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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 61 vom 12. Dezember 2003: Stadt der lauen Mittelmäßigkeit?

Kritische histo­ri­sche Rückblicke und positiv gegen­wär­tige Ausblicke

Für eine aktuelle Stand­ort­be­stim­mung einer Stadt lohnt oft ein Rückblick in die Geschichte, hier in die Zeit der letzten badischen Großher­zöge. Als 1871 das neue Deutsche Kaiser­reich gegründet worden war, ein Fürsten­bund unter preußi­scher Dominanz, ergab es sich von selbst, dass Berlin Reichs­haupt­stadt wurde, wobei dort nicht jeder Einwohner in besonders großer Liebe zu den Hohen­zol­lern­spit­zen entbrannt war. Zwar beherrschte das "Wilhel­mi­ni­sche" den politi­schen und gesell­schaft­li­chen Stil, aber gerade viele Künstler standen im Gegensatz zur kaiser­li­chen Reprä­sen­ta­ti­ons­sucht Wilhelms II. Berlin, Zentrum eines natio­nal­li­be­ra­len Bürgertums, schuf sich unterm Zurück­drän­gen einer borus­si­schen Adels­kul­tur ein anderes künst­le­ri­sches Profil, nicht zuletzt unter­stützt von den Feuil­le­tons großer Berliner Zeitungen bei deutlichem Einfluss auf die deutsche Öffent­lich­keit.

"Berli­nis­mus"

Demge­gen­über erwachte im Reich um die Jahrhun­dert­wen­de ein Verlangen nach stärkerer Regio­na­li­sie­rung, wenn man folgende Abschnitte in der "Südwest­deut­schen Rundschau" liest, eine "Halb­mo­nats­schrift für deutsche Art und Kunst". In einem Aufsatz im Mai 1901 von Fritz Lienhard unter dem Titel "Lebens­kraft oder Dogma­tis­mus?" heißt es: "Im Reich ... regt sich seit kurzem so etwas wie 'Dezen­tra­li­sa­tion' auf litera­ri­schem und künst­le­ri­schem Gebiet. Man könnte das mit ,Entber­li­ne­ri­sie­rung' verdeut­schen. Gründungen wie diese Blätter ... und ähnliche Zeitschrif­ten suchen dem rührigen Berli­ner­tum ein selbstän­di­ges künst­le­ri­sches Schaffen der einzelnen Gaue trotzig gegenüber oder doch unbefangen an die Seite zu setzen. .. Die von Berlin aus herrschen­den Problem , Boulevard und natura­lis­ti­schen Sitten­stücke mit ihrer Vernünf­te­lei und Kleinig­keits­schil­de­rung ist uns mensch­lich zu unreich, zu nüchtern, zu verstan­des­mä­ßig. ... Diese Bewegung hat (zwar) ihre bedeu­ten­den Verdienste, sie hat Leben und Lärm in die Literatur gebracht; diese Bewegung ist auch durchaus nicht nur dekadent aber sie droht nun selber ... zu einer Art Modetum und Epigo­nen­tum zu verflachen. Ich (rufe) also das Reich mit seinen Landschaf­ten und indivi­du­el­len Sonder­ar­ten ... mit seiner frischen Luft und seiner kraft­vol­len Sonne zu Hilfe."

In diesem Artikel spielt freilich verschie­de­nes mit: Völkisches, Nationales, künst­le­ri­sche Neuori­en­tie­rung u.a.m. Aber die Eigen­stän­dig­keit einer Regional , einer Stadt­kul­tur, das Vorrangige einer intensiven lokalen Kultur­pflege außerhalb Berlins als selbst ernannter Kultur­haupt­stadt steht im Mittel­punkt, z. B. auch in der Zeitschrift "Rhein­lan­de", die den Oberrhein einschloss. Profi­lie­rung der Provinz ein in Deutsch­land vorsichtig zu nutzender Begriff, sind doch Höhepunkte in der Kultur­ge­schichte dieses Landes oft in der "Provinz" erreicht worden.

"Heimat­li­che Kultur­pfle­ge"

In Karlsruhe wurde 1902 eine "Freie Verei­ni­gung Karlsruher Künstler und Kultur­freun­de" unter der Devise "Heimat­li­che Kultur­pfle­ge" gegründet, eine Gesell­schaft, die von der großher­zog­li­chen Regierung und der Stadt subven­tio­niert wurde und den Plan hatte, Schrift­stel­ler, bildende Künstler, Kunst­hand­wer­ker, Archi­tek­ten, Musiker, Schau­spie­ler sowie am künst­le­ri­schen Schaffen Inter­es­sier­te über die bereits beste­hen­den Verei­ni­gun­gen hinaus zu sammeln. Mit Veran­stal­tun­gen und Publi­ka­tio­nen wollte man die kultu­rel­len Initia­ti­ven in Baden, besonders auch in Karlsruhe stärker als bisher ins Blickfeld rücken. Der Verei­ni­gung gehörten Mitglieder an, deren Namen uns auch heute etwas bedeuten, so Maler wie Wilhelm Trübner, Ludwig Dill, Gustav Schönleber, Gustav Kamphausen, Archi­tek­ten wie Hermann Billing, Schrift­stel­ler wie Alfred Mombert, Heinrich Vierordt, Heinrich Hansjakob, zahlreiche Musiker und viele andere. Ehren­prä­si­dent wurde Hans Thoma, 1899 bis 1919 Direktor der Karlsruher Kunsthalle.

