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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 70 vom 17. März 2006: Baden und die Französische Revolution

Baden wird Großher­zog­tum (1)

Am Anfang steht ein Bild. Es ist das Titelblatt eines großen Werkes, das der berühmte Univer­sal­ge­lehrte Johann Daniel Schöpflin, Professor in Straßburg, im Auftrag des Markgrafen Karl Friedrich von Baden-Durlach erarbei­tet hatte. Der erste Band erschien 1763, vier weitere Bände folgten, und noch heute stellt Schöpflins "Historia Zaringo-Badensis" eine bewun­derns­werte histo­rio­gra­phi­sche Leistung dar, die erste "Badische Geschich­te" von Rang. Das Titelblatt hatte der Karlsruher Hofmaler Melling entworfen, und es enthält ein politi­sches Programm.

Das Bild zeigt die spärlichen Überreste der Burg Zähringen als eine vom Alter zerrüttete Ruine, doch darunter in imposanter Ausdehnung das soeben neu erbaute Schloß Karlsruhe. Und ganz unten erblickt man den noch jugend­li­chen Markgrafen in seinem Studier­zim­mer, einem auf schweren Säulen ruhenden Raum, an einem Schreib­tisch sitzend, neben ihm Klio, die Muse der Geschichte, die sich über einen riesigen Globus beugt. Ein kleiner Junge, vielleicht der Erbprinz, deutet auf die Stelle, wo man das kleine Baden vermuten könnte. Daneben liegen die Werkzeuge, welche die Studien des Fürsten kennzeich­nen, neben dem Globus die Zirkel und Messgeräte des Archi­tek­ten und Ingenieurs, die Baupläne. Die Burg Zähringen bei Freiburg, damals noch außerhalb von Karl Friedrichs Macht­be­reich befindlich, hatte Schöpflin als die Stammburg des badischen Hauses entdeckt und mit ihr die "Herzöge von Zähringen" der Staufer­zeit, aus denen sich hohe Ansprüche ableiten ließen. Auf festen Säulen gegründet, so steht es geschrie­ben, bestehe das alte Haus Zähringen weiter in seinen badischen Erben. Vergan­gen­heit, Gegenwart und Zukunft des badischen Hauses sind damit angespro­chen und in Letzterer die Pläne eines Fürsten, der das Fortkommen seines Hauses jedoch nicht im Krieg, sondern in den Studien suchte, die von ihm mit Erfolg betrieben wurden.

Der bis dahin größte Erfolg Karl Friedrichs ließ sich im Jahr 1763, als Mellings Bild entstand, schon absehen und trat acht Jahre später auch ein, als August Georg, der letzte Markgraf von Baden-Baden, im Jahr 1771 starb. Mit ihm erlosch die Linie der in Rastatt und Baden-Baden residie­ren­den Markgrafen, die im "Türken­louis" und seiner Gemahlin Sibylla Augusta eine bedeutsame Rolle auf dem politi­schen Parkett gespielt hatte, und der Erbvertrag trat in Kraft, mit dem die "Wieder­ver­ei­ni­gung" aller seit 250 Jahren geteilten badischen Gebiete unter dem Karls­ru­her Markgrafen vollzogen wurde. Erst jetzt wurde Baden zu einem Fürstentum mittlerer Größe: Im Innern bot es sich als wirtschaft­lich prospe­rie­ren­der, allem Neuen aufge­schlos­se­ner Muster­staat dar, und Karl Friedrich machte von sich reden, als er die Folter abschaffte, die Leibei­gen­schaft in seinem Land aufhob, seine Verwaltung und Gesetz­ge­bung moder­ni­sierte.

Zwiespäl­ti­ges Verhältnis zu Frankreich

Was die "Außen­po­li­tik" anbelangte, so rückte man nun noch näher an Frankreich heran, mit dem die Markgraf­schaf­ten in einem dichten Bezie­hungs­ge­flecht standen, von den kriege­ri­schen Aktionen der vergan­ge­nen Jahrzehnte ganz abgesehen. Das zu Baden gehörige Kehl, Straßburg unmit­tel­bar gegenüber und seit 1774 Stadt, besaß eine Art von Brücken­funk­tion, auch wenn es damals noch keine Rhein­brücke gab. Im markgräf­li­chen Emmen­din­gen, wo Goethes Schwager Schlosser als badischer Amtmann tätig war, lag man in engster Nachbar­schaft zu der bischöf­lich straß­bur­gi­schen Residenz in Ettenheim, und auch das Markgräf­ler­land vor den Toren Basels war nur durch den Rhein vom elsäs­si­schen Sundgau getrennt.

