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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 69 vom 9. Dezember 2005: Das Verbrechen des Karl Hau

Am Abend des 6. November 1906 erleuch­te­ten nur ein paar Gasla­ter­nen das stille Villen­vier­tel oberhalb des Kurhauses von Baden-Baden. Zwei Frauen gingen dort über die Kaiser-Wilhelm-Straße in Richtung Stadtmitte. Plötzlich fiel ein Schuss. Mit einem Schrei stürzte eine der Frauen zu Boden. Eine Revol­ver­ku­gel hatte die Medizi­nal­rats­wit­we Josefine Molitor aus nächster Nähe vom Rücken her ins Herz getroffen. Weinend beugte sich ihre 20-jährige Tochter Olga über die Sterbende. Sie hatte einen großen Mann mit dunklem Überzieher und Hut davoneilen sehen. Ansonsten hat niemand die Tat beobachtet, Spuren vom Täter ließen sich nicht sichern.

Der Tatver­dacht

Unver­züg­lich nahm die zuständige Staats­an­walt­schaft Karlsruhe gemeinsam mit der Baden-Badener Polizei die Ermitt­lun­gen auf. Bald verdich­tete sich der Verdacht gegen den Schwie­ger­sohn der Ermordeten. Karl Hau war im Jahre 1881 in Großlitt­gen bei Wittlich als Sohn eines Bankdi­rek­tors geboren worden, seine Mutter verstarb früh. Nach dem Abitur studierte der Sohn Rechts­wis­sen­schaft in Freiburg und Berlin. 1901 erlitt er einen Blutsturz, so dass er an verschie­de­nen Orten Erholung suchte, zuletzt in Ajaccio auf Korsika. Dort lernte er Frau Molitor mit ihren Töchtern Lina und Olga kennen. Es entwi­ckelte sich ein Liebes­ver­hält­nis zwischen Karl und der älteren Lina, das nach der Rückkehr nach Deutsch­land andauerte. Schließ­lich kam es zu einer gemein­sa­men Flucht der beiden in die Schweiz, an deren Ende stand ein Selbst­mord­ver­such. Jetzt heirateten Lina und Karl, um einem Skandal zu entgehen. Sie zogen nach Washington, wo Karl seine Studien fortsetzte, Lina bald eine Tochter gebar. Der begabte Hau brachte es zum "assistant professor" und Rechts­an­walt. Als Sekretär des türkischen General­kon­suls fuhr er wiederholt in den Orient, wo er offenbar allerlei verlust­brin­gende Geschäfte abschloss.

Der Tathergang

Im Jahre 1906 reisten die Eheleute mit Kind und Kinder­mäd­chen nach Europa, legten einen Zwischen­halt in Baden-Baden ein. Von hier aus sollte die Reise über Paris und London zurück in die USA führen. Linas Schwester Olga schloss sich an, da man gemeinsam die franzö­si­sche Hauptstadt erfahren möchte. Im Hotel kam es zum Streit, denn Lina beobach­tete eifer­süch­tig den Umgang zwischen ihrem Ehemann und ihrer jüngeren Schwester. Am 29. Oktober traf bei Mutter Molitor in Baden-Baden ein Telegramm ein: "Erwarte dich mit dem nächsten Zug. Olga krank. Komme sofort Lina." Als Frau Molitor in dem Pariser Hotel ankam, waren alle wohlauf, niemand wollte das Telegramm aufgegeben haben. So reiste die Mutter mit Olga zurück an die Oos, während Familie Hau nach London weiterfuhr. Dort im Hotel erreichte Hau eine Depesche, die ihn in dringenden Geschäften nach Berlin rief. Jetzt ließ er sich beim Friseur eine Perücke und einen falschen Bart verpassen, quartierte seine Angehö­ri­gen bis zu seiner Rückkehr in dem Londoner Hotel ein und setzte über zum Kontinent.

