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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 102 vom 21. März 2014

Bauzeichnung Haus Schützenstraße Nr. 16, August 1898. <br />StadtAK 1/BOA 1887

Bauzeichnung Haus Schützenstraße Nr. 16, August 1898.
StadtAK 1/BOA 1887



Gustav Schulenburg.

Gustav Schulenburg.



Das Haus des deutschen Metallarbeiterverbandes (Vorläufer der IG Metall) am Friedrichsplatz um 1925.<br />Foto: StadtAK 8/PBS oXIIIb 58

Das Haus des deutschen Metallarbeiterverbandes (Vorläufer der IG Metall) am Friedrichsplatz um 1925.
Foto: StadtAK 8/PBS oXIIIb 58


 

"Mit vorge­hal­te­nem Revolver ..."

Die Zerschla­gung der freien Gewerk­schaf­ten 1933

von Jürgen Schuhladen-Krämer

Zu Beginn der Weimarer Republik konnten die Gewerk­schaf­ten ihre rechtliche Absiche­rung als Partner der Unter­neh­mer sowie sozial­po­li­ti­sche Errun­gen­schaf­ten feiern. Diese wurden jedoch im Zeichen zuneh­men­der Republik­feind­lich­keit, von Wirtschafts­kri­sen sowie hoher Arbeits­lo­sig­keit in Frage gestellt und sukzessive ausge­he­belt. Die Gewerk­schaf­ten gerieten dadurch zunehmend in die Defensive und die Mitglie­der­zah­len sanken drama­tisch sowohl bei den freien sozia­lis­ti­schen bzw. sozial­de­mo­kra­ti­schen Richtungs­ge­werk­schaf­ten als auch bei den deutlich kleineren christ­li­chen oder liberalen Verei­ni­gun­gen. In Karlsruhe reduzierte sich z. B. die Zahl der Mitglieder des Deutschen Metall­ar­bei­ter­ver­ban­des (DMV) vom Höchst­stand 1922 mit 21.811 Mitglie­dern auf 5.620 im Jahre 1932. Zur Schwächung der Gewerk­schafts­be­we­gung in der Weimarer Republik trug auch bei, dass die bestehende Vielfalt weiter diffe­ren­ziert wurde durch die Bildung der der KPD naheste­hen­den "Revo­lu­tio­nären Gewerk­schaftsop­po­si­tion" (RGO) und der NSDAP-Gründung Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Betriebs­zel­len­or­ga­ni­sa­tion (NSBO). Sie blieben zwar weitgehend erfolglos, bekämpften sich jedoch gegen­sei­tig und den sozial­de­mo­kra­tisch beein­fluss­ten Dachver­band der freien Gewerk­schaf­ten, den ADGB.

Die Spaltung und Lähmung der Arbei­ter­be­we­gung verhin­derte vor 1933 ein gemein­sa­mes Vorgehen gegen die Aushöhlung der Republik durch die natio­nal­so­zia­lis­tisch-bürgerlich-konser­va­ti­ven Kräfte. Gleichwohl kann kein Zweifel darüber herrschen, dass die schnelle Errichtung der Diktatur und die Besei­ti­gung von Freiheit und Demokratie ab dem Januar 1933 den natio­na­lis­ti­schen und konser­va­ti­ven Gegnern und Feinden der Republik anzulasten ist.

Die Einrich­tung eigener Gewerk­schafts­häu­ser

Lange Zeit verfügte keine der freien Gewerk­schaf­ten in Karlsruhe über ein eigenes Gewerk­schafts­haus, die meisten nicht einmal über haupt­amt­li­che Sekretäre. Mitglie­der­be­treu­ung und Treffen fanden häufig in Nebensälen von Lokalen statt.

Zuerst erwarb der vor Ort mitglie­der­starke und dominie­rende DMV 1919 ein eigenes Haus in bester Lage am Fried­richs­platz, in der Lammstraße 15. 1926 kauften mehrere Einzel­ge­werk­schaf­ten des ADGB gemeinsam das Anwesen Schüt­zen­straße 16, wie andernorts als "Volks­haus" bezeichnet. Während im zweistö­cki­gen Vorderhaus eine Gastwirt­schaft vor allem für Mitglieder mit einer Wohnung für den Wirt einge­rich­tet wurde, entstanden im vierstö­cki­gen Hinter­hof­ge­bäude - zuvor Lager für einen Uhren­groß­han­del - Büroräume, ein Versamm­lungs­saal sowie ein Schlaf- und Aufent­halts­raum für die seiner­zeit zahlrei­chen Wander­ar­bei­ter. Das dritte Gewerk­schafts­haus, die ehemalige Fabri­kan­ten­vil­la Reiß in der Garten­straße 25, erwarb 1930 der mit dem ADGB koope­rie­rende Zentral­ver­band der Angestell­ten (ZdA). Darin hatte auch der Holzar­bei­ter­ver­band sein Büro. Sonst konnten nur noch die Eisen­bah­ner­ge­werk­schaft und die Gewerk­schaft für den öffent­li­chen Dienst ein eigenes Büro in der Ranke­straße 26 bzw. in der Sophien­straße 30 unter­hal­ten.

