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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 68 vom 16. September 2005: Der "Fall Brüsewitz" - Eine badische Zabern-Affäre?

Militär und Zivil­ge­sell­schaft im Deutschen Kaiser­reich

Der Anlass war nichtig. In den späten Abend­stun­den des 11. Oktober 1896 betrat der 31-jährige Mechaniker Theodor Siepmann in Begleitung dreier Personen die Karls­ru­her Gaststätte "Tann­häu­ser" auf der Kaiser­straße Ecke Karlstraße. In einem Nebenraum ließen sich die zwei Paare an einem freien Tisch nieder, wobei Siepmann beim Stühlerücken die Lehne eines Tischnach­barn leicht berührte. Dieser, der 34-jährige Premier­leut­nant des 1. Badischen Grena­dier­re­gi­ments Nr. 109 Henning von Brüsewitz, erregte sich lautstark und ließ, als er von Siepmann keine Entschul­di­gung erhielt, den Wirt rufen, um den sich in seinen Augen ungebühr­lich beneh­men­den Gast hinaus­wer­fen zu lassen. Er fühle sich durch den Vorfall in seiner Offizier­sehre beleidigt. Dies wiederum war Siepmann völlig unver­ständ­lich, ein Wort gab das andere, bis Brüsewitz schließ­lich seine Waffe zog. Der Wirt fiel ihm geistes­ge­gen­wär­tig in den Arm und wollte den Angegrif­fe­nen gerade durch eine Hintertür aus der Gaststätte schleusen, als Brüsewitz mit gezogenem Säbel dazwischen ging. Im Hinterhof drängte er sein Opfer in eine Ecke und brachte ihm mit einem Hieb eine tödliche Verletzung bei. Den Umste­hen­den erklärte er, er habe mit diesem tödlichen Ehren­han­del seine Standes­ehre wieder­her­ge­stellt, die andern­falls von ihm verlangt hätte, seinen Dienst zu quittieren. Statt­des­sen nahm Brüsewitz am Folgetag nicht nur seinen Dienst wieder auf, er beschloss den Abend gar mit dem gewohnten Wirts­h­aus­be­such, wenn auch diesmal nicht im "Tann­häu­ser". Dass er sich nach wie vor auf freiem Fuß befand, sich dazu mit der Tat, die er als "Antwort auf die Provo­ka­tion einer Zivil­ka­nail­le" bezeich­nete, noch brüstete, war für viele Karlsruher unerträg­lich.

Zum Skandal wurde der "Fall Brüsewitz" vollends, als das zuständige Militär­ge­richt im Januar 1897 ein von der liberalen Presse erwartetes mildes Urteil fällte: Henning von Brüsewitz wurde zu einer Freiheits­s­trafe von drei Jahren und 20 Tagen verurteilt, die er freilich nur zur Hälfte verbüßte. Man denke darüber nach, kommen­tierte mit beißender Ironie der berühmte Feuil­le­to­nist Alfred Kerr, "wie trefflich er sich geführt haben muss, dass er schon jetzt aus dem Gefängnis - nicht etwa [dem] Zuchthaus - freikam." Brüsewitz schloss sich nach der Haftent­las­sung der Burenarmee an und verstarb im Jahr 1900.

Öffent­li­che Erregung und Dimen­sio­nen der Affäre

Das Presseecho auf die Karlsruher Affäre war immens. Alfred Kerrs Briefe belegen, dass sie selbst im fernen Berlin Tages­ge­spräch war. "Der Fall wird hier noch immer so besprochen, als ob er mitten in Berlin und nicht in Süddeutsch­land geschehen wäre", schrieb er in einem Brief vom 1. November. Inzwischen berichtete selbst die Pariser Zeitung "Le Temps" darüber, für die die Angele­gen­heit im Kasten­geist des deutschen Offiziers­korps begründet lag. Während die konser­va­tive "Badische Landpost" von einem dem Alkohol­dunst geschul­de­ten Exzess sprach, der keines­falls dem Offizier­s­stand an sich anzulasten sei, kamen liberale wie auch zentrums­nahe katho­li­sche Blätter zu ähnlichen Schluss­fol­ge­run­gen wie "Le Temps".

Es ging hier, das machte ihre ausführ­li­che Bericht­er­stat­tung deutlich, um weit mehr als einen noch dazu fragwür­di­gen Ehren­han­del, es ging tatsäch­lich um "die Frage des Milita­ris­mus, den Korpsgeist der Offiziere, die sogenannte Standes- oder Berufsehre der Offiziere" und letztlich um das Verhältnis von Militär und Zivil­ge­sell­schaft im Wilhel­mi­schen Kaiser­reich. "Das Schlimmste an der Sache ist", berichtete die Rheinisch-Westfä­li­sche Zeitung, "dass man in der grauen­haf­ten Nieder­met­ze­lung eines Bürgers nicht eine Einzel­er­schei­nung sehen kann, sondern dass sie [...] einer Verall­ge­mei­ne­rung nicht entgehen kann." Das vom katho­li­schen "Badischen Beobach­ter" ausführ­lich zitierte natio­nal­li­be­ra­le Blatt unter­schied eine staats­recht­li­che, eine straf­recht­li­che sowie eine politische Dimension der Affäre.

