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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 113 vom 16. Dezember 2016

Entwürfe Weinbrenners für den Schmuck von zwei Räumen im Lusthaus der Markgräfin Christiane Louise.



Entwürfe Weinbrenners für den Schmuck von zwei Räumen im Lusthaus der Markgräfin Christiane Louise.


Entwürfe Weinbren­ners für den Schmuck von zwei Räumen im Lust­haus der Markgräfin Christiane Louise.

Quelle: Generallan­des­ar­chiv Karlsruhe 206, Nr. 207

 

"Den Reiz des Schönen erheben"

Friedrich Weinbren­ner und die Farben

von Gottfried Leiber

Die Frage, welchen Farbton die klassi­zis­ti­schen Bauten Wein­bren­ners in Karlsruhe in ihrem Origi­nal­zu­stand hatten, ist nicht neu. Bereits im vorigen Jahrhun­dert waren Archi­tek­ten da­mit beschäf­tigt, heraus­zu­fin­den, wie man die Farbwahl richtig tref­fen könne, dass sie den Vorstel­lun­gen Weinbren­ner­s ent­sprä­che oder doch wenigstens vertretbar nahe käme. Im Er­geb­nis zeigten sich recht unter­schied­li­che Auffas­sun­gen, die zu­wei­len gar in heftigen Streit ausarteten.

Was wurde seinerzeit von den Archi­tek­ten vorge­tra­gen? Fritz Hirsch beharrte auf einem lichten Grauton und bezog sich dabei auf eine Anordnung des Großher­zogs von 1814, den Anstrich des neuen Kanzlei­ge­bäu­des am Schloss­platz als Muster für alle ü­b­ri­gen Häuser am Platz zu sehen Die Fassade des besag­ten ­Neu­baus war in gelblicher Wasser­farbe, die Archi­tek­t­ur­teile - Wände, Gurte und Attika - waren mit Ölfarbe gesan­del­t ­ge­stri­chen. Daraus schloss Hirsch, die Steinfarbe könne nur rot oder grau gewesen sein. Die besagte Fassade sei nämlich zwei­far­big, grau und rot, grau und gelb oder dunkelgrau und hell­grau bemalt gewesen. Arthur Valdenaire schrieb, die Bauten Wein­bren­ners in der Karl-Fried­rich­Straße seien "ursprüng­lich ­mit einem hellen, warmen Graugelb, später graphit­grau" ­ge­stri­chen gewesen, und Arnold Tschira schließ­lich sprach von "­gleich­mä­ßig licht ocker­far­bi­gen Fassaden, von einem lichten ­Sand­stein­ton".

Farbgebung laut schrift­li­chen Quellen

Indessen erscheint es ratsam, die Quelle zu befragen. Wir finden sie in Weinbren­ners Archi­tek­to­ni­schem Lehrbuch, im III. Teil, 5. Heft, aus dem Jahr 1819. Zu nennen ist da zunächst seine ­grund­le­gende Auffassung, Farben trügen nichts Wesent­li­ches zur Schön­heit bei, ,,denn die Schönheit einer Sache besteht nur in ihrer Form". Gleichwohl räumt Weinbren­ner ein, Farben seien ­grund­sätz­lich geeignet "den Reiz des Schönen zu erheben". Sie könn­ten allerdings auch für unange­nehme Empfin­dun­gen beim ­Be­trach­ter verant­wort­lich sein, sollten keines­falls "in der Be­trach­tung der Schönheit stören".

An einer einzigen Stelle geht Weinbren­ner jedoch in seinem ­Lehr­buch näher auf die Art der Farbtöne beim Fassa­den­an­strich ein: "Außen sollten Häuser nie weiß angestri­chen werden, weil die nachbar­li­chen Gebäude durch das Blendende dieser Farbe sehr ­be­läs­tigt werden. Gebrochene Farben, als grau, graurot, graugelb etc. sind deshalb zuträg­li­cher". Zum Vergleich: In der Zeit Karl Fried­rich Schinkels war in Berlin der weiße Anstrich von Häusern ­we­gen "Augen­schä­di­gung durch Blendung" sogar ­ge­sund­heits­po­li­zei­lich verboten und unter Strafe gestellt. Auch ­Schin­kel bevorzugte in Übrigen nachweis­lich zur Dämpfung der Far­bin­ten­si­tät die Beimi­schung von Grau. Aus dem zitier­ten Leit­satz Weinbren­ners jedenfalls können wir schließen, dass Grau der Grundton für die zulässigen Misch­far­ben sein sollte.