Sturm der Gewerk­schafts­häu­ser 1933

Der ADGB-Vorsit­zende Theodor Leipart hatte am 31. Januar 1933 vorgegeben, "Orga­ni­sa­tion - nicht Demons­tra­tion ist das Gebot der Stunde." Doch auch die Ankün­di­gung des ADGB zur politi­schen Neutra­li­tät im März bewahrte die Gewerk­schaf­ten nicht vor der Verfolgung. Bereits am 6. März 1933 wurde in Karlsruhe das "Volks­haus" durch­sucht und der Versamm­lungs­saal blieb anschlie­ßend geschlos­sen. Während der 1. Mai 1933 von den Natio­nal­so­zia­lis­ten als "Tag der nationalen Arbeit" auch in Karlsruhe als Feiertag mit einem zwangs­wei­sen Massen­auf­marsch der Betriebs­be­leg­schaf­ten insze­niert wurde, war das Ende der Gewerk­schaf­ten bereits beschlos­sen. Am 2. Mai 1933 begann ab 10 Uhr morgens general­stabs­mä­ßig die Besetzung aller Gewerk­schafts­häu­ser, von der NSDAP als "Gleich­schal­tung der Gewerk­schaf­ten" bezeichnet. Der NSBO-Gauobmann führte am 2. Mai die Besetzung der Gewerk­schafts­häu­ser in Karlsruhe persönlich an. Der gerichts­no­to­risch für "das Grobe" bekannte Fritz Plattner, NSDAP-Mitglied seit 1923, war zwischen 1920 und 1922 Angestell­ter des "Christ­li­chen Fabrik- und Trans­port­ar­bei­ter­ver­ban­des" gewesen, ehe er wegen krimi­nel­ler Machen­schaf­ten seine Stelle verlor.

Mit etwa 50 SA-Männern besetzte Plattner sämtliche Büros im "Volks­haus", trieb die Gewerk­schafts­se­kre­täre und -angestell­ten in den Versamm­lungs­raum. "Dort wurde eröffnet", so schildert es Sekretär Leopold Karle später, "dass er mich, Karle, verhaften ließe. Ein SA-Mann wurde hinter mir aufge­stellt. Ich bat um Telefonat mit meiner Frau, was Plattner ablehnte. Ich verab­schie­dete mich von meinen Kameraden: 'Auf Wieder­se­hen, ich bin kein Verbre­cher', darauf sagte Plattner, ich solle nicht so frech sein..." Max Wönner berichtete: "Mit vorge­hal­te­nem Revolver kam Plattner zu mir. Ich wurde verhaftet und ins Amtsge­fäng­nis verbracht." Das DMV-Haus habe Plattner mit acht SA-Leuten besetzen lassen, "junge Burschen von 18-21 Jahren" wie der DMV-Sekretär Ferdinand Rausch überlie­ferte.

Anders als gleich­ge­schal­tete "bürger­li­che" Insti­tu­tio­nen wurden die Gewerk­schaf­ten aufgelöst, ihr Vermögen der am 10. Mai 1933 neu geschaf­fe­nen Zwangs­ver­ei­ni­gung Deutsche Arbeits­front (DAF) übereignet. Während die jüdische Steno­ty­pis­tin beim DMV, Hermine Storch, am 2. Mai fristlos entlassen wurde, zwang Plattner die Gewerk­schafts­an­ge­stell­ten ihre Arbeit bis zur Übernahme durch die DAF fortzu­set­zen. Plattner kam täglich ins Büro, fuchtelte mit dem Spazier­stock herum, ließ Bilder abhängen und zerreißen. Einen besonderen Wutaus­bruch veran­lasste der einge­rahmte Aufruf der Vorläu­fi­gen Badischen Volks­re­gie­rung vom 16. November 1918. Er schrie, es sei alles verlogen, was da drauf stehe. Die Angestell­ten drohten mit Einstel­lung ihrer Tätigkeit, woraufhin er mit sofortiger Verhaftung drohte. Bis Anfang Juli 1933 wurden alle Angestell­ten entlassen und erwerbslos. Das ehemalige "Volks­haus" hieß fortan "Fritz-Plattner-Haus" der DAF, im DMV-Haus wurde die DAF-Kreis­ver­wal­tung einge­rich­tet und das Gewerk­schafts­haus der Angestell­ten in der Garten­straße nutzte später die Gestapo.

