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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 105 vom 12. Dezember 2014

Porte et Place de France. Kupferstich von Claude Chastillon von 1610.

Porte et Place de France. Kupferstich von Claude Chastillon von 1610.


Plan von Friedrich Weinbrenner aus dem Jahre 1809/1810 mit dem Kanal und einer Schiffsanlegestelle. Foto: GLA

Plan von Friedrich Weinbrenner aus dem Jahre 1809/1810 mit dem Kanal und einer Schiffsanlegestelle. Foto: GLA


 

Karlsruhes langer Weg zum Rhein

Das Projekt eines Ludwigs­ka­nals

von Gottfried Leiber

Der Transport auf dem Wasserweg ist noch heute eine wirtschaft­li­che Art der Waren­be­för­de­rung. Das galt natürlich besonders in früherer Zeit, als die Landwege noch ungenügend ausgebaut und häufig in schlechtem Zustand waren. Für schwere Lasten kam ein anderer Trans­port­weg gar nicht in Frage. Die Nähe zu einem Fluss war demnach ein großer Vorteil für die Lage eines Ortes. Um die zu nutzen, stand oftmals auch der Bau eines künst­li­chen Wasserwegs, eines Kanals, zur Diskussion, so auch in Karlsruhe. Ingenieur Joseph Haberstroh wies im Dezember 1824 in seinem "Gutachten über die Anlegung eines schiff­ba­ren Rhein­ka­nals" darauf hin: "Schon in früheren Zeiten haben große und kleinere Staaten Europas die Anlegung schiff­ba­rer Canäle zur Beför­de­rung und Erleich­te­rung der inneren Commu­ni­ca­tion, wodurch die Gewerbe und der innere Verkehr die bedeu­tends­ten Vortheile gewinnen, sich angelegen seyn lassen". Weiter schreibt er: "In den ältesten Zeiten schon erkannten die culti­vier­ten Nationen die Nützlich­keit sowohl als die Notwen­dig­keit der Anlegung künst­li­cher Canäle, um entweder sumpfige Gegenden und Länder zu entwässern und trocken zu legen oder aber trocken liegende zu bewässern und so einem wie dem andern Frucht­bar­keit zu geben, oder aber noch um größere Wasser zu gleichen Zwecken zu verteilen".Verständ­lich, dass Markgraf Karl Wilhelm den Rhein für die Lage seiner Residenz­stadt im Auge behielt. Ähnlich hatte sich auch Herzog Eberhard Ludwig von Württem­berg, sein schwä­bi­scher Schwager, für das näher zum Neckar gelegene Ludwigs­burg als seinen neuen Sitz entschie­den.

Erste Überle­gun­gen im 18. Jahrhun­dert

Offenbar schon früh erwog man in Karlsruhe die Möglich­keit, einen Kanal vom Rhein anzulegen. Zwar sind hierzu keine schrift­li­chen Dokumente bekannt, aller­dings einschlä­gige Berichte erhalten. So erwähnt zum Beispiel Major Silberrad von der Suite in seinen "Gemein­nüt­zi­gen Vorschlä­gen" von 1854, dass "schon in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhun­derts, wie ich als Knabe von alten Leuten erzählen hörte, von der Herstel­lung eines Carlsruher Rhein­ha­fens zur Belebung des Handels und der Industrie die Rede war". Diesem Schrift­stück entnehmen wir an anderer Stelle, dass "der Schiffs­ka­nal nach dem ersten Stadtplan in einer Allee und in gerader Richtung bis in den Rhein sich hinzieht, so dass man auf dem Großher­zogl. Schlos­sturm der für die ganze Anlage der Stadt und ihrer Umgebungen als das Centrum angenommen ist die ab- und zufah­ren­den Schiffe von Karlsruhe bis an den Rhein durch die Alleen mit Vergnügen beobachten könnte". Die Planungs­idee, die Residenz­stadt durch einen schiff­ba­ren Kanal mit dem Rhein zu verbinden, so lesen wir in einem anderen alten Papier, sei ein "in frühen Zeiten gemachter Vorschlag (…) schon längst gewünscht." Künstliche Kanäle habe man auch bereits in den ältesten Zeiten dazu benutzt, um sumpfige Gegenden zu entwässern.