Wein­bren­ner dachte sich eine opulente Farbskala. Die Farben und ihr Misch­ver­hält­nis können wir anhand von erhal­te­nen ­zeit­ge­nös­si­schen Rechnungen über die Beschaf­fung von Bau­ma­te­ria­lien nachvoll­zie­hen. So war etwa Basis­ma­te­rial für Grau das Frank­fur­ter Schwarz oder das Caput mortuum. Am Rande sei für alle, die graue Farbe für ausdrucks­los, ja gräss­lich ­fin­den, ein Satz des Malers Paul Cezanne zitiert: "Solange man nicht eine Grau gemalt hat, ist man kein Maler"!

Die Frage schließt sich an: Ist man in früheren Zeiten den An­wei­sun­gen Weinbren­ners tatsäch­lich gefolgt? In einem Fall zum Bei­spiel ist die Vorgabe Weinbren­ners bekannt. Fritz Hirsch ­be­rich­tet über die Außen­be­ma­lung der Kirche St. Stephan um das Jahr 1814. Der Turm und die beiden Sakris­teien wurden "zwey mal mit gelbgrau­lich­ter Wasserfarb angestri­chen". Auf Anwei­sung Wein­bren­ners wählte man zuletzt "ein etwas lichteres Grau". Deren Zusam­men­set­zung war zu annähernd gleichen Gewichts­tei­len ­Frank­fur­ter Schwarz und Ocker sowie zusätzlich Kalk.

Farbgebung auf Planzeich­nun­gen

Als Material für Farbstu­dien steht erfreu­li­cher­weise auch eine ­grö­ßere Zahl histo­ri­scher Pläne von Bauwerken Weinbren­ners zur Ver­fü­gung. Vorab müssen wir allerdings viele Stücke aus­sor­tie­ren, die über das Blatt hinweg in einheit­li­chem Farbton la­viert sind, denn eine brauchbare Auskunft lassen allen­falls Dar­stel­lun­gen erwarten, in denen Gebäu­de­an­sich­ten eigens farb­lich behandelt, somit besonders hervor­ge­ho­ben wurden. Dabei ­ge­ben freilich oftmals die Farben im Druck nur eine ungenü­gen­de Aus­kunft. Für eine verläss­li­che Beurtei­lung ist daher die Ein­sicht­nahme der Origi­nal­blät­ter unver­zicht­bar.

Erstmals hat sich 1976 der Kunst­his­to­ri­ker Klaus Lankheit mit zwei Plänen im Original beschäf­tigt und bekräf­tigte, dass hier je­weils die authen­ti­sche Farbvor­lage für den später ausge­führ­ten Fassa­den­an­strich zu sehen sei. Es handelt sich hierbei um Ge­bäu­de­an­sich­ten, die von Weinbren­ner signiert sind und zum Be­stand des Philadel­phia-Inventars gehören. Selbst für den Fall, dass er diese Originale nicht selbst gefertigt hat, wäre im­mer­hin durch seinen Namen belegt, dass er mit dem wohl von einem seiner Schüler stammenden Vorschlag zur Farbge­bung ein­ver­stan­den war. Die eine Ansicht zeigt das Haus des Hof­fak­tors Jacob Kusel am Marktplatz (1812), laviert in Grau, Braun und Rosa, die andere das Lusthaus im Garten des Mark­gräf­li­chen Palais (1800) mit Feder über Bleistift laviert in ver­schie­de­nem Gelb und Braun, in Blauschwarz, Grün und Zartrosa. Noch weitere kolorierte Zeich­nun­gen aus dem Archi­tek­tu­rar­chiv in Phil­adel­phia kämen für Farbstu­dien in Frage; der ganze Bestan­d um­fasst mehr als 280 Blatt.

Im Gegensatz zu der festge­schrie­be­nen Regel Weinbren­ners für das Be­ma­len von Fassaden, kein Weiß und nur gebrochene Farben zu wählen, bevorzugte man in dieser Zeit für den Zimmer­schmuck ­über­wie­gend satte Farben. Lankheit stellte hierfür beispiel­haft zwei Dekora­ti­ons­mus­ter (1828) für Zimmer im Lusthaus der Mark­grä­fin Christiane Louise, der Ehefrau des 1817 verstor­be­nen ­Mark­gra­fen Friedrich, vor. Das eine zeigte eine Wand in warmem Rot mit einem abschlie­ßen­den goldgelben Zierband, das andere ­schlug ein tief leuch­ten­des Blau vor.

Dr. Gottfried Leiber, Stadt­o­ber­bau­di­rek­tor a.D.