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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 68 vom 16. September 2005

Ein verges­se­ner Stadt­bau­meis­ter

Der Architekt Friedrich Beichel und seine Spuren in der Fächer­stadt

In der Geschichte der ehemaligen Haupt- und Residenz­stadt Karlsruhe gibt es Stadt­bau­meis­ter, deren Namen und deren Bedeutung für die städte­bau­li­che Entwick­lung und die Gestaltung des Stadt­bil­des bis zum heutigen Tag im Bewusst­sein der Bevöl­ke­rung präsent sind, und solche, deren Signi­fi­kanz für Karlsruhe trotz jahrzehn­te­lan­ger Bautä­tig­kei­ten nach ihrem Tod relativ schnell verblasste. Zu den letzteren gehörte Karl Friedrich Leopold Beichel, der von 1903 bis zu seiner Zur-Ruhe-Setzung 1938 verschie­de­ne Positionen am Städti­schen Hochbauamt Karlsruhe bekleidete.

Die Ausbildung zum Archi­tek­ten

Im Jahre 1891 kam der am 16. Februar 1875 in Wehr, Amt Schopfheim, geborene Beichel zu einem Studium an die Großher­zog­lich Badische Bauge­wer­ke­schule, Abteilung zur Heran­bil­dung der Gewer­be­leh­rer, nach Karlsruhe. Erfolg­reich schloss er dieses im Oktober 1895 mit dem "Gewer­be­leh­rer-Examen" ab. Die Ausbildung, bei der sich Beichel auch in "Erwei­ter­ter Formen­lehre: a) Holz, Stein, Eisen, b) Möbel­zeich­nen, c) Keramik, Glas, Textil" übte, sollte ihm in späteren Jahren bei Aufträgen zu Innen­rau­maus­stat­tun­gen und Festde­ko­ra­tio­nen von großem Nutzen sein.

Obwohl ein zweimo­na­ti­ges Praktikum bei der Großher­zog­lich Badischen Bauin­spek­tion Waldshut im Sommer 1892 bereits ein frühes Interesse am Handwerk des Archi­tek­ten erkennen lassen, nahm Beichel nach Abschluss der Bauge­wer­ke­schule ein Studium an der Karlsruher Kunst­ge­wer­be­schule auf. Dieses brach er dann allerdings nach nur einem halben Jahr ab, um sich von nun an endgültig der Archi­tek­tur zu widmen. Zu Ostern 1896 trat er in die Archi­tek­tu­r­ab­tei­lung der Techni­schen Hochschule ein, die er nach acht Semestern - mit einer Unter­bre­chung von August 1896 bis März 1898 - im Sommer 1901 mit dem Titel eines "Diplom-Ingenieurs" verließ. Josef Durm, Otto Warth und Max Laeuger zählten zu seinen Profes­so­ren.

Von Sommer 1896 bis Frühjahr 1898 und von Sommer 1901 bis zu seiner Einstel­lung als "wissen­schaft­lich gebil­de­ter Architekt" am Städti­schen Hochbauamt Karlsruhe im April 1903 war Beichel an verschie­de­nen privaten Archi­tek­tur­bü­ros im süddeut­schen Raum tätig. Als Referenzen gab er dem Hochbauamt bei seiner Bewerbung im Februar 1903 "einen weitge­hen­den Anteil an der Planbe­ar­bei­tung und Ausfüh­rung" von mehreren großen Fabrik­an­la­gen, Villen, Hotel­bau­ten, Wohn-, Geschäfts- und Arbei­ter­häu­sern sowie von zwei Variété-Theatern und einem Bankge­bäude für die Büros Grießer in Lörrach, Möller sowie Köhler und Karch in Mannheim und Mai in Heidelberg an.

