Sprung zur Navigation. Sprung zum Inhalt.

Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 68 vom 16. September 2005

Carlsruher Blick­punkte

Das Schwe­den­pa­lais

Gegenüber der Kunsthalle steht in der Hans-Thoma-Straße 1 eines der wenigen Gebäude, deren Fassade noch vom Louis Seize Stil geprägt ist. Sie gehört zu jenem Palais, das für den markgräf­li­chen Geh. Hofrat Preuschen 1768/70 von Johann Friedrich Weyhing (1718 - 1781) erbaut wurde. Dieser war zunächst Bauin­spek­tor am Stutt­gar­ter Schloss, ab 1768 in badisch-durla­chi­schen Diensten, als "Baumeis­ter" tätig. Er entwarf ein reprä­sen­ta­ti­ves Wohnge­bäude mit Walmdach, einer segment­för­mi­gen Torein­fahrt, hohen Fenstern in der Beletage mit reicher Rahmungen, eine Pilas­ter­glie­de­rung, einen Balkon und eine Freitreppe auch heute ein anspre­chen­des Gebäude für die Führungs­aka­de­mie Baden Württem­berg, dessen erneu­er­tes Foyer und Treppen­haus Klaus Arnold eindrucks­voll gestaltet hat.

Die Karlsruher wählten den Namen "Schwe­den­pa­lais", weil Friederike (1781 - 1826) als Königin von Schweden hier einzog. Friederike war die Schwester des Großher­zogs Karl, unter dem 1818 die erste badische Verfassung verab­schie­det wurde. Ihre Mutter Amalie, oft als "Schwie­ger­mut­ter Europas" zitiert, sorgte intensiv für angemes­sene Heiratspläne ihrer fünf Töchter, und schickte die erst Elfjährige mit ihrer älteren Schwester Luise zur Zarin Katharina II. nach Petersburg. Luise heiratete auch später den Großfürs­ten Alexander, der als Zar ein entschei­den­der Gegner Napoleons wurde und beim Kongress von Aachen 1818 starken Einfluss auf den Erhalt des Großher­zog­tums Baden ausübte. Friederike fand aber keinen Gefallen am Bruder Konstantin und kehrte nach Karlsruhe zurück. Mutter Amalie gewann Gustav Adolf (1718 - 1837) als Schwie­ger­sohn, seit 1792 schwe­di­scher König, der die nun 16jährige heiratete. Ein Sohn und drei Töchter entstamm­ten dieser Ehe, deren Älteste den späteren badischen Großherzog Leopold heiratete. König Gustav war ein eigen­wil­li­ger Typ, patri­ar­cha­lisch pedan­ti­scher Haustyrann, Militarist und Absolutist. Als erbit­ter­ter Gegner Napoleons kämpfte er auf eigene Faust weiter, auch als 1805 die Großmächte Frieden schlossen. Angesichts einer Empörung des Volkes stürzte ihn ein Militärauf­stand.

Die Familie flüchtete nach Baden, wo Großherzog Karl das Schloß Meersburg als Asyl anbot, das Gustav aber ablehnte. Als er schließ­lich seine Frau auffor­derte, der pietis­ti­schen Herrnhuter Bruder­ge­meinde beizu­tre­ten, kam es zur Trennung. Nach Napoleons Sturz zahlte Schweden der Familie eine Abfindung, auf die Gustav stolz verzich­tete, mit der aber Friederike das Anwesen von Preuschen kaufte. Sie bewohnte sieben Zimmer der Beletage mit drei seiden­ta­pe­zier­ten Salons. Sohn Gustav bewohnte das Erdge­schoss, die Töchter das Oberge­schoss. Einen Mittel­punkt des gesell­schaft­li­chen Lebens Karlsruhes bildete dieser kleine Hofstaat nicht, weil nicht nur bei Friederike das Kunst­ver­ständ­nis fehlte, sondern auch die Mittel begrenzt waren. Als "Seelen­arz­t" widmete sich ihr der Mediziner Johann Heinrich Jung, der seit 1806 hier als freier Schrift­stel­ler unter dem Namen Jung Stilling das heimliche Haupt einer Erweckungs­be­we­gung wurde. Dem modischen Geister­glau­ben war. Friederike bereits in Stockholm mehrfach begegnet. 1826 starb sie an "Brust­was­ser­sucht" in Lausanne, in der Gruft der badischen Fürsten in Pforzheim wurde sie bestattet. Ihr Mann vagierte unter dem Namen Oberst Gustafsohn in der Schweiz, besuchte Karlsruhe, ohne seine von ihm getrennte Familie zu sehen, und starb verlassen 1837 in einem Wirtshaus in St. Gallen.

Dr. Leonhard Müller, Historiker

 

Foto: Stadtarchiv

Foto: Stadtarchiv