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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 61 vom 12. Dezember 2003: Karlsruhe als Invalidengarnison

"... keine geringe Zierde und Annehm­lich­keit für die hiesige Residenz ..."

Residenz­städte wie Berlin, Kassel, München, Stuttgart oder auch Karlsruhe zeichneten sich mit ihren noch heute sichtbaren Stadt , Park- und Schloss­an­la­gen als Zentren einstiger Herrschafts­ge­biete aus. In diesem Zusam­men­hang dienten sie tradi­tio­nell auch als Garni­son­sor­te militä­ri­scher Truppen, zunächst für Garde und Haustrup­pen als Schutz und Bewachung für Fürst und Schloss. Der elitäre Status von Garde­for­ma­tio­nen, dokumen­tiert durch besondere Vorrechte und Funktionen, verband sich mit dem Statio­nie­rungs­ort in der Residenz­stadt als Privileg. So waren auch in Baden sowohl die Garde du Corps als auch die Leibgre­na­dier­garde immer in Karlsruhe garni­so­niert.

Nicht nur für aktive Truppen­for­ma­tio­nen des Heeres bedeutete die Garni­so­nie­rung in der Residenz ein beson­de­rer Status, sondern auch für die teilweise oder ganz undienst­ba­ren Invaliden. In zahlrei­chen Staaten Europas wurden Standorte oder Gebäude für Invaliden in oder in der Nähe der Residenz­städte einge­rich­tet. Die berühm­tes­ten, teilweise noch heute sichtbaren Beispiele wurden in Frankreich, England oder Preußen erbaut.

Die Invali­den­ab­tei­lun­gen in Durlach

Aus dem Jahre 1763 datiert eine Nachricht über ein Invali­den­kom­mando in Durlach. Das Kommando bestand aus sogenann­ten Halbin­va­li­den, die zwar zum aktiven Dienst im Heer untauglich, aber zu leichteren Dienst­ver­rich­tun­gen noch in der Lage waren. Wie auch in anderen Heeren europäi­scher Staaten wurden in Baden die einge­schränkt dienst­taug­li­chen Militärs zusam­men­ge­fasst, um sie einerseits zu versorgen und anderer­seits noch einige Dienste von ihnen zu fordern, beispiels­weise als Wache der herrschaft­li­chen Gärten und Schlösser. Im Jahre 1773 umfasste diese in Durlach statio­nierte Garni­sons­kom­pa­nie 46 Mann und vermehrte sich bis 1780 auf 112 Halbin­va­li­den. Der größte Teil dieser Truppe blieb in Durlach statio­niert, gleichwohl befanden sich kleinere Detache­ments von Halbin­va­li­den in Baden, Kehl, Ettlingen, Karlsruhe, Schei­ben­hart und Stutensee. Die Art und Weise sowie die jeweilige Örtlich­keit ihrer Unter­brin­gung bleiben unerwähnt. Eine zentra­li­sier­te Unter­brin­gung in einem gemein­sa­men Gebäude ist besonders bei den nummerisch größeren Detache­ments in Durlach oder Baden vorstell­bar, wogegen kleine Abtei­lun­gen mit weniger als zehn Halbin­va­li­den vermutlich in Privat­quar­tie­ren gegen Kostgeld einquar­tiert wurden, so wie dies vor der Erbauung großer Kaser­nen­ge­bäude auch für das aktive Heer üblich war.

