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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 104 vom 19. September 2014

Foto: StadtAK 8/BA Schlesiger A37/195/2/4

Foto: StadtAK 8/BA Schlesiger A37/195/2/4


 

Carlsruher Blick­punkte

Vogel­per­spek­ti­ven: Zwei ungleiche Baudenk­mä­ler

von Alexandra Kaiser

Wer derzeit den Karlsruher Europa­platz aufsucht, findet diesen gänzlich "vogellos" - zumindest was die Spezies der Denkmäler betrifft. Bis Januar 2010 war dies noch anders, bis dahin wachte auf dem Platz, auf der Spitze des dortigen Denkmals für das 1. Badische Leibgre­na­dier-Regiment Nr. 109, ein mächtiger bronzener Greif. Mit Beginn der Bauar­bei­ten an der Kombi-Lösung wurde das Leibgre­na­dier­denk­mal mitsamt dem Greifen abgebaut und einge­la­gert. Bis zum Jahr 2000 hatte den Platz zudem eine weitere mythische Vogel­ge­stalt geziert: Nur wenige Meter entfernt vom Greifen hielt ein Phönix die Stellung als Brunnen­fi­gur. Beide Vogelwesen, die über zwanzig Jahre lang neben­ein­an­der auf dem Europa­platz posierten, stammen aus unter­schied­li­chen Kontexten und verkörpern ganz unter­schied­li­che Formen der Ausein­an­der­set­zung mit der deutschen Vergan­gen­heit.

Das Leibgre­na­dier­denk­mal gehört zu den bekann­tes­ten Karlsruher Denkmälern; seit seiner Aufstel­lung nach dem Ersten Weltkrieg kam ihm stadt­bild­prä­gende Bedeutung zu. Anfang der 1920er Jahre planten zahlrei­che gesell­schaft­li­che Gruppen Denkmäler für die je "eigenen Toten". Auch die neuge­grün­dete Kamerad­schaft der badischen Leibgre­na­diere suchte einen reprä­sen­ta­ti­ven Ort in der Stadt für ihr Regiments­denk­mal, galten die 109er doch als Elite-Einheit, quasi als Hausre­gi­ment des Großher­zogs. Schließ­lich fand man für das Denkmal einen geeigneten Standort auf dem damaligen "Kaser­nen­platz" vor dem 1900 einge­weih­ten Reichspost­ge­bäude, an dessen Stelle zuvor fast hundert Jahre lang die Kaserne der Leibgre­na­diere gestanden hatte.

Anfang August 1924 wurde ein Wettbewerb für das Leibgre­na­dier­denk­mal ausge­schrie­ben; über sechzig Künstler und Archi­tek­ten betei­lig­ten sich. Den ersten Preis gewannen die Karlsruher Archi­tek­ten Otto Gruber und Emil Valentin Gutmann mit einem ausdrucks­star­ken Entwurf einer aufstre­ben­den Pfeiler­form, der sich besonders gut in den baulichen Kontext des Platzes einfügte. Am 28. Juni 1925 wurde das Denkmal im Rahmen eines dreitä­gi­gen Vetera­nen­tref­fens der 109er feierlich eingeweiht. An den vier Seiten­flä­chen des Pfeilers waren verschie­dene Inschrif­ten angebracht: Die Denkmals­wid­mung, Auszeich­nun­gen und Militär­ver­hält­nisse der Leibgre­na­diere sowie eine Auflistung der wichtigs­ten Schlach­ten­orte, an denen das Regiment seit seiner Gründung 1803 gekämpft hatte. An der promi­nen­ten, stadt­ein­wärts gerich­te­ten Ostseite wurden die Schlach­ten­orte des Ersten Weltkrieg aufge­lis­tet: Loretto, Somme, Verdun, Cambrai und andere. Ganz oben auf dem Pfeiler thronte der circa drei Meter hohe Greif, der als badisches Wappentier und zugleich als Symboltier der Leibgre­na­diere fungierte. Wie stark die Erinne­rungs­kul­tur der Leibgre­na­diere den Platz fortan prägte, wird nicht zuletzt in seiner Umbenen­nung zum "Loret­to­platz" 1933 deutlich.

Das Leibgre­na­dier­denk­mal wurde nicht als Trauer-, sondern als Ehrenmal gebaut. Anstatt die Namen der Toten und die Gräuel des Ersten Weltkriegs führte es die "ruhm­rei­chen" Schlach­ten­orte auf. Mit seiner aufrechten und erhabenen Haltung verkör­perte der Greif eine machtvolle und siegreiche Geste, die selbst der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg zu trotzen schien. Tatsäch­lich überstand der Greif auch den Zweiten Weltkrieg nahezu unbescha­det; nur ein paar Einschuss­lö­cher erinnern an diese Zeit.

