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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 122 vom 22. März 2019

Edith Odenwald (1921 - 1987). Foto: Dina Kremsdorf

Edith Odenwald (1921 - 1987). Foto: Dina Kremsdorf


Leopold Kahn (1920 - 1944). Foto: Maitron des Fussilés

Leopold Kahn (1920 - 1944). Foto: Maitron des Fussilés


Ferdinand Kahn (1921 - 2017). Foto: Guy Pommeau

Ferdinand Kahn (1921 - 2017). Foto: Guy Pommeau


Plakat des "Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" 1930. Foto: Wiener Library, London

Plakat des "Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" 1930. Foto: Wiener Library, London


 

Widerstand gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus

Menschen aus Karlsruhe in der Résistance

von Brigitte und Gerhard Brändle

"Aus den Augen, aus dem Sinn" - so ungefähr steht es um die Wahr­neh­mung der Menschen aus Karlsruhe, die ihre Heimat ­ver­las­sen mussten und in Frankreich Widerstand gegen die Nazi-Besatzer leisteten. Sie mussten weg aus Karlsruhe, sei es, dass sie als Juden bedroht, sei es, dass sie als politi­sche ­Geg­ner der Nazis verfolgt wurden. Ihre Namen sind meist un­ge­nannt, ihre Taten noch nicht erzählt.

Jüdische "Kämpfer für die Freiheit"

Unter den 13 Nazi-Gegnern und Gegne­rin­nen aus Karlsruhe, die in Frank­reich Widerstand leisteten, stammen allein acht aus jü­di­schen Familien. Sie korri­gie­ren das Bild jüdischer Menschen in der NS-Zeit als bloße Opfer, sie ließen sich nicht wie Lämmer zur Schlacht­bank führen, sie haben sich gewehrt. Die Brüder ­Fer­di­nand (1921-2017) und Leopold (1920-1944) Kahn leben mit den Eltern seit 1929 in der Durlacher Allee 53, besuchen die Tul­la­schule sowie das Bismarck-Gymnasium und sind aktiv im Karls­ru­her Turn-Verein. 1933 verliert der Vater seinen ­Ar­beits­platz als Viehhänd­ler und erhält Drohbriefe. Darauf­hin f­lieht die Familie nach Frankreich. Als sie 1943 von der Polizei ­des Vichy-Regimes verhaftet werden sollten fliehen die Brüder und die Eltern schützt ein Arzt durch die Beschei­ni­gung der Trans­port­un­fä­hig­keit. Im Herbst dieses Jahres schließen sich die Brüder im franzö­si­schen Zentral­mas­siv bei Limoges der Résistan­ce an. Aktiv bei den kommu­nis­tisch orien­tier­ten "Francs-Tireurs et Par­tis­ans" (FTPF), sprengen sie Brücken, Eisen­bahn­gleise und Stra­ßen, um Truppen­be­we­gun­gen der Nazi-Wehrmacht zu be- und zu ver­hin­dern. Am 18. Juli 1944 wird Leopold bei einem Gefecht mit der Brigade Jesser, bestehend aus Truppen der Wehrmacht und der Waffen-SS, bei Saint Gilles-les-Forêts östlich von Limoge­s er­schos­sen - vor den Augen seines Bruders Ferdinand. Sein Name steht auf einem Denkmal für Résistance-Kämpfer in Limoges und auf einer Stele am Ortsrand von St. Gilles-les-Forêts. Ferdi­n­an­d ­Kahn bleibt nach Kriegsende mit den Eltern in Frankreich und wird nach seinem Tod 2017 als "Kämpfer für die Freiheit" geehrt.