In Baden änderten sich die Verhält­nisse in der Militär­für­sorge mit der Übernahme säkula­ri­sier­ter und media­ti­sier­ter Landes­teile. Bis dahin erschöpfte sich die geschlos­sene Militär­für­sorge auf die noch teilweise dienst­fä­hi­gen Halbin­va­li­den. Alle völlig dienst­un­taug­li­chen Invaliden, ob sie nun aus dem Militär ausge­schie­den waren oder nicht, wurden ausschließ­lich durch die offene Fürsorge unter­stützt, d.h. sie blieben in ihren Heimat­ge­mein­den ansässig und erhielten Zuwen­dun­gen in Form von Natura­li­en als Grati­al­leis­tun­gen oder Geldpen­sio­nen. Die Verän­de­run­gen der Media­ti­sa­tion und Säkula­ri­sa­tion bescherten Baden nicht nur die Vorteile materi­el­len und geogra­fi­schen Zugewinns. Sowohl der Reichs­de­pu­ta­ti­ons Haupt­schluss 1803 als auch die Ausgleichs­ver­hand­lun­gen mit Pfalz Bayern oder Hessen verpflich­te­ten Baden zur Übernahme und Versor­gung zahlrei­cher pensio­nier­ter und invalider Militäran­ge­hö­ri­ger. Auf diese Weise übernahm Baden nicht nur eine statt­li­che Anzahl von Invaliden, sondern auch Statio­nie­rungs­orte der geschlos­se­nen Militär­für­sorge übernom­me­ner Landes­teile, beispiels­weise Schwet­zin­gen, Dilsberg oder Gutenfels. Das Jahr 1803 wurde zwangs­läu­fig zum Entste­hungs­jahr eines neuen badischen Korps mit 320 Invaliden, das unter anderem die Standorte auf dem Dilsberg und in Schwet­zin­gen behielt und dort gleich­zei­tig für die Bewachung des Staats­ge­fäng­nis­ses bzw. des Gartens sorgte. Kleinere Abtei­lun­gen von Invaliden blieben weiterhin als Garni­son­s­trup­pen in Pforzheim, Rastatt, Meersburg, Emmen­din­gen und Lörrach.

Das Projekt zu einem Invali­den­haus in Karlsruhe

Nach dem Ende des Feldzuges gegen Preußen und dem folgenden Frieden von Tilsit, wurde im September 1807 über die Erbauung eines Invali­den­hau­ses im Kriegs­kol­le­gi­um beraten. Obwohl die Beurtei­lun­gen des Kollegiums durchweg positiv ausfielen und die Verwirk­li­chung des Invali­den­hau­ses einhellig als wünschens­wert und notwendig erachtet wurde, lehnte Großherzog Carl Friedrich die Erbauung aus finan­zi­el­len Gründen ab. Anders als die Einrich­tun­gen in Frankreich, England, Preußen oder Württem­berg entsprang das Invali­den­haus in Baden nicht der Initiative des Landes­herrn. Weinbren­ner bemerkte in seinem Gutachten vom 22. September 1807, bei seiner letzten Anwesen­heit in Baden habe "Seine Königliche Hoheit der Markgraf Louis geruhet, ihm gnädigst aufzu­tra­gen, ein Projekt zu einem Invali­den­haus zu entwerfen." Hieraus wird deutlich, dass Markgraf Ludwig, der Oberbe­fehls­ha­ber des badischen Heeres, den Anstoß zu diesem Invali­den­hauspro­jekt gab, und sehr wahrschein­lich auch dem Kriegs­kol­le­gium den Auftrag erteilte, über das Projekt zu beraten und dessen Reali­sie­rung zu planen.

Als Lokation boten sich für das geplante Invali­den­haus verschie­dene Möglich­kei­ten. Weinbren­ner hielt "für die glück­lichste Lage dieses auszu­füh­ren­den Gebäudes das Terrain vor dem Linken­hei­mer Thor, auf die Neuburgs Gärten oder noch auf das nächste Waldstück, allwo die Bäume hinter dem Gebäude als eine vorhandene Promenade für die Invaliden stehen bleiben könnte." Da sich das Gelände am Linken­hei­mer Tor schon im großher­zog­li­chen Besitz befand, wären in diesem Fall die Gesamt­kos­ten nach Weinbren­ners Berechnung am günstigs­ten ausge­fal­len, "nach dem hier beige­leg­ten Plan etwa auf 30 000 fl.." Nach dem Willen Weinbren­ners sollte das Invali­den­haus, das er als "keine geringe Zierde und Annehm­lich­keit für die hiesige Residenz" wertete, in jedem Fall in unmit­tel­ba­rer Nähe zum Residenz­schloss erbaut werden. Die Errichtung des Invali­den­hau­ses in der Residenz­stadt und sogar in nächster Nähe zum großher­zog­li­chen Schloss hätte den Bezug zwischen wohltä­ti­gem Landes­herrn und militär­dienst­pflich­ti­gen Untertanen sichtbar gemacht. Das Invali­den­haus sollte "die Gesinnung des Souveräns zeigen." Deshalb musste nach Meinung des Kriegs­kol­le­gi­ums der Standort möglichst nahe am Schloss liegen und durfte nicht versteckt sein. Die Gründung eines Asyls für Invaliden, "dieses ganz unent­behr­li­chen, für die leidende Menschheit so höchst wohltä­ti­gen Instituts", würde die Mildtä­tig­keit des Fürsten in positiver Weise augen­fäl­lig werden lassen. Um dies für jeden sichtbar zumachen wurde die Lokation nicht nur in der Residenz­stadt, sondern direkt beim Schloss als wichtig erachtet.

