzident und Orient. Dabei wurde nicht verschwie­gen, dass sich an der Türkei die eu­ro­päi­schen Geister scheiden.

Bevor ich aber die kommenden Kulturtage ins Auge fasse, möchte ich einen Perspek­tiv­wech­sel vornehmen. Mit den Europäi­schen ­Kul­tur­ta­gen ist nicht nur Europa in Karlsruhe präsent, die Stadt­ ­selbst präsen­tiert sich Europa in ihrer kultu­rel­len At­trak­ti­vi­tät - als europäi­sche Kultur­stadt, um nicht zu sagen, Kultur­haupt­stadt, mit künst­le­ri­schen Insti­tu­tio­nen von in­ter­na­tio­na­lem Rang auf nahezu allen Kultur­fel­dern: Theater, Musik, Bildende Kunst, Literatur, Film und Neue Medien. Von Anfang an wurde auf die geballte kulturelle Vielfalt und Kom­pe­tenz vor Ort gesetzt. Das reicht von der Substage bis zur Staat­li­chen Hochschule für Musik, von der Kinemathek bis zum Zen­trum für Kunst und Medien­tech­no­lo­gie (ZKM), vom Tollhaus bis zum Centre Culturel Franco-Allemand, vom Badischen Kunst­ver­ein ­bis zur Litera­ri­schen Gesell­schaft, um nur einige der vielen ­In­sti­tu­tio­nen zu nennen, die seit 1983 zum Gelingen der Eu­ro­päi­schen Kulturtage beitragen.

Die Europäi­schen Kulturtage waren und sind kein "Ein­kaufs­fes­ti­val", sie setzen nicht auf Stars, auch wenn die Reihe von Promi­nen­ten, die im Rahmen der Kulturtage in Karls­ru­he zu Gast waren, beachtlich ist, und sie setzen nicht auf schnell ­ver­gäng­li­che Events, auch wenn es an Schau­wer­ten nicht mangelt. Die Konti­nui­tät einer thema­ti­schen Aufbe­rei­tung, die auch his­to­ri­sche, gesell­schaft­li­che und politische Frage­stel­lun­gen ein­be­zieht, steht eindeutig im Vorder­grund. Das ist buchstäb­lich nach­zu­le­sen in den Katalogen, die zu den Europäi­schen ­Kul­tur­ta­gen erschienen sind, und in ihrer Gesamtheit ein kleines ­Kom­pen­dium Europäi­scher Kultur­ge­schichte darstellen. Die Eu­ro­päi­schen Kulturtage vermitteln europäi­sche Identität in der Viel­falt, sie sind die Manifes­ta­tion eines europäi­schen ­Selbst­ver­ständ­nis­ses, das in den Zeiten der Globa­li­sie­rung ein wirk­sa­mer Schutz gegen Nivel­lie­rung und Unifor­mie­rung ist, gegen die Preisgabe der humanis­ti­schen, christlich geprägten Werte.

Moskau als Thema dieses Jahres

Vom 22. April bis zum 13. Mai ist die russische Mega-City Moskau Thema der 18. Europäi­schen Kulturtage, wobei die klassi­schen und die aktuellen Aspekte der Kultur dieser Stadt in den mehr als acht­zig Veran­stal­tun­gen gleicher­ma­ßen behandelt werden, die lich­ten Seiten der russischen Hauptstadt ebenso zur Sprache ­kom­men und ins Bild gerückt werden wie ihre Schat­ten­sei­ten. Nach der Eröffnung mit der selten gespielten Tschai­kow­ski-Oper "­Ma­zeppa" und der Opern­ra­ri­tät "Der Dämon" von Rubinstein im Ba­di­schen Staats­thea­ter widmet sich zum städti­schen Auftakt eine ­Son­deraus­stel­lung im ZKM dem Leben im vorre­vo­lu­tio­nären Moskau.

Über die Einzel­hei­ten des Programms geben neben dem Blick ins In­ter­net www.europaei­sche-kulturtage.de, ein Programm­heft sowie ­ver­tie­fend ein Programm­buch Auskunft. Noch eine Bemerkung: ein Sym­po­sium, das sich mit Fragen der Rechts­kul­tur, der So­zi­al­po­li­tik sowie der Presse- und Meinungs­frei­heit in der rus­si­schen Zivil­ge­sell­schaft beschäf­tigt, trägt den Titel "­Mos­kau - das Dritte Rom". Es ist der explizite Hinweis darauf, dass die diesjäh­ri­gen Kulturtage der zweite Teil einer Trilo­gie ­der europäi­schen Geistes­ge­schichte sind, die mit Istanbul, das im vierten Jahrhun­dert als Konstan­ti­no­pel zur neuen Haupt­stadt­ ­des Römischen Reiches aufstieg, begonnen hat und in zwei Jahren mit dem "Ersten" Rom als Thema abgeschlos­sen wird.

Setzt man die Kultur­ta­gethe­men zueinander in Bezug, so merkt man im Blick nach vorne wie zurück: Auch für die Konzeption der Eu­ro­päi­schen Kulturtage gilt das Wort von Heinrich von Kleist ­über die Stadt Karlsruhe: "Sie ist klar und lichtvoll wie eine Regel, und wenn man hinein­tritt, so ist es als ob ein geord­ne­ter ­Ver­stand uns anspräche."

Dr. Michael Heck, Kultur­re­fe­rent und -amtsleiter, Stadt­ ­Karls­ru­he

 

Die Verbundenheit Barcelonas mit Karlsruhe stand 1983 im Mittelpunkt der Gespräche von Oberbürgermeister Pasqual Maragall mit Oberbürgermeister Otto Dullenkopf. Foto: Kulturamt

Die Verbundenheit Barcelonas mit Karlsruhe stand 1983 im Mittelpunkt der Gespräche von Oberbürgermeister Pasqual Maragall mit Oberbürgermeister Otto Dullenkopf. Foto: Kulturamt


Lech Walesa spricht 1998 im Karlsruher Rathaus zur Polnischen Freiheitskultur. Foto: Kulturamt

Lech Walesa spricht 1998 im Karlsruher Rathaus zur Polnischen Freiheitskultur. Foto: Kulturamt