Neben Vorträgen und Konzerten gab die Verei­ni­gung 1903 bis 1905 jeweils ein "Jahrbuch der Badischen Kunst und Dichtung" heraus. 1907 wurden zwei Monogra­phien über "Kurpfäl­zi­sche Kunst und Kultur im 18. Jahrhun­dert" sowie über Keramik publiziert, 1913 über "Badische Malerei im 19. Jahrhun­dert". Die Pflege badischer, speziell Karls­ru­her Kompo­nis­ten wird in der Stadt­ge­schichte von Robert Goldschmit 1915 gerühmt. 1910 veröf­fent­lichte der Pfarrer und Schrift­stel­ler Karl Hessel­ba­cher eine Antho­lo­gie "Silhou­et­ten neuer badischer Dichter" mit einer ausführ­li­chen literar­his­to­ri­schen Einleitung von Hebel bis zur Gegenwart. Hier wurde besonders auch die Bedeutung Albert Geigers heraus­ge­ho­ben, den er zu den bedeu­ten­den Lyrikern dieser Jahre zählte, Geiger, den Vorsit­zen­den der Verei­ni­gung "Heimat­li­che Kunst­pfle­ge".

Albert Geiger

Sein Name taucht auch in heutigen Rückbli­cken auf die Literatur in Karlsruhe immer wieder auf, eine Figur, die in vieler Beziehung zeitty­pisch war. 1866 in Bühlertal geboren, verbrachte der Sohn eines Ingenieurs, eigentlich eines Erfinders, eine nach seiner Darstel­lung nach unglück­li­che Jugend. Nach Studium der Neuphi­lo­lo­gie und Natio­nal­öko­no­mie an verschie­de­nen Univer­si­tä­ten wollte er als freier Schrift­stel­ler wirken. Er begann als Gedan­ken­ly­ri­ker und lyrische Elemente charak­te­ri­sier­ten auch seine Bühnen­werke, eine Trist­an­folge mit "Blan­che­flur" und "lsolde" 1905, ein biblisches Stück "Das Weib des Uria" 1908, das Lustspiel "Winzer­fest" 1911, jeweils vom Hoftheater aufgeführt, freilich nur an wenigen Abenden.

Mehr Erfolg als mit diesen Produk­tio­nen hatte er mit Erzäh­lun­gen wie "Roman Werner", "Martin Schaub", "Der arme Hans", "Jutta", manche im Karlsruher Milieu angesie­delt. Wehmut und Resigna­tion liegt auf den meisten Werken, typisch für eine Zeitströ­mung, in der die Philo­so­phie Arthur Schopen­hau­ers populär geworden war. Dessen Formen eines Lebens­stils, nämlich dem "Drang nach litera­ri­scher Anerken­nung mit zur Schau getragener Menschen­ver­ach­tung" prägte anfangs auch Geigers Dasein.

Anerken­nung bekam er eher als Initiator der Verei­ni­gung, ja dessen Schrift­füh­rer Oeftering bezeich­nete ihn später als "Badischen Kultur­wart", ganz im Jargon von 1939, wo man den "Anti­ber­li­nis­mus" mit der Abkehr von der Berliner "Dekadenz des Fin de Siècle' identi­fi­zierte. Geiger war freilich ein unpoli­ti­scher Charakter, der eine "idea­lis­ti­sche Form" des Künst­ler­tums anstrebte, versponnen in neuro­man­tisch mystische Tendenzen. Sein Nachlass in der Badischen Landes­bi­blio­thek zeigt, wie emsig, aber auch eigen­wil­lig er um die Darstel­lung der kultu­rel­len Leistungen Badens sich bemühte. Er sah wohl den Ersatz für das Versagen einer durch­schla­gen­den litera­ri­schen Anerken­nung, schrieb er doch 1910 an einen Freund in seiner ihm eigenen lyrischen Form: "Ich hätte nicht ein schönes Vaterland/ es war nicht Preußen­land, es war nicht Russen­land/ es war nur Baden./ Doch sag ich's unver­hoh­len,/ der Teufel mag dies liebliche Ländchen holen."