Die unmit­tel­bare Nähe des Invali­den­hau­ses zum Schloss hätte die Invaliden außerdem in die Sphäre des fürst­li­chen Hofes einbezogen. Dadurch hätten sie für alle erkennbar eine Ehren­po­si­tion und eine Aufwertung erfahren, die günstige Auswir­kun­gen auf den gesamten Solda­ten­stand erhoffen ließen.

Der von Weinbren­ner vorge­schla­gene Standort für das Invali­den­haus wurde im Kollegium indes nicht ohne jede Kritik akzeptiert. Das Kolle­gi­ums­mit­glied Oberst­leut­nant Nicolaus Stolze kriti­sierte die Lage des Invali­den­hau­ses als "ehender ungesund als gesund", da der Platz bedingt durch die Nähe zum Wald feucht sei. Stolze votierte alter­na­tiv "für den sogenann­ten blinden Cirkel." Seine Kollegen lehnten jedoch das Gebäude der Zirkel Orangerie als Invali­den­haus ab, weil die notwen­di­gen Umbau­ar­bei­ten mehr kosten würden als ein Neubau und "sich als dann erst nicht, weder die Bequem­lich­keit noch die äussere Form eines anstän­di­gen Invaliden Haußes erreichen lasse." Statt­des­sen wurde vorge­schla­gen, den Orange­rie­zir­kel an den Hofsattler Reiss für 18 000 fl. zu verkaufen und "den Erlöß der Cirkel Orangerie zur Neu Erbauung eines solchen Invaliden Haußes nach dem Weinbren­ne­ri­schen Plan zu bestimmen."

Über die Ausführung des Invali­den­hau­ses lässt sich leider nur sehr wenig sagen. Weinbren­ner übergab seinen Plan für das Invali­den­haus dem Kriegs­kol­le­gium zur Begut­ach­tung. Noch während der Diskus­sio­nen ging der Plan allerdings verloren. Im Abschluss­be­richt wird zwar noch von einem "beilie­gen­den Riß" gesprochen, aber schon das Kolle­gi­ums­mit­glied Heinrich von Porbeck bemängelte, "der Weinbren­ner­sche Bauplan hat bei den Acten gefehlt, und kann ich daher nicht über ihn urtheilen." Auf dem Begleit­schrei­ben Weinbren­ners wurde schließ­lich angemerkt: "wo dieser Plan hinge­kom­men ist unbekannt, er kam auch nie zur Regis­tra­tur." Das hat sich bis heute nicht geändert. Der Plan Weinbren­ners konnte bisher nicht gefunden werden. So lässt sich besten­falls etwas über die Größe des geplanten Invali­den­hau­ses sagen. Weinbren­ner entwarf das Haus für 80 bis 100 Insassen. Es sollten immer vier bis sechs Personen in einem Zimmer unter­ge­bracht werden. Darüber hinaus sollte das Haus auch über die "erfor­der­li­chen Oekonomie Anlagen" verfügen. Erfah­rungs­ge­mäß waren wenigstens eine Kranken­sta­tion, eine Küche und ein Speisesaal vorgesehen. Ansonsten bleibt nur die wieder­holte Forderung, dass das Gebäude zweck­dien­lich sein sollte und "neben der nöthigen Bequem­lich­keit äußeren Glanz gewähren" müsste.

Wenn schon durch den Standort des Invali­den­hau­ses die ehrenvolle Position der Invaliden deutlich gemacht werden sollte, dann noch zusätzlich durch bestimmte Ehren­rechte. So sollten die Invaliden des Hauses die Bezeich­nung "Inva­li­den oder Veteranen Garde" führen und Markgraf Ludwig als Chef ihnen vorstehen. Allein durch ihre Aufnahme in das Invali­den­haus würden die Invaliden in einen höheren Dienstrang aufsteigen mit höherer Besoldung. Auch innerhalb der Militär­hier­ar­chie sollten sie im Rang noch vor der Garde du Corps rangieren.

Der Vorschlag einiger Kolle­gi­ums­mit­glie­der, die Invaliden als Ehrengarde oder Ehrenwache einzu­set­zen, die " Krippel wie sie sind bei hohen festlichen Gelegen­hei­ten die unmit­tel­bare Ehrenwache beim Regenten haben", stieß allerdings auf Kritik. Dieses ehrenvolle Sonder­recht, die unmit­tel­bare, persön­li­che Wache beim Fürsten zu bilden, neben oder sogar noch vor der Garde, erinnert natürlich an die Invaliden in Frankreich, die das Vorrecht besaßen, innerhalb des Hôtel des Invalides die Leibgarde des Königs zu stellen.

