Sprung zur Navigation. Sprung zum Inhalt.

Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 120 vom 21. September 2018

Sie nannten ihn Kalmück
Der badische Hofmaler Feodor Ivannoff
von Petra Reategui

Porträt des Kalmück genannten badischen Hofmalers Feodor Ivannoff. Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS III 1790

Porträt des Kalmück genannten badischen Hofmalers Feodor Ivannoff. Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS III 1790



Die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Wandmalerei "Anbetung der Heiligen drei Könige" schuf Feodor Ivannoff für die Evangelische Kirche. Foto: Landesamt für Denkmalpflege im RP Stuttgart, Bildarchiv Karlsruhe

Die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Wandmalerei "Anbetung der Heiligen drei Könige" schuf Feodor Ivannoff für die Evangelische Kirche. Foto: Landesamt für Denkmalpflege im RP Stuttgart, Bildarchiv Karlsruhe


 

Herkunft aus der Steppe

"Seine Kurfürst­li­che Durch­laucht haben sich gnädigst ent­schlos­sen, den Maler Feodor Iwano­witsch […] mit einer vom 23. April 1806 anfan­gen­den Besoldung von fünfzehn­hun­dert Gulden zum Kur­fürst­li­chen

Hofmaler zu bestallen." So steht es in einer "Diene­rak­te" im Ge­ne­rallan­des­ar­chiv Karlsruhe.
In die Wiege gelegt war dem um 1766 geborenen Künstler diese Ehre nicht. Feodor Iwano­witsch, der sich im Testament Ivannoff ­nannte und später in Behör­den­an­ge­le­gen­hei­ten und im Karls­ru­her ­Adress­buch "Iwanoff" geschrie­ben wird, kommt um 1766 als Sohn ­kal­mücki­scher Nomaden westlich der Wolga zur Welt. Doch mit fünf Jah­ren wird er von Soldaten Katharinas II. seinen Eltern en­tris­sen, nach St. Petersburg verschleppt und russisch-ortho­dox ­ge­tauft; Geburts­name und Mutter­spra­che geraten in Verges­sen­heit. Geisel­nah­men vor allem von Kindern hochran­gi­ger kalmücki­scher K­hans sind in jener Zeit an der Tages­ord­nung, um das west­mon­go­li­sche Wandervolk gefügig zu machen. Außerdem gefällt es der Kaiserin, sich mit kalmücki­schen, türkischen und afri­ka­ni­schen Pagen­kin­dern zu umgeben. Als 1773 anlässlich der Hoch­zeit ihres Sohnes Paul mit Prinzessin Wilhelmine von Hessen-Darmstadt die Braut­mut­ter, die sogenannte Große ­Land­grä­fin Karoline, im Winter­pa­lais zu Besuch weilt, ist diese von den fremd­län­di­schen Kindern derart entzückt, dass die Kai­se­rin ihr bei der Abreise den kleinen Feodor schenkt. Doch kaum zurück in Darmstadt stirbt die Landgräfin.

Der Weg zum Künstler

Fortan sorgt ihre Tochter Amalie für den Jungen. Sie nimmt ihn 1774 nach ihrer Heirat mit dem badischen Erbprinzen Karl Ludwig, dem Sohn von Markgraf Karl Friedrich, mit nach Karlsruhe. Feodor wächst in der "Obhut 'guter Leute'" auf, von denen wir nicht wis­sen, wer sie waren, und erhält Schul­un­ter­richt, unter anderem in dem vom Markgrafen geför­der­ten Philan­thro­pin im schwei­ze­ri­schen Graubünden, wo seine künst­le­ri­sche Begabung er­kannt wird. Wieder in Karlsruhe geht er zur Hand­zeich­nungs­schule, die von Hofmaler Joseph Melling und danach von Karl Friedrich Autenrieth geleitet wird, und ab 1785 in die neue Zeichen­aka­de­mie des ersten Karlsruher Galerie­di­rek­tor­s ­Phil­ipp Jakob Becker in der Akade­mie­straße. Einer seiner ­Klas­sen­ka­me­ra­den der ersten Jahre ist der gleich­alt­ri­ge Fried­rich Weinbren­ner. Dass Feodor einmal bei einem ­Schul­wett­be­werb Bester wird, während Friedrich nur auf Platz ­neun­zehn kommt, tut ihrer Freund­schaft keinen Abbruch. Sie wird ein Leben lang anhalten.