Zehn Jahre nach der Gründung der Verei­ni­gung resigniert er angesichts des schwin­den­den Rückhalts in Karlsruhe. "Zunächst sprang das Publikum ab, wenn man hier von einem solchen reden kann", so schreibt er. "Dann versagten die Mittel. Die Behörden unter­stütz­ten nur sehr zurück­hal­tend. Endlich verliefen sich die Künstler. Und nun mit dem kommenden Frühjahr mache ich Schluss. Wozu den halbtoten Kadaver noch länger herum­schlep­pen." Mit seinem Rücktritt als Vorsit­zen­der war das Ende der "Heimat­li­chen Kunst­pfle­ge" aber noch nicht gekommen, weil Karl Hessel­ba­cher, zum Ärger Geigers, seine Nachfolge antrat. Erst im Ersten Weltkrieg 1916 erfolgte die Auflösung. Schon 1915 war Geiger gestorben, und im Drang der Kriegs­zei­ten galten ihm nur wenige Nachrufe.

Abrechnung mit Karlsruhe

1924 wurde posthum ein autobio­gra­fi­scher Schlüs­sel­ro­man Geigers veröf­fent­licht, "Die versunkene Stadt", einge­lei­tet mit einem Abschnitt, in dem der Autor voller Ironie mit Karlsruhe abrechnet, das er hier als "Dings­da­hau­sen" bezeichnet.

"Dings­da­hau­sen nennen wir eine mittlere Residenz­stadt im südwest­li­chen Deutsch­land, welche noch jüngeren Datums ist, aber doch schon anspruch­vol­len Schrittes neben älteren und gewich­ti­ge­ren Schwes­ter­städ­ten einher­zu­tre­ten bemüht ist ... Die Stadt entwi­ckelte sich gemäß dem Willen ihres Gründers zur Form einer in der Mitte ausein­an­der­ge­schnit­te­nen Geburts­tags­torte ... Wäre der Gründer der Stadt auf die Idee gekommen, seinen Nachmit­tags­schlaf auf der Jagd eine Stunde weiter westwärts zu halten, so hätte Dings­da­hau­sen den unmit­tel­ba­ren Anschluss an einen der mächtigs­ten deutschen Ströme gewinnen können. Die belebende Kraft des Wassers hätte sich der Stadt mitgeteilt. Und ein freierer Geist wäre in die etwas muffig gewordenen Beamten­stu­ben­luft der Stadt mitten im Walde gedrungen. Diese Luft war und blieb eben einmal das. Und selbst die besten Absichten mußten sich durch ihre Nebel­schwa­den hindurch­kämp­fen ... Es fehlte an dem scharfen Wind einer unbeküm­mer­ten Kritik, der die Nebel über Dings­da­hau­sen hinweg­ge­bla­sen hätte ... Eine Beamten­schaft in der üblichen Art. Eine über sich selbst und ihre Zwecke mehr im Unklaren als im Klaren befind­li­che Bürger­schaft. Eine der Erneuerung dringend bedürf­ti­ge Gelehrten und Künst­ler­schaft ... Überall fehlte der feste Untergrund, eine Halbheit, schwankend zwischen Beamten­stadt und Gewer­be­stadt ... Das Schlimmste aber war in Dinsgda­hau­sen der Mangel an jeglichem Tempe­ra­ment ... Was wird in dieser Stadt der lauen Mittel­mä­ßig­keit ihr Schicksal sein?"

Mit solcher Kritik am großher­zog­li­chen Karlsruhe stand Geiger nicht allein. Gustav Wendt, von Friedrich I. berufener Gynma­si­al­di­rek­tor und Schul­re­for­mer, eröffnete 1882 in der Festhalle die 36. Versamm­lung. deutscher Philologen und Schul­män­ner mit der Passage, dass die Besucher die hiesige "große Heimats­liebe der Einwohner" wohl kennen­ge­lernt hätten. "In der Tat ist die Zahl der derjenigen Badener nicht ganz gering, welche es kaum begreifen können, dass Deutsche im Norden und vollends im Nordosten des Vater­lan­des ein menschen­wür­di­ges Dasein zu führen glauben. Dieselben aber, welche die Vorzüge ihres 'Ländles' so gut kennen, halten von ihrer Haupt­stadt eigentlich nicht viel ... Und das ist wahr, schöner wäre es, wenn sich jener Markgraf ... vor 167 Jahren seine neue Residenz lieber etwas näher dem Schwarz­wald oder dem Rhein gegründet hätte. Zudem entwarf er den bekannten Plan von geradezu erschre­cken­der Regel­mä­ßig­keit ... Wie kann man sich wundern, wenn Goethe 1779 bei der Abreise hier klagte: "Die Langweile hat sich (dort) von Stund zu Stund verstärkt." Diese Rede empörte damals viele Karlsruher und sie fragten ihn, warum er denn hierher­ge­kom­men sei.

