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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 122 vom 22. März 2019

Im Spiegel von Propa­gand­a­kunst und Karikatur
Das deutsch-franzö­si­sche Verhältnis von 1871 bis heute

von Peter Pretsch

Anton von Werner: Kronprinz Friedrich Wilhelm an der Leiche des Generals Abel Douay nach dem Gefecht bei Weißenburg am 4. August 1870. Gemälde, Foto: Hechingen, Burg Hohenzollern

Anton von Werner: Kronprinz Friedrich Wilhelm an der Leiche des Generals Abel Douay nach dem Gefecht bei Weißenburg am 4. August 1870. Gemälde, Foto: Hechingen, Burg Hohenzollern


Karikatur von "Hansi" Jean Jacques Waltz: "Passage du Rhin – 1918-Retour au Pays natal", Foto: Dreiländermuseum Lörrach

Karikatur von "Hansi" Jean Jacques Waltz: "Passage du Rhin – 1918-Retour au Pays natal", Foto: Dreiländermuseum Lörrach


Henri Farré: Bombardement de Karlsruhe, 22. Juni 1916, Gemälde, Foto: Städtische Galerie Karlsruhe

Henri Farré: Bombardement de Karlsruhe, 22. Juni 1916, Gemälde, Foto: Städtische Galerie Karlsruhe


Tomi Ungerer: Ohne Titel (Deutsch-französische Freundschaft), Aquarell, Plakatmotiv von 2010 Ausschnitt, Foto: Stadtarchiv 8/PBS X 7099

Tomi Ungerer: Ohne Titel (Deutsch-französische Freundschaft), Aquarell, Plakatmotiv von 2010 Ausschnitt, Foto: Stadtarchiv 8/PBS X 7099


 

Nach dem Sieg Preußens und seiner Bündnis­part­ner über Frank­reich im Deutsch-Franzö­si­schen Krieg brachte Großherzog Friedrich I. von Baden vor den versam­mel­ten deutschen Fürsten am 19. Januar 1871 im Spiegel­saal von Versailles ein Hoch auf den neuen Kaiser Wil­helm I. aus. Damit wurde in der ehemaligen Hauptre­si­denz der fran­zö­si­schen Könige die deutsche Reichs­grün­dung besiegelt, was eine Demütigung für den Kriegs­geg­ner bedeutete. Frank­reich musste hohe Repara­ti­ons­zah­lun­gen leisten und außerdem das Elsass und Teile Lothrin­gens an das Deutsche Reich abtreten, das sich diese Provinzen als "Reichs­land" einver­leibte. In den jetzt ­deut­schen Gebieten hielt die wilhel­mi­ni­sche Archi­tek­tur Einzug, alles Franzö­si­sche wurde hingegen unter­drückt. Viele Reichs­deut­sche zogen nach Elsass-Lothringen und nahmen Schlüs­sel­stel­lun­gen in der Verwaltung, der Wirtschaft, dem Mi­li­tär und den Schul­be­hör­den ein.

Zum staats­of­fi­zi­el­len Kunst­pro­gramm nach dem Deutsch-Franzö­si­schen Krieg und der deutschen Reichs­grün­dung von 1871 gehörten histo­ri­sche Ereig­nis­bil­der und Rei­ter­stand­bild­nisse. An der Großher­zog­li­chen Kunst­schule in Karls­ruhe zum Histo­ri­en­ma­ler ausge­bil­det, verbrachte Anton von Werner (1843-1915) das Jahr 1870 als badischer ­Kriegs­be­richt­er­stat­ter in Versailles und an den Kriegs­schau­plät­zen im Elsass. Zu den prägnan­tes­ten, der Reichs­idee gewidmeten Histo­ri­en­bil­dern zählte seine ­Auf­trags­ar­beit der "Kaiser­pro­kla­ma­tion am 18. Januar 1871", die am Beginn seines Aufstiegs in Berlin zum einfluss­rei­chen Hof- und Staats­ma­ler des Kaiser­reichs steht.
Als offizielle Schlach­ten­ma­ler beglei­te­ten auch Louis Braun und Wil­helm Emelé, ein Badener mit franzö­si­schen Wurzeln, das Kriegs­ge­sche­hen im Elsass. Nach seiner Rückkehr nach Karls­ru­he er­hielt Wilhelm Emelé von Großherzog Friedrich I. den Auftrag ­für eine Episode aus der "Schlacht bei Nuits". Ab den 1880er Jah­ren wurden vor allem propa­gan­dis­ti­sche Schlach­ten­pan­ora­men zu ge­winn­brin­gen­den Kassen­schla­gern, so auch in Karlsruhe am Fest­platz, wo das sogenannte Panora­ma­ge­bäude Kinder und Er­wach­sene vor der Erfindung des Kinos in seinen Bann zog.