So bemerkte man in Karlsruhe, als sich in Frankreich die ersten Anzeichen einer Volks­be­we­gung gegen das in lethar­gi­scher Blindheit verhar­rende Günst­lings­sys­tem am Pariser Hof ankün­dig­ten, als dann der Sturm der Massen auf die Bastille die Revolution einleitete, die Vorboten der kommenden Ereignisse deutlicher als anderswo, verfügte man doch über beste Infor­ma­tio­nen. Man kannte die Werke der franzö­si­schen Aufklärer, die zahllosen Druck­schrif­ten, die über Kehl und Rastatt auch im Nachbar­land verbreitet wurden. Und auch über seine franzö­si­schen Korre­spon­denz­part­ner aus dem Kreis der Physio­kra­ten war Karl Friedrich über die Pariser Ereignisse informiert, wo er zeitweilig eine eigene Botschaft unterhielt, und man weiß, daß er die Vorgänge mit wachsender Sorge verfolgte, deren revolu­tio­nären Charakter er bereits wahrnahm, noch ehe die Revolution ausbrach.

Die schlimms­ten Missstände im Nachbar­land ließen sich am Beispiel des Straß­bur­ger Bischofs studieren, des Kardinals Louis-René de Rohan, der in der "Hals­ban­daf­fä­re" der Königin Marie Antoinette eine unrühm­li­che Rolle spielte und der sich, kaum waren die Aufstände ausge­bro­chen, nach Ettenheim zurückzog, wo er seit 1790 mit seinem ganzen Hofstaat residierte, also in unmit­tel­ba­rer Nachbar­schaft der badischen Herrschaft Hachberg. Johann Georg Schlosser in Emmen­din­gen beobach­tete dies aus nächster Nähe, ein Beamter, der den Stil der badischen Verwaltung in der Übergangs­zeit als kritischer Geist prägte. Eine ähnliche Rolle spielte der Minister von Edelsheim, vor allem aber Sigismund von Reitzen­stein, der im Jahr 1788 in den badischen Staats­dienst eintrat. Von Rötteln aus, wo er zunächst als Amtmann tätig war wie Schlosser in Emmen­din­gen, verfolgte er die von Basel ausge­hen­den revolu­tio­nären Ereignisse, ehe er dann als Gesandter in Paris die badischen Interessen vertrat. Jedenfalls bemerkt man, daß es Karl Friedrich gelang, Leute zu verpflich­ten, die das Neue mit wachem Verstand beobach­te­ten und die mit Beson­nen­heit zu agieren vermochten. Denn neben Karl Friedrich darf man keines­falls die verant­wort­li­chen Staats­män­ner vergessen, die mehr und mehr die badische Politik bestimmten. Dazu gehörte auch der wie Reitzen­stein in Göttingen ausge­bil­dete Nikolaus Friedrich Brauer. Er wurde zum Organi­sa­tor des Landes und seiner inneren Verwaltung. Wie kein anderer hatte er die Rechts­ver­hält­nisse Frank­reichs kennen gelernt und übertrug sie auf Baden. Ein merkwür­di­ger Zwiespalt tritt dabei zu Tage: Die Anlehnung an Frankreich, dessen Staats­den­ker, Dichter und Philo­so­phen man bewunderte und an dessen Lebensstil man sich orien­tierte, dessen revolu­tio­närem Expan­sio­nis­mus man jedoch mit wachsendem Misstrau­en begegnete, das sich auch bei Karl Friedrich feststel­len lässt.

Auswir­kun­gen der franzö­si­schen Revolution in Baden

Militä­risch war Baden nahezu ungeschützt. Sein Heer belief sich auf weniger als 2000 Mann und konnte allen­falls in Krisen­zei­ten durch eine Landmiliz aufge­stockt werden. Als man von den Ereig­nis­sen im Juli 1789 hörte, aus Paris und vor allem aus Straßburg und dem ganzen Elsaß, sandte man Truppen nach Rötteln, Baden­wei­ler, Hachberg-Emmen­din­gen und Kehl. Vor allem in den Straßburg gegen­über­lie­gen­den Gebieten kam es zu Unruhen und zu einzelnen revolu­tio­nären Aktionen, die auf lokale Missstände zurück­zu­füh­ren waren. Die badische Verwaltung reagierte darauf mit Beson­nen­heit, versprach Aufklärung und wo nötig Besei­ti­gung der Beschwer­de­gründe. Auch die unmit­tel­bar vor Ausbruch der Revolu­tion einge­lei­te­ten Gesetze, so die 1783 verkündete Aufhebung der Leibei­gen­schaft, trugen viel dazu bei, der revolu­tio­nären Propaganda den Boden zu entziehen. So blieb in der Markgraf­schaft bei aller Aufge­schlos­sen­heit gegenüber den im Nachbar­land verkün­de­ten Freiheits­ideen doch das Gefühl für jene Ordnung bestehen, die Karl Friedrich und sein Beamten­ap­pa­rat zu gewähr­leis­ten verspra­chen.