Erich Marx (1906-1965) wird in Grötzingen geboren und besuch­te das Humboldt­gym­na­sium. Er ist vor 1933 Mitglied der jüdischen ­Ge­meinde in Karlsruhe sowie des jüdischen Wander­bun­des "­Ka­me­ra­den" und zugleich Kommunist und 1932 Leiter der "An­ti­fa­schis­ti­schen Aktion". Von März bis Mai 1933 sperren ihn die Nazis ohne Gerichts­ur­teil in "Schutz­haft" ins Gefängnis an der Riefstahl­straße. Wieder in Freiheit, flieht er nach ­Frank­reich, wo er Ilse David heiratet. Nach der Teilbe­set­zung ­Frank­reichs durch die Nazi-Wehrmacht flieht das Paar in den un­be­setz­ten Süden des Landes. Nach dessen Besetzung durch die Nazis im November 1942 tauchen die Eheleute unter und erhal­ten ­neue Papiere von der Résistance. Im Sommer 1943 schließt sich Erich, nun Ernst Marquet, in Montauban der Résistance an und hilft, Flugblät­ter an deutsche Besat­zungs­sol­da­ten zu verteilen. Außerdem ist er beteiligt bei der Herstel­lung von falschen ­Pa­pie­ren für Flüchtende und Gefährdete. 1944 ist er Mitglied des CALPO (Comité Allemagne libre pour l'Ouest, dem Natio­nal­ko­mi­tee "Freies Deutsch­land" für den Westen) in Montauban. Nach 1945 zieht die Familie in einen Ort im Nordwesten von Paris.
Die in Karlsruhe geborenen Brüder Fritz (1904-1997) und Walter (1903-1967) Strauss besuchen das Helmholtz-Gymnasium. Walter ­macht nach der Mittleren Reife eine kaufmän­ni­sche Lehre, um dann in der Firma des Vaters schon 1930 Teilhaber zu werden. Er ist Mit­glied des jüdischen Wander­bun­des "Kame­ra­den", seit 1925 en­ga­giert in der SPD und im Reichs­ban­ner Schwarz-Rot-Gold gegen die Nazis. Zugleich ist er Redner des "Central­ver­eins deutscher ­Staats­bür­ger jüdischen Glaubens", der ab 1929/30 auch an­ti­fa­schis­ti­sche Aufklä­rungs­ar­beit leistet. Walter Straus­s ­ver­lässt Deutsch­land Ende Juli 1933 und geht nach Paris, wo sein Freund Hans Marum bereits seit Ende April lebt. Hier heiraten er und Marianne Born und er gründet 1934 eine Firma. Fritz Straus­s ­stu­diert 1923 bis 1928 Elektro­tech­nik in Karlsruhe und Berlin, wo er die Diplom-Prüfung ablegt. 1933 emigriert er nach Pa­läs­tina und heiratet dort die aus Polen stammende Franziska, kehrt aber 1934 nach Karlsruhe zurück und arbeitet bei der AEG. 1937 emigriert auch er mit der Familie nach Paris.

Mit Kriegs­be­ginn wird Fritz Strauss wie sein Bruder Walter als "­feind­li­cher Ausländer" in Frankreich interniert. Beide ent­schlie­ßen sich, mehr oder weniger gezwungen, in die Frem­den­le­gion einzu­tre­ten. Sie kommen nach Algerien und Marokko. Nach dem Waffen­still­stand werden sie im Oktober 1940 aus der Legion entlassen. Danach leben sie mit ihren Familien einige ­Zeit in der unbesetz­ten Zone Frank­reichs und danach illegal im Un­ter­grund und werden in der Résistance aktiv, der sich die E­he­frau von Fritz ebenfalls anschließt. Fritz Strauss wander­t ­mit seiner Familie 1946 in die USA aus, Walter Strauss bleib­t da­ge­gen in Frankreich.

Werner Nachmann (1925-1988) besucht ebenfalls das Helm­holtz-Gymnasium. 1938 schicken ihn seine Eltern nach Paris, wo er ein jüdisches humanis­ti­sches Gymnasium besucht. 1939 f­lie­hen auch die Eltern, die 1937 ihr Unter­neh­men verkau­fen muss­ten, nach Frankreich. In Aix-en-Provence besucht ihr Sohn mit gefälsch­ten Papieren ein Gymnasium. Ab November 1942 leben die Eltern illegal im Süden Frank­reichs, Werner Nachmann schließt sich in Aix-en-Provence der Résistance an. Anfang April 1945 kehrt er als Oberleut­nant der franzö­si­schen Armee nach ­Karls­ruhe zurück. Dass Werner Nachmann als Vorsit­zen­der des O­ber­ra­tes der Israeliten Badens und des Zentral­ra­tes der Juden in Deutsch­land schwer­wie­gende politische und finan­zi­elle Schäden ­an­rich­tete, steht auf einem anderen Blatt.