Das Vorbild des Karls­ru­her Stadtplans

Für ein solches Vorhaben gibt es jedoch ein Beispiel, das nach dem einhel­li­gen Urteil der Historiker zugleich als das eigent­li­che Vorbild für die erste bauliche Konzeption Karlsruhes gelten kann, die aus der stern­för­mi­gen Anlage von Waldwegen entwickelt wurde: der Entwurf "Porte et Place de France", die nicht ausge­führ­te Hafen- und Platz­an­lage in den Sümpfen von Temple im Osten von Paris. Der Plan ist erhalten in einem Kupfer­stich von Claude Chastillon von 1610, der, noch heute nachweis­bar, in mehreren Exemplaren zum Bestand der Markgräf­li­chen Bibliothek gehört hat.

Der Stich zeigt einen Platz mit einer im Halbkreis angeord­ne­ten dreistö­cki­gen Bebauung mit Arkaden. Vom geome­tri­schen Mittel­punkt des Platzes gehen radial gerichtete Straßen aus. Hinter prächtigen Stadt­häu­sern führt eine Straße in Zirkelform vorbei, an die ein Gebiet mit niedri­ge­rer Bebauung anschließt. Die Ähnlich­keit dieser Anlage mit dem frühen Karlsruhe ist verblüf­fend, trotz einiger Abwei­chun­gen: etwa der geringeren Zahl an Straßen, dem Fehlen der mittleren Straße oder einem Torbau als Mittel­punkt anstelle des Schlosses. Dennoch war, wie gesagt, der Entwurf Chastil­lons sehr wahrschein­lich die entschei­dende Anregung für den Ausbau der Waldwege in einen Straßen­fä­cher mit einer Block­rand­be­bau­ung.

Doch der Entwurf Chastil­lons zeigt noch ein anderes bedeu­ten­des Detail, das bei unserem Thema von beson­de­rem Interesse sein muss. Im Vorder­grund, außerhalb der Platz­an­lage, sehen wir Masten und Segel, Schiffe, die Lasten befördern auf einem Kanal, der hinter Markt­hal­len und Magazin­bau­ten vorbei­führt. Auch Weinbren­ner wird 1802 in seinem ersten Stadt­ver­grö­ße­rungs­plan in vergleich­ba­rer Lage einen Kanal parallel zur heutigen Moltke­straße einzeich­nen, den er in allen seinen Stadt­ver­grö­ße­rungs­plä­nen zugleich als Grenze für die nördliche bauliche Stadt­er­wei­te­rung beibe­hal­ten wird. Dieser Wasserweg soll vom Rhein zum Karls­ru­her Schloss leiten und sich dort in seiner östlichen Verlän­ge­rung mit dem in der Trasse der heutigen Richard-Willstät­ter-Allee verlau­fen­den Stein­schiff­ka­nal verbinden.

Kanalpläne von Weinbren­ner und Tulla

Auch Weinbren­ner verweist in den Erläu­te­run­gen zu seinen Stadt­plä­nen darauf, dass der Bau eines solchen Kanals schon in früherer Zeit im Gespräch gewesen sei. Doch ist die Frage, wer eigentlich den Karlsruher Kanal geplant hat, bis heute nicht geklärt. Weinbren­ner gesteht, seine Kenntnisse als Architekt seien "hierin zu einge­schränkt, als dass ich diese Aufgabe Wasser hierher zu bringen, gehörig und bestmög­lichst auflösen könnte." Johann Gottfried Tulla anderer­seits antwortet seinem Brief­freund Kroencke in Darmstadt - verbunden mit einigen abschät­zi­gen Bemer­kun­gen über Weinbren­ner -, "das Projekt der Anlegung eines schiff­ba­ren Canals von Karlsruhe an den Rhein ist nicht von mir." Jedoch treten beide, vor allem Weinbren­ner, nachweis­lich bis in die 1820er Jahre für das Karlsruher Kanal­pro­jekt ein.

Für Markgraf Karl Wilhelm jedenfalls war die günstige Lage der Stadt zum Rhein ein wichtiger Aspekt für die Ansiedlung neuer Bürger. In den Privi­le­gien des Jahres 1722 hebt der Fürst ausdrück­lich auf die "Verbes­se­rung des Handels" ab wie auch auf die "Einlei­tung des zu allerhand Manufac­tu­ren und Commercien recht erwünsch­ten und sehr bequemen Situation (…). In diesem ernst­li­chen Vorhaben auch Unsere Fürstliche Residenz um mehr dann eine Meyl-Weegs näher gegen den Rhein und Unsere daselbst habende ordent­li­che Ueberfahrt, nehmlich bis nach Carlsruhe, gerücket."

