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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 115 vom 30. Juni 2017

Herta Field, geborene Vieser aus Karlsruhe

Aus behütetem Haus in Karlsruhe in stali­nis­ti­sche Kerker in Ungarn

von Brigitte und Gerhard Brändle


Herta und Noel Field 1925.<br />Foto: http://documentstalk.com

Herta und Noel Field 1925.
Foto: http://documentstalk.com



Herta und Noel Field 1948 in Warschau. Foto: Privatarchiv Werner Schweizer

Herta und Noel Field 1948 in Warschau. Foto: Privatarchiv Werner Schweizer



Urnengrab der Fields auf dem Farkasreti-Friedhof in Budapest.

Urnengrab der Fields auf dem Farkasreti-Friedhof in Budapest.


Bild: CC BY 3.0
File: Noel_­field_tomb.jpg - Wikimedia Commons
Autor: Nemko­ve­the­tem


Das Fasanenschlösschen im Schlossgarten um 1930. Hier absolvierte Herta Vieser zu Beginn der 1920er Jahre im Fröbel-Seminar eine Ausbildung zur Fürsorgerin.<br />Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oXIVa 1968

Das Fasanenschlösschen im Schlossgarten um 1930. Hier absolvierte Herta Vieser zu Beginn der 1920er Jahre im Fröbel-Seminar eine Ausbildung zur Fürsorgerin.
Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oXIVa 1968



Das Fasanenschlösschen im Schlossgarten, Juni 2010. Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 11/DigB 113

Das Fasanenschlösschen im Schlossgarten, Juni 2010. Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 11/DigB 113


 

Herta Vieser ist 1904 in Karlsruhe geboren, die Mutter Kathe­ri­na ­stammt aus der Gemeinde Owen am Rande der Schwä­bi­schen Alb, der Vater Karl Johann ist Sekretär bei der Markgräf­li­chen ­Do­mä­nen­ver­wal­tung in Karlsruhe. Die Familie, zu der auch die jün­gere Schwester Gertrude gehört, wohnt in der Bismarck­stra­ße 79 in einer besseren Wohngegend in der Nähe zahlrei­cher Ein­rich­tun­gen der Regierung. 1913 lässt sich der Vater ­pen­sio­nie­ren und die Familie zieht in die Schweiz nach Zürich. In der Nachbar­schaft dort wohnt die Familie Field aus den USA. Drei Jahre besuchen Herta und der gleich­alt­rige Noel Field ­die­selbe Schule. Im Herbst 1920 beginnt Herta in Karlsruhe eine ­Aus­bil­dung zur Fürsor­ge­rin im Fröbel-Seminar, das sich im Sch­löss­chen im Fasanen­gar­ten befindet, die sie im Frühjahr 1922 ab­schließt. Nach dem Tod des Vaters geht sie im Herbst 1922 in die USA, sie arbeitet ein Jahr in Elmhur­st/­New York als Kin­der­mäd­chen und in einer Textil­fa­brik. Anschlie­ßend ist sie im Haus­halt der Familie Field in Cambridge beschäf­tigt. Im Mai 1925 hei­ra­ten Herta und Noel.

