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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Biographie Anna Ettlinger

Anna Ettlinger (1841 - 1934). <br />Foto: StadtAK 7/Nl Herzog 144

Anna Ettlinger (1841 - 1934).
Foto: StadtAK 7/Nl Herzog 144


 

Sie lebte gegen die Konven­tio­nen ihrer Zeit: Einer von den Eltern angebahn­ten Ehe verwei­gerte sie sich, für ihren Lebens­un­ter­halt sorgte sie selbst. Anna war eines von zehn Kindern des Rechts­an­walts Veit Ettlinger aus dessen zweiter Ehe. Ihr Vater gehörte zu den führenden Männern der Karlsruher jüdischen Gemeinde und wirkte als Gemein­de­rat 1849-1870 am Geschick der Stadt mit. In der bildungs­be­wuss­ten, liberal geprägten und gastfreund­li­chen Atmosphäre des statt­li­chen Eltern­hau­ses in der Zährin­ger­str. 42 wuchs Anna Ettlinger auf.

Früh entwi­ckelte sie "Lese­hun­ger", den sie in den häuslichen Bücher­re­ga­len und in der Hofbi­blio­thek stillte. Ihrem Unterricht im Donakschen Institut, später die Vikto­ria­schule, beschei­nigte sie rückbli­ckend Oberfläch­lich­keit. Umso wichtiger wurde für sie die von den Eltern geweckte Liebe zum Theater und zur Musik, sie spielte Klavier und sang im Chor des Cäcili­en­ver­eins und des Philhar­mo­ni­schen Vereins. In den 1860er Jahren schloss sie Freund­schaf­ten mit den im Eltern­haus verkeh­ren­den Johannes Brahms, Clara Schumann, Karl Levi und Julius Allgeyer. Bei dem neuen Leiter des Karls­ru­her Gymnasiums, Professor Gustav Wendt, erhielt sie mit ihren Schwestern ab 1867 Unterricht in Litera­tur­ge­schichte. Von Januar bis Mai 1871 vertiefte sie ihre Studien durch Vorle­sun­gen im Berliner Viktoria-Lyzeum und Anfang 1872 legte sie in Karlsruhe das Lehre­rin­nenex­amen ab.

Zu dieser Zeit stand ihr Entschluss fest, ein selbst­be­stimm­tes Leben zu führen. Sie blieb unver­hei­ra­tet. Statt in der Schule zu unter­rich­ten, begann sie nun, Kurse und Vorträge über Literatur und Musik zu halten und Kritiken zu veröf­fent­li­chen. Nach dem Tod des Vaters 1877 dehnte sie ihre Vortrag­stä­tig­keit weit über ihre nähere Heimat aus und trat bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs u. a. in München, Hamburg, Antwerpen und Brüssel auf. Ihre eigenen Erfah­run­gen mit den als ungenügend empfun­de­nen Bildungs­mög­lich­kei­ten für Mädchen machten sie zu einer entschie­de­nen Förderin des ersten deutschen Mädchen­gym­na­si­ums in Karlsruhe. Gleich­be­rech­ti­gung aktiv fordern­den Frauen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen schloss sie sich jedoch nicht an, anerkannte aber später deren Notwen­dig­keit für den Emanzi­pa­ti­ons­pro­zess.

1921 ließ sie ihre Lebens­er­in­ne­run­gen drucken, die sie für die Familie verfasst hatte. Im Wesent­li­chen aus ihnen schöpfen wir unserer Kenntnis über sie und ihre weitver­zweigte Familie. 2011 neu aufgelegt, erweist sie sich darin als emanzi­pierte Frau mit einem kriti­schen Blick auf Literatur und Musik aber auch politi­sche Ereignisse ihrer Zeit. Zugleich bietet sie einen einzig­ar­ti­gen Blick auf das bürgerlich-kulturelle Leben in Karlsruhe zwischen 1850 und 1914. Anna Ettlinger starb 93-jährig in Karlsruhe, sie liegt auf dem jüdischen Friedhof begraben.

Dr. Manfred Koch

Heraus­ge­ber/Re­dak­tion Blick in die Geschich­te