Weinbren­ner jedenfalls wird nicht müde, eindring­lich immer wieder die Bedeutung des künst­li­chen Wasserwegs und seine damit verbun­de­nen Vorteile für Handel und Gewerbe zu betonen. Er wünsche, "dass man das schon vor vielen Jahren vorge­schla­gene Projekt, ein größeres und schiff­ba­res Wasser nach Carlsruhe zu bringen, nicht auser acht lassen möchte. Es wäre vielleicht ein nicht zu großes, und doch ein so wichtiges, die natürliche Lage von Carlsruhe durch Kunst so umzuschaf­fen, dass hier Handel und Gewerb entstehen und besser fort kommen könnte (…) warum sollte denn auch nicht möglich sein, nach Carlsruhe, das in der Nachbar­schaft Flüsse und selbst davon den Rhein hat, schiff­ba­res Wasser zu bringen?" Weinbren­ner denkt dabei vor allem an den Handel und das Spedi­ti­ons­ge­werbe.

1809 zeichnet Weinbren­ner in den Stadt­ver­grö­ße­rungs­plan auf der Höhe der heutigen Pädago­gi­schen Hochschule am Kanal eine Schiffs­an­le­ge­stelle ein, 1810 eine zugehörige Platz­an­lage mit "Kauf- und Waren­ma­ga­zi­nen". Die Form des Kaufhaus­plat­zes behält Weinbren­ner auch in seinen beiden nicht ausge­führ­ten Stadt­ver­grö­ße­rungs­plä­nen von 1812 und 1818 bei.

Tulla entwi­ckelte 1824 mehrere Varianten für die Linien­füh­rung des erfor­der­li­chen Zulei­tungs­ka­nals mit Wasser aus der Alb sowie eine Kosten-Nutzen-Analyse. Doch im Ergebnis war er davon überzeugt, dass der Bau eines Rhein­ka­nals aus techni­schen wie finan­zi­el­len Gründen kaum zu vertreten sei. Im folgenden Jahr distan­zierte sich Tulla endgültig von dem Vorhaben und auch Weinbren­ner musste sich schweren Herzens den überzeu­gen­den Argumenten Tullas anschlie­ßen.

Das Ende der Pläne für einen Kanal zum Rhein

Nach dem Ableben der beiden großen Planer war es dann allein noch der Karlsruher Gemein­de­rat, der entgegen aller fachlichen Bedenken an dem Projekt "Kanal Ludwig" festhielt. 1828 fand sich in der Tat ein Unter­neh­mer, der innerhalb von 18 Monaten die Baumaß­nahme bewäl­ti­gen wollte. Zur Finan­zie­rung sollte, wie bei vergleich­ba­ren Kanal­bau­ten andernorts, eine Aktien­ge­sell­schaft gegründet werden. Als das Innen­mi­nis­te­rium jedoch die Hinter­le­gung einer Kaution von 100.000 Gulden verlangte, winkte der Bauun­ter­neh­mer ab. Und dennoch ließ der Gemein­de­rat nicht locker. Mehrmals noch griff er in den Folge­jah­ren das Projekt auf, zum letzten Mal 1858, über dreißig Jahre nach Weinbren­ners Tod. Im Jahr darauf jedoch schei­ter­te das Vorhaben endgültig. Die zuständige Wasser­bau­be­hör­de schrieb, sie sei durch die Planung der "Eisen­bahn­bau­ten" voll beansprucht und daher nicht in der Lage, "ein so umfas­sen­des Projekt wie das über die Verbindung der Stadt mit dem Rhein durch Erbauung eines Canals mit der erfor­der­li­chen Gründ­lich­keit zu prüfen." Beamte also haben einer wohl mehr als einein­halb Jahrhun­derte lebendigen Planungs­idee ein jähes Ende bereitet. Mit der Schiene war ein neues techni­sches Zeitalter für das Trans­port­we­sen angebro­chen.

Dr. Gottfried Leiber, Stadt­o­ber­bau­di­rek­tor a.D.