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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 69 vom 9. Dezember 2005: Bücherblick

Rechts­his­to­ri­sche Rundgänge durch Karlsruhe. Residenz des Rechts. Von Detlev Fischer

Aus der Nähe betrachtet geht es um eine ganze Residenz­stadt des Rechts, denn sie umschließt ja eine Vielzahl von justiz­be­zo­ge­nen Einzel­stät­ten. Eben diese sind nunmehr in einer handlichen, reich bebil­der­ten Schrift sorgsam verzeich­net und durch mitein­an­der verbun­de­ne Rundgänge erschlos­sen worden. In den Text einge­füg­te Planskiz­zen erleich­tern das Auffinden der Sehens­wür­dig­kei­ten, von denen hier nur ein Teil erwähnt werden kann. Der erste Rundweg beginnt an den frühen Orten des modernen badischen Staats­we­sens, nämlich am ehema­li­gen Ständehaus, geht vorbei an der Verfas­sungs­säule und am einstigen großher­zog­li­chen Schloss. In der nahen Karl-Friedrich-Straße wohnte während seines Vorbe­rei­tungs­diens­tes der spätere Lahrer Oberamts­rich­ter Ludwig Eichrodt, der mit seinen humoris­ti­schen Reimen den Begriff des Bieder­meier geprägt und einer Epoche den Namen gegeben hat.

Der zweite Rundgang führt zu dem im Laufe des 19. Jahrhun­derts erstan­de­nen Karlsruher Land- und Amtsge­richt mit Staats­an­walt­schaft sowie zum einstigen badischen Justiz­mi­nis­te­rium. In der Bismarck­straße befindet sich das Wohnhaus des verfolgten Jugend­rich­ters Heinrich Wetzlar. In der Nähe steht das Denkmal des schrift­stel­lern­den Recht­sprak­ti­kan­ten Victor Scheffel. Der nächste Rundweg geleitet in den Stadtteil Westend mit den Dienst­ge­bäu­den von Oberlan­des­ge­richt, Verwal­tungs­ge­richt, Landes­rech­nungs­hof, General­staats­an­walt­schaft und Vollzugs­an­stalt. An das Schicksal der Rechts­an­wälte Reinhold Frank, Albrecht Fuchs und Ludwig Marum gemahnen deren Wohnhäuser in der Ludwig-Marum-, Bach- und Wendt­straße. Eine weitere Route führt zu dem 1951 eröffneten Bundes­ver­fas­sungs­ge­richt, vorweg zu dessen altem Dienst­ge­bäude im Prinz-Max-Palais in der Karlstraße, dann zum jetzigen Bau im Schloss­be­zirk.

Diese Route berührt das Notariat, sodann das Geburts­haus des Dichter­ju­ris­ten Alfred Mombert in der Kaiser­straße, führt weiter zum Buback-Gedenk­stein. Der fünfte und letzte Rundgang geleitet zu dem 1950 errich­te­ten Bundes­ge­richts­hof, der im Gebäu­de­kom­plex des früheren Erbgroß­her­zog­li­chen Palais an der Herren­straße residiert. Dort im neuen Biblio­theks­bau befindet sich auch das Rechts­his­to­ri­sche Museum, wo der Besucher all die bei seiner Rundfahrt gewonnenen Eindrücke weiter vertiefen kann. Über 60 Stationen sind es, die der Verfasser, als Richter ein vertrauter Kenner unserer Justi­z­ge­schichte, insgesamt vorstellt. In diesem Büchlein beginnen die Fassaden zu sprechen:Sie erzählen von Recht­stra­di­tion und Recht­spre­chung, zugleich von den Menschen, die hier gestern wie heute wirken.