1791 bricht Feodor mit Unter­stüt­zung der markgräf­li­chen Familie ­zur Grand Tour nach Rom auf, um die Meister der Antike und Re­naissance zu studieren. Schon bald gilt er als einer der be­deu­tends­ten Figuren­zeich­ner weit und breit. Trotzdem plagen ihn Geldsorgen, und der Einmarsch franzö­si­scher Re­vo­lu­ti­ons­gar­den trübt das heitere Leben der deutsch-römischen ­Künstl­er­ge­mein­schaft am Tiber. Vielleicht deshalb, vielleicht auch, weil ihn die Ursprünge des klassi­schen Altertums locken, reist Feodor Ende 1799 im Auftrag des griechen­land­be­geis­ter­ten ­bri­ti­schen Gesandten am Bosporus, Lord Elgin, mit einer Gruppe Ar­chi­tek­tur­ma­ler und Gipsformer über Sizilien nach Athen. Ihm ob­liegt es, auf der Akropolis die Figuren am Parthenon und an­de­rer Athener Gebäude abzuzeich­nen; ungewollt wird er dabei Au­gen­zeuge des Abrisses großer Teile des marmor­nen ­Fi­gu­ren­frie­ses, die Lord Elgin 1801/02 nach London verschif­fen lässt.

Die Zeit in Griechen­land ist geprägt von Reibereien. Der Land­schafts­ma­ler Giovanni Battista Lusieri, der die Truppe lei­tet, wirft dem "Calmuck" Faulheit und Trunksucht vor, Feodor ­sei­ner­seits empört sich über dessen Belei­di­gun­gen und Kon­troll­sucht und bittet den meist abwesenden Lord Elgin in einem Brief um Entlassung aus seinem Vertrag. Dieser kommt der Bitte nicht nach, im Gegenteil, er schickt Feodor 1803 zum Ra­die­ren seiner rund einhundert Zeich­nun­gen nach London. Doch dann gerät der Brite in franzö­si­sche Kriegs­ge­fan­gen­schaft, und Feodor wartet in England vergeblich auf seine Zeich­nun­gen. 1805 reist er enttäuscht und unver­rich­te­ter Dinge zurück nach ­Karls­ruhe - wo der Kurfürst ihn mit offenen Armen und dem Titel ei­nes Hofmalers begrüßt.

Gemeinsam mit Friedrich Weinbren­ner: Feodors Wirken in Karls­ruhe

Auf Feodor Ivannoff warten nun neue Aufgaben: Er unter­rich­tet junge Künstler und liefert dem Hof Bilder sowie Entwürfe für Siegel, Medaillen oder für die bei feier­li­chen Anläs­sen ­be­lieb­ten Triumph­bö­gen. Für den Wirt des "Badischen Hofs" im öst­li­chen Teil des Vorderen Zirkel, des heutigen Schloss­plat­zes, malt er auf die Wand des neuen Tanzsaals ein großfor­ma­ti­ge­s ­Bac­cha­nal. Ein "Meis­ter­stücke (sic) der Kunst", wie ein zeit­ge­nös­si­scher Kritiker urteilt. Feodor liebt dieses aus der grie­chi­schen Mythologie kommende Motiv; immer wieder zeichnet er den weinse­li­gen Gott Bacchus mit Ariadne, umrahmt von Satyrn, tanzenden Jünglingen und Mädchen, Putten und Tieren. Das Wand­bild im Gasthaus führt er in Grisaille aus, einer ­Mal­tech­nik, die er perfekt beherrscht. Die grau in grauen Schat­tie­run­gen vermitteln in verblüf­fen­der Weise die Illusion ei­nes in Stein gehauenen Reliefs.

Besonders eng arbeitet Feodor mit Weinbren­ner zusammen, der sich als künftiger Oberbau­di­rek­tor anschickt, der Residenz­stadt ihr bis heute charak­te­ris­ti­sches Aussehen zu geben. Am Eckron­dell ­des von Weinbren­ner 1814 errich­te­ten neuen Gebäudes der Mu­se­ums­ge­sell­schaft, Ritter-, Ecke Lange Straße, heuti­ge ­Kai­ser­straße, bringt Feodor ebenfalls in Grisaille einen ­Fi­gu­ren­fries an, der - ganz klassisch - die Apotheose Homer­s ­zeigt.

Zwischen 1813 und 1823 entstehen die vier Tafeln der Evan­ge­lis­ten für die Orgelem­pore der neuen Evange­li­schen ­Stadt­kir­che am Markt. Für die untere Emporen­brüs­tung entwirft ­der Hofmaler gleich­zei­tig einen Jesus­zy­klus, der zunächst acht­und­zwan­zig, später vierzehn, dafür aber doppelt so große S­ze­nen aus dem Leben Jesu umfassen soll. Ein oder zwei Bilder hat der Künstler vermutlich noch selbst realisiert, danach ­füh­ren die Maler Josef Sandhaas, Gotthold Hauer und vor allem ­Franz Joseph Zoll die Arbeit fort. Nach dem Tod aller ­Be­tei­lig­ten vollendet Johann Heinrich Koopmann bis 1840 das Werk.

