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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 61 vom 12. Dezember

Carlsruher Blick­punk­te

Computer Zuse 22 in der Fachhoch­schule Karlsruhe

Als erste Ingenieur­schule der Bundes­re­pu­blik Deutsch­land instal­lierte die Staatliche Ingenieur­schule Karlsruhe, heute Fachhoch­schule, im Winter­se­mes­ter 1961/62 eine digitale Rechen­an­lage. Die Zuse Z22 war 1959 für einen Preis von 300.000 DM zunächst im Landes­ver­mes­sungs­amt Wiesbaden in Betrieb genommen worden und kam dann in Zweit­ver­wen­dung für 100.000 DM nach Karlsruhe. Die Rechen­an­lage wurde in das Labor für Regelungs­tech­nik integriert und stand allen Mitglie­dern der Ingenieur­schule durch das inter­dis­zi­pli­näre Zentralla­bor für Regel und Rechen­tech­nik zur Verfügung.

Über viele Jahre hinweg konnten alle Studenten und Mitar­bei­ter einen Aufbaukurs in der symbo­li­schen Maschi­nen­spra­che Freiburger Code und der problem­ori­en­tier­ten Program­mier­spra­che ALGOL60 belegen. Bis 1972 befand sich die Anlage in regulärem Einsatz. Sie befindet sich heute, mit großer Sachkennt­nis gepflegt, in einem ausschließ­lich der Aufbe­wah­rung, Wartung und Vorführung der Anlage dienenden Raum in der Fachhoch­schule. Der Computer Zuse Z22 mit der Serien­num­mer 13 ist der älteste noch voll funkti­ons­fä­hi­ge und origi­nal­ge­treu erhaltene Röhren­rech­ner der Welt. Die mit 415 Elektro­nen­röh­ren ausge­stat­tete Zuse Rechen­an­la­ge befindet sich in einem technisch ausge­zeich­net erhal­te­nen und hervor­ra­gend gewarteten Zustand.

Ab 1957 wurde die "elek­tro­ni­sche Rechen­an­la­ge" Z22 von der Konrad Zuse AG gebaut und 50 mal ins Inland, fünfmal ins Ausland ausge­lie­fert. In den 50er Jahren begann sich die Öffent­lich­keit zunehmend für Computer zu inter­es­sie­ren. Die Zuse KG gehörte zu den nicht gerade zahlrei­chen Unter­neh­men, die diese Geräte liefern konnten. Die Situation in den Anfängen kam einer Softwa­re­krise gleich. Es wurde sehr viel Aufwand in die Entwick­lung neuer Rechen­ma­schi­nen gesteckt, wohingegen die Software etwas kurz oder spät kam. Die zweite Compu­ter­ge­ne­ra­tion, von der ungefähr mit Erscheinen der Z22 die Rede war, hatte bereits umfang­rei­chere Assem­b­ler­spra­chen und auch erste Hochspra­chen Imple­me­tie­run­gen.

Konrad Zuse (1910 1995) ist heute inter­na­tio­nal als Schöpfer des ersten Computers, des Z1, anerkannt, den er 1936 in Berlin baute: 1949 gründete Konrad Zuse die erste Computer­firma der Welt. Die Firma Zuse Appara­te­bau Berlin konstru­ierte die Relais Rechner Z3, SI, S2 und Z4 für den militä­ri­schen Einsatz. Die Sl wurde für die Berechnung der Flügel­kon­struk­tion von Flieger­bom­ben eingesetzt. Zuses Auftrag­ge­ber waren damals die Deutsche Versuchs­an­stalt für Luftfahrt (DVL). 1949 gründete Zuse mit seinen Freunden Stucken und Eckhard die Zuse KG. Seine Firma war weltweit der erste Produzent von Rechnern für kommer­zi­el­le Auftrag­ge­ber. Als einzigen Großauf­trag bis 1955 lieferte seine Firma die Z5 zur Berechnung optischer Systeme an die Ernst Leitz GmbH in Wetzlar.

Da sich die westdeut­sche Industrie erst im Aufbau befand und Computer noch wenig Interesse fanden, suchte Zuse seine Absatz­märkte im Ausland, zunächst in den USA. Erst ab 1955 erhielt er vermehrt Aufträge aus der Bundes­re­pu­blik Deutsch­land. Seit den 1960er Jahren lieferte er auch in die Tsche­cho­slo­wa­kei und die Sowje­tu­nion, weitere Maschinen instal­lierte die Zuse KG in der DDR. Die hohen Entwick­lungs­kos­ten für die Rechner musste Zuse, anders als z. B. die ameri­ka­ni­sche Firma IBM, die staat­li­che Subven­tio­nen erhielt, durch den Verkauf seiner Produkte finan­zie­ren. Die zunehmende Konkurrenz durch IBM, die Vorfi­nan­zie­rung der Softwa­re­ent­wick­lung und die hohen Vertriebs­kos­ten zwangen Zuse 1967 zum Verkauf der Zuse KG an die Siemens AG. Zuse verlies bald danach den Betrieb. 1971 wurde der Firmenname Zuse KG aus dem Handels­re­gis­ter gelöscht.

Der ab 1958 gebaute Röhren­rech­ner Z22 wurde vor allem in der Betriebs­wirt­schaft, Bautechnik, Elektro­tech­nik, Ballistik, Aerody­na­mik, Optik, Vermes­sungs­tech­nik, im Maschinen und Kernre­ak­tor­bau sowie im Bergbau eingesetzt. Der ab 1960 gebaute Transis­to­ren­rech­ner Z23 fand als Folge­ma­schine in den gleichen Bereichen Verwendung. Die Z25 wurde im wissen­schaft­li­chen Bereich, aber auch zur Produk­ti­ons­steue­rung, insbe­son­dere in der Textil­in­dus­trie, benutzt.

Die Rechen­an­lage Z22 dokumen­tiert den techni­schen Entwick­lungs­stand in der Bundes­re­pu­blik Deutsch­land der späten 1950er Jahre. Zahlreiche Ingenieure und Absol­ven­ten der Fachhoch­schule haben hier die Grundlagen der Infor­ma­tik erlernt. In ihrer Funkti­ons­tüch­tig­keit stellt die Rechen­an­lage einen lebendigen Bezug zu den spezi­fi­schen sozialen, politi­schen, wirtschaft­li­chen und techno­lo­gi­schen Verhält­nis­sen ihrer Entste­hungs­zeit dar. Die Rechen­ma­schi­ne Z22 besitzt nicht nur als letztes funkti­ons­fä­hi­ges Exemplar seiner Baureihe Selten­heits­wert, es handelt sich darüber hinaus um den weltweit ältesten werkgetreu erhal­te­nen rechen­fä­hi­gen Röhren­com­pu­ter. Er wurde im Juni dieses Jahres durch das Regie­rungs­prä­si­dium Karlsruhe in das Denkmal­buch einge­tra­gen.

Dr. Clemens Kieser, Landes­denk­mal­amt

 

Zuse Z22. Foto: Landesdenkmalamt

Zuse Z22. Foto: Landesdenkmalamt