Als unerhörten Rechts­bruch sah sie, dass Offiziere ihre zur Landes­ver­tei­di­gung überant­wor­tete Waffe missbräuch­lich gegen Staats­bür­ger einsetzten. "Hier maßen sich die Offiziere an, in eigener Sache Ankläger, Richter und Henker zu sein." Es schließe sich die Frage nach dem sittli­chen Status eines Standes an, dem Adel, Aussehen und ein oft Schnei­dig­keit mit Anmaßung verwech­seln­des Auftreten als Quali­fi­ka­tion für den Beruf genüge. Diese Anmaßung wiederum fuße auf dem Nimbus der Kriegs­er­folge von 1870/71: "Allein die jungen Offiziere, welche sich etwas darauf zu Gute tun, haben doch daran keinen Anteil. Leutnant von Brüsewitz hat nicht um einen Deut mehr zur Besiegung Frank­reichs beige­tra­gen als der Mechaniker Siepmann."

Als straf­recht­lich skandalös sah man die Ausnahme aus der zivilen und exklusive Unter­stel­lung unter die Militär­ge­richts­bar­keit, ein Privileg, das in der modernen Gesell­schaft keine Existenz­be­rech­ti­gung mehr habe. Die Zeitung forderte, dass Konflikte zwischen Militär- und Zivil­per­so­nen künftig ausnahms­los der ordent­li­chen Gerichts­bar­keit zu überstel­len seien. Andernorts wurde gar diskutiert, ob nicht überhaupt das Waffen­tra­gen außerhalb des Dienstes untersagt werden solle.

Dass der Fall schließ­lich politische Brisanz besaß, hatte der langjäh­rige preußische Gesandte in Baden, Karl Johann Georg von Eisen­de­cher, bereits wenige Tage nach der Tat unter­stri­chen. "Ich halte die Angele­gen­heit für wichtig genug, darüber zu berichten", so Eisen­de­cher an Reichs­kanz­ler Hohenlohe-Schil­lings­fürst; "sie berührt zweifellos das politische Gebiet und wird [...] mehr und mehr partei­po­li­tisch ausge­beu­tet." Es fehle nicht an feind­se­li­gen Bemer­kun­gen gegen preußische Zustände und Andeu­tun­gen, dass derlei früher in Süddeutsch­land nicht hätte vorkommen können. Der liberale Abgeord­nete der Zweiten Kammer, Rechts­an­walt Oskar Muser, habe in einer gut besuchten Versamm­lung unter Bezugnahme auf die Affäre eine Reform der Militär­rechts­pflege gefordert, ein Ansinnen, das selbst in der natio­nal­li­be­ra­len Presse auf Zustim­mung stoße.

Gegen­po­si­tio­nen der konser­va­ti­ven Presse

So einhellig die öffent­li­che Kritik vieler Zeitungen an Ehrbegriff, Kasten­geist und Milita­ris­mus im Wilhel­mi­ni­schen Deutsch­land ausfiel, es war vornehm­lich das von Bismarck als "reichs­feind­lich" bekämpfte Partei­en­spek­trum und es waren zumeist süddeut­sche und rheinische Blätter, die hier auf Reformen drängten. Die konser­va­tive Presse hingegen führte mit der vehementen Vertei­di­gung von Standes­ehre und Standes­be­griff zugleich ihren Kreuzzug gegen die Nivel­lie­rungs­ten­den­zen der modernen Massen­ge­sell­schaft und die sie vertre­ten­den Parteien. Der Fall Brüsewitz, empörte sich das Deutsche Adelsblatt, sei von "Demo­kra­ten- und Juden­blät­tern" gegen die "Allge­mein­heit unseres Offizier­s­stan­des und die in demselben geltenden Ehrbe­grif­fe ausge­beu­tet worden". "Jeder Angriff auf die reprä­sen­ta­ti­ve Persön­lich­keit des Offiziers", so die Quint­es­senz jener konser­va­ti­ven Stellung­nah­men, "ist ein Angriff auf des Königs Majestät selbst, und wie das Gericht ist der Offizier berufen, diesen Angriff sofort zurück­zu­wei­sen, aber natürlich in der Weise und mit den Waffen eines Kriegers."

Wie die Affäre in Offizier­s­krei­sen aufge­nom­men und in Offiziers­ka­si­nos besprochen wurde, lässt sich leicht denken. Dass mancher "Reser­ve­krie­ger und Korps­bru­der" einen Standes­dün­kel kulti­vierte, der den Kasten­geist der Berufs­of­fi­ziere noch übertraf, hatte Alfred Kerr mit bissiger Hellsicht festge­stellt: "Wer in Berlin gesell­schaft­lich in mannig­fa­che Sphären kommt, findet in dieser Ära der Brüsewitze erstaun­lich viel geistiges Gesindel mit den heraus­for­dern­den Allüren des ‚zeit­wei­li­gen Zivilis­ten'."

