Sprung zur Navigation. Sprung zum Inhalt.

Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 122 vom 22. März 2019

Von der Galan­the­rie Schule zum Mädchen­gym­na­sium (Teil 2)

Der langwie­rige Weg zum Frauen­stu­dium
von Ariane Rahm

Mathematikunterricht am staatlichen Lehrerinnenseminar Prinzessin-Wilhelm-Stift, 1911. Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 7/Nl Oeser 252

Mathematikunterricht am staatlichen Lehrerinnenseminar Prinzessin-Wilhelm-Stift, 1911. Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 7/Nl Oeser 252


 

Die Höhere Mädchen­schule

Bis 1877 bestand das weiter­füh­rende Mädchen­schul­we­sen aus Pri­vat­in­sti­tu­ten und der städti­schen Höheren Töchter­schule und ging über eine erweiterte Volks­schul­bil­dung nicht hinaus. Reform­be­stre­bun­gen zur Mädchen­bil­dung im ganzen deutschen Reich und das steigende Interesse des Staates am öffent­li­chen ­Schul­we­sen führten zur Einrich­tung staatlich geför­der­ter höherer Mäd­chen­schu­len mit normierten Ausbil­dun­gen und Abschlüs­sen. Mit der in Baden erlassenen landes­herr­li­chen Verordnung über die Er­rich­tung von Mittel­schu­len für die weibliche Jugend wurde die wei­ter­füh­rende Mädchen­schul­bil­dung erstmals auf eine recht­li­che ­Grund­lage gestellt. Als Folge der Neuor­ga­ni­sa­tion der Höheren Töchter­schule entstanden die dreiklas­sige Vorschule für Mädchen von 6-9 Jahren, die darauf aufbauende fünfklas­si­ge "Töchter­schu­le", eine erweiterte Volks­schule, die in der Kreuz­straße blieb, sowie die sieben­klas­sige, ab 1879 so genann­te "Hö­here Mädchen­schu­le", die schon ein Jahr zuvor einen Neubau in der Sophien­straße 14, heute Sitz des Fichte-Gymnasiums, bezog.

Mit der Höheren Mädchen­schule gab es nun eine öffent­li­che ­Mit­tel­schule für Mädchen. Sie stellte eine Aufwertung der wei­ter­füh­ren­den Mädchen­schu­len dar, doch brachte auch sie keinen ­Er­werb von formalen Berech­ti­gun­gen, der Ausbildung fehlte nach wie vor jeder Anspruch auf eine weiter­füh­rende beruf­li­che ­Kar­riere. Erst im begin­nen­den 20. Jahrhun­dert brachten die An­nä­he­run­gen an die Realschule das nominelle Ende der höheren Mäd­chen­schule. Eine vergleichs­weise liberale Zulas­sungs­pra­xis in Baden erlaubte es aber schon zuvor, dass Mädchen auf Antrag an Kna­ben­schu­len (meist Bürger- oder Realschu­len) aufge­nom­men wer­den konnten.

Das staatliche Lehre­rin­nen­se­mi­nar ­Prin­zes­sin-Wilhelm-Stift

So wie weiter­füh­rende Mädchen­schu­len übten auch weibli­che ­Lehr­kräfte ihre Tätig­kei­ten bis in die 1870er Jahre in einem rechts­freien Raum aus, für ihre fachlichen und pädago­gi­schen Kennt­nisse gab es keine unmit­tel­ba­ren Normen. Zur Behebung der Be­rufs­not unver­sorg­ter Frauen vor allem des gehobenen Bürger­tums ­galt fast nur der Beruf der Lehrerin als standes­ge­mä­ße Tä­tig­keit. Als wesens­ge­mäß galt dabei lange nur die Un­ter­rich­tung unterer oder manchmal auch mittlerer gemisch­ter ­Klas­sen; in höheren Töchter­schu­len durften sie höchs­tens Hand­ar­bei­ten oder eventuell noch moderne Fremd­spra­chen un­ter­rich­ten. Erst ab 1880 waren sie an öffent­li­chen Schulen ­of­fi­zi­ell zugelassen, wobei sie bis weit ins 20. Jahrhun­der­t ­nicht gleich­be­rech­tigt waren. So verloren sie etwa bei einer Hei­rat den Anspruch auf Anstellung im Schul­dienst.