Verfolgung und Widerstand von Gewerk­schaf­tern

Die schon im März offen demons­trierte brutale Verfol­gung von Regime­geg­nern durch die neuen Machthaber setzte sich nach dem Verbot der Gewerk­schaf­ten fort. In "Schutz­haft" kamen am 2. Mai 1933 Karl Bürkle, Sekretär des Zentral­ver­ban­des der Eisen­bah­ner, für zwölf Tage und Leopold Karle, Sekretär des Fabrik­ar­bei­ter­ver­ban­des, für 15 Tage. Der Kassierer des DMV, Wilhelm Nies, geriet für zwei Monate in "Schutz­haft" und wurde 1939 abermals im KZ inhaftiert, aus dem er 1945 gesund­heit­lich schwer angeschla­gen befreit wurde. Ebenfalls verhaftet bis zum nächsten Tag wurden die Sekretäre des Angestell­ten­ver­ban­des Heinrich Häffner und Eugen Rothweiler sowie Max Wönner, Sekretär der Gewerk­schaft für den öffent­li­chen Dienst.

Nicht wie vorgesehen verhaftet werden konnte Gustav Schulen­burg. Der gelernte Schlosser, engagier­tes DMV- und SPD-Mitglied, wurde 1918 als "Deut­scher" aus dem wieder franzö­sisch gewordenen Elsass ausge­wie­sen und kam nach Karlsruhe. Hier stieg er rasch zum führenden Karlsruher Gewerk­schafts­füh­rer auf. 1933 war er u. a. 1. Bevoll­mäch­tig­ter des DMV im Bezirk Karlsruhe und Vorsit­zen­der des Ortskar­tells des ADGB. Obgleich er stets gegen die KPD und RGO vorging, bekämpfte er zuvörderst die Nazis "als die schlimms­ten Feinde der Arbeiter­schaft" und der Demokratie. Am 2. Mai 1933 war Schulen­burg bereits über die Schweiz in das Elsass geflüchtet. Dort wirkte er zeitweise auch für franzö­si­sche Gewerk­schaf­ten. 1937 engagierte er sich als Vorsit­zen­der des von der Exil-KPD in Paris initi­ier­ten "Koor­di­na­ti­ons­aus­schus­ses deutscher Gewerk­schaft­ler". Diese als antifa­schis­ti­sche Einheits­ge­werk­schaft gedachte Organi­sa­tion sollte den Widerstand gegen die NS-Diktatur in Deutsch­land stärken. Wegen der kommu­nis­ti­schen Dominanz legte Schulen­burg sein Amt schon 1938 nieder.

Nach dem deutschen Einmarsch in Frankreich wurde er im Oktober 1940 in Colmar verhaftet. Nach zwei Jahren im Karlsruher Gefängnis wegen Vorbe­rei­tung zum Hochver­rat zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt, kam er nach der Straf­ver­bü­ßung nicht frei, sondern wurde im November 1944 durch die Gestapo in das KZ Dachau trans­por­tiert. Dort starb der gesund­heit­lich und psychisch schwer angeschla­gene 70-Jährige am 20. Dezember 1944.

Den Widerstand von Gewerk­schaf­tern, den Schulen­burg und auch der 1933 aus Karlsruhe geflohene Gewerk­schaf­ter Karl Deck von Frankreich aus unter­stüt­zen wollten, gab es bis 1935/36 auch in Karlsruhe. Zumeist organi­siert in kleinen Gruppen der nun illegalen KPD und SPD förderten Partei- und Gewerk­schafts­mit­glie­der gemeinsam den Infor­ma­ti­ons­aus­tausch, die Beschaf­fung bzw. Herstel­lung illegaler Flugschrif­ten sowie Zeitungen und deren Verbrei­tung. Gustav Kappler, bis 1933 Leiter der RGO, hielt den organi­sa­to­ri­schen Zusam­men­halt der KPD bis zu seiner Verhaftung 1934 aufrecht. Verhaftet und zu längeren Haftstra­fen verurteilt wurden u. a. auch Wilhelm Belschner, Karl Seib, Richard Goldschmidt, Oskar Benneter, Adolf Schuler, Anton Zerr, August Jülg und Karl Konz. Nach dem Zusam­men­bruch der verbre­che­ri­schen NS-Herrschaft zählten sie zu denen, die sich beim Neubeginn der Gewerk­schafts­be­we­gung engagier­ten und die Zersplit­te­rung der Zeit vor 1933 überwin­den wollten.

Jürgen Schuhladen-Krämer M. A.

Historiker, Stadt­ar­chiv Karlsruhe