Zu neuen Ufern

Man könnte mit solchen kritischen Stimmen fortfahren. Wer jedoch die Fakten um die Wende zum 20. Jahrhun­dert kennt, sieht Karlsruhe in einer ganz anderen Situation. Man braucht nicht aufzu­zäh­len, welchen nationalen Rang z. B. die Oper als ein "Klein Bayreuth" hatte, wie die Techni­sche Hochschule mit bedeu­ten­den Gelehrten glänzte, welche Bedeutung die Akademie der Künste gewonnen hatte. Und dennoch haftete trotz einer wachsenden indus­tri­el­len Entwick­lung Karlsruhe fälsch­li­cher­weise der abschät­zi­ge Begriff "Beam­ten­stadt" über Jahrzehnte in dem Sinne nach, als man entschei­dende Impulse von der Obrigkeit erwartete, anders als in Gewer­be­städ­ten wie z. B. Mannheim.

Zeitge­nös­si­sche Beobachter stellten fest, dass die politische Atmosphare in Baden um 1900 der parla­men­ta­ri­schen Monarchie Englands am nächsten stünde. Das Stadt­ar­chiv, 1885 gegründet, präsen­tierte z. B. 1898 eine Ausstel­lung mit Bildern, Flugblät­tern, Akten aus den Revolu­ti­ons­jah­ren 1848/49, und viele Besucher gedachten der Vorgänge vor 50 Jahren trotz manchen konser­va­ti­ven Wider­spruchs. Der Regie­rungs­stil unter Friedrich Il. änderte sich kaum, wenn auch manche früheren Initia­ti­ven fehlten, der aber wie sein Vater z. B. den wachsenden Antise­mi­tis­mus ablehnte. Weniger bewusst ist, dass Baden und somit Karlsruhe nach dem Ersten Weltkrieg wirtschaft­li­che Folgen zu tragen hatte, die bis heute zu spüren sind, im Stutt­gar­ter "Haus der Geschich­te" nur ungenügend darge­stellt. Der Wieder­auf­bau des zerstör­ten Karlsruhes nach dem Zweiten Weltkrieg zeigte einen bewun­derns­wer­ten Plan. Und mit der "Residenz des Rechts" und vielen anderen Behörden wurde es wieder eine "Beam­ten­stadt", heute aber erwünscht, sogar mit Opfern erstritten.

Aut dem Weg zur europäi­schen Kultur­haupt­stadt

Die Liste der hiesigen Insti­tu­tio­nen ist bekannt. Warum sollte also eine Kommune mit einer solchen politi­schen und kultu­rel­len Tradition nicht in den Wettbewerb um die Wahl zur Kultur­haupt­stadt 2010 eintreten? Dabei sind nicht nur die Verei­ni­gun­gen und Initia­ti­ven von Künstlern und Kunst­lieb­ha­bern wie einst vor hundert Jahren nötig, die ein großes Kapital gerade in wirtschaft­lich schwie­ri­gen Zeiten darstellen. Nicht minder wichtig ist aber der Bürgersinn, das persön­li­che Engagement, nicht das skeptische Beobachten, was wohl der Obrigkeit einfalle. Zuschauen allein hilft nicht, vielmehr bewusstes Mitwirken an einem Unter­neh­men, das für das Profil dieser Stadt auf dem Weg zum 300. Gründungs­ju­bi­läum bedeutsam werden könnte.

Denn schon ihre Gründung 1715 zeigte Zeichen der Moderne, kein Festungs­bau, sondern eine offene Stadt, rational gegliedert, "multi­kul­tu­rell" für die damalige Zeit gegenüber den Zuzie­hen­den, den steuerlich subven­tio­nier­ten, immer im Kontakt mit Frankreich, mit Europa, über den Teller­rand hinaus­schau­end. Kultur­haupt­stadt nur ein Spiel für Intel­lek­tu­elle, für "Kultur Bürger"? Herrscht Schopen­hau­er­scher Pessi­mis­mus nach Geiger: "Das Publikum sprang ab, wenn man hier von einem solchen reden kann"? Sicher nicht wenn Bürgersinn hinter der Bewerbung steht, Chancen wahrnimmt, mögen sie Erfolg haben oder nicht. Es lohnt sich immer, sich zu engagieren und nicht in "lauer Mittel­mä­ßig­keit " zu resignie­ren.

Dr. Leonhard Müller, Forum für Stadt­ge­schichte und Kultur

 

Albert Geiger. 1866 - 1916. Foto: Literarische Gesellschaft Karlsruhe, Scheffelbund.

Albert Geiger. 1866 - 1916. Foto: Literarische Gesellschaft Karlsruhe, Scheffelbund.