Das Fehlen einer syste­ma­ti­schen Ausbildung änderte sich mit der Er­öff­nung des Prinzessin-Wilhelm-Stifts, des ersten staat­li­chen ­Leh­re­rin­nen­se­mi­nars in Baden, in der Stepha­ni­en­straße im Jahr 1878 (ab 1883 in der Sophien­straße 31 33 behei­ma­tet). Die Ein­rich­tung ging zurück auf eine von Fanny Trier, Mitglied des Ba­di­schen Frauen­ver­eins, 1873 gegründete und unter dem Pro­tek­to­rat der Großher­zo­gin Luise und deren Schwä­ge­rin ­Prin­zes­sin Wilhelm stehende private Ausbil­dungs­stätte für Leh­re­rin­nen und Erzie­he­rin­nen. 1924 ging das Seminar, das über Baden hinaus einen guten Ruf genoss, in der Lehr­er­bil­dungs­an­stalt, Vorgän­ge­rin der Pädago­gi­schen Hochschule, auf.

Der Unterricht beinhal­tete zwei Fremd­spra­chen und zahlrei­che Rea­lien, womit er bildungs­hung­ri­gen jungen Frauen mehr bot als die Höhere Mädchen­schule. Gemäß der 1876 verab­schie­de­ten 1. badischen Verordnung, die Prüfung von Lehre­rin­nen betreffend, konnten die Lehre­rin­nen­prü­fung für Volks­schu­len abgelegt werden ­so­wie eine weitere für höhere Mädchen­schu­len. Für die Volks­schu­len entspra­chen die Prüfungs­an­for­de­run­gen denen der männ­li­chen Kollegen. Die Prüfung für den Unterricht an wei­ter­füh­ren­den Mädchen­schu­len war jedoch eine "Neuschöp­fung", die unter dem Niveau der Prüfungen männlicher Lehramts­be­wer­ber b­lieb. Nicht zuletzt deswegen änderte sich an der männli­chen ­Do­mi­nanz in der höheren Mädchen­schul­bil­dung zunächst nichts. Erst der unbeschränkte Hochschul­zu­gang von Frauen und die Zu­las­sung zum akade­mi­schen Lehramt führten langsam zu einer ­Än­de­rung.

Das erste deutsche Mädchen­gym­na­sium

Voraus­set­zung für die bis dahin Frauen verwehrte Zulassung als or­dent­li­che Studie­rende zur Univer­si­tät war jedoch die Schaf­fung von im Hinblick auf Lehrplan und Abschluss­prü­fung den Kna­ben­gym­na­sien gleich­ge­stell­ten Mädchen­gym­na­sien, was letzt­lich das Ende eines spezi­fi­schen Mädchen­schul­we­sens bedeutete. Ab 1888 richtete der "Frau­en­ver­ein Reform", gegründet in Weimar von der Frauen­recht­le­rin Hedwig Kettler (der zu Ehren das Fichte-Gymnasium im Dezember 2018 seinen Veran­stal­tungs­saal um­be­nann­te), Petitionen an sämtliche deutsche Staaten, blieb je­doch zunächst erfolglos. Man erkannte zwar das Zurück­hin­ken ­Deutsch­lands hinter anderen Nationen hinsicht­lich der Zulas­sung ­zum Studium, doch immer wieder wurden mögliche Folgen her­auf­be­schwo­ren, bis hin zur Sorge, eine größere Anzahl geistig ­ge­schul­ter Frauen könnte auch verstärkt politi­sche ­Gleich­be­rech­ti­gung einfordern. Erst im eman­zi­pa­ti­ons­freund­li­che­ren Baden signa­li­sierte man Wohlwol­len und dermaßen ermuntert, eröffnete der Verein am 16. Septem­ber 1893 in Karlsruhe das erste deutsche Mädchen­gym­na­sium.