Doch dann griffen die Ereignisse aus dem revolu­tio­nären Frankreich auch nach Baden über und man erlebte die Not der Flücht­linge, die in immer größerer Zahl über den Rhein kamen, um der ihnen drohenden Lebens­ge­fahr zu entgehen. Zu den Beamten und Höflingen des Straß­bur­ger Bischofs, die Ettenheim immer mehr zu einem Zentrum gegen­re­vo­lu­tio­närer Agitation machten, kamen die franzö­si­schen Adeligen und Kleriker, die vor der neuen antikirch­li­chen Gesetz­ge­bung auswichen, schließ­lich auch kleine Leute aus der unmit­tel­ba­ren links­rhei­ni­schen Nachbar­schaft. Sie alle waren in Baden nicht willkommen und wurden als Belastung empfunden, zumal wenn sie keine Geldmittel besaßen. Je länger diese Vorgänge andauerten, umso mehr verlor sich jede Sympathie für das revolu­tio­näre Frankreich, nicht nur bei Karl Friedrich und seinen Beamten, sondern auch in der Bevöl­ke­rung, die aus erster Hand von den Gräuel­ta­ten der Revolu­tio­näre erfuhr, die sie mit Angst erfüllten. In Baden sollen es nahezu 10 000 Emigranten gewesen sein, die zeitweilig hier Zuflucht fanden.

Kriege­ri­sche Ausein­an­der­set­zun­gen

Baden wurde zum Frontstaat. Zwar blieben Übergrif­fe franzö­si­scher Revolu­ti­ons­trup­pen über den Rhein zunächst vereinzelt und konnten aus eigener Kraft abgewehrt werden. Doch als 1792 der Krieg zwischen Öster­reich/Preu­ßen und Frankreich ausbrach, musste auch Baden Stellung beziehen und schloss sich, wenngleich wider­stre­bend, den Verbün­de­ten an. Denn es zeigte sich, daß auf die Dauer die Möglich­keit einer eigen­stän­di­gen, auf Neutra­li­tät zielenden Politik Badens nicht bestand; zu exponiert war die Stellung im Glacis der Kriegs­par­teien, und in der Tat massierten sich auf badischem Gebiet die Heere der Verbün­de­ten, vor allem der öster­rei­chi­schen Truppen. Auch die Separat­ver­hand­lun­gen mit Frankreich brachten kein Ergebnis. Doch der Eintritt Badens in die antire­vo­lu­tio­näre Allianz vergrö­ßerte die Probleme. Die Hoffnung des Markgrafen, die Truppen des Schwä­bi­schen Kreises, an deren Spitze er, der völlig unkrie­ge­ri­sche Mann, als Feldmar­schall trat, einsetzen zu können, trog; die militä­ri­sche Schwäche der Verbün­de­ten trat offen zutage. Die Besetzung der Pfalz durch die Revolu­ti­ons­trup­pen im Dezember 1793 machte das Flücht­lings­pro­blem noch gravie­ren­der und brachte Baden in eine verhee­rende wirtschaft­li­che Lage. 1795 musste Karl Friedrich aus seinem Land fliehen und fand in Ansbach Zuflucht, während seine Beamten, vor allem Edelsheim und Reitzen­stein, von Karlsruhe aus die weiteren Verhand­lun­gen führten.

Friedens­di­plo­ma­tie

Man empfindet das Hin und Her diplo­ma­ti­scher und militä­ri­scher Aktionen als ein kaum entwirr­ba­res Knäuel einzelner Vorgänge, die sich nur schwer in ein versteh­ba­res Schema einordnen lassen. In dieser Situation hat Reitzen­stein in Paris erneut Badens Interessen vertreten. Doch das Ergebnis, das er zustande brachte, wider­strebte dem Markgrafen so sehr, daß er zunächst seine Unter­schrift unter das Vertrags­werk verwei­gerte. Erst im November 1797 schloss er sich dem kurz zuvor unter­zeich­ne­ten Frieden von Campo Formio zwischen Frankreich und dem Reich an, wonach er den Rhein als definitive Grenze zu Frankreich akzep­tie­ren musste und damit auch die endgültige Abtretung seiner links­rhei­ni­schen Gebiete. Über Entschä­di­gun­gen würde man weiter verhandeln müssen.

