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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 102 vom 21. März 2014

"... befehlen wir, Zucht, Erbar- und Keuschheit zu beflei­ßi­gen ..."

Zur markgräf­li­chen Hofordnung 1750

von Leonhard Müller

Der Thronfolger Carl Friedrich 1746.<br />Foto: StadtAK 8/PBS I 283

Der Thronfolger Carl Friedrich 1746.
Foto: StadtAK 8/PBS I 283



Der vollstän­dige Text der Hofordnung von 1750 ist veröf­fent­licht in: Veronika Bunk: Karlsruhe - Frieden­stein. Family, cosmo­po­li­ta­nism and political culture at the courts of Baden and Sachsen-Gotha-Altenburg (1750-1790), Stuttgart 2011, S. 215-234.

 

"Wie Manches hätte ich Ihnen von so manchen kleinen Höfen, in Sonderheit von Karlsruhe zu schreiben, wo wir den besten Fürsten angetrof­fen, der vielleicht in Deutsch­land lebt", so schrieb Johann Gottfried Herder, ein Kritiker der erblichen Monarchie, nach seinem Besuch am Oberrhein. Dies mag sich auf viel spätere Maßnahmen des aufge­klär­ten Markgrafen beziehen, spiegelt aber auch insgesamt den Geist seiner Ära. Die Hofordnung kann darum als eine Quelle für jene Haltung dienen, die über den Hof hinaus auch die Stadt Karlsruhe, ja die Markgraf­schaft prägte.

Solche Hoford­nun­gen gab es seit dem Ende des 13. Jahrhun­derts, da sich in Westeuropa, in Deutsch­land in den aufstei­gen­den Terri­to­rien die Landes­herrn bald ein eigenes Zentrum einrich­te­ten, das im straff struk­tu­rier­ten Absolu­tis­mus nicht nur Kern der Adminis­tra­tion, sondern mit einer Heerschar von Adligen und Hofdienern in Pracht den Glanz des Souveräns manifes­tierte. Viele deutsche Höfe versuchten ein wenig an solchem Glanz Teil zu haben; nicht so in Karlsruhe, dessen Hof man später quasi eine "bürger­li­che" Note gab. So muss man auf jenen Markgrafen zurück­bli­cken, der diesem Hof vorstand.

Carl Friedrich 1728 -1811

1728 geboren, verlor der Enkel des Stadt­grün­ders Carl Wilhelm bald seinen Vater, die Mutter war psychisch krank, und so wurde er von einem Vormund und seiner strengen Großmutter Magdalene von Württem­berg in tiefer Religio­si­tät des evange­li­schen Glaubens erzogen. Eine Studi­en­zeit an der protes­tan­ti­schen Akademie in Lausanne formte ihn, bis er sich auf ausge­dehn­te Bildungs­rei­sen durch verschie­dene Staaten mit ihren Höfen begab, das aber nicht ohne verschie­de­nen Amouren und vor allem dem Glückspiel zu frönen.

Das sollte anders werden, als er 1746 vom Kaiser für volljährig erklärt wurde und der Achtzehn­jäh­rige nicht ohne Zögern die Herrschaft übernehmen sollte. Auch bei der Heirat mit Caroline Luise von Hessen-Darmstadt zögerte er, die bald ein Glücksfall für sein Leben und auch für die Markgraf­schaft werden sollte.

Die Hofordnung

Die Hofordnung spiegelt in ihren 61 Bestim­mun­gen Prinzipien wider, die schon zuvor deklariert worden waren, die aber nun mit ihrem besonderen Akzent den Regie­rungs­stil des jungen Fürsten dokumen­tier­ten. So beginnt die Hofordnung mit einer "Vermah­nung zu allem Guten": "Wir wollen und befehlen demnach, dass unsre Fürst­li­chen Diener und Hof-Gesind, Niemand ausge­nom­men, sich aller Gottes­läs­te­rung, auch ärgerlich und schänd­li­chen Reden und Geberden, dazu des übermä­ßi­gen Zutrinkens, als auch welchem Laster allerhand Uebel und Gottes Straf entsprin­gen, gäntzlich enthalten, darneben alle Sonntag und zu andern Festzeiten, desglei­chen bey denen Betstunden, so viel es immer seyn kan, fleißig in der Kirch erscheinen."

Hier demons­triert sich das Ethos eines Fürsten, auf der Evange­lisch-Augspur­gi­schen Confession fußend, der mit dem religiösen Verant­wor­tungs­be­wusst­sein seiner Stellung als Haupt der Kirche, eingesetzt von Gottes Gnaden, sein Volk zu führen hat, am Hofe für die Adligen wie die Bediens­te­ten, die evange­lisch sein sollten. Als 1771 die beiden Markgraf­schaf­ten Baden Durlach und das katho­li­sche Baden-Baden vereinigt wurden, war Toleranz des katho­li­schen Glaubens nun unabding­bar geworden.

