Sprung zur Navigation. Sprung zum Inhalt.

Karlsruhe: Kultur

Europäischer Stadtbrief

Europäischer Stadtbrief


Vom Karls­ru­her Privi­le­gien­brief von 1715 zum Europäi­schen Stadtbrief von 2010

Im Zuge der Karlsruher Kultur­haupt­stadt­be­wer­bung wurde die Idee entwickelt, anknüpfend an den Privi­le­gien­brief von 1715 einen Europäi­schen Stadtbrief zu verfassen. Dieses Konzept wurde von dem Netzwerk der "National Heroes" (= ehemalige Bewer­ber­städte für die Kultur­haupt­stadt) als Städte vernet­zen­des Projekt aufge­grif­fen.

 

Der Karls­ru­her Privi­le­gien­brief von 1715

Am 17. Juni 1715 erließ Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach einen Privi­le­gien­brief, in dem er denjenigen, die sich in der neu zu gründenden Stadt Karlsruhe ansiedeln wollten, zahlreiche Freiheiten und Rechte versprach. Dieser Privi­le­gien­brief war der Rechtsakt eines absolu­tis­ti­schen Fürsten, der das Ziel verfolgte, eine Stadt als Mittel der Wirtschafts­för­de­rung zu gründen.

Die gewährten Rechte wie Religi­ons­frei­heit, Gewer­be­frei­heit, Rechts­si­cher­heit oder Baurecht und Abgaben­be­frei­ung usw. sollten Fremde in die Stadt ziehen. Der Privi­le­gien­brief hatte damit vor allem eine wirtschaft­li­che Funktion - es sollten Handwerker und Händler kommen, um eine neue Stadt zu bauen. Zwar hatten die 1715 gewährten Rechte und Freiheiten nicht den Stellen­wert von unver­äu­ßer­li­chen Grund­rech­ten, doch waren z.B. Religions- und Gewer­be­frei­heit unabding­ba­re Voraus­set­zun­gen, Menschen zu finden, die bereit waren, sich mitten im Wald eine neue Existenz aufzubauen.

Im Privi­le­gien­brief spielte die herrschaft­lich verfügte Stadt­pla­nung eine heraus­ra­gende Rolle. Es sollte eine klar struk­tu­rierte Stadt auf dem fächer­ar­ti­gen Grundriss entstehen. Deshalb wurde den Zuzüglern der Bau von Modell­häu­sern vorge­schrie­ben.

In den nun folgenden Jahrzehn­ten entstand eine Siedlung von Bürgern und Bürge­rin­nen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, die gemeinsam begannen, ein Gemein­we­sen unter der Obhut und Herrschaft des Landes­herrn zu bauen.

Der Privi­le­gien­brief von 1715 war ein absolu­tis­ti­scher Rechtsakt, an den heute nicht direkt angeknüpft werden kann, denn die europäi­sche Stadt des 21. Jahrhun­derts basiert auf den Werten der Demokra­tie mit den unver­äu­ßer­li­chen Menschen- und Bürger­rech­ten. Ein Stadtbrief, der heutzu­ta­ge geschrie­ben wird, kann daher kein Privi­le­gien­brief sein, sondern nur ein von Bürgern und Bürge­rin­nen, Jugend­li­chen und Kindern verfasster Text der Selbst­ver­stän­di­gung darüber, wie die Stadt der Zukunft aussehen soll.

Dennoch bleibt die Vision von 1715, über einen Stadt­brief bzw. durch die Ermög­li­chung von Rechten und Pflichten, die Entwick­lungs­chan­cen für eine Stadt der Zukunft festzu­schrei­ben.

 

Der Europäi­sche Stadtbrief 2010

Die deutschen Bewer­ber­städte für die europäi­sche Kultur­haupt­stadt 2010 verfassen gemeinsam den Europäi­schen Stadtbrief 2010. Dabei werden die Bürger und Bürge­rin­nen der betei­lig­ten Städte eingeladen, die Bedin­gun­gen des städti­schen Zusam­men­le­bens zu überdenken, zu definieren und diese Ideen nieder­zu­schrei­ben.