Dr. Reiner Haehling von Lanzenauer, Jurist und Historiker

Frank Engehausen: Kleine Geschichte des Großher­zog­tums Baden 1806 - 1918

Der Titel ist irrefüh­rend. Wie der Verfasser im Vorwort. schreibt, ist "die Schwer­punkt­set­zung einseitig: Es geht im Folgenden nicht um sozial-, wirtschafts- oder kultur­ge­schicht­li­che Probleme der badischen Geschichte des 19. Jahrhun­derts, sondern uni die Entwick­lung des politi­schen Systems im Großher­zog­tum." Nun kennt man die Crux einer Reihe von "Kleinen Geschich­ten", wo eben auf schmalem Raum meist diffe­ren­zierte Vorgänge erzählt und nicht einfach chronikal aufgezählt werden sollen. Man wundert sich im Hinblick auf frühere Reihen Kleiner Geschich­ten über eine solche Einsei­tig­keit. Die im Heinrich Scheffler Verlag vor 40, 50 Jahren erschie­nene Geschich­te Frank­reichs von Friedrich Sieburg zu lesen, ist auch heute ein Genuss. Von den Galliern angefangen bis de Gaulle mit einer dreisei­ti­gen kritischen Litera­tur­an­gabe, einem Register samt Bildtafeln auf 195 Seiten, das ist eine Kunst der Raffung bei gleich­zei­ti­ger stilis­ti­scher Brillanz, mit Quellen­zi­ta­ten und anregenden Kapitel­über­schrif­ten durchsetzt. Da weder die Wirtschaft noch die Weit der Künstler und Dichter ausgespart werden.

Nun ist die vorlie­gende Publi­ka­tion großzügig gedruckt, sehr handlich und sympa­thisch im Format mit zahlrei­chen Abbil­dun­gen und grausei­ti­gen Tableaus aufge­lo­ckert, ein Buch, das man gern zur Hand nähme, wenn es etwas mehr böte. Wollte der Autor sich von der "Geschichte Badens'" (1992) des Freiburger Histo­ri­kers Wolfgang Hug unter­schei­den, der für die Geschichte des Großher­zog­tums rund 120 Blätter, freilich bei größerem Seite­n­um­fang benötigt? Engehau­sen beginnt bei der Entstehung des neuen Badens alsbald mit der Verfassung von 1818 und verknüpft dieses besondere Ereignis wie auch 1848 und 1870 mit der bundes­deut­schen Entwick­lung. Dabei wird die liberale Sonder­stel­lung Badens sehr deutlich und das Ringen in diesem Prozess in vielen Einzel­hei­ten anschau­lich geschil­dert. Wer dies sucht einschließ­lich einer Partei­en­ge­schichte oder Grund­sätz­li­ches zu, einer konsti­tu­tio­nel­len Monarchie, Findet hier zuver­läs­si­ge Infor­ma­tio­nen.

Der Heidel­ber­ger Kultur­his­to­ri­ker Eberhard Gothein zitierte um 1890 seinen Lehrer Wilhelm Dilthey, dass es Aufgabe der Geschichte sei, das "Hervor­brin­gen mensch­li­chen Geistes" zu verstehen. Daher schloss er: "Eine ausschließ­li­che politische Geschichts­schrei­bung, die nur das Staats­le­ben behandelt, kann dieser Aufgabe nicht gerecht werden." Kann man Baden und seine Partei­en­ge­schichte im 19. Jahrhun­dert zutreffend charak­te­ri­sie­ren ohne auf die Indus­tria­li­sie­rung und Verstäd­te­rung hinzu­wei­sen, den Wandel des ländlichen Raumes, die Wachs­tums­fak­to­ren, die Lage der Arbeiter­schaft. Hug schafft das bei fast gleichem Umfang, und da werden auch noch Personen charak­te­ri­siert, die bei Engehausen nur blass erscheinen. Die Großher­zo­gin Luise z. B. wird in einem Nebensatz erwähnt, doch jeder kennt die Bedeutung des Badischen Frauen­ver­eins, der eine patri­ar­cha­li­sche Alter­na­tive zur sozialen Frage war und die Atmosphäre in diesem südwest­deut­schen Land prägte. Zudem wird für den Laien die Verfas­sungs- und Partei­en­ge­schich­te schnell trockenes Politik­wis­sen. Wenn man landes­frem­den Studie­ren­den oder zugereis­ten Nicht­ba­de­nern die Herkunft dieses Landes erklären will, müßte man weiter greifen. Libera­li­tät ist nicht nur eine Verfas­sungs­frage, sie ist eine humane Lebensform. Und mehr Leben wünschte man sich selbst in "Kleinen Geschich­ten".

Dr. Leonhard Müller, Historiker

 

Bespro­chene Bücher


Rechts­his­to­ri­sche Rundgänge durch Karlsruhe. Residenz des Rechts. Von Detlev Fischer, Verlag der Gesell­schaft für kultur­his­to­ri­sche Dokumen­ta­tion Karlsruhe, 128 S., 139 Abb., 12,50 €

Frank Engehausen: Kleine Geschichte des Großher­zog­tums Baden 1806 - 1918, G. Braun Buchverlag Karlsruhe 2005, 208 S., 14,90 €