Es ging, dies sollten die vertei­di­gen­den Stellung­nah­men im Fall Brüsewitz zeigen, um Habitus und Ehrenkodex, um Normen und Werte­sys­tem des Militärs, es ging zudem um das wechsel­sei­tige Verhältnis von Militär und Zivil­ge­sell­schaft, um das, was Hans-Ulrich Wehler als "Expansion des Sozial­mi­li­ta­ris­mus" bezeich­nete, die Anver­wand­lung jenes Werte­sys­tems durch breite Schichten der Zivil­ge­sell­schaft.

Die Zabern-Affäre 1913

Der Fall Brüsewitz blieb politisch folgenlos und geriet bald aus den Schlag­zei­len der Gazetten. Zwar hatte sich am 17. November 1896 Reichs­kanz­ler Hohenlohe-Schil­lings­fürst in einer Reichs­tags­sit­zung für die Verbind­lich­keit einer ehren­ge­richt­li­chen Entschei­dung von Strei­tig­kei­ten und Belei­di­gun­gen ausge­spro­chen, zwar setzten sich Juristen wie Historiker vermehrt mit dem Phänomen der Duelle und Ehren­hän­del ausein­an­der. Der notwendige Diskurs über das Verhältnis von Militär und Zivil­ge­sell­schaft unterblieb. Und so überrascht es kaum, dass das Problem am Vorabend des Ersten Weltkrie­ges und verschärft um die Dimension der nationalen Minder­hei­ten­pro­ble­ma­tik erneut aufbrach. Anfang November 1913 hatte im elsäs­si­schen Zabern ein noch nicht zwanzig­jäh­ri­ger Leutnant Günter Freiherr von Forstner dort statio­nierte Rekruten aufge­for­dert, bei Händeln im Umgang mit der noch dazu als "Wackes" belei­dig­ten Zivil­be­völ­ke­rung so zu verfahren, wie es Brüsewitz knapp zwanzig Jahre zuvor prakti­ziert hatte: nämlich mit der blanken Waffe. Für jeden nieder­ge­sto­chen Zivilisten lobte er eine Prämie von zehn Goldmark aus. Die damit längst nicht nur in Zabern ausgelöste Unruhe erreichte am 2. Dezember einen Höhepunkt, als Forstner eine Menschen­an­samm­lung ausein­an­der sprengen, dreißig Bürger wahllos festnehmen und dabei einen Schus­ter­ge­sel­len mit dem Säbel nieder­hauen ließ.

Die "furiose Empörung [...] über solche Herren­menschen­al­lü­ren", so Wehler, "erreichte jetzt einen Höhepunkt wie vorher nur bei der ‚Daily-Telegraph-Affäre'." Tatsäch­lich dürften sich vor allem die Badener weit eher an den Fall Brüsewitz erinnert haben. Reichs­kanz­ler Theobald von Bethmann Hollwegs Äußerung in der Reichs­tags­de­bat­te jedenfalls war die fast wortwört­li­che Wieder­ho­lung konser­va­ti­ver Positionen in der Affäre von 1896: "Der Rock des Königs muss unter allen Umständen respek­tiert werden". Bethmann Hollweg erntete tumultar­tige Reaktionen und ein letztlich folgen­lo­ses Misstrau­ens­vo­tum der Abgeord­ne­ten, darunter der badische Rechts­an­walt Constantin Fehren­bach (Zentrum), der sich auch als Redner profiliert hatte.
Damit hatte der Skandal noch nicht sein Bewenden. Der generöse und auf mehr als zweifel­haf­ter Rechts­ba­sis erfolgte Freispruch Forstners durch ein Militär­ge­richt, die Telegramme des Kronprin­zen in der üblichen Stilistik: "Immer feste druff" forderten die leiden­schaft­li­che Kritik von Journa­lis­ten wie Maximilian Harden und dem jungen Theodor Heuss heraus. Auf den Fall Brüsewitz wurde nie explizit Bezug genommen. Dass sie als Symbole für das Überge­wicht des Militä­ri­schen im Kaiser­reich zusammen gehören, scheint evident. In einem jedoch unter­schied sich die tatsäch­li­che von der "badi­schen" Zaber­naf­färe um Henning von Brüsewitz: Sie zeigte überdies die Unfähig­keit dieser Wilhel­mi­ni­schen Gesell­schaft zur konstruk­ti­ven Integra­tion einer natio­na­len Minderheit, die sich wenige Jahre später entspre­chend leicht aus diesem nationalen Verband lösen sollte.

Dr. Angela Borgstedt, Wiss. Assis­ten­tin, Histo­ri­sches Institut der Univer­si­tät Karlsruhe

 

Das Hotel und Restaurant "Tannhäuser" an der nordwestlichen Ecke Kaiser- und Karlstraße.

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