Erste Bauten in Karlsruhe

Beichels erstes Projekt für die Stadt Karlsruhe, das ihm bereits im April 1903 übertragen wurde, war die Erwei­te­rung des Mitte der 70er Jahre erbauten so genannten "Armen­pfründ­ner­hau­ses" in der Zährin­ger­straße 4 um einen etwa zwölf Meter breiten, dreige­schos­si­gen Gebäu­de­trakt. In dem Anbau sollte die im städti­schen Altersheim bis dahin als reiner Notbehelf einge­rich­tete Kinder­pfle­ge­ab­tei­lung unter­ge­bracht werden. Durch das bestehende Gebäude war der junge Architekt an gewisse Vorgaben gebunden, auf die er auch im braunen Quader­mau­er­werk, im Wechsel von einfachen und gekup­pel­ten Fenstern und im Spiel mit den Entlas­tungs­bö­gen über den Fenste­r­ein­fas­sun­gen zurück­griff. Mit dem stufen­ar­ti­gen Voluten­gie­bel setzte er aber der Planung einen indivi­du­el­len Akzent auf, den er beim Neubau der Goethe­schule gleich mehrfach wieder­holte.

Im April 1904 wurde Beichel zum städti­schen Hochbau­in­spek­tor befördert und sein nur "probe­wei­se" beste­hen­des Dienst­ver­hält­nis in ein dauerndes umgewan­delt. In dieser Funktion beauf­tragte ihn der damalige Leiter des Hochbau­amts, Stadt­bau­meis­ter Wilhelm Strieder, mit den Entwürfen für das Dienst­wohn­ge­bäude des Schlacht­hof­di­rek­tors an der Durlacher Allee, der Wartehalle für die Lokal­bahn­li­nie Hagsfeld am Haupt­fried­hof (vor kurzem als dessen Infocenter restau­riert) sowie dem Neubau der Goethe­schule an der Renkstraße. Beim Wohnhaus auf dem Schlacht­ho­fa­real fühlte sich Beichel der von Strieder bereits 1885/86 entwi­ckel­ten Gesamt­kon­zep­tion der Anlage nach franzö­si­schem Vorbild im so genannten "Pavil­lon­prin­zip" verpflich­tet. Bei der Gestaltung der Wartehalle am Haupt­fried­hof griff er dagegen den Formen­schatz des zeitge­nös­si­schen inter­na­tio­na­len Trends, des Jugend­stils, auf. Und bei der dreige­schos­si­gen, L-förmigen Anlage der Goethe­schule experi­men­tierte er mit der vor der Jahrhun­dert­wende in Karlsruhe sehr beliebten, auch von Strieder prakti­zier­ten Renaissance­bau­weise. Eine unglaub­li­che Fülle von Bau-, Archi­tek­tur­for­men und bauplas­ti­schem Schmuck tritt dem Betrachter beim Anblick des Schul­ge­bäu­des entgegen. Die Südfassade wird von unter­schied­lich weit vortre­ten­den, mit Voluten­gie­beln bekrönten Gebäu­de­vor­sprün­gen flankiert, die Ostfassade von einem Portal­vor­bau mit Rundbo­genar­ka­den, einem hoch aufra­gen­den Turm und einem mittleren Vorbau bestimmt, letztere ebenfalls mit geschwun­ge­nen Giebeln versehen. Die Vielfalt des in seiner Höhe und Tiefe variie­ren­den Baukörpers findet in einer sehr diffe­ren­zier­ten Fassa­den­ge­stal­tung mit verschie­de­nen Fenster­grö­ßen und den zahlrei­chen ornamen­ta­len und figuralen Schmu­ck­ele­men­ten ihre Entspre­chung.