Kritisiert wurde der Vorschlag, "weil der Anblick dieser Leute bei vielen Menschen, wenn er auch Mitleiden und Achtung, doch aber auch zugleich unange­nehme und widrige Empfin­dun­gen erweckt." Statt­des­sen wurde ein Jahrestag vorge­schla­gen, der von den Invaliden feierlich begangen werden sollte. Bei dieser Gelegen­heit wären alle Invaliden in einem "gleich dazu einzu­rich­ten­den Saal im Invaliden Palais, öffentlich aus der Schloß­kü­che gespeißt (worden)."

Entspre­chend ihrer hervor­ge­ho­be­nen Stellung sollten nur ausge­wählte Invaliden in das Haus aufge­nom­men werden. Die Aufnahme von Petenten orien­tierte sich nicht an Kriterien der sozialen Bedürf­tig­keit, sondern am Grad der militä­ri­schen Reputation. So wurden primär "10 Goldene, 20 Silberne Medaillen und 50 Mann, die alle im Kriege verwundet und zum Dienst untauglich geworden sein müßen" zur Aufnahme vorgesehen. "Nur Ausnahms­weise könnten auch andere aufge­nom­men werden, die entweder im Garni­sons­dienst verun­glückt, oder im Feld durch Strapatzen untaug­lich geworden seien, sie müßten aber jedes Mal, wenn die Zahl der eigentlich berech­tig­ten voll werde, diesen weichen, und sich als dann gefallen lassen außer dem Invaliden Hauß zurück zu treten." Damit stand fest, dass nur eine militä­ri­sche Auszeich­nung in Form einer­Ver­dienst­me­daille oder eine Kriegs­be­schä­di­gung zu einer Aufnahme in das Invali­den­haus befähigte. Alle anderen Invaliden, die aus Alters­grün­den oder durch Erkrankung dienst­un­taug­lich geworden waren, sollten überhaupt nicht oder nur unter Vorbehalt in das Invali­den­haus aufge­nom­men werden.

Nicht der altruis­ti­sche Wille zur sozialen Hilfe oder die offen­sicht­li­che Notwen­dig­keit der Fürsorge stand hier im Vorder­grund, sondern ein staats­po­li­ti­scher und militä­ri­scher Utili­ta­ris­mus, der die Idee der geschlos­se­nen Militär­für­sorge durch die künstliche Schaffung von Elitein­va­li­den für seine Ziele instru­men­ta­li­sierte.

Die Invaliden in Karlsruhe Gottesau

Nach dem geschei­ter­ten Projekt eines Invali­den­hau­ses in Karlsruhe begann für die badischen Invaliden die ruhelose Odyssee von Heimat­lo­sen. Nach der Zusam­men­füh­rung der Kompanien in Ettlingen im Jahre 1814 wurden die Invaliden schon 1815 weiter nach Mannheim verlegt. Noch im selben Jahr erfolgte die Verla­ge­rung der beiden Invali­den­kom­pa­nien nach Heidelberg. Die Hoffnung sicherlich vieler Invaliden, in Heidelberg ihre endgültige Heimat­gar­ni­son gefunden zu haben, erfüllte sich nicht. Am 6. März 1818 beantragte das Innen­mi­nis­te­rium die Ausquar­tie­rung der Invaliden, um die belegten Gebäude für die medizi­ni­sche Fakultät der Univer­si­tät Heidelberg nutzen zu können.

Am 14. Juni wurde die Verlegung der Invaliden nach Karlsruhe beschlos­sen. Als neue Garnison diente der bisherige Standort der Artillerie in Schloss Gottesau. Am 16. Juli bezogen die Invaliden ihr neues Domizil in Karlsruhe Gottesau. Weniger als ein Jahr später würden sie die Garnison in Karlsruhe wieder verlassen müssen, um endlich in Kislau bei Mingols­heim für die nächsten Jahrzehnte bis 1853 ihren verdienten Ruhesitz zu finden.

Stefan A. Moebus M.A., Neckarsulm

 

Soldaten der in Durlach stationierten Garnisonskompanie. Foto: Moebus

Soldaten der in Durlach stationierten Garnisonskompanie. Foto: Moebus