Was er nunmehr unternahm, konnte der Karls­ru­her Staats­an­walt Dr. Bleicher bald aufklären: Statt nach Berlin war Hau nach Frankfurt gefahren, dort hielt er sich in einem Hotel auf, ließ seine Perücke umfärben und einen langen braunen Vollbart anfertigen. Am 6. November fuhr er mit dem Zug nach Baden-Baden, wo er um 13.08 Uhr eintraf. Nun trieb er sich in der Umgebung des Molitor'­schen Hauses herum, so als ob er jemanden erwarte. Mehrere Zeugen haben den Vollbär­ti­gen dort beobachtet, einige hielten den maskier­ten Mann gar für den Schwie­ger­sohn von Frau Molitor. Gegen 17.45 schrillte in deren Villa das Telefon. Ein Postin­spek­tor Graf erklärte dem Zimmer­mäd­chen, Frau Molitor solle sofort aufs Postamt kommen, die Urschrift der ominösen Pariser Depesche sei soeben einge­trof­fen. Da machte sich die Witwe mit ihrer Tochter auf den Weg - wenige Minuten später geschah der Mord. Rasch stellte die Polizei fest, dass ein Postin­spek­tor Graf gar nicht existierte, sehr wohl aber auf dem Postamt ein Unbekann­ter mit falschem Bart und Perücke gegen 17.45 Uhr ein Gespräch zur Villa Molitor durch­stel­len ließ. Droben in der Villa ist sich das Zimmer­mäd­chen beinahe sicher, die Stimme des Ehemanns von Lina Hau erkannt zu haben. Hau hatte inzwischen um 18.15 Uhr den Abendzug von Baden-Baden nach Karlsruhe genommen, um von dort über Ostende nach London zu fahren. Kaum war er im Hotel einge­trof­fen, als englische Polizei­be­amte an die Tür klopften und ihn verhaf­te­ten. Im Januar 1907 wurde Hau an die deutsche Justiz ausge­lie­fert und in das Gefängnis in der Karlsruher Riefstahl­stra­ße verbracht. Nach anfäng­li­chem Bestreiten räumte er ein, zur Tatzeit in Baden-Baden gewesen zu sein und auch den fingierten Anruf zum Hause Molitor ausgeführt zu haben. Mit der Ermordung seiner Schwie­ger­mut­ter habe er aber nichts zu tun, er habe lediglich vor der Abreise in die USA nochmals seine Schwägerin Olga sehen wollen.

Der Prozess

Ende Mai 1907 erhob der Staats­an­walt Anklage wegen Mordes. Das Motiv sah er in der desolaten Finanzlage Haus, der gehofft habe, über seine erbbe­rech­tigte Ehefrau an das Vermögen seiner überaus wohlha­ben­den Schwie­ger­mut­ter zu gelangen. Die Haupt­ver­hand­lung fand von 17.-23. Juli 1907 vor der Schwur­ge­richts­kam­mer des Landge­richts Karlsruhe statt. Das Gericht war besetzt mit drei Berufs­rich­tern und zwölf Geschwo­re­nen. Den Vorsitz führte Landge­richts­di­rek­tor Dr. Eller, als Straf­ver­tei­di­ger trat Dr. Dietz auf. Auf dem Richter­tisch stand ein Glasbe­häl­ter mit dem in Spiritus einge­leg­ten Herzen des Opfers. Am Presse­tisch drängten sich über 20 Reporter aus dem In- und Ausland. Der Fall war nämlich inzwischen zu einer einmaligen Presse­sen­sa­tion gediehen, ging es doch wohl um eine mysteriöse Bezie­hungs­tat innerhalb der wohlha­ben­den Gesell­schafts­schicht des weltbe­kann­ten Badeortes. In Zeitungs- und Zeitschrif­ten­bei­trä­gen hat man daher die Schuld­frage immer von neuem gestellt, alle für und gegen den Verdäch­ti­gen sprechen­den Umstände wurden ausführ­lich dargelegt. Und in der Bevöl­ke­rung wogte der Meinungs­streit: Die einen plädierten für, die anderen gegen den verhaf­te­ten Rechts­an­walt. Hatte nicht gar ein unbekann­ter Dritter die Tat ausge­führt? Angesichts der öffent­li­chen Wißbe­gier­de druckte die lokale Presse während des Prozesses Wortpro­to­kolle der Zeugen­aus­sa­gen und der Ausfüh­run­gen der Sachver­stän­di­gen. Als am Ende der Haupt­ver­hand­lung der Staats­an­walt die Todess­trafe beantragte, kam die Erregung der Karlsruher zum offenen Ausbruch. Schon im Laufe des Abends hatte sich unter den Fenstern des Gerichts­saals eine ständig anwach­sende Menge Neugie­ri­ger gebildet. Bald blockier­ten die Massen das Gerichts­tor, im Bereich von Stepha­ni­en­straße und heutiger Hans-Thoma-Straße gab es kein Durch­kom­men mehr. Die Menschen­menge begann laut zu johlen und zu pfeifen. Als die Zeugin Olga Molitor ins nahe Hotel gehen wollte, hat man sie bedroht, Scheiben des Hotels wurden einge­schla­gen. Jetzt musste die Polizei das Militär zu Hilfe rufen. Leibgre­na­diere rückten mit aufge­pflanz­tem Bajonett an, sie wurden mit einem Pfeif­kon­zert und Stein­wür­fen empfangen. Mit Mühe konnten die Randa­lie­rer abgedrängt und einige von ihnen verhaftet werden.