Erneut wird die prekäre Lage deutlich, in der sich Baden befand. Nach wie vor fühlte sich Karl Friedrich als deutscher Reichs­fürst und schwankte zwischen nachgie­bi­gem Verhalten gegenüber Frankreich einerseits und Loyalität gegenüber den Bündnis­part­nern anderer­seits, und es zeigte sich, daß sein politi­scher Spielraum immer geringer wurde. Wieder einmal wurde Rastatt, wie schon 85 Jahre zuvor, zum Austra­gungs­ort eines allge­mei­nen Friedens­kon­gres­ses, und für fast zwei Jahre gaben sich dort, im Schloß des Türken­louis, die Diplomaten aus ganz Europa ein Stell­dich­ein. Doch der "Rastatter Gesand­ten­mord" vom April 1799, also die gewaltsame Tötung der auf dem Wege nach Rastatt befind­li­chen franzö­si­schen Gesandten durch öster­rei­chi­sche Husaren, machte dem Kongress ein Ende und entfachte den Krieg aufs Neue, trug dem Markgrafen zudem den Vorwurf ein, für die Sicherheit in seinem Lande nicht genügend gesorgt zu haben. Und doch ist es ihm mit seiner riskanten und nach beiden Seiten gerich­te­ten Politik gelungen, sich zu behaupten, sein Land als gleich­be­rech­tig­ten und beach­te­ten Partner in das politische Spiel einzu­brin­gen. Wie weit er selbst, der inzwischen 72jährige, den letzt­end­li­chen Erfolg einer zähen Politik für sich in Anspruch nehmen darf, wie weit dieser seinen Diplomaten und insbe­son­dere Reitzen­stein zuzuschrei­ben ist, darüber lässt sich disku­tie­ren. Doch die nun folgenden Ereignisse bedeuteten einen Triumph, wie er selten einem Fürsten am Ende eines langen Lebens und einer ebenso langen Regierung zuteil wurde.

Beginn der Neuordnung Europas

Der Frieden von Lunéville (1801) markiert einen politisch defini­ti­ven Abschluss, und danach war es den Organen des Reichs selbst aufgegeben, ihre eigene Liqui­da­tion zu betreiben. Es ging zunächst darum, diejenigen Reichs­stän­de zu entschä­di­gen, die links­rhei­ni­sche Besit­zun­gen verloren hatten. Dazu gehörte auch Baden. Mit dem sogenann­ten "Reichs­de­pu­ta­ti­ons­haupt­schluss", dem Verhand­lungs­er­geb­nis einer Abordnung der Reichs­stände, die in Regens­burg zusam­men­trat, wurde das riesige Vertrags­werk verab­schie­det, hinter dem nicht nur die weltlichen Stände und besonders die Fürsten mit ihren Gebiets- und Entschä­di­gungs­an­sprü­chen standen, sondern auch die europäi­schen Großmächte, denen an dieser Neuordnung gelegen war. In Frankreich war inzwi­schen General Napoleon Bonaparte zum mächtigs­ten Mann aufge­stie­gen, seit 1802 als Erster Konsul an der Spitze des Staats. Baden musste sich in das Bündnis­sys­tem des Mannes einbe­zie­hen lassen, der sich zwei Jahre später zum Kaiser der Franzosen krönen ließ und daranging, ganz Europa seinen eigenen Ordnungs­vor­stel­lun­gen zu unter­wer­fen. Baden wurde, wie alle süddeut­schen Klein- und Mittel­staa­ten, zum Spielball dieses politi­schen Genius, der die alte Welt zerstörte und verwan­delte.

Fortset­zung in den beiden folgenden Ausgaben

Prof. Dr. Hansmartin Schwarz­maier, Leitender Direktor des Generallan­des­ar­chivs Karlsruhe i. R.

Vom Autor erschien: Baden. Dynastie - Land - Staat, Stuttgart 2005.
Zum Thema dieses Beitrags vgl. insbes. Jürgen Voss, Baden und die Franzö­si­sche Revolution, in: Deutsch­land und die Franzö­si­sche Revolution , hrsg. von J. Voss, München 1983, S. 98-117; ferner Volker Rödel (Hrsg.), Die Franzö­si­sche Revolution und die Oberrhein­lande (1789-1798), Sigma­rin­gen 1991 (Ober­rhei­ni­sche Studien Band 9).

 

Titelblatt der fünfbändigen "Badischen Geschichte" von Johann Daniel Schöpflin. Foto: Stadtarchiv

Titelblatt der fünfbändigen "Badischen Geschichte" von Johann Daniel Schöpflin. Foto: Stadtarchiv


Johann Georg Schlosser (1739 - 1799).