Flücht­linge werden Flucht­hel­fe­rin­nen

Edith Odenwald (1921-1997) ist in Karlsruhe geboren und besucht ­die höhere Schule. Als sie gerade 15 Jahre alt ist, beschlie­ßen ihre Eltern 1936 Karlsruhe zu verlassen, nachdem ihr Vater ­kurz­zei­tig im Konzen­tra­ti­ons­la­ger Dachau inhaftiert war. Edith muss sich von ihren Freun­din­nen im jüdischen Sport­ver­ein Macca­bi ­ver­ab­schie­den. In Neuilly bei Paris besucht sie wieder eine hö­here Schule und schließt sich den jüdischen Pfadfin­dern Éclai­reurs Israélites de France (EIF) an. Von April bis Juni 1940 werden sie, ihre Schwester Lore und ihre Eltern als "­feind­li­che Ausländer" im Lager Gurs einge­sperrt. Nach 1941 ­ar­bei­tet sie in der "Sixième" mit, der Jugend­ab­tei­lung des Ge­samt­ver­bands der Juden in Frankreich (UGIF), einem gehei­men ­Netz­werk von EIF und zionis­ti­scher Jugend­gruppe (MJS). Mit neuen ­Pa­pie­ren auf den Namen "Edith Oberlin", geboren in Obernai im Elsass, hält sie Kontakt zwischen den Gruppen und zu Or­ga­ni­sa­tio­nen wie der OSE (jüdisches Kinder-Hilfswerk) und der CIMADE (protes­tan­ti­sche Frauen-Organi­sa­tion). Sie arbeitet als Kin­der­pfle­ge­rin, hilft, Papiere für bedrohte Kinder zu fälschen, leitet eine provi­so­ri­sche Schule für sie auf einem Bauernhof und bringt sie an die Grenze zur Schweiz. Im Gegensatz zu vielen ih­rer Kamera­din­nen entgeht sie allen Razzien und Depor­ta­tio­nen. Nach dem Krieg arbeitet sie für JOINT (Kürzel für "Ameri­can Je­wish Joint Distri­bu­tion Commit­tee"), eine Hilfs­or­ga­ni­sa­tion US-ameri­ka­ni­scher Juden für notlei­dende Juden vor allem in Europa.

Ebenfalls Mitglied der "Sixième" ist ab 1942 die 1920 in Karls­ruhe geborene Ellen Hess. Sie lebt mit ihren Eltern in guten wirtschaft­li­chen Verhält­nis­sen. Wann die Familie nach ­Frank­reich flieht, ist nicht bekannt. Erst 1942 finden sich wie­der Spuren ihres Lebens: Im franzö­si­schen Zentral­mas­si­v ­or­ga­ni­siert sie, als "Estelle Hamelin" mit neuen Papie­ren ­aus­ge­stat­tet, Verstecke und falsche Papiere für jüdische Kinder, um sie vor Razzien und drohender Depor­ta­tion zu schützen. Sie un­ter­hält Kontakte zu ihren Schütz­lin­gen, besorgt Geld für ihre Un­ter­brin­gung, übermit­telt Briefe und unter­stützt sie moralisch. Das Netzwerk steht in Verbindung mit protes­tan­ti­schen Gemein­den in Le-Chambon-sur-Lignon und Umgebung, wo viele jüdische Kinder und Jugend­li­che versteckt und mit neuen Ausweis­pa­pie­ren ­aus­ge­stat­tet werden, um ihre Flucht mithilfe von "Passeu­ren" in die Schweiz zu ermög­li­chen. Unter den so Geretteten sind auch Kin­der aus Karlsruhe, die Geschwis­ter Hanni und Leon-Albert Bär, die Geschwis­ter Bertha und Leo Dreyfuss, Heinz Goldschmidt, Walter Moos und die Schwestern Hanna und Susanne Moses. Wann Ellen Hess sich mit Roger Climaud verhei­ra­tete, ist nicht her­aus­zu­fin­den, auch fehlen jegliche Angaben über ihren Le­bens­weg nach der Befreiung 1944/1945. Nach Karlsruhe ist sie nicht zurück­ge­kehrt.