Im Andenken an die Glaubens­zucht seiner strengen Großmutter enthält die Hofordnung viele einzelnen Maßnahmen, die den Alltag bestimmten, so z. B. dass man während der Predigt nicht spazieren gehe, auch nicht "die Zeit mit Schwätzen zubringen, sondern dem Gottes-Dienst von Anfang bis Ende andächtig beywohnen" solle.

Der "Burg­frie­den" war oberstes Gebot, Duelle streng verboten, für Strei­tig­kei­ten war der Hofmar­schall zuständig, der im Namen des Fürsten Richter in erster Instanz war und einen einfluss­rei­chen Posten einnahm.

Nicht weniger entschie­den klingt die "Vermah­nung zum sechsten Göttlichen Gebot". "Demnächst befehlen wir ebenmäßig, sich gebüh­ren­der Zucht, Erbar- und Keusch­heit solcher Enden, sonderlich gegen Weibs-Personen, mit Worten, Geberden, vorderist aber mit Werken und Thaten zu beflei­ßi­gen, sollte sich aber, wider Versehen, begeben, dass Jemand….vorab mit Personen, so um Frauen­zim­mer bedienstet, in Ehebruch oder Unzucht, Verführ- oder Verkup­pe­lung und derglei­chen Laster sich vergreif­fen würde, gegen Den- oder Dieselbe wollen Wir die in Unserer Consti­tu­tion und Satzung ….verord­ne­ten Strafen schärfen."

Grund für mensch­li­ches Vergehen sei das immer wieder zitierte "unnötig Gesäuf" oder das Karten­spiel, freilich nur für die Bediens­te­ten, nicht für die "Cava­liers". Verboten war "alles Tabac-Rauchen in sämtlichen Unseren Häusern", für die Hofdiener "unnö­thi­ges Dispu­tie­ren". "Welcher sich mit Geschwätz und Geschrey unzüchtig oder mit Vollsaufen, Fluchen oder sonsten ungebühr­lich zeigt", erhält gebührende Strafen.

Strenge Regeln galten auch den Tisch­sit­ten für den Adel: pünkt­li­ches Erscheinen, Platz­neh­men nach einer Sitzord­nung, nicht vorzeitig mit Trinken anfangen, nicht vorzeitig die Tafel verlassen, bis der Markgraf sie aufhebt und dann zur Aufwartung bereit sein.

Es wurde sparsam gewirt­schaf­tet. Keinen Fremden soll man "zu den Mahlzeiten führen", Kinder der Bediens­te­ten haben nicht zu suchen, auch keine Hunde. Die "Abgabe Brod, Thée, Caffée, Zucker und Lichter" wird präzise berechnet wie auch der "Abtrag der Speisen". Diese Tafelreste wurden an "arme und bedürftige Personen abgegeben." Immer wieder endet eine der "Vermah­nun­gen bey Straf und Gefängniß", wenn die Zucht nicht einge­hal­ten wird, denn ein tragender Gedanke findet sich unter der Ziffer 50: "Es sollen sich auch Unsere Hof-Bediente gegen Unser Untert­ha­nen … aller­ge­zie­men­der Beschei­den­heit beflei­ßi­gen, des Zanckens und Haderns sich müßigen, noch sich dessen, dass sie in Unseren Diensten stehen, zu einigem Anlaß dienen lassen, Andere zu verachten oder grob zu tractie­ren".

Der Hof soll Vorbild sein in seiner christ­li­chen Haltung, in Bildung, Moral und Geset­ze­streue, als ein Entwurf, den Carl Friedrich 1764 noch einmal in einer Liste fixiert, wie man einen Staat gut regieren soll, ein Muster­bei­spiel für den aufge­klär­ten Monarchen, der sein Volk zur Sitte und Ordnung führen will. Eine Zeit schreck­li­cher Kriege am Oberrhein lag hinter ihm, der Wieder­auf­bau einer ruinierten Kultur­land­schaft dauerte lang, Sicherheit und Zuversicht verlangte die Bevöl­ke­rung. Ohne Makel, ohne Willkür der Macht, ohne militä­ri­schem Kult wollte Carl Friedrich regieren, mit soliden Finanzen, sozialen Reformen und blühender Wirtschaft zum "glück­lichs­ten und best einge­rich­te­ten Staat der Welt" hinführen, wie der "Sturm-und-Drang" Dichter Christian Schubart ihn charak­te­ri­sierte, freilich unter monar­chi­schem Patri­ar­chat. So ist die Hofordnung eine Quelle für das große Ganze, das auch das spätere Großher­zog­tum Baden unter Friedrich I. bestimmen sollte.

Dr. Leonhard Müller

Der Autor ist Historiker und lebt in Karlsruhe.