Es finden sich damit diejenigen Städte um ein gemein­sa­mes kultur­po­li­ti­sches Projekt zusammen, die als ehemalige Bewerber für die Kultur­haupt­stadt ohnehin großes Interesse an Kunst und Kultur bekundet haben und die bereit waren, umfang­rei­che Anstren­gun­gen dafür in Kauf zu nehmen. Das Projekt gibt den Städten die Möglich­keit gibt, manche der Überle­gun­gen, die den jeweiligen Bewer­bun­gen zu Grunde lagen, wieder aufzu­neh­men und in ein Selbst­ver­ständ­nis­pa­pier fließen zu lassen.


 

Verbin­den­des Thema

Für alle Städte wurde als verbin­den­des Thema des Stadt­briefs die Beant­wor­tung folgender übergrei­fen­der Frage festgelegt:

Welche Bedeutung haben Kunst und Kultur für die Zukunft unserer Städte und damit für die Zukunft Europas?

Mit dieser Frage wird direkt an den Anlass der Kultur­haupt­stadt angeknüpft. Darüber hinaus aber wird damit der Blick auf einen spezifisch europäi­schen Aspekt der Stadt­ge­schichte gerichtet, der vor allem in deutschen Kommunen eine große Rolle spielt:

Für die Geschichte der europäi­schen Städte spielen Kunst und Kultur eine heraus­ra­gende Rolle, und auch die Zukunft unserer Kommunen ist ohne Kunst und Kultur undenkbar. Die Kommunen tragen und verant­wor­ten den größten Teil der künst­le­risch-kultu­rel­len Einrich­tun­gen, Veran­stal­tun­gen und Bildungs­in­sti­tu­tio­nen.

Für die Entwick­lung der Städte bedeutet dies:

Kommunen sind die größten Kunst- und Kultur­för­de­rer.

Kunst und Kultur stellen einen sehr großen städti­schen Wirtschafts­fak­tor dar.

Künstler und Künst­le­rin­nen vor Ort schaffen die kreative Atmosphäre, die andere Kreative anzieht.

Kunst und Kultur bestärken die soziale Integra­tion der multieth­ni­schen Stadt­ge­sell­schaft.

Nur die Begegnung mit Kunst und Musik, mit Tanz und Literatur lässt Jugend­li­che zu erfolg-reichen Teilhabern am gesell­schaft­li­chen Leben werden.

Eine Stadt ohne Kunst und Kultur ist keine Stadt.

In Europa sind Kunst und Kultur das Herzstück und die Antriebs­kraft für die Ausbildung einer regional bzw. vor Ort gebundenen und dabei europäisch veran­ker­ten Identität, denn nur durch eine kulturelle Verwur­ze­lung der Menschen in Europa entsteht eine europäi­sche Identität.

Der Europäi­sche Stadtbrief 2010 dient daher der Verstän­di­gung darüber, welchen Stellen­wert Kunst und Kultur in der Vergan­gen­heit und für die Zukunft der Kommune spielen sollen. Dabei greift jede Stadt einen ihr wichtigen Aspekt dieser bewusst weit gefassten Frage­stel­lung auf.


 

Ablauf / Organi­sa­tion

Jede der betei­lig­ten Städte hat sich inzwischen für eine für ihre Kultur­po­li­tik besonders brisante oder wichtige Frage­stel­lung entschie­den.

Vor Ort werden in den kommenden Wochen bzw. Monaten konkrete Arbeits­for­men und Diskus­si­ons­fo­ren zur Vorbe­rei­tung des Verfassens des Europäi­schen Stadt­briefs 2010 entwickelt. Denkbar sind Bürger­ver­samm­lun­gen, Fachleu­te­be­fra­gun­gen, Künst­ler­in­itia­ti­ven, Tagungen, Straßen­ak­tio­nen, Museum­se­vents, Workshops mit Inter­es­sier­ten usw.

In zeitlicher Abfolge werden von den Städten jeweils die einzelnen Kapitel nach und nach in einen von der Stadt Karlsruhe gestal­te­ten Band (mit Faksimile des Privi­le­gien­briefs von 1715 und allge­mei­nem Rahmen­text für den Stadtbrief von 2010) eingefügt, so dass in einer Art Staffel­lauf die stetig wachsende Textsamm­lung von einer Stadt zur nächsten gebracht wird. Zeitgleich wird der so entste­hende Stadtbrief durch RUHR2010 im Internet publiziert.

In den einzelnen Städten sind jeweils die Übernahme des Stadt­briefs von der vorherigen Stadt und das Einlegen des eigenen Blattes mit der Übergabe an die nächst folgende Stadt wichtige Daten.