Rettungs­wege: Karlsruhe - Frankreich - Schweiz - Mexiko

In die Reihe der Flucht­hel­fe­rin­nen gehört auch die in Karls­ru­he ­ge­bo­rene Herta Field, geb. Vieser. Sie gelangt zusammen mit ihrem Mann Noel Field auf abenteu­er­li­chen Wegen 1941 nach Süd­frank­reich (s. Blick in die Geschichte Nr. 115). Ab Frühjahr 1941 leiten die beiden, deren Mitglied­schaft in der kom­mu­nis­ti­schen Partei verborgen bleibt, eine Hilfs­or­ga­ni­sa­tion ­des Unitarian Service Committee (USC) in Marseille. Dieses ­Ko­mi­tee unter­stützt vor allem Antifa­schis­ten, die in In­ter­nie­rungs­la­gern wie Gurs oder Le Vernet oder in der Il­le­ga­li­tät leben müssen und denen die Auslie­fe­rung an die Nazis droht. Die Fields besorgen für sie Lebens­mit­tel, Geld, neue ­Pa­piere und medizi­ni­sche Versorgung. Etliche gelangen mit ihrer Hilfe nach Mexiko, so 1942 Hans Marum aus Karlsruhe, seine Frau ­So­phie und die Kinder Ludwig und Andrée. Herta Field sorgte im Juni 1941 dafür, dass die hochschwan­gere Sophie Marum in ein Heim der Quäker bei Marseille verlegt und mit Baby-Erstaus­stat­tung für die Tochter Andrée versorgt wird. Sie ist beteiligt an der Einrich­tung von Kinder­gär­ten für im Lager Ri­ve­sal­tes einge­sperrte jüdische Kinder. Nach der Besetzung des süd­li­chen Teils Frank­reichs 1942 durch die Nazi-Wehrmacht f­lie­hen die Fields in die Schweiz. Von Genf aus betreiben sie als USC-Büro eine "bürger­lich getarnte Rote Hilfe" - so Noel Field - und ermög­li­chen weiter Hunderten von Gefähr­de­ten, unter ih­nen viele Kommu­nis­ten, die Flucht aus Frankreich. Sie arbei­ten ­mit der OSE zusammen, um jüdische Kinder, deren Eltern 1942 schon deportiert worden waren, in die Illega­li­tät oder in die Schweiz zu retten, unter ihnen auch die Brüder Arnold und Paul ­Nie­der­mann aus Karlsruhe.

Spani­en­frei­wil­lige und Résistance-Kämpfer

Josef Eckl und Emil Maisch sind in Karlsruhe geboren, beide von Beruf Schreiner und Mitglied der KPD (s. Blick in die Geschich­te Nr. 111). Die Nazis sperren die beiden Antifa­schis­ten 1933/34 un­ter­schied­lich lange in verschie­dene Konzen­tra­ti­ons­la­ger und Ge­fäng­nisse. Nach der Freilas­sung flieht Eckl in die Schweiz und ar­bei­tet mit am Schmuggel von illegalen Schriften nach ­Deutsch­land. Maisch flieht nach der Freilas­sung 1935 nach ­Frank­reich. 1936 gehen beide nach Spanien, um in den in­ter­na­tio­na­len Brigaden gegen den von Hitler-Deutsch­lan­d un­ter­stütz­ten Militär­put­schis­ten Franco zu kämpfen. 1939 müssen sie Spanien verlassen und werden in Frankreich interniert. Josef Eckl gelingt 1940 die Flucht aus einem Lager. Er schließt sich der Résistance an und ist Mitglied bei den FTPF mit dem Deck­na­men "Antonio" und den Forces Françaises de l'Intérieur im Gebiet Tarn und Garonne. Er wird Mitglied der kommu­nis­ti­schen ­Par­tei Frank­reichs und des "Vereins früherer Freiwil­li­ger im re­pu­bli­ka­ni­schen Spanien". Der Militär­kom­man­dant der Natio­na­len Front (Zusam­menschluss aller Résistance-Gruppen) beschei­nig­t 1945, dass er "in unseren Reihen tapfer gekämpft hat und der Sache des Wider­stands Dienste leistete". Emil Maisch meldet sich in Frankreich zur Fremden­le­gion, um bewaffnet gegen die Nazi-Wehrmacht kämpfen zu können. Nach dem Einsatz in Nordafri­ka wird er demobi­li­siert, schließt sich 1943 der Résistance an und kämpft bei den FTPF. Der Kommunist Ernst Locke aus Karls­ruhe-Grünwinkel flieht nach einer Haftstrafe im Novem­ber 1933 in die Schweiz, kämpft wie Josef Eckl und Emil Maisch ab 1936 in Spanien und schließt sich nach 1940 der Résistance in Frank­reich an.

Diese Spani­en­frei­wil­li­gen und Résistance-Kämpfer kehren 1945 nach Karlsruhe zurück. Johann Heinz (1905-1944) war dies nicht mehr möglich: Er verlässt 1937 seine Heimat, 1939 schreibt er seiner Mutter, er sei in Spanien gewesen und halte sich nun in Frank­reich auf. Nach der Befreiung erhält die Mutter die Nach­richt, ihr Sohn sei Mitglied der Résistance gewesen und 1944 in den Cevennen von der Wehrmacht erschossen worden. Wahr­schein­lich ist er identisch mit "Karl Heintz", der als Mit­glied der Résistance-Gruppe Bir-Hakeim am 20. Mai 1944 in La Parade im Zentral­mas­siv von der Wehrmacht ermordet wurde und dessen Name dort auf einer Erinne­rungs­stele verzeich­net ist.