Das Urteil

Unter­des­sen hatte das Schwur­ge­richt nachts gegen 3 Uhr sein Urteil verkündet: Hau wurde wegen Mordes an seiner Schwie­ger­mut­ter zum Tode verurteilt. Die hiergegen eingelegte Revision verwarf das Reichs­ge­richt in Leipzig im Oktober 1907. Jetzt drohte die Straf­voll­stre­ckung durch Enthaupten mit der Guillotine. Eilends reichte der Vertei­di­ger ein Gnaden­ge­such ein, woraufhin Großher­zog Friedrich II. den Urteilss­pruch gnaden­weise in lebens­läng­li­che Zucht­haus­strafe verwan­delte. Anfang Dezember 1907 wurde Hau in das Zuchthaus Bruchsal einge­lie­fert. Unter­ge­bracht in einer Einzel­zelle sah er sich mit Papier­ar­bei­ten und Polstern von Matratzen beschäf­tigt. Seine freien Stunden füllte er mit Lesen aus. Auch übersetzte er in jahre­lan­ger Schreib­ar­beit ein dreibän­di­ges Geschichts­werk über römisches Recht in die englische Sprache. Nach einigen vergeb­li­chen Anträgen wurde ihm schließ­lich vorzei­ti­ge Entlassung gewährt unter der Auflage, den Straf­pro­zess oder die Straf­ver­bü­ßung keines­falls zu Filmdar­stel­lun­gen oder sensa­tio­nel­len Veröf­fent­li­chun­gen zu verwenden. Am 27. August 1924, über siebzehn Jahre nach der Inhaft­nahme, öffnete sich das Zucht­hau­stor für den Verur­teil­ten.

Selbstmord nach der Entlassung

Der Entlassene begab sich nach Bernkastel zu seiner Stief­mut­ter, der zweiten Frau seines inzwischen verstor­be­nen Vaters. Hier verfasste er die Schriften "Das Todes­ur­teil" und "Lebens­läng­lich", in denen er sich mit der nach wie vor bestrit­te­nen Straftat und mit seinen Erfah­run­gen aus dem Straf­voll­zug ausein­an­der setzte. Die 1925 erschie­ne­nen Broschüren wurden zu einem Verkaufs­er­folg. Weiter betei­lig­te sich Hau an einem kommer­zi­el­len Film über sein Schicksal. Mit all dem hatte er gegen die amtlichen Auflagen verstoßen, weshalb die Straf­aus­set­zung im Oktober 1925 wider­ru­fen wurde. Nun flüchtete Hau nach Italien. Zuletzt wohnte er unter falschem Namen in einem Hotel in Tivoli. Am 5. Oktober 1926 fand man bei der Villa des Adrian nahe Tivoli einen bewusst­lo­sen, stöhnenden Menschen. Er verstarb alsbald im Kranken­haus. Nach dem Obduk­ti­ons­er­geb­nis war von Selbst­tö­tung durch Vergiften auszugehen. Späterhin konnte der Tote als Karl Hau identi­fi­ziert werden.

In den Medien und in der Literatur wird die Tatur­he­ber­schaft des Rechts­an­walts seit nahezu hundert Jahren immer wieder hinter­fragt. Wer sich indessen mit dem im Generallan­des­ar­chiv Karlsruhe verwahrten Aktengut vertraut macht, der wird erkennen, dass allein Karl Hau das Verbrechen verübt haben kann.

Eine eingehende Fallschil­de­rung wird in der Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 153 (2005), eine Übersicht über die Literatur zum Fall Hau wird im Jahresheft AQUAE 2005 des Arbeits­krei­ses Stadt­ge­schichte Baden-Baden erscheinen.

Dr. Reiner Haehling von Lanzenauer, Jurist und Historiker

 

Karl Hau 1881 - 1926. Foto: Haehling von Lanzenauer

Karl Hau 1881 - 1926. Foto: Haehling von Lanzenauer


Das Gebäude des Landgerichts Karlsruhe um 1900, in dem 1907 der Prozess gegen Karl Hau stattfand und vor dem sich der "Volkszorn" gegen das Urteil artikulierte. Foto: Stadtarchiv

Das Gebäude des Landgerichts Karlsruhe um 1900, in dem 1907 der Prozess gegen Karl Hau stattfand und vor dem sich der "Volkszorn" gegen das Urteil artikulierte. Foto: Stadtarchiv