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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 69 vom 9. Dezember 2005

Carlsruher Blick­punkte

Der Beiert­hei­mer Altar

Wer heute an der modernen von Werner Groh geplanten St. Michaels­kir­che vorbeigeht oder in der Ebert­stra­ße vorbei­fährt, wird sicherlich nicht erwarten, das diese Kirche das älteste Altarwerk von Karlsruhe beherbergt. Ursprüng­lich war dieser Altar an anderer Stelle unter­ge­bracht, nämlich in der wesentlich kleineren St. Michaels­ka­pelle in der Breite­straße, direkt neben den dort noch vorhan­de­nen Fachwerk­häu­sern der Ortsmitte von Beiertheim.

Kirchlich war das Dorf im Mittel­al­ter eine Filiale von Bulach. Ein eigenes kleines Gotteshaus bekam der Ort erst mit der Gründung der "Bruder­schaft unserer lieben Frau" im Jahre 1521. Der Altar, vom Maler selbst 1523 datiert und mit seinem Monogramm L.F. versehen, ist sicher von Anfang an für die spätgo­ti­sche Kapelle in Auftrag gegeben worden.

Im Schrein stehen folgende Skulpturen: der heilige Wendelin in Schäfer­tracht mit seinen Attributen Ochse und Hund - er ist der Ortshei­lige von Beiertheim - Maria auf der Mondsichel mit dem Jesuskind und der heilige Michael, Patron der Kirche, der mit dem Flammenschwert den Drachen besiegt. Die Figuren sind aus Lindenholz geschnitzt ebenso wie die Abend­mahls­dar­stel­lung in der Predella, die die zwölf Apostel in lebhafter Diskussion mit Christus zeigt. Die Drehflü­gel sind mit Heili­gen­dar­stel­lun­gen bemalt: auf der Vorder­sei­te die Bischöfe Valentin und Blasius und die Märty­re­rin­nen Margarete und Juliana, auf der Rückseite Abt Leonhard, Anna selbdritt und die Märty­re­rin­nen Ursula und Apollonia. Die Stand­flü­gel des Altars, der nur an Feiertagen geöffnet werden darf, schmücken Bildnisse der Bischöfe Theodulf und Wolfgang. Derartige Heili­gen­dar­stel­lun­gen hatten für die Dorfbe­woh­ner durchaus Bedeutung. Drachen­be­zwin­ger und Teufels­bän­di­ger standen damals
hoch im Kurs und Blasius etwa war der Patron gegen Halsleiden, eine Krankheit, die in früheren Jahrhun­der­ten fatale Folgen haben konnte.

Im Auszug des Altars stehen die Figuren von Johannes und Maria neben einem Kruzifix des 19. Jahrhun­derts. Überhaupt sind nicht mehr alle Teile des Altars erhalten. Die Figuren wurden im 19. Jahrhun­dert übermalt und ergänzt. Der originale Schrein ist schon lange verloren. So wurden Flügel und Figuren des Altars früher separat aufge­stellt. Das kriegs­be­schä­digte Kirchlein wurde leider 1957 abgebro­chen. Den Altar hatte man im Krieg vorsichts­hal­ber ausge­la­gert, so dass er 1965 zur Einweihung der neuen Kirche wieder aufge­stellt werden konnte. Mit Hilfe des Landes­denk­mal­amts schuf man damals einen
neuen Schrein, der Architekt Werner Groh entwarf in enger Verbindung zum Hauptbau der neuen Kirche die Marien­ka­pel­le zur Aufnahme des Flügel­al­tars. Bei einer schon damals durch­ge­führ­ten Restau­rie­rung wurde die originale Fassung der Figuren freigelegt.

1988/89 wurde das Retabel erneut restau­riert bzw. konser­viert, da sich Holz und Farbe aufzulösen begannen. Heute bildet es den Hauptaltar der Kirche. Das "beacht­li­che Werk oberrhei­ni­scher Schnit­ze­rei und Malerei" wurde 1970 in der Ausstel­lung "Spätgotik am Oberrhein" eingehend gewürdigt. Danach stammen die Skulpturen im Schrein aus der Straß­bur­ger Werkstatt von Hans Wydyz, was in einer 1993 erschie­ne­nen Monogra­phie über den Künstler noch einmal bestätigt wurde. Die Identität des Malers L.F. ist hingegen noch nicht geklärt.

Dr. Peter Pretsch, Leiter des Stadt­mu­se­ums

 

Foto: U. Bolch, Stadtarchiv

Foto: U. Bolch, Stadtarchiv