Anton von Werner hielt 1890 nachträg­lich den ersten deutschen ­Sieg im Gefecht bei Weissen­burg in einem großfor­ma­ti­gen Gemäl­de ­fest, das sich heute im Besitz des Prinzen Georg Friedrich von Preu­ßen befindet. Es zeigt den franzö­si­schen General Abel Douay auf dem Totenbett, dem der preußische Kronprinz Fried­rich Wil­helm mit seinem Stab nach der Schlacht die letzte Ehre er­weist. Dafür war Werner eigens noch einmal in die elsäs­si­sche Klein­stadt gereist, um vor Ort alle Details zu recher­chie­ren.

Bereits als Schüler erlebte Jean-Jacques Waltz, 1873 in Colmar ­ge­bo­ren, die deutschen Besatzer als patrio­tisch und den El­säs­sern gegenüber feindlich einge­stellt. Vom Vater für die el­säs­si­sche Kultur sensi­bi­li­siert, förderten auch eigene ­ne­ga­tive Erfah­run­gen mit deutschen Lehrern eine bis zu seinem Tod 1951 andauernde antideut­sche Haltung. Nach seiner Ausbil­dung ­zum Textil­zeich­ner in Lyon, kehrte er 1896 nach Colmar zurück und begann, folklo­ris­ti­sche Postkarten mit ersten spötti­schen Dar­stel­lun­gen der Deutschen zu entwerfen. Ab 1907 ­ver­öf­fent­lichte er unter dem Künst­ler­na­men "Hansi" idyllisch an­mu­tende Bildwelten, darunter die "Voge­sen­bil­der" und "Mein ­Dorf" sowie zahlreiche weitere Karika­tu­ren, in denen er seine ­kom­pro­miss­lose Haltung gegenüber dem Deutschen zum Ausdruck ­brachte. Immer wieder geriet "Hansi" deswegen mit dem Gesetz in Kon­flikt. Als er 1914 aufgrund der Veröf­fent­li­chung von "Pro­fes­sor Knatschke", einer Serie von Karika­tu­ren zu seinem ­deut­schen Lehrer und dessen Familie, verurteilt wurde, emigrierte er nach Frankreich, trat dort in die Armee ein und verlor seine deutsche Staats­bür­ger­schaft.

Nach 1918 erneut im Elsass ansässig, freute er sich über die Ver­trei­bung der seit 1871 im Elsass heimisch gewordenen von ihm ver­hass­ten ca. 150.000 "Altdeut­schen", denen er eine Karika­tur ­wid­mete, wie sie bei Breisach mit ihrem wenigen Hab und Gut, das sie mitnehmen durften, den Rhein überquer­ten.

Schon seit Kriegs­be­ginn 1914 hatten sich Deutsch­land und Frank­reich gegen­sei­tig mit Bombar­die­run­gen durch die damals noch neue Luftwaf­fen­tech­nik überzogen. Im Verlauf des Krieges kam es zu massiven Zerstö­run­gen und vielen Todesop­fern vor allem in den grenz­na­hen Städten. Die franzö­si­sche Flieger­staf­fel, die auf einer Anhöhe bei Nancy statio­niert war, flog mehrmals Luft­an­griffe auf Karlsruhe. Der Maler Henri Farré (1871-1934) ­ge­hörte als Kriegs­be­ob­ach­ter dieser Flieger­staf­fel an und do­ku­men­tierte die Luftkämpfe und -angriffe in propa­gan­dis­ti­schen ­Ge­mäl­den. Seine Darstel­lung des Angriffs auf Karlsruhe vom 22. Juni 1916, der 120 Todesopfer forderte, ist heute im Besitz der Stadt Karlsruhe. Farré, der schon vor dem Krieg US-Ameri­ka­ner ­ge­wor­den war, kehrte 1919 in seine neue Heimat zurück. Daher ist mitt­ler­weile der Großteil seiner Werke in dortige Museen und Ga­le­rien gelangt. Allein das National Air & Space Museum in Wa­shing­ton D.C. besitzt 75 seiner Bilder. Dort veröf­fent­lich­te er das Buch "Skyfigh­ters of France", in dem er seine Erleb­nis­se als malender Kriegs­be­richt­er­stat­ter schilderte und das er mit seinen Bildern illus­trierte, u.a. mit einem weiteren Luftan­griff auf Karlsruhe.