Gemeinsame Jahre vor dem Krieg in den USA und in Europa

Ob Herta in der Schweiz vom Pazifismus in der Familie Field, geprägt von den Quäkern, ob sie von Noels Aktivi­tä­ten 1921, der Grün­dung eines "Welt­frie­dens­bun­des der Jugend" etwas weiß, muss of­fen­blei­ben. Sicher kennt sie die Tätigkeit ihres Mannes in der "Ju­gend für den Frieden", gemeinsam protes­tie­ren sie mit ihren ­nicht-weißen Freunden gegen Apartheid und 1927 für die Frei­las­sung von Sacco und Vanzetti. 1929, als die Welt­wirt­schafts­krise beginnt, nehmen sie teil an Demons­tra­tio­nen von Arbeits­lo­sen. In diese Zeit fällt ihre Hinwendung zur Kom­mu­nis­ti­schen Partei. Noel, inzwischen erfolg­rei­cher Har­vard-Absolvent , ist im US-Außen­mi­nis­te­rium zuständig für A­brüs­tungs­fra­gen. Die Beiden leben nonkon­for­mis­tisch in New York mit vielen Katzen, haben ein Motorboot, sind viel mit dem Zelt drau­ßen und frönen der Freikörper-Kultur. Noel nimmt 1930 als Mit­glied der US-Delegation an einer Abrüstungs-Konferenz in London teil. Herta verbindet die Reise nach Europa mit einem ­Be­such bei Mutter und Schwester, die inzwischen wieder in Karls­ruhe leben, und trifft sich auch mit Freunden. Die Flot­ten­kon­fe­renz 1935 in London, an der Noel, der auch Infor­mant ­des sowje­ti­schen Geheim­diens­tes war, beteiligt ist, nutzt Herta e­ben­falls zu einer Visite in der alten Heimat. Zu Weihnach­ten ­macht sie einen Überra­schungs­be­such bei ihrer Mutter in Karls­ruhe und auch bei einer Freundin aus der Zeit im Fröbel-Seminar. 1936 wird Noel vom US-Außen­mi­nis­te­rium zum Völ­ker­bund in Genf entsandt. Wieder in Europa, besucht Herta ­mehr­fach ihre Mutter und Schwester in Karlsruhe. 1938 werden die Fields bei einer Reise nach Moskau Mitglieder der KP. Hertas Schwa­ger Hermann Field und ihre Schwie­ger­mut­ter Nina geb. Eschwege nutzen ihre Reisen aus der Schweiz als Boten für die in­ter­na­tio­nale kommu­nis­ti­sche Bewegung bzw. zur Unter­stüt­zung ­der Anti-Nazi-Kräfte im "Reich". Ende 1938 begleitet Herta ihren Mann bei einem Völkerbund-Mandat in Spanien, bei dem es um den Abzug der nicht­spa­ni­schen Vertei­di­ger der Republik nach ­Frank­reich geht. Dabei lernen sie viele Spani­en­frei­wil­lige aus Deutsch­land kennen, bei deren Rettung vor dem Zugriff der Nazis sie später eine wichtige Rolle spielen werden.

Im Krieg: Herta und Noel Field organi­sie­ren in Marseil­le und Genf Flucht­hilfe und Unter­stüt­zung der Résistance

1940 verliert Noel seine Stellung als US-Diplomat beim Völ­ker­bund. Ab Frühjahr 1941 leiten Herta - inzwischen tätig für die illegale KP der Schweiz mit dem Decknamen "Senta Wolf" - und er eine Hilfs­or­ga­ni­sa­tion des Unitarian Service Committee (USC) in Marseille. Dieses Komitee unter­stützt - anders als das E­mer­gency Rescue Committee mit Varian Fry - vor allem An­ti­fa­schis­ten, die in Inter­nie­rungs­la­gern wie Gurs und Le Vernet oder in der Illega­li­tät leben und denen die Auslie­fe­rung an die Nazis droht. Die Fields besorgen für sie Lebens­mit­tel, Geld, neue Papiere und die medizi­ni­sche Versorgung. Für die Kom­mu­nis­ten unter den Flücht­lin­gen - oft Spani­en­frei­wil­lige - ist dies existen­zi­ell, da sie aufgrund der Ein­wan­de­rungs­be­schrän­kun­gen nicht in die USA einreisen können. Etliche gelangen mithilfe der Fields auf Umwegen nach Mexiko, unter ihnen auch Hans Marum aus Karlsruhe, seine Frau Sophie und die Kinder Ludwig und Andrée im März 1942. Herta Field sorgte im Juni 1941 dafür, dass die hochschwan­gere Sophie Marum aus dem Hotel Bompard, einem provi­so­ri­schen Inter­nie­rungs­la­ger für Frauen und Kinder, in ein Heim der Quäker bei Marseille verleg­t und mit Baby-Erstaus­stat­tung versorgt wird - so die Mittei­lung ­der dort geborenen Andrée Fischer-Marum. Herta Field ist auch ­be­tei­ligt an der Einrich­tung von Kinder­gär­ten für Tausende im Lager Rivesaltes einge­sperr­ten Kinder. Noel Field ist zugleich ­Ver­trau­ens­mann des Joint Antifa­s­cist Refugee Committee, das mit Hilfe von Schrift­stel­lern wie John Dos Passos, John Steinbeck, Ernest Hemingway und Howard Fast Geld für diese Flücht­lin­ge auf­bringt. Nach der Besetzung auch des südlichen Teils ­Frank­reichs 1942 durch die Nazi-Wehrmacht müssen die Fields in die Schweiz fliehen. Von Genf aus betreiben sie als USC-Büro eine "bürger­lich getarnte Rote Hilfe" und ermög­li­chen so weiter Hun­der­ten von Gefähr­de­ten, unter ihnen viele Kommu­nis­ten, die Flucht aus Frankreich. Sie arbeiten mit der OSE (Oeuvre de Secours aux Enfants) zusammen, um jüdische Kinder, deren Eltern 1942 schon deportiert worden waren, in die Illega­li­tät, in die Schweiz oder nach Übersee zu retten, unter ihnen auch die Brüder Ar­nold und Paul Niedermann aus Karlsruhe. Als Kuriere des fran­zö­si­schen Wider­stands arbeiten sie auf Vermitt­lung des USC mit dem US-Geheim­dienst OSS in der Schweiz zusammen. Dieser ­ver­sorgt Partisanen-Gruppen der Résistance mit Geld und Waffen und hat auch Verbin­dun­gen zum deutschen Widerstand, u.a. zu Mit­ver­schwö­rern des 20. Juli 1944 in Bern. Während Noel als Kurier unterwegs ist, leitet Herta das Büro des USC in Genf.