Während der Greif Stolz und Ungebro­chen­heit verkör­perte, sollte der Phönix bewusst einen Gegenpol zu dem "sieg­ge­wohn­ten Adler auf der Säulen­spit­ze" (Walter Förderer) bilden. In den 1970er Jahren wurde der Platz vor der Hauptpost, der seit 1975 den heutigen Namen "Euro­pa­platz" trägt, umgestal­tet. In diesem Zusam­men­hang entstand auch der "Phönix­brun­nen", eigentlich "Euro­pa­brun­nen", nach einem Entwurf von Walter M. Förderer, der damals als Professor an der Staat­li­chen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe lehrte; die Einweihung fand am 9. Juni 1979, am Vortag zur ersten Direktwahl des Europa­par­la­ments, statt. Die Basis des Brunnens bildeten zwei Grani­tringe; in seinem Zentrum, über einer stili­sier­ten Landkarte Europas, erhob sich die schwer­fäl­lig wirkende, gefes­sel­te Phönix­fi­gur, deren Gefieder aus verschie­de­nen Bronze­ele­men­ten zusam­men­ge­fügt war.

Die Darstel­lung des "Phönix aus der Asche", die Förderer hier aufgriff, war nach 1945 ein beliebtes Motiv, das der schwie­ri­gen deutschen Geschichte mit dem Ende des "Dritten Reiches" angemessen schien und zugleich die Hoffnung auf eine gesell­schaft­li­che Neuord­nung anklingen ließ. Diesen Sinnzu­sam­men­hang macht die Inschrift des Karlsruher Brunnens deutlich, wo vom "Untergang voller Gewalt und Leid", "Erneue­rung voller Mühsal und Last" und von "schick­sal­haf­ter Verstri­ckung" die Rede ist. Walter Förderer betonte auch, er habe "keinen aufstei­gen­den Phönix machen wollen, der ohne Trümmer und Asche auskommt. […] Die Metapher soll uns die Hoffnung deuten, dass aus dem Wissen über unsere Vergan­gen­heit eine Wandlung zu einem fried­vol­len Europa ohne Untergang möglich wird."

Mahnmal hin oder her, den meisten Karls­ru­hern gefiel der Phönix auf dem Europa­platz nicht: "Euro­go­ckel", "badischer Geier" oder "schwan­gere Truthenne" waren despek­tier­li­che Beschrei­bun­gen, die in der Stadt kursierten. Nachdem der Europa­platz durch den Umbau der Hauptpost zur Postga­le­rie erneut umgestal­tet werden musste, wurde der Phönix­brun­nen im Jahre 2000 kurzer­hand hinter die Stadthalle versetzt. Dort steht er heute noch - als reine Skulptur, der Brunnen ist nicht mehr in Funktion. Während der zum Frieden mahnende Phönix am Europa­platz schon fast vergessen scheint, erfreut sich das Leibgre­na­dier­denk­mal bis heute aller­größ­ter Beliebt­heit. Dass das Denkmal nach Abschluss der Bauar­bei­ten an seinem alten Standort unver­än­dert wieder­er­rich­tet werden soll, ist in der Karls­ru­her Öffent­lich­keit daher kaum umstritten. Der kriege­risch-militä­ri­sche Sinnzu­sam­men­hang des Denkmals wird dabei in der Regel nicht reflek­tiert, vielmehr ist das Bauwerk zur gewohnten - und daher nur ungern verän­der­ten - Kulisse der Stadt geworden.

Begleitend zur Sonderaus­stel­lung "Der Krieg daheim. Karlsruhe 1914-1918" im Stadt­mu­seum und im Pfinz­gau­museum wurde die Greifen­fi­gur nun im Garten des Prinz-Max-Palais, nur wenige Meter vom ursprüng­li­chen Standort des Denkmals entfernt, aufge­stellt. Nach Einbruch der Dunkelheit wird der Greif noch bis Ende Oktober zur Projek­ti­ons­flä­che für eine Lichtin­stal­la­tion von Lukas Rehm, die sich aus verschie­de­nen Perspek­ti­ven mit der Geschichte und Bedeutung des Greifen und mit der deutschen Erinne­rungs­kul­tur beschäf­tigt. Die Aufstel­lung der Figur und ihre künst­le­ri­sche Befragung sollen so auch zur kritischen Ausein­an­der­set­zung mit dem Leibgre­na­dier­denk­mal führen.

Dr. Alexandra Kaiser, Stadt­ar­chiv & Histo­ri­sche Museen Karlsruhe