Am 10. Mai 1940 ergriff Hitler die Initiative und die deutsche Ar­mee marschierte ohne Kriegs­er­klä­rung in die neutralen Länder ­Nie­der­lande, Belgien und Luxemburg ein, um von dort aus - unter Um­ge­hung der Maginot-Linie, des franzö­si­schen ­Ver­tei­di­gungs­sys­tems an der Grenze zu Deutsch­land - Frank­reich ­an­zu­grei­fen. Unter Ausnutzung dieses Überra­schungs­mo­ments war der Großteil Frank­reichs bis zum 25. Juni des Jahres besetzt und das frühere Elsass-Lothringen wurde wieder dem Deutschen Reich ­zu­ge­schla­gen. Farrés Gemälde wurde in der Pariser Wohnung des F­lie­ger­ka­pi­täns de Kerillis beschlag­nahmt, nach Karls­ru­he ­ge­bracht und in einem Verlags­ge­bäude ausge­stellt, um die Bös­ar­tig­keit Frank­reichs anzupran­gern.

Gemäß der NS-Ideologie sollte die dort annek­tier­ten Gebiete nun neuen Reichs­gauen zugeteilt werden, so Teile Lothrin­gens mit dem Saar­land und der Pfalz zur Westmark und Baden und das Elsass zum Gau Baden-Elsass. Wie im übrigen Reich wurden hier nun politisch An­ders­den­kende und insbe­son­dere Juden verfolgt und depor­tier­t ­so­wie zehntau­sende Elsässer und Lothringer in den Militär­dienst ­ge­zwun­gen. Die NS-Propaganda zog in Städte und Dörfer ein. An den Schulen wurde nur noch Deutsch unter­rich­tet. Die fran­zö­sisch­spra­chige Bevöl­ke­rung und die sogenann­ten "­Fran­zo­sen­freun­de" wurden zum größten Teil in das übrige ­Frank­reich ausge­wie­sen.
Der erst kürzlich verstor­bene Künstler Tomi Ungerer, 1931 in Straß­burg geboren, erlebte als Kind die Folgen der Besat­zung ­sei­ner Heimat im Zweiten Weltkrieg, die er damals schon in Zeich­nun­gen verar­bei­tete. Die deutsche Propaganda einerseits und die Karika­tu­ren von "Hansi" anderer­seits schärften sein ­po­li­ti­sches Bewusst­sein und wurden prägend für seine Kunst. Nach ers­ten Erfolgen als Illus­tra­tor und Zeichner von Kinder­bü­chern und Werbe­pla­ka­ten in den USA wurde ab den 1960er Jahren die Sa­ti­re­zeich­nung das zentrale Medium, mit dem sich Ungerer für Frie­den und Toleranz einsetzte. Für Karlsruhe, der Stadt, in der er nach Kriegsende studieren wollte, entwarf Tomi Ungerer einen ­Kat­zen­kin­der­gar­ten im Stadtteil Wolfarts­weier, der 2002 ein­ge­weiht wurde. Hier erhielt er am 19. Februar 2004 die Eh­ren­dok­tor­würde für seine Verdienste um die europäi­sche Völ­ker­ver­stän­di­gung und den deutsch-franzö­si­schen Dialog. In Karls­ruhe präsen­tierte Ungerer in mehreren Ausstel­lun­gen seine Werke in Koope­ra­tion mit dem Centre culturel franco-allemand. Seine Karikatur zur deutsch-franzö­si­schen Freund­schaft mit zwei ­Män­nern in einem Boot war dabei ein beliebtes Plakat­mo­tiv.

Dr. Peter Pretsch, Leiter des Stadt­mu­se­ums Karlsruhe

Weitere Werke der genannten Künstler sind bis zum 2. Juni 2019 in der Ausstel­lung "Karlsruhe und Elsass-Lothringen seit 1871. Die wechsel­hafte Geschichte einer Nachbar­schaft" im Ori­gi­nal im Stadt­mu­seum im Prinz-Max-Palais zu sehen.