Fünf Jahre Trennung: Herta und Noel in den Kerkern der Sta­li­nis­ten

Nach der Befreiung Europas weiten die Fields die Arbeit des USC in Frankreich durch Büros in Lyon, Chambéry, Marseille u.a. aus, ab Sommer 1945 auch in Polen. Mehrere Reisen für das USC führen in die USA, nach Mexiko und Deutsch­land. Im Sommer 1948 ­ver­brin­gen sie einige Tage bei Hertas Mutter in Karlsruhe. Im Mai 1949 reist Noel nach Prag. Herta und Noels Bruder Hermann ­sind beunruhigt, als sie wochenlang nichts von ihm hören. Hermann will im August von Warschau aus nach Prag, um seinen ­Bru­der zu suchen. Er kommt jedoch nie dort an; er wird ohne Pro­zess in einem Kerker bei Warschau einge­sperrt, er überleb­t ­fünf Jahre ohne Tageslicht, vier davon in Isola­ti­ons­haft. Herta wird aus der Schweiz nach Bratislava gelockt unter dem Vorwand, ihr Mann Noel sei dort nach einem Anschlag der CIA im Kran­ken­haus. Sie wird an den ungari­schen Geheim­dienst AVH aus­ge­lie­fert und in Budapest ebenfalls für fünf Jahre ein­ge­sperrt. Sie wird - wie Noel - "Zwangs­ein­wir­kun­gen" un­ter­zo­gen, ein Euphe­mis­mus für Folter. 1950 macht sich die A­d­op­tiv­toch­ter der Fields, Erica Glaser, auf die Suche. Sie wird durch einen Brief eines Bekannten nach Ostberlin gelockt und vom DDR-Geheim­dienst, dem Minis­te­rium für Staats­si­cher­heit (MfS), verhaftet. In über einem Jahr Isola­ti­ons­haft in Gefäng­nis­sen des MfS und der UdSSR in Berlin und Verhören u.a. durch Erich Mielke ­soll sie durch Schla­f­ent­zug, Kälte und Schläge zu dem "­Ge­ständ­nis" gebracht werden, sie sei eine US-Spionin. An Hei­ligabend 1952 verurteilt sie ein extra­le­ga­les sowje­ti­sches ­Mi­li­tär­ge­richt in Berlin ohne Einhaltung von Mindest­stan­dards wie Vertei­di­gung bzw. Berufungs­mög­lich­keit zum Tode. Nach einem hal­ben Jahr in Moskau in der Todeszelle in Isola­ti­ons­haft wird sie nach Stalins Tod zu 15 Jahren Zwangs­ar­beit "begna­digt" und ins Straflager bei Workuta nördlich des Polar­krei­ses deportiert.

"Field-Affäre": "Trotz­kist", "Weste­mi­grant", "Zionist", "Westler", "Kosmo­po­lit"…

