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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 68 vom 16. September 2005: Biographie Karl Ott

Karl Ott 1873 - 1952.<br />Foto: Generallan­­des­ar­chiv Karlsruhe

Karl Ott 1873 - 1952.
Foto: Generallan­­des­ar­chiv Karlsruhe


 

Als einen "kommenden Mann" hatte Willy Hellpach, badischer Kultus­mi­nis­ter 1922/24, den Leiter des Goethe Gymnasiums Karlsruhe bezeichnet, "ein junger, zukunfts­träch­ti­ger, von reichen Gesichtern erfüllter Erzieher".

1873 wurde Karl Ott als Lehrersohn am Bodensee geboren, geprägt von seiner aleman­ni­schen Heimat. Er studierte Geschichte, Germa­nis­tik, Franzö­sisch und Englisch in Heidelberg und Leipzig, wurde promoviert, war Hauslehrer in England, wo er die gewachsene Form der Demokratie erlebte. Nach Studien in Oxford und an der Sorbonne erhielt er nach der Prakti­kan­ten­zeit am Mädchen­gym­na­sium, dem heutigen "Lessing", eine Stelle. 38jährig wurde er Leiter der Realschule in Schopfheim, schon zwei Jahre später Leiter der Karlsruher Humboldt­schule, 1919 Direktor der Goethe­schule.

Dieses 1908 gegründete natur­wis­sen­schaft­li­che Realgym­na­sium mit Gymna­si­al­ab­tei­lung galt als Reform­schule, die erproben sollte, "in welches Verhältnis die neuzeit­li­chen Bildungs­be­dürf­nisse zu den altüber­kom­me­nen Schulein­rich­tun­gen zu treten hätten", so der erste Direktor Peter Treutlein. Die Hochschul­be­rech­ti­gung des Abiturs dieses Zweigs neben den üblichen Gymnasien war eine der bedeu­ten­den Vorgänge am Ende des 19. Jahrhun­derts. Als Entlastung für das Karlsruher humanis­ti­sche Gymnasium wurde sie auch von dessen Direktor Gustav Wendt, wenn auch nicht ohne Bedenken, gesehen.

Als Ott nach dem 1.Weltkrieg die Goethe­schule übernahm, begann man zwar mit Latein, denn diese Sprache versprach für ihn nicht allein "Orga­ni­sa­ti­ons­ta­lent...., sondern die Empfindung und Anerken­nung einer großen Gesetz­mä­ßig­keit", so in seiner Schrift "Die höhere Schule". Als engagier­ter Neuphi­lo­loge betonte er aber die Notwen­dig­keit, Englisch und Franzö­sisch zu lehren, nicht allein als wirtschaft­li­che Verkehrs­s­pra­chen, sondern um die Denkweise der beiden Nationen zu erfassen, "weil sie in allen unseren Schick­sa­len einen notwen­di­gen oder verhäng­nis­vol­len Einschlag bilden." In vielen Aufsätzen widmete er sich der Didaktik dieser Sprachen wie allge­mei­nen pädago­gi­schen Fragen, wurde 1927 zum Honorar­pro­fes­sor an der TH Karlsruhe ernannt, 1928 zudem Leiter des neuge­grün­de­ten Seminars für Studi­en­re­fe­ren­dare.

Als Erzieher war er in der Schule geachtet, diszi­pli­niert in der Amtsfüh­rung, zuweilen stöhnend unter dem "riesen­haf­ten Verwal­tungs­ap­pa­rat", der "Verbla­sen­heit mit überle­ge­ner Ironie begegnend". Fast die meisten Schüler kannte er mit Namen. "Ott lehrte uns lesen", schrieb eine ehemaliger Absolvent. "Das klingt schlicht, und es ist auch schlicht. Die Kunst des Lesens ist aber etwas sehr Seltenes angesichts der Tatsache, dass es für den alles nivel­lie­ren­den, an nichts haftenden Eilschritt der Öffent­lich­keit kein häufigeres und bedenk­li­che­res Symptom gibt als die Unfähig­keit zum verwei­len­den Lesen."

Der engagierte Republi­ka­ner, der dem staats­bür­ger­li­chen Unterricht in der Weimarer Zeit eine besondere Rolle zumaß und die Selbstän­dig­keit der Schüler auch in der Mitver­wal­tung förderte, passte nicht in das NS-Regime und so wurde Ott 1933 aus dem Amt entlassen.

Nach dem Krieg trug er in Südbaden zur Errichtung eines Unter­richts­mi­nis­te­ri­ums bei, wurde in Freiburg 1947 Minis­te­ri­al­di­rek­tor und beriet nach Zurru­he­set­zung die Schloss­schule Salem. Mitten im Wirken starb er 1952 an einem­Schlag­an­fall.

Dr. Leonhard Müller, Historiker