Ausprägung des eigene Stils: Lessing­schu­le und "Sybel­heim"
Mit dieser Planung beendete Beichel die Phase des Auspro­bie­rens und des Aufgrei­fens von Vorstel­lun­gen seiner Vorge­setz­ten. Mit dem Entwurf des neuen Lessing­gym­na­si­ums an der Sophien­straße (erbaut 1909 - 1911) manifes­tierte sich erstmals der Formen­ka­non, der für seine künftige Archi­tek­tur charak­te­ris­tisch wurde: eine das äußere Erschei­nungs­bild beherr­schende klassi­zis­ti­sche Bauweise, die sogar in einigen Fällen konkret auf Bauten des ehemaligen Residenz­bau­meis­ters Friedrich Weinbren­ner zurück­griff, welche aber zugleich eine Verbindung zum ornamental geschwun­ge­nen und dekora­ti­ven Formen­schatz des Jugend­stils suchte, der sich dann vor allem im Inneren der Gebäude, in der dekora­ti­ven Gestaltung der Treppen­häu­ser, Korridore und der Räume, äußert. Die ebenfalls L-förmige, aber nur scheinbar dreige­schos­si­ge Anlage des Lessing­gym­na­si­ums, deren viertes Stockwerk sich aus städte­bau­li­chen Gründen hinter dem vorgeblen­de­ten Mansar­den­dach verbirgt, strahlt dank ihrer klassi­zis­ti­schen Formen­spra­che eine große Homoge­ni­tät aus, ungeachtet dessen, dass die Haupt­fassade zum Guten­berg­platz von verschie­den breiten Gebäu­de­vor­sprün­gen flankiert wird. Der mittig gesetzte einstö­ckige Dachaufbau über dem ansonsten unbetonten Mittel­trakt täuscht über die Asymmetrie hinweg. Eine durch­ge­hende Pfeiler­ord­nung mit stili­sier­ten ionischen Kapitellen fasst das zweite und dritte Geschoss über einem schlichten Sockel­ge­schoss zusammen. Die bauplas­ti­schen und ornamen­ta­len Schmu­ck­ele­mente konzen­trie­ren sich weitge­hend auf die seitlich angeord­ne­ten Eingangs­be­rei­che, in denen zum Beispiel ein Rundbo­gen­por­tal von gekup­pel­ten Säulen­paa­ren und relief­ver­zier­ten Zwickel­fel­dern gerahmt und von ganzfi­gu­ri­gen Putti mit Früch­te­kör­ben überhöht wird.

Ein anderes Schulhaus Beichels im neoklas­si­zis­ti­schen Stil ist die Tulla­schule. Mit ihrem Bau wurde zwar erst im Kriegsjahr 1914 begonnen. Der Entwurf geht aber auf eine von Beichel bereits 1911 vorgelegte ideale klassi­zis­ti­sche Archi­tek­tur­ge­stal­tung des Tulla­plat­zes zurück. Hier handelt es sich um eine lang gestreckte vierge­schos­sige Anlage, die wiederum von Gebäu­de­vor­sprün­gen flankiert, in ihrer Mitte nun aber von einem an der Evange­li­schen Stadt­kir­che orien­tier­ten Vorbau feierlich akzen­tu­iert wird. Eine durch­ge­hende, kräftig struk­tu­rierte Verti­kal­ord­nung fasst die unteren drei Geschosse zusammen. Das vierte Stockwerk umläuft als halbhohes Dachge­schoss, nur vom Giebel des Vorbaues unter­bro­chen, den monumen­ta­len Bau. Das Rundbo­gen­fens­ter im Giebelfeld, ein beliebtes Weinbren­ner­mo­tiv, kann durchaus als Zitat im Zitat inter­pre­tiert werden.

Dass Beichel aber auch vom klassi­zis­ti­schen Baustil abwich, wenn es die städte­pla­ne­ri­sche Situation verlangte, zeigt die so genannte Ried-Schule in Karlsruhe-Rüppurr. Der Ort wurde 1907 einge­mein­det. Wenig später entstand im Nordosten die nach Dresden-Hellerau zweite Garten­stadt Deutsch­lands und im Süden ein weiteres Neubau­ge­biet, dessen archi­tek­to­ni­scher Mittel­punkt die Volks­schule am Lützow-Platz bildete. Bei der Planung 1911 entschied sich Beichel für ein Schul­ge­bäude im Landhaus­stil. Zwei Stockwerke hoch und von einem mächtigen giebel­för­mi­gen Dachge­schoss bekrönt, integriert sich das im Oktober 1913 fertig gestellte Schulhaus in Höhen­ver­hält­nis und Übergang zur der niedrigen Landh­aus­be­bau­ung der Umgebung auf das Beste. Die Fassaden mit den viertei­li­gen Fenster­grup­pie­run­gen wirken schlicht. Lediglich der Eingangs­be­reich setzt mit Portal und Uhr einen reicheren Akzent.