Nach dem Kidnapping von Noel und Herta Field 1949 beginnt in den Staa­ten Osteuropas im Zuge des "Kaltes Krieges" ein Kreuz­zug ­ge­gen angebliche US-Agenten bzw. Abweichler von der Partei­li­nie, gesteuert von Moskau. Noel Field wird von den jewei­li­gen ­Par­tei­bü­ros zum Belas­tungs­zeu­gen gegen Menschen aufgebaut, die nicht krieche­risch jede Wendung der sich kommu­nis­tisch nennen­den ­Par­teien mitmach(t)en oder aus anderen Gründen beseitigt werden ­soll(t)en: Wer mit Noel Field Kontakt hatte, wird beschul­digt, Agent der "anglo-ameri­ka­ni­schen Verschwö­rung gegen den Kom­mu­nis­mus", des "Zionis­mus" oder sonstiger angeb­li­cher Feinde der UdSSR zu sein. Hunderte von Kommu­nis­ten, die ab 1936 in Spanien und später in der Résistance gekämpft hatten und dann ­mit­hilfe der Fields und des USC gerettet wurden, geraten in die töd­li­che Schuss­li­nie der Parteien. Die Konstruk­tion ist immer ­die­selbe: Aus den Kontakten von Field zum US-Geheim­dienst OSS mit Allen Dulles, der nach dem Krieg antikom­mu­nis­ti­scher Chef der CIA ist, wird die nicht belegbare Unter­stel­lung, Field sei US-Agent gewesen und hätte alle Menschen, mit denen er zu tun hatte, "umge­dreht", also zu CIA-Agenten gemacht. Daraus re­sul­tiert der Vorwurf der "Kontakt­schuld". Mit rechts­staat­li­chen Verfahren mit Anklage, Staats­an­walt, Vertei­di­gung, Zeugen, Berufung… hat das alles nichts zu tun. In Ge­heim­pro­zes­sen werden unter der Folter erpresste Aussagen von Field, die er bald widerrief, zum Instrument der Ankläger, ohne dass Noel oder Herta Field je angeklagt werden oder als Zeugen aus­sa­gen können. Besonders gefährdet sind Menschen mit jüdischem Fa­mi­li­en­hin­ter­grund: Opfer der von Moskau gesteu­er­ten Schau-Prozesse in den osteu­ro­päi­schen Staaten, auch in der DDR, sind mehrheit­lich Juden. Dass die DDR-Führung keine Todes­ur­tei­le ­an­ord­nete und keine Leichen produ­zierte, lag nicht an mangeln­der ­Li­ni­en­treue zu Moskau oder gar an Mensch­lich­keit, sondern daran, dass die Wellen der sogenann­ten "Field-Affäre" sie erst er­reich­ten, als aus Moskau 1953 schon andere Signale kamen - Todes­fälle oder "Selbst­mor­de" im Zug der Field-Affäre bleiben ­bis heute ungeklärt. Die auch in der DDR drohende Gefahr brach­te ­Men­schen, die als Spani­en­frei­wil­lige und dann "Weste­mi­gran­ten" ­fürch­ten mussten, ins Visier des MfS zu geraten, dazu, ihre Her­kunft aus einer jüdischen Familie vorsichts­hal­ber zu eli­mi­nie­ren bzw. ihren Namen bzw. ihre Biografie "anzu­pas­sen".

Freilas­sung 1954

Herta, Hermann und Noel Field werden 1954 freige­las­sen, halb­her­zig rehabi­li­tiert und mit Geld entschä­digt, Hinter­grun­d ist das "Tauwet­ter" in der UdSSR nach dem Tode Stalins 1953. Hertas Adoptiv­toch­ter Erica ist noch ein weiteres Jahr ein­ge­sperrt und wird dann nach Westberlin abgescho­ben. Statt ei­ner Einrei­se­er­laub­nis in die USA, um zu ihrer Familie ­zu­rück­keh­ren zu können, erhält sie Vorla­dun­gen der CIA. Die Ver­höre unter der Anschul­di­gung, sie sei "Sowje­tagen­tin", dauern bis Anfang 1958. In den USA angekommen, wird sie sofort vor den "Aus­schuss für uname­ri­ka­ni­sche Angele­gen­hei­ten" geladen, als "­Kron­zeu­gin" gegen das Sowjet-System vorgeführt und darf erst ­an­schlie­ßend zu ihrer Familie. Herta Field aus Karlsruhe hat noch zweimal Kontakt zu ihrer Familie: Im Spätsommer 1955 ­be­sucht ihre Mutter Katherina sie in Ungarn. Erst 1976 kommt es zu einem letzten Treffen von Herta und ihrer Adoptiv­toch­ter E­rica in Budapest, die die Tochter jedoch nicht mehr erkennt. Noel Field stirbt 1970, Herta Field geb. Vieser stirbt 1980. Ihr Ur­nen­grab befindet sich auf dem Farkasreti-Friedhof in Budapest.