Die Schule, zunächst im Volks­schul­ge­bäude in der Waldstraße 83 un­ter­ge­bracht, begann mit der Unter­ter­tia und nahm nur Mädchen auf, die sechs Jahre lange eine höhere Töchter­schule besucht hat­ten. Am Ende stand ein der Reife­prü­fung an Knaben­gym­na­si­en voll entspre­chen­des Abitur mit umfang­rei­chen Kennt­nis­sen in Latein und Griechisch. Als sich abzeich­nete, dass aufgrund von or­ga­ni­sa­to­ri­schen und finan­zi­el­len Schwie­rig­kei­ten die Schule als private Insti­tu­tion nicht mehr weiter­zu­füh­ren war, wurde sie 1897 von der Stadt "in fürsorg­li­che Verwal­tung" genommen und im Jahr darauf als Gymna­si­al­ab­tei­lung der Höheren Mädchen­schu­le an­ge­glie­dert.
1896 waren in Berlin sechs Mädchen nach Absol­vie­rung der von Helene Lange einge­rich­te­ten Gymna­si­al­kurse zur Reife­prü­fung an einem (Knaben-)Gymnasium zugelassen worden, doch in Karls­ru­he legte 1899 erstmals eine Mädchen­schul­klasse das Abitur ab. Unter den ersten vier Abitu­ri­en­tin­nen war Rahel Goitein, Tochter des Rab­bi­ners der orthodoxen jüdischen Gemeinde in Karlsruhe, die nach ihrem Medizin­stu­dium in Heidelberg als Frauen­ärz­tin in München arbeitete. Sie musste im Dritten Reich aus Deutsch­lan­d f­lie­hen und starb 1963 in Israel. In ihren Memoiren erzählte sie aus­führ­lich von den schwie­ri­gen Anfangs­jah­ren des Mäd­chen­gym­na­si­ums. Eine weitere Abitu­ri­en­tin, die Bäcker­s­toch­ter und spätere Apothe­ke­rin Lina Meub, war 1904 die erste or­dent­li­che Studentin an der Techni­schen Hochschule Karlsruhe. Bereits ab 1900 erteilten die beiden Landes­u­ni­ver­si­tä­ten Hei­del­berg und Freiburg als erste deutsche Hochschu­len überhaup­t Frauen die volle Immatri­ku­la­ti­ons­be­rech­ti­gung. Die endgül­ti­ge An­er­ken­nung der Zeugnisse des Mädchen­gym­na­si­ums erfolgte in Baden allerdings erst 1904, in anderen Bundes­staa­ten noch spä­ter.

Der zunehmende Erfolg des Gymna­si­al­zugs ließ 1911 eine Teilung ­der Höheren Mädchen­schule nötig werden. Das Mädchen­gym­na­si­um ­so­wie ein Teil der Mittel­schule zogen als "Lessing­schule - Höhere Mädchen­schule und Gymnasium" (ab 1951 Lessing-Gymna­si­um) in einen Neubau am Guten­berg­platz. Der in der Sophien­straße 14 ver­blie­bene Teil nannte sich ab da Fichte­schule und blieb bis 1926 eine Mittel­schule, wurde dann Oberre­al­schule bzw. später Re­al­gym­na­sium und erhielt 1956 den heutigen Namen ­Fichte-Gymnasium. Mit Beginn des Schul­jah­res 1973/74 wurde an den beiden Mädchen­schu­len - sowie auch am Goethe- und am Helm­holtz-Gymnasium - die Koedu­ka­tion eingeführt, womit nun an allen Gymnasien in Karlsruhe bis auf das priva­te Mäd­chen­gym­na­sium St. Dominikus Jungen und Mädchen gemein­sam un­ter­rich­tet wurden.

Die Gründung des ersten deutschen Mädchen­gym­na­si­ums war das au­gen­fäl­ligste Beispiel für Badens und speziell Karls­ru­hes Vor­rei­ter­rolle in der weiter­füh­ren­den Mädchen­schul­bil­dung und ein Markstein hin zur wissen­schaft­li­chen Emanzi­pa­tion der Frauen - auf dass, so Rahel Goitein in ihrer Abiturrede, Mädchen und Frauen durch Wissen selbstän­dig wurden und innerlich frei.

Ariane Rahm, Stadt­ar­chiv Karlsruhe

 

Oberprima des Mädchengymnasiums im Schuljahr 1905/06 in den Räumen des heutigen Fichte-Gymnasiums. (Im Hintergrund Maria Gernet, Lehrerin für Mathematik und Naturkunde und eine der ersten Frauen, die mit einer Ausnahmebewilligung in Heidelberg studiert und promoviert hatte.) Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS IV 255

Oberprima des Mädchengymnasiums im Schuljahr 1905/06 in den Räumen des heutigen Fichte-Gymnasiums. (Im Hintergrund Maria Gernet, Lehrerin für Mathematik und Naturkunde und eine der ersten Frauen, die mit einer Ausnahmebewilligung in Heidelberg studiert und promoviert hatte.) Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS IV 255