Ein weiteres nennens­wer­tes Projekt, welches wieder den klassi­zis­tisch geprägten Bauten zugehört, war der Bau des "Städ­ti­schen Kinder- und Säuglings­heims" an der Sybel­stra­ße in den Jahren 1912/13. Da das Kinder­pfle­ge­haus in der Zährin­ger­straße 6 bereits wenige Jahre nach seiner Errichtung keinen ausrei­chen­den Raum mehr für die konti­nu­ier­lich wachsende Zahl der hilfs­be­dürf­ti­gen Kinder und Jugend­li­chen bot, wurde ein eigen­stän­di­ger Neubau zunehmend dring­li­cher. Beim Entwurf des Gebäudes, das für 146 Kinder verschie­de­ner Alter­s­stu­fen konzipiert war, wählte der inzwischen zum Stadt­bau­meis­ter beförderte Beichel Weinbren­ners "Staat­li­che Münze" als Vorbild aus. Der zurück­ge­setzte Eingangs­be­reich des Mittel­trak­tes, der sich über alle Geschosse zieht und in der Giebelzone mit einem Rundbogen abschließt, bildet ein charak­te­ris­ti­sches Merkmal der "Münze" wie auch die dreitei­li­gen Fenster­grup­pie­run­gen und der Wechsel der Fenster­for­men an den Seiten­flü­geln von Rundbo­gen­fens­tern im Erdge­schoss, recht­e­cki­gen Fenstern in den Mittel­ge­schos­sen und quadra­ti­schen Fenster­öff­nun­gen im Oberge­schoss.

Weitere Spuren des Stadt­bau­meis­ters Beichel

Die beschrie­be­nen Bauten stellen nur eine kleine Auswahl des städte­bau­li­chen Schaffens von Friedrich Beichel dar. Bis zu seiner vorzei­ti­gen, aus persön­li­chen Gründen gewünsch­ten Zur-Ruhe-Setzung im Frühjahr 1938 führte er noch weitere Schul­haus­neu- und -erwei­te­rungs­bau­ten in den Vororten Rüppurr, Daxlanden und Rintheim, mehrge­schos­sige Wohnhäu­ser an der Mathy- und Ritter­straße, Klein­woh­nun­gen östlich der Tulla-Schule sowie einige Siedlungs­pro­jekte aus. Der India­ner­brun­nen auf dem Werder­platz (1927) und der "Zwerg-Nase-Brunnen" (1930) auf dem Sonntags­platz sind ebenso von ihm entworfen wie die "Markt­frau" (1927/28) hinter der "Kleinen Kirche".

Beichel gehörte zeitlebens keiner Partei an, auch nicht während der schwie­ri­gen Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus. Seine beiden Söhne, die aus der 1909 geschlos­se­nen Ehe mit einer Bonner Kaufmann­s­toch­ter hervor­ge­gan­gen waren, fielen im Zweiten Weltkrieg in Russland. Die letzten Jahre bis zu seinem Tod am 26.12.1955 lebte er sehr zurück­ge­zo­gen und weitgehend mittellos in der Hermann-Billing-Straße 4.

Zerstö­run­gen an Gebäuden Beichels durch den Zweiten Weltkrieg wurden weitgehend wieder­her­ge­stellt. Eine umfassende Würdigung seines Schaffens steht noch aus. Diese könnte dazu führen, dass die Karlsruher Bevöl­ke­rung die Bauten, Brunnen und Denkmäler Beichels nicht nur wieder bewusster wahrnimmt, sondern diese vor allem auch mit dem Namen ihres Schöpfers verbindet.

Dr. Katja Förster, Kunst­his­to­ri­ke­rin

 

Friedrich Beichel 1928. Foto: Stadtarchiv

Friedrich Beichel 1928. Foto: Stadtarchiv


Ansicht des 1905 - 1908 errichteten Baus der Goetheschule, gezeichnet von Friedrich Beichel.

Ansicht des 1905 - 1908 errichteten Baus der Goetheschule, gezeichnet von Friedrich Beichel.


Die Tullaschule kurz nach ihrer Fertigstellung im Jahre 1916.

Die Tullaschule kurz nach ihrer Fertigstellung im Jahre 1916.