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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 67 vom 24. Juni 2005: Biographie Lilly Lust

"Du bist die Mutigere und die Stärkere. Ich würde Dir keine Hilfe und keine Stütze mehr sein können. Allein wirst Du das Leben eher wieder meistern lernen." Dies sind die letzten Worte, die Lilly Lust 1939 von ihrem Ehemann erhielt, nachdem er seinem Leben wenige Tage vor ihrem 50. Geburtstag ein Ende setzte.

Lilly Hamburger, am 25. März 1889 in Frankfurt geboren und aufge­wach­sen, war das einzige Kind einer jüdischen Kaufmanns­fa­mi­lie. Sie verlebte, wie sie später erzählt, eine "fried­li­che schöne Jugend" in Frankfurt, dazu gehörte der Besuch der Höheren Mädchen­schule und die schon frühe Beschäf­ti­gung mit der Musik. Mit 16 Jahren nahm sie ein Gesang­stu­dium bei dem bekannten Sänger, Kompo­nis­ten und Musik­päd­ago­gen Eugen Hildach in Frankfurt auf. Es folgten Auftritte im Chor und als Solistin, daneben lernte sie Klavier­spie­len. Oft besuchte sie in dieser Zeit schon Karlsruhe, da ihre Mutter entfernt mit der Bankiers­fa­mi­lie Homburger verwandt war. 1908 verlobte sich Lilly mit dem jüdischen Arzt Franz Lust, den sie schon aus Kinder­ta­gen kannte und mit dem sie die Liebe zur Musik teilte. Kurz nach der Hochzeit 1910 zogen sie nach Heidelberg, wo 1911 Sohn Walter und 1917 Tochter Hilde geboren wurde.

1920 berief der Badische Landes­ver­band für Säuglings- und Klein­kin­der­für­sorge Franz Lust als Direktor der neuen Kinder­kli­nik in Karlsruhe, die Familie bezog zunächst eine Mansar­den­woh­nung im Klinik­ge­bäude am Durlacher Tor. Zu dieser Zeit trat das Paar gemeinsam zum christ­li­chen Glauben über. Lilly war auch beruflich eine große Stütze für ihren Mann, so tippte sie für ihn das Lehrbuch "Diagno­s­tik und Therapie der Kinder­krank­hei­ten", das bis heute als ein Standard­werk der Kinder­heil­kunde gilt. 1926 kaufte das Ehepaar ein Haus in der Bachstraße 19, wo sie oft Kammer­mu­si­ka­bende veran­stal­te­ten. Zusammen wirkten sie zudem an Konzerten in verschie­de­nen Karlsruher Kirchen mit, in der Evange­li­schen Stadt­kir­che trat Lilly Lust als Solosän­ge­rin auf.

Nachdem ihr Mann 1933 aufgrund seiner jüdischen Abstammung als Leiter der Karlsruher Kinder­kli­nik entlassen wurde, war es Lilly, die seine letzten Sachen aus der Klinik holte. Bis zum Berufs­ver­bot 1938 behandelte Franz Lust mit Lillys Hilfe Kinder in ihrer Privat­woh­nung. Der letzte Abschnitt auf dem gemein­sa­men Lebensweg war ein Umzug nach Baden-Baden, wo Lilly mehrfach versuchte, einen möglichen Freitod ihres Mannes zu verhindern. Letztlich gelang es ihr nicht.

Lilly Lust gelang 1939/40 die Ausreise über die Schweiz nach New York. Laut ihrer Aussage kam sie dort lediglich mit einigen Koffern an, ihren im Hamburger Hafen gelager­ten Besitz hatte man beschlag­nahmt und verstei­gert. In New York, wo bereits ihre Tochter wohnte, jobbte sie zunächst als Babysit­te­rin und Beschlie­ße­rin in einem Mädchen­heim. Dann fertigte sie spezielle Lampen­schirme, die in vielen New Yorker Geschäften verkauft wurden. Zum Glück konnte sie immer auf ihre Sprach­kennt­nisse zurück­grei­fen. Erst in den 1950er Jahren erhielt Lilly Lust eine finan­zi­el­le Entschä­di­gung für das ihr und ihrer Familie wider­fah­re­ne Unrecht. Seit 1954 besuchte sie regelmäßig Karlsruhe, viele Bekannte und Freunde lebten noch hier. 1990 kam sie im Alter von 101 Jahren endgültig in die Stadt und erhielt die ihr 1939 aberkannte deutsche Staats­bür­ger­schaft zurück. 1992 starb Lilly Lust im hohen Alter von 103 Jahren.

Dr. Anke Mührenberg, Leiterin des Pfinz­gau­muse­ums

 

Lilly Lust 1889 - 1992. Foto: Donecker

Lilly Lust 1889 - 1992. Foto: Donecker