 

Geplante Abfolge des Staffel­laufs (d.h. Übergabe der symbo­li­schen Stadtbrief-Kassette):

Januar 2010:
Karlsruhe an Essen

Februar 2010:
Essen an Görlitz

März 2010:
Görlitz an Kassel

April 2010:
Kassel an Münster

Mai 2010:
Münster an Halle

Juni 2010:
Halle an Karlsruhe (Stadt­ge­burts­tag!)

Juli 2010:
Karlsruhe an Lübeck

August 2010:
Lübeck an Augsburg

September 2010:
Augsburg an Potsdam

Oktober 2010:
Potsdam an Osnabrück

November 2010:
Osnabrück an Regens­burg

Dezember 2010:
Regensburg an Bremen

Januar 2011:
Stadtbrief geht zurück an Karlsruhe.

Die Übergaben erfolgen jeweils zwischen den betei­lig­ten politi­schen Stadt­spit­zen.

Nach Rückkehr des Europäi­schen Stadt­briefs 2010 nach Karlsruhe wird er ein Teil des weiter wachsen­den Europäi­schen Stadt­brie­fes Karlsruhe, der 2015 endgültig abgeschlos­sen werden soll.

 

Umsetzung des Projektes in Karlsruhe

In Karlsruhe werden zwei für die Stadt wichtige Aspekte der Bedeutung von Kunst und Kultur für die Zukunft der Kommunen aufge­grif­fen:

Die Zukunft des Stadt­mu­se­ums (Kultu­ramt)

Die Zukunft der Stadt­ge­stal­tung (Stadt­pla­nungs­amt)

Die Zukunft des Stadt­mu­se­ums

Das Kulturamt /Stadt­ar­chiv & histo­ri­sche Museen wird in Workshops mit unter­schied­li­chen Gruppen der Bevöl­ke­rung und der Bürger­schaft den Fragen nachgehen:

Wie soll das Stadt­mu­seum der Zukunft aussehen? Was soll dort gesammelt und gezeigt werden? Welche Themen müssen aufge­grif­fen werden? Was muss für die Zukunft aus unserer Gegenwart in die Depots der Museen?

Damit soll zum einen auf die sich ändernde Zusam­men­set­zung der Stadt­be­völ­ke­rung Bezug genommen werden und zum anderen die Bedeutung einer stadt­his­to­ri­schen Überlie­fe­rung für die Identität unserer Städte unter­stri­chen werden.

Die Zukunft der Stadt­ge­stal­tung

Dabei gilt es Themen, die für die Zukunft der europäi­schen Städte von Bedeutung sein werden, durch in der Stadt spürbare und erlebbare Beispiele den Stadt­be­woh­nern, aber auch den Besuchern zu vermitteln. Demogra­fi­scher Wandel, Klima­ver­än­de­run­gen, Notwen­dig­keit der Energie­ef­fi­zi­enz, Trans­for­ma­tion von großen Gebäu­de­be­stän­den durch Nutzungs­än­de­run­gen, Versorgung und Dienst­leis­tung durch Netzwerk­bil­dung sowie Bürger­schaft­li­ches Engagement werden verstärkt an Bedeutung gewinnen. Daneben steht das Verlangen der Menschen nach vertrauten Räumen in der Stadt und nach Möglich­kei­ten der Identi­fi­ka­tion. Damit ist die Gestaltung unserer Städte, im Beson­de­ren der öffent­li­chen Räume von Wichtig­keit. Der perma­nen­te Wandel in der Stadt­ge­stalt kann den Menschen durch eine "Stadt­aus­stel­lung: Die Stadt neu sehen" bewusst und vertraut gemacht werden. Die Mitarbeit am Stadt­brief ermöglicht neben den Koope­ra­tio­nen mit anderen Insti­tu­tio­nen die weitere Entwick­lung eines Konzeptes für dieses Projekt. Durch Projekte als "Tritt­stei­ne" bis 2015 mit Betei­li­gung der Öffent­lich­keit bzw. ausge­wähl­ter Gruppen lebt auch der "Euro­päi­sche Stadt­brief". In den nächsten Monaten ist die Entschei­dung in den gemein­derät­li­chen Gremien notwendig, die bisher verfolgte "Bauaus­stel­lung 2015" in eine "Stadt­aus­stel­lung 2015" münden zu lassen.