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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 105 vom 12. Dezember 2014

Johann Melchior Molter, Federzeichnung von Pier Leone Ghezzi (1674 - 1755), Rom, 5. April 1738, Badische Landesbibliothek Karlsruhe

Johann Melchior Molter, Federzeichnung von Pier Leone Ghezzi (1674 - 1755), Rom, 5. April 1738, Badische Landesbibliothek Karlsruhe


Titelblatt Sonata grossa G-Dur mit Incipit und Angabe des Verfassers Johann Melchior Molter, Badische Landesbibliothek Karlsruhe

Titelblatt Sonata grossa G-Dur mit Incipit und Angabe des Verfassers Johann Melchior Molter, Badische Landesbibliothek Karlsruhe


 

Ein lange verges­se­ner Komponist

Der Hofka­pell­meis­ter Johann Melchior Molter

von Birgitta Schmid

Ein Großteil des rund 600 Werke umfas­sen­den Schaffens des lange verges­se­nen Kapell­meis­ters der badischen Markgrafen Johann Melchior Molter liegt noch heute in der Badischen Landes­bi­blio­thek. Dies ist dem glück­li­chen Umstand zu verdanken, dass dessen Sohn, Hofbi­blio­the­kar Friedrich Valentin, den fast vollstän­di­gen Nachlass des Geigers und Kompo­nis­ten der Karlsruher Hofbi­blio­thek übergab. Die Erschlie­ßung und Erfor­schung von Molters Œuvre begann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhun­derts: Mittler­weile liegen über 100 Kompo­si­tio­nen im Druck vor, und etliche seiner Werke sind auf Tonträ­gern festge­hal­ten. Als erstes wurden die Solokon­zerte, vor allem die Trompeten- und Klari­net­ten­kon­zer­te wieder­ent­deckt, inzwischen gilt das Interesse seinem gesamten Instru­men­tal­schaf­fen. Zeugnisse über das Leben Molters sind nur wenige erhalten, Klaus Häfner hat sie in seiner Monogra­phie über den Kompo­nis­ten 1996 erstmals publiziert.