Ein Künstler zum Wieder­ent­de­cken

Feodor stirbt am 27. Januar 1832, wie in der Karlsruher Zeitung vom folgenden Tag mitgeteilt wird, "nach langwäh­ren­dem ­Ma­gen­lei­den" in seinem Atelier­haus in der Langen Straße 12. Auf dem Grundstück waren damals Bauver­wal­tung, Kavallerie und Ar­se­nal unter­ge­bracht, heute befinden sich dort das Süd­west­deut­sche Archiv für Archi­tek­tur und Ingenieur­bau (saai) und weitere Gebäude des Karlsruher Instituts für Techno­lo­gie. So berühmt der Künstler zu Lebzeiten war, so rasch gerät er jetzt in Verges­sen­heit. Kaum jemand kennt seine Zeich­nun­gen vom Par­the­non­fries, die im British Museum in London liegen. Andere ­Ar­bei­ten wie seine Radie­run­gen der bronzenen "Para­die­stür" des Bap­tis­te­ri­ums San Giovanni in Florenz oder die "Kreuz­ab­nah­me" nach Miche­lan­gelo finden sich verstreut u.a. in Karlsruhe, Kopen­ha­gen, Zürich, Mannheim, Wien und in Russland. Seine Wand­ma­le­reien aber sind alle durch Umbau­ar­bei­ten oder ­Kriegs­ein­wir­kun­gen zerstört worden. Nur von den Grisail­le­bil­dern in der Stadt­kir­che bewahrt das Fotoarchiv des Landesamts für Denk­mal­pflege Karlsruhe noch Fotogra­fien vom Beginn des 20. Jahr­hun­derts. Sie zeugen von Feodors Nähe zur Antike. Darstel­lun­gen wie die "Heilungs­sze­ne" oder die "Anbetung der Hei­li­gen drei Könige", auf der man den Künstler übrigens als freund­lich blickenden Kamel­füh­rer mit einer Art Turban im Tross ei­ner Karawane zu erkennen meint, erinnern an den Figuren­fries auf dem Sarkophag des Hippolytos im sizilia­ni­schen Agrigent, den Feodor seinerzeit für Lord Elgin in bewun­derns­wer­ter Präzi­sion und Leben­dig­keit abgezeich­net hat.

Als Hofkünst­ler malte Feodor auch in Öl, u.a. die Kinder von Groß­her­zog Karl Friedrich aus dessen zweiter Ehe. Seine Stärke ­wa­ren jedoch Zeich­nun­gen und Radie­run­gen zu Stoffen aus der grie­chi­schen Götterwelt sowie Portraits, die Zeitge­nos­sen ob ihrer Genau­ig­keit in Erstaunen setzten. Legati­ons­rat Georg Ernst Tat­ter bemerkte in einem Schreiben an einen Bekannten, dass das von ihm 1792 in Rom bestellte Selbst­por­trait des Kalmücken "treu, wie aus dem Spiegel gestolen" sei.

Geschmä­cker ändern sich, und mit dem aufkei­men­den deutschen Na­tio­nal­pa­trio­tis­mus verblasste die Bedeutung der Antike in der Kunst, andere Sujets kamen in Mode. Vielleicht fremdelte die post-aufklä­re­ri­sche, post-napoleo­ni­sche Kunstwelt jetzt aber auch - oder immer noch? - mit dem asiati­schen Gesicht des Ver­stor­be­nen, der trotz jahrzehn­te­lan­ger Zugehö­rig­keit zur ba­di­schen Gesell­schaft wohl stets Aufsehen erregt hatte. So mag es nicht verwundern, dass sich 1882 bei der Auflösung des Alten Fried­hofs in der Kapel­len­straße niemand mehr für Feodor I­van­noffs Grab inter­es­sierte; auf den neuen Haupt­fried­hof wurde er nicht umgebettet. Nicht einmal eine Plakette erinnert in Karls­ruhe an den badischen Hofmaler.

Die Autorin ist Verfas­se­rin der Roman­bio­gra­fie "Hofmaler. Das ge­stoh­lene Leben des Feodor Ivannoff genannt Kalmück", Bad Saul­gau 2017.

Petra Reategui, Journa­lis­tin und Schrift­stel­le­rin, Köln