Ausbildung, Anstellung in Karlsruhe und Studien in Italien

Johann Melchior Molter wurde am 10. Februar 1696 in Tiefenort in Thüringen als Sohn eines Lehrers und Kantors geboren. Die Musik wurde ihm damit gleich doppelt in die Wiege gelegt, war in Thüringen doch eine besonders reiche Musik­tra­di­tion lebendig. Die erste musika­li­sche Unter­wei­sung erhielt er von Vater Valentin, in seiner zweijäh­ri­gen Gymna­si­al­zeit in Eisenach profi­tierte er ganz offen­sicht­lich von der vorbild­li­chen Musiker­zie­hung an der Schule und vom hohen Niveau der öffent­li­chen Musik. Er konnte von den Besten lernen, denn Georg Philipp Telemann war von 1708 bis 1712 Konzert­meis­ter und Kantor am Hof des Herzogs Johann Wilhelm von Sachsen-Eisenach, und auch die in der Stadt ansässige Familie Bach stand für musika­li­sche Exzellenz.
Wo Molter seine Musiker­lehre absol­vierte ist nicht bekannt, jedenfalls war er als Geiger und Komponist gründlich ausge­bil­det, als er 1717 im Alter von 21 Jahren in die Dienste des Markgrafen Karl Wilhelms von Baden-Durlach trat. Einge­stellt wurde er als Violinist, doch bereits 1719 gewährte ihm der Markgraf bei vollem Gehalt einen Studi­en­auf­ent­halt in Italien. Zu dieser Zeit war Molter schon mit Maria Salome Rollwagen aus Gernsbach verhei­ra­tet, mit der er acht Kinder hatte, von denen sechs das Erwach­se­nen­al­ter erreichen sollten. Molter reiste allein in den Süden, "umb in der Music, mit der Erlernung der Italia­ni­schen Manier auch anderer Vortheil und HandGriffe sich mehrers zu habili­ti­ren". In Venedig lernte er wenn nicht die Violin­vir­tuo­sen und Kompo­nis­ten Tomaso Albinoni und Antonio Vivaldi selbst, so doch ihre Werke kennen. Von besonderem Interesse waren für Molter die neue, von Vivaldi standar­di­sier­te dreisät­zige Konzert­form und die dreisät­zige Sinfonie nach dem Muster der neapo­li­ta­ni­schen Operns­in­fo­nie. Von einem Aufenthalt in Rom, den er dem Markgra­fen schrift­lich ankündigte, ist nichts überlie­fert.
Nach seiner Rückkehr im Herbst 1721 wurde er zum Konzert­meis­ter und im April 1722 zum Hofka­pell­meis­ter ernannt. Dafür bedankte er sich bei seinem Diensther­ren mit sechs hochvir­tuo­sen Violin­so­na­ten, die als Esercizio Studioso op. 1 gedruckt wurden. Sie blieben die einzigen Werke, die zu Molters Lebzeiten verlegt wurden. Allerdings waren seine Kompo­si­tio­nen als Abschrif­ten in Süddeutsch­land so weit verbreitet, dass Molter bereits 1732 vom Schwäbisch Haller Organisten und Kantor Joseph Majer als "vortreff­li­cher Componist" und "berühm­ter Capell-Meister" bezeichnet wurde. Als Hofka­pell­meis­ter war Molter für die Bereiche Kirche, Oper und Kammer zuständig, er schrieb Opern und Kantaten, Sonaten, Sinfonien und Konzerte, probte mit den Solisten und bildete junge Musiker, Sänge­rin­nen und Sänger aus. Zu besonderen Anlässen wie Taufen, Hochzeits-, Geburts­tags- und Trauer­fei­ern, aber auch wenn hoher Besuch ins Haus stand wurde von ihm Neues erwartet. Etliche der in der Digitalen Sammlung der Badischen Landes­bi­blio­thek einseh­ba­ren Handschrif­ten Molters zeugen von höchster Eile - die Einzel­stim­men, die im Kerzen­licht gut lesbar sein mussten, sind sorgfältig ausgeführt, die Dirigier­par­ti­tur aber ist flüchtig skizziert.

Entlassung und Rückkehr nach Karlsruhe

Hofmusiker waren im 18. Jahrhun­dert Teil der Diener­schaft, ihr Wohl und Wehe hing unmit­tel­bar von ihrem Fürsten ab. Johann Melchior Molter stand bei Karl Wilhelm zwar in hoher Gunst, dennoch musste er erleben, dass dieser 1733 sein Orchester wegen des Polni­schen Thron­fol­ge­krie­ges auflöste. Als schwacher Trost blieb ihm, dass der Kapell­meis­ter­ti­tel für ihn reser­viert wurde. Zu Molters Glück fügte es sich, dass der Eisen­ach­er Kapell­meis­ter im Februar dieses Jahres verstorben war und er an dessen Stelle engagiert wurde. Nach dem Tod seiner Frau Maria Salome im August 1737 gelang es ihm noch einmal, einen Diensther­ren von der Notwen­dig­keit einer Itali­en­reise zu überzeugen; in Rom zeichnete Pier Leone Ghezzi das einzige Porträt, das wir von Molter kennen. Noch in Italien, erreichte ihn im Mai 1738 die Nachricht, dass Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach gestorben war, und er eilte nach Karlsruhe, um die Trauer­mu­sik zu kompo­nie­ren. Die Musik mit dem Titel "Opffer der Treue" ist verloren, überlie­fert wurde, dass sie viel Beifall fand.

Während der Eisenacher Jahre pflegte Molter mit der Übersen­dung neuer Werke die Verbindung nach Karlsruhe. Das zahlte sich aus, als nach dem Tod Wilhelm Heinrichs von Sachsen-Eisenach im Juli 1741 die dortige Hofhal­tung aufgelöst wurde. Molter zog zurück nach Karlsruhe und bewarb sich um Wieder­ein­stel­lung, die im Februar 1743 erfolgte. Bis zu seinem Tod am 12. Januar 1765 blieb er Hofka­pell­meis­ter. Der neue Markgraf Karl Friedrich, ein begeis­ter­ter Flöten­spie­ler, beauf­tragte Molter Anfang 1747 mit der Reorga­ni­sa­tion der Hofmusik: Das Orchester bestand nun aus 2 bis 3 Trompeten, Pauken, zwei Hörnern, zwei Oboen und Flöten, ein bis zwei Fagotten, Strei­chern und einer Continuo-Gruppe. Anfang 1751 heiratete Karl Friedrich Caroline Luise von Hessen-Darmstadt, durch die der Karlsruher Hof einen weiteren kultu­rel­len Aufschwung erlebte. Es ist anzunehmen, dass die junge Markgräfin bei der musika­li­schen Unter­hal­tung zuweilen selbst am Cembalo saß. Molters Sachver­stand war nicht nur bei Hofe gefragt: So wurde er zugezogen, als es 1759 um die Einweihung der neuen Stumm-Orgel in der Durlacher Stadt­kir­che ging. Dabei begleitete er den Aufbau des Instru­ments und kompo­nierte die Musik zur Einweihung.

Molters Werk zwischen Barock und Klassik

Zwischen etwa 1720 und 1760 war Johann Melchior Molter am produk­tivs­ten. Diese Epoche markiert den Übergang zwischen Barock und Klassik, eine Zeit, in der neue musika­li­sche Gattungen entstanden und intensiv experi­men­tiert wurde. In Abkehr zum strengen polypho­nen Stil wurde weitgehend auf den "gelehr­ten" Kontra­punkt verzichtet, kurze, leicht fassliche melodische Motive und Verständ­lich­keit wurden zum Ideal. Neu entwi­ckel­te Instru­mente berei­cher­ten das Farbspek­trum der Orchester und forderten die Kompo­nis­ten heraus, bis dahin unerhörte Klang­kom­bi­na­tio­nen auszu­pro­bie­ren. Von seinen Konzerten für ein bis zwei Solisten, die Molter für sich und seine Musiker in Karlsruhe und Eisenach schrieb, sind rund 50 überlie­fert. Etliche Musiker der Karlsruher Hofkapelle beherrsch­ten mehrere Instru­mente, und so konnte er nicht nur auf Trompete, Geige, Flöte, Oboe, Violon­cello und Fagott als Soloin­stru­men­te zurück­grei­fen, sondern auch die Möglich­kei­ten von Klarinette oder Flauto d'amore erproben. Molters sechs Konzerte für Klarinette gehören zu den frühesten Solokon­zer­ten für dieses Instrument, das um 1700 in Nürnberg entwickelt wurde.

Das Molter-Werkver­zeich­nis von Klaus Häfner verzeich­net 169 Sinfonien in unter­schied­li­cher Besetzung. Die meisten sind dreisätzig, zehn Sinfonien aus der zweiten Karlsruher Schaf­fens­zeit haben bereits einen vierten Satz, ein Menuett. Er schrieb auch etliche Ouvertüren im franzö­si­schen Stil, wobei er die meisten Tänze durch Allegro­sätze und Charak­ter­stücke ersetzte. Molters ureigens­ter Beitrag bei der Suche nach neuen formalen Wegen ist die vier- bis fünfsät­zige Sonata grossa für Orchester mit der Satzfolge Largo, Allegro - Fuga - Andan­te/A­ria - Alla breve - Allegro. Inter­essant ist hier die direkte Gegen­über­stel­lung der barocken "gelehr­ten" Fuge mit einem "empfind­sa­men" kantablen Andante: Molter rückte hier gleichsam seine musika­li­sche Herkunft aus der thürin­gi­schen Kanto­ren­tra­di­tion mit den neuen Ausdrucks­mög­lich­kei­ten der Vorklas­sik zusammen. Von Molters Opern für Karl Wilhelm ist die Musik verschol­len, das Gleiche gilt für seine Trauer­mu­si­ken und viele seiner Kantaten. Kammer­mu­sik zu zwei bis vier Stimmen, Musik für Tasten­in­stru­mente und Bläse­ren­sem­bles, Märsche, Tänze und Vokal­stücke schlummern bis heute ihrer Wieder­ent­de­ckung entgegen.

Dr. Birgitta Schmid, Musik­wis­